Volontär Hanno P. Schmocks Rundumblick

Abendland: Jener Teil der Welt, der westlich (bzw. östlich) des Morgenlandes liegt. Größtenteils bewohnt von Christen, einem mächtigen Unterstamm der Hypokriten, dessen wichtigste Gewerbe Mord und Betrug sind, von ihnen gern ’Krieg’ und ’Handel’ genannt. Dies sind auch die wichtigsten Gewerbe des Morgenlands.
(Ambrose Bierce, The Devil’s Dictionary)

schmocks-rundumblickEin Arzt verweigerte mir den Handschlag, und sagte erläuternd: „Die Ärztekammer empfiehlt das.“ Der Mann war Orthopäde, kein Allgemeinmediziner, zu dem in dieser Jahreszeit Heerscharen von Verschnupften und Grippekranke kommen. Natürlich könnte ich theoretisch ein Zombie sein, und kaum hat er meine Hand geschüttelt, hat er auch schon meinen ganzen Unterarm in der Hand. Darum ist die Empfehlung der Ärztekammer zu begrüßen. Eine Geste zum Aufbau des Vertrauens zwischen Arzt und Patient ist verzichtbar. Man hat ja genug medizinische Apparate, um den Patienten durch die diagnostische Mühle zu drehen. Die Röntgenassistentin dagegen hustete sich die Seele raus, und ich dachte noch: Hoffentlich steckt sie mich nicht an. Ich will nicht jammern, aber seit ich beim Arzt war, geht’s mir schlimmer als zuvor. Jeder Buchstabe hier ist dem Schmerz abgetrotzt. Weiterlesen

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Holla! Blutwurst in Dosen – Volontär Hanno P. Schmock über Mäuseartige, doofe Radiowerbung und Experten

schmocks-Rundumblick„Hallo, hier ist Jürgen Klopp. Man denkt ja immer, die verrücktesten Angebote kommen aus Madrid, Barcelona oder Manchester. Aber das verrückteste derzeit, das kommt aus Rüsselsheim.“
„Mama, wovon redet der Mann im Radio?“ Der verrückte Mann redet von sich. Derzeit arbeitet er als Fußballtrainer für den Liverpool Football Club (FC Liverpool), hat aber vielleicht schon mal von verrückten Angeboten der Fußballmannschaften aus Manchester, Madrid oder Barcelona geträumt. Dann aber bekam er das verrückteste Angebot aus Rüsselsheim vom Autohersteller Opel, nämlich gegen ein fettes Honorar für den Kauf eines Opels zu werben. Von wegen „man denkt ja immer…“ Daran müssen wir überhaupt nicht denken, Klopp wohl, denn wenn die besten Angebote gar nicht berufsbedingt sind, sondern ausgelobt werden, damit man ein doofes Testimonial für ein Auto

Testimonial Ballack - Montage und Gif-Animation JvdL

Testimonial Ballack – Montage und Gif-Animation JvdL

markiert, wer sich nicht zu schade ist für diese verlogenste und verschmockteste Form der Produktwerbung, dessen Stern ist längst im Sinken. Wir erinnern uns an das abschreckende Beispiel Michael Ballack. Im Juli 2009 unterschrieb er einen Werbevertrag bei „Ab in den Urlaub.de“, wurde sogar „das neue Gesicht“ des Unternehmens, dann, last minute vor der WM in Südafrika verletzte sich Joachim Löws „Schlüsselspieler“, fehlte bei der WM, und Löw warf ihn für immer aus der deutschen Nationalmannschaft. Folge: Nunmehr sechs Jahre „Ab in den Urlaub.“

Blutwurst in Dosen habe ich im Supermarkt nicht gefunden. Offenbar gibt es Engpässe beim von der Bundesregierung angeregten Hamsterkauf. Das Deppenorgan BILD veröffentlichte am Dienstag die Hamsterliste, während in den sogenannte Sozialen Medien darüber spekuliert wurde, ob die Bundesregierung ihr Volk auf Krieg einstimmen wolle, weil sie sich ganz lemminghaft in NATO-Machtspielchen an der russischen Grenze hineinziehen lässt. Damit das mal klar ist: Lemminge gehören zwar auch zu den Mäuseartigen, es fehlen ihnen aber die Backentaschen, weshalb sie keine Hamster nicht sind! Und jetzt brauchen wir ganz dringend einen Experten. Schon steht einer bei tagesschau.de auf der Matte und empfiehlt, nicht zu hamstern, sondern vernünftige Vorräte anzulegen. Im Interview mit einer Ute Welty verweist Zivilschutz-Experte Wolfgang Kast vom Deutschen Roten Kreuz auf individuell unterschiedliche Bedürfnisse. Brav referiert Ute Welty, es ergebe für Veganer wenig Sinn, Dosenwurst einzulagern. Diesen verrücktesten Expertentipp vom Zivilschutz-Experten Wolfgang Kast fand Interviewerin Ute Welty so hübsch, dass sie ihn noch mal wörtlich aus ihrem Block buchstabierte:

„Da gilt es, den gesunden Menschenverstand einzuschalten und die persönliche Lebenssituation einzubeziehen: Was möchte ich zu Hause haben, wenn ich ein paar Tage nicht vor die Tür kann? Wenn ich mich vegan ernähre, macht es wenig Sinn, Blutwurst in Dosen einzulagern.“

Gesunder Menschenverstand, Kast? Der muss den Veganern doch erst mal beigebogen werden, damit sie nicht wieder ganze Paletten Dosenblutwurst in den Backentaschen bunkern, die Blödis. Puh! Noch mal Glück gehabt. Wie gut, dass man bei Tagessschau.de Experten kennt. Fehlt aber noch der Hinweis, dass Blutwurst in Dosen keinesfalls vegan ist. Die merkens ja sonst nicht, diese Veganer.

Huhu, Tagesschau.de! Wenn ihr derlei blöde Expertentipps auf erwachsene Menschen loslasst, solltet ihr auch keine Blutwurst in Dosen, sondern lieber paar Pfund gesunden Menschenverstand hamstern, falls der in eurer Umgebung noch zu haben ist. Sonst mal in Rüsselsheim anfragen, wo derzeit die verrücktesten Angebote herkommen. Sagt Experte Klopp jedenfalls.

Bürogymnastik in der Teestübchen-Redaktion

fitnessbeauftragteHerrje, was war das heute Morgen wieder für ein Gedöns in der Redaktion. Volontär Hanno P. Schmock, Frau Kirchheim-Unterstadt und Frau Erlenberg sollten Frühsport nach einem Animationsvideo im Internet machen. Und der Vorturner wurde ihnen angekündigt als Stefan Raab. Aber dann wars im Video ein drahtiger Typ, der etwas mit einem schwarzen Theraband vorführte. Das war an der Wand befestigt, er stützte die Füße an die Wand und hielt sich mit dem Theraband in der Schwebe. Frau Kirchheim-Unterstadt und Frau Erlenberg waren offenbar enttäuscht, dass sie nicht vom beliebten TV-Moderator Stefan Raab animiert wurden. Mit den Worten „Bürogymnastik geht anders!“ gab sich Frau Kirchheim-Unterstadt überhaupt keine Mühe. Schreibkraft Frau Erlenberg ließ sich anstecken, und die beiden hingen bald durch wie, mit Verlaub, nasse Säcke, aber Volontär Schmock strengte sich an und es gelang ihm, auf der Wand zu stehen. Er wusste nämlich, dass dieser Stefan Raab nicht der vermeintlich Falsche war, sondern lange Zeit in München der Leiter Advertising beim Bauer Verlag gewesen war. Schmock kannte ihn vom Sehen, weil Raab der Chef seiner Exfreundin gewesen, die jetzt, nachdem Raab beim Verlag gekündigt hatte, zur stellvertretenden Leiterin der Anzeigenabteilung aufgestiegen war. Da wollte Volontär Schmock sich nicht blamieren, obwohl ihm klar sein musste, dass Raab ihn überhaupt nicht sehen könnte. Aber wer weiß das schon. Vielleicht waren die Computer-Bildschirme in der Redaktion längst gegen Zweiwegschirme ausgetauscht worden und sendeten alles ins Internet, mindestens aber in die Chefetage, wo Chefredakteur Trittenheim ein strenges Auge auf den Fitnesszustand seiner Mitarbeiter hatte.

Lange duldete er jedenfalls nicht, dass Frau Kirchheim-Unterstadt und Frau Erlenberg faul am Boden lagen und überhaupt nichts für ihre Fitness taten. Plötzlich stand er in der Tür und knurrte: „Wird heute vielleicht noch was gearbeitet?“
„In Vorbereitung, Chef“, beeilte sich Schmock zu versichern, stand stramm auf der Wand und versuchte sogar zu salutieren, “den Artikel heben wir heute noch ins Blatt.“
„Na, dann bin ich gespannt“, sagte der Trittenheim zweifelnd, „wie Sie auf der Wand stehen, wird das wohl ein Text über Wackelpudding.“

Ein blöder Untertitel und Bestrickendes von Tante Liesel

Herrje, was war das heute Morgen wieder für ein Aufruhr im Teestübchen-Bildarchiv. Ein Bild mit vielen Leuten drängte sich nach vorne. „Wenn wir jetzt nicht veröffentlicht werden, geht es uns wie diesem blöden Urban-Knitting-Bild. Wir müssen ein Jahr warten, bis wieder Endsommer ist und wir dem Trittenheim in den Kram passen.“
„Also gut“, sagte der Trittenheim, „eigentlich habe ich keine Verwendung für euch, aber wenn ich euch auf den Titel hebe, schreibe ich wohl was Blödes drunter.“ Er wusste nämlich, dass nicht nur die Titel totalitär sind, wie Kollege Merzmensch in seinem Video sagt, sondern auch und besonders die Untertitel.

fuck„Die Fuck family kommt!“ – Foto: Trithemius

„Die Fuck family hat doch keine Ahnung“, meckerten die bestrickten Bäume, „wer sagt denn, dass wir im Endsommer gut platziert wären. Es muss schließlich mindestens Herbstlaub an den Bäumen hängen, damit …“
„Stänkert hier nicht so rum, sonst hau ich euch heute schon raus!“, drohte der Trittenheim. Gesagt getan.

Aber jetzt fehlte Text. „Ich hätte da noch einen alten Riemen“, schlug Volontär Schmock vor, der in seiner kargen Freizeit unentgeltlich das „Lager“ genannte Archiv betreut, weil er endlich den Volontärstatus gegen den eines Redakteurs tauschen will.
„Dann hau ihn drunter, Schmock, brummte der Trittenheim genervt, „aber schreib ihn um, dass es keiner merkt!“
„Zyniker!“, entfuhr es Frau Kirchheim-Unterstadt aus der Registratur. Aber als sie „Tante Liesels Erbinnen“ gelesen hatte, zeigte sie sich gleich begeistert.
„Ist nur eine Fingerübung“, sagte Schmock verlegen, weil er doch schon lange in Frau Kirchheim-Unterstadt verliebt war.
5x-urban-knitting
Strickguerilla-Aktivistinnen – Tante Liesels Erbinnen
von Volontär Hanno P. Schmock

Die Texanerin Magda Sayeg aus Texas hat angeblich das Urban Knitting erfunden. Aber ich glaube, die erste Strickguerilla-Aktivistin war meine Patentante Liesel. Freilich hat sie nicht den öffentlichen Raum bestrickt, sondern mich. Ich erinnere mich mit Schaudern an einen grünen Pullover, den ich ihr zu Ehren tragen musste, weil sie ihn selbst gestrickt hatte, und er engte mich ein wie eine Wurstpelle, da Tante Liesel nie daran gedacht hat, ich könnte etwa seit dem ersten Pullover, den sie für mich gestrickt hat, gewachsen sein.

Später entwickelte ich eine Wollallergie, das hatte ich davon, und wer wie ich als Kind schon bestrickt wurde, ist für sein Leben gezeichnet. Alle möglichen Frauen verstanden und verstehen bis heute, mich zu bestricken. Sie verwenden mit Rücksicht auf meine Wollallergie unsichtbares Garn, das aber so reißfest ist wie der magische Faden Gleipnir, mit dem der Fenriswolf gefesselt wurde.

Ähem, vom Thema abgekommen. Es geht um Urban Knitting. Auf dem Höhepunkt der Emanzipationsbewegung hat so ziemlich jede Frau gestrickt, die etwas auf sich hielt. Frauen saßen nicht nur strickend in den Frauenteestuben, in denen kein Mann geduldet war, selbst nicht männliche Säuglinge im Kinderwagen. Sie strickten in den Seminaren, saßen da in ihr Strickzeug versunken, dass man dachte, die kriegen nichts mit, aber ab und zu hob eine den Kopf und gab ein harsches Statement gegen Frauendiskriminierung durch die männliche Sprache ab. Geblieben sind das scheußliche Binnen-I und noch scheußlichere Doppelformen wie Verwaltungsinspektoranwärter und Verwaltungsinspektoranwärterinnen. Alles nebenher herbeigestrickt.

Als das erreicht war Ende der 1980er Jahre, hörte die Strickerei auf. Erst im Jahre 2005 erfand die Texanerin Magda Sayeg das Stricken erneut, und weil vermutlich kein unschuldiges Patenkind in der Nähe war, bestrickte sie Bäume und andere Objekte im öffentlichen Raum. Prompt finden auch deutsche Frauen das Stricken wieder chic.
Urban-Knitting-an-der-Uni
In Hannover bestrickten Strickguerillia-Aktivistinnen letztens die berühmte Kröpke-Uhr im Stadtzentrum, und später verhüllten Strickwaren die hübschen Betonpoller vor dem Hauptgebäude der Leibniz-Universität. Da sehen sie fast aus wie kondomisierte Klopapierrollen auf den Hutablagen der Autos. Das hat nichts mit Penisneid zu tun. Strickguerilla-Aktivistinnen haben ein gutes Herz. Sie verschönern die Welt. Erst haben sie Mützchen für ihre Puppen gehäkelt, jetzt kriegen die Poller und auch nackte Bäume Mäntelchen, damit sie in den kommenden kalten Herbstnächten nicht frieren. Und natürlich sind die Pollerkondome und Baumstammmäntelchen nicht knallgrün, sondern bunt. Meine Tante Liesel würde staunen, wenn sie sehen würde, wie ihre Handarbeit sich weiterentwickelt hat. Aber vermutlich würde sie die Pollermützen zwei Nummern zu eng stricken und den Bäumen bliebe die Luft weg.

Fotos und Gif-Animation: Trithemius