Die Läden meiner Kindheit – Pesche Tünn und Jimmy, das aufblasbare Gummipferd

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Im Seiteneingang der katholischen Kirche meines Heimatdorfes hing bis in die 1960er Jahre am Schwarzen Brett ein Zeitschriften-Index. Da waren aktuelle Zeitschriften aufgelistet und in sechs Kategorien eingeteilt von „empfehlenswert“ bis „abzulehnen“. In der Kategorie fünf, die glaube ich „Abzuraten“ hieß, stand beispielsweise die Programmzeitschrift Hör zu. „Abzulehnen“, Kategorie sechs, waren durchweg alle Illustrierten, weshalb sie in katholischen Haushalten auch nicht zu finden waren. All die verbotenen Zeitschriften lagen aber aus im Friseurladen von Toni Pesch, der rheinländischen Sitte nach mit vorangestelltem Familiennamen, nur Pesche Tünn genannt. Er hatte den Laden von seinem Vater übernommen. Über der Tür hing noch das Zunftzeichen der Barbiere, der silberglänzende Teller. Meine frühesten Erinnerungen an den alten Pesch sind etwas schmerzhaft, weil er in meinem Nacken so einen handbetriebenen Haarschneider einsetzte, der gerade an den feinen Nackenhärchen empfindlich ziepte. Als ich dann schon größer war, hatte Pesche Tünn den Laden übernommen, einiges modernisiert und unter anderem auch elektrische Haarschneider angeschafft. Pesche Tünn arbeitete langsam, weil er sich beim Haarschneiden gern verquatschte. Dann stand er manchmal, Kamm und Schere in der Hand und vergaß über dem Dorfklatsch ganz sein Handwerk. Über den beiden Waschbecken und den großen Spiegeln war eine schmale Reihe Oberlichter, durch die man herumhüpfende Kanarienvögel sehen konnte. Pesche Tünn hatte sich nämlich zwischen sein Privathaus und den Laden eine große Voliere gebaut, denn er liebte Vögel und pfiff manchmal mit ihnen um die Wette, während er mit Kamm und Schere hantierte.

Ich wartete gern bei Pesche Tünn, denn das war Zeit, in all den verbotenen Illustrierten zu blättern und sich zu wundern, dass keine erwarteten Verstöße gegen das sechste Gebot, keine Unkeuschheit darin zu finden war. Dann schon eher die Kinderseiten des Stern, das „Sternchen“ mit dem skurrilen Comic „Jimmy und das Gummipferd“, eine Geschichte vom wohlbeleibten Goucho Julio und seinem aufblasbaren Gummipferd Jimmy. Die phantastischen Geschichten habe ich geliebt und mochte auch den Stern, eigentlich über die Jahre noch, bis er sich durch die doofen Hitlertagebücher selbst verbrannt hat.

Pesche Tünn verpasste mir immer einen Cäsarschnitt, und ich war ziemlich erstaunt, als es hieß, ich hätte eine Beatlesfrisur, als ich einmal schon lange nicht bei Tünn gewesen war. Zur Zeit, als die Neuß-Grevenbroicher Zeitung (NGZ) erstmals in der Wochenendbeilage über die Beatles berichtete, trommelte ich schon im Tambourkorps Amicitia. Da trat ich aber um 1967 herum ziemlich wütend aus, nachdem Pesche Tünn mir zwischen Kamm und Schere gesteckt hatte, ältere Mitglieder des Tambourkorps hätten gesagt, ich würde rausfliegen, wenn ich mir nicht die Haare abschneiden ließe. Später brachten Freunde und ich eine eigene Dorfzeitung heraus, die „Volkspost“ hieß. Sie lag bei Pesche Tünn und in den vier Kneipen aus. Leider habe ich kein Exemplar mehr, aber Tünn soll noch alle Ausgaben aufbewahrt haben, hörte ich mal.

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