Die Läden meiner Kindheit – Durch das Verschwinden der Stofflichkeit verschwindet auch der Mensch

Kategorie MedienSo ein Erzählprojekt macht Arbeit, meine lieben Damen und Herren. Jedenfalls habe ich in letzter Zeit lange am Rechner sitzen müssen, nicht allein um selber Beiträge zu verfassen und alles zu organisieren, sondern auch um jeden Beitrag zu lesen und zu kommentieren, was nebenher kaum jemand außer mir getan hat. Die Demokratisierung der technischen Schrift und die Möglichkeit der leicht zugänglichen digitalen Publikation hat nämlich einen bedrohlichen Nachteil: Wir nähern uns allmählich dem Zustand, dass es mehr Schreiber gibt als Leser. Die schreckliche Vorstellung droht wahr zu werden, dass jede und jeder in die Welt hinaus schreibt, aber niemand liest. Dazu passt, dass die Schriftsprache immer hermetischer wird, bei vielen digital publizierenden Autoren die Inhalte sich in Andeutungen und unvollständigen Sätzen verlieren. Offenbar wird bei diesem artifiziellen Schreiben kein Leser mehr mitgedacht. Damit wäre das Ende der Schrift erreicht. Der Gedanke liegt nah, dass dieses Ende durch den Verzicht auf Papier, Druck und fehlende Selektionsmechanismen eingeläutet wurde. Ob sich im Abendrot der Schriftkultur wenigstens die Literaturwissenschaft einmal über die digitalen Texte beugen wird und sie auf irgendeine Weise zu fassen versucht, ist dann auch fraglich. Es würde sich hier gewiss lohnen, weil die Beiträge des Erzählprojektes Welten aufscheinen lassen, die noch etwas Handfestes hatten und uns die Stofflichkeit des Menschen als Wert aufzeigen.

Wie überall ist die Abkehr vom Material nämlich nicht nur eine Erleichterung, sondern verdünnt die Welt bis zum Unfassbaren. Was heißt „wie überall?“ Meine Sparkasse schickt mir einen Brief und teilte mir diverse Preiserhöhungen mit. Selbst dieser Brief auf Papier ist ein Abgesang und erklärt das Material zum verzichtbaren Kostenfaktor: hohe-kostenIn der digitalisierten Welt ist der leibhaftig anwesende Mensch eine lästige Erscheinung. Der Kunde, der persönlich erscheint und einen Überweisungsbeleg einreicht, verursacht nur Kosten. Wie wird es weitergehen? Im Supermarkt steht der Kunde nur noch im Weg. „Bitte wählen Sie online – wir liefern.“ Die Bahn schreibt:

Lieber Bahnkunde! Sie haben gerade einen Fahrschein erworben. Ihr Transport von A nach B verursacht hohe Kosten. Unser Tipp: Bitte prüfen Sie, ob Ihre Anwesenheit in B wirklich erforderlich ist und nutzen Sie ggf. die Möglichkeiten der Fernkommunikation.

Teleportieren oder beamen wird nicht kommen, zu aufwändig und zu teuer. Die preiswerte Variante, die Bilokation, ist nur katholischen Heiligen zugänglich. Für uns Heiden reicht, unser Bewusstsein in Hüllen am anderen Ort zu transferieren. Die lebensechte Oma-Puppe hängt schlaff im Schrank und wird hervorgeholt und aktiviert, wenn Oma auf Sendung ist.

Das Teestübchen-Blog hat seit kurzem einen neuen Follower, eine erklärter Maßen fiktive Person. Fraglich ist, ob diese Erscheinung des Digitalen noch eine Person zu nennen ist. Von Geistern verfolgt, da passt es und beruhigt mich, dass meinem Blog neuerdings auch die parapsychologische Beratungsstelle Freiburg folgt.

Aber ich wollte eigentlich über meinen Rücken schreiben. Jedes Mal wenn ich mich nach langem Sitzen erhoben habe, tat er mehr weh. Auf den Rat meines Sohnes holte ich mir in der Apotheke am Lindener Markt so ein Wärmepflaster, und weil ich Invalider nicht zurücklaufen wollte, wartete ich auf den Bus, der nach einer weiten Schleife nah an meiner Wohnung hält. Eigentlich mäandert die Fahrtstrecke durch den hannoverschen Stadtteil Linden. Und in jeder der ungezählten Kurven, fuhr der Schmerz mir heiß ins Kreuz. Der Langbus wurde von einer Frau gefahren. Als Mann wäre sie Verkehrsrowdy geworden. Sie fuhr den Langbus wie andere ihren frisierten Kleinwagen.

Mir ist ja in den letzten Jahren immer deutlicher geworden, wie anfällig der menschliche Körper ist und mit welchen Verschleißerscheinungen er einen überraschen kann. Da wesentliche reichere Menschen als ich ähnliche Probleme haben, auch wenn sie nicht Bus fahren müssen, finanziert irgendein Superreicher gewiss schon ein wissenschaftliches Projekt, um das eigene Bewusstsein in den Klon seiner selbst zu transferieren. Niemand kann wissen, ob es nicht bereits geschieht, und auch dem Klon sollte das besser verborgen bleiben, damit er keine Identitätsprobleme bekommt. Allerdings kann ich dafür garantieren, kein solcher Klon zu sein. Ich hätte beizeiten verlangt, einiges zu optimieren.

Noch immer erscheinen in der Linkliste neue lesenswerte Beiträge. Ich bitte um Beachtung und wünsche viel Vergnügen beim Lesen. Klicke bitte aufs Bild.laeden-alltagskultur

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