postfaktisch – dümmste unter den prämierten Würsten

Kategorie zirkusMein in Leipzig lebender Sohn teilte mir am Telefon mit, „postfaktisch“ sei Internationales Wort des Jahres geworden. Ich hatte keinen Grund, an seinen Worten zu zweifeln. Trotzdem steht seine Aussage im Konjunktiv I, einer sogenannten „Distanzform.“ Es gibt im Deutschen deren vier insgesamt. Mit einer Distanzform zeigen wir an, dass wir die Aussage eines anderen zitieren. Da mein Sohn mir keine Quelle genannt hat, habe ich ein wenig recherchiert. Spiegel.de meldete hier: „Die britische Wörterbuchreihe Oxford Dictionaries hat am Mittwoch auf ihrer Webseite ihr internationales Wort des Jahres bekannt gegeben. Es handelt sich um den Begriff „post-truth“, auf Deutsch übersetzt mit ‚postfaktisch‘.“ Und weiter: „Oxford Dictionaries definieren den Begriff als Beschreibung von „Umständen, in denen objektive Fakten weniger Einfluss auf die Bildung der öffentlichen Meinung haben als Bezüge zu Gefühlen und persönlichem Glauben.“

Das ist die hübsch einseitige Definition von „postfaktisch“, die sowohl unseren Medien gefällt als auch Politikern wie Frau Merkel. Um dahinter zu kommen, was daran grundsätzlich zu kritisieren ist, sehen wir uns an, was „faktisch“ bedeutet oder genauer, was ein Faktum ist. Das aus dem Lateinischen entlehnte Wort meint „etwas Tatsächliches, Verifiziertes.“ Verifizierung (von lat. veritas ‚Wahrheit‘) ist der Nachweis, dass ein vermuteter oder behaupteter Sachverhalt wahr ist.

Wir kennen aus dem Alltag Tatsachen unserer physikalischen Wirklichkeit. Ans Fenster prasselt der Regen. Ich öffne es, sehe hinaus, werde nass, und habe die audiovisuellen Wahrnehmungen um eine haptische ergänzt, womit die Beobachtung mit allen Sinnen überprüft wäre und somit die faktische Feststellung ist, dass es regnet. Angenommen, mein Sohn teilt mir am Telefon mit, dass es in Leipzig stark regnet, und ich traue ihm, obwohl ich nicht selbst verifizieren kann, ist auch seine Mitteilung für mich faktisch. Wenn am nächsten Tag in der Zeitung stünde, dass für Leipzig weiterer Starkregen angekündigt sei, dann würde ich für eine geplante Reise nach Leipzig einen Schirm mitnehmen, denn der Wetterbericht ist eine Nachricht im etymologischen Wortsinne: Nachricht = „Wonach man sich zu richten hat.“

Der Mensch richtet sich nach dem selbst Erlebten und nach den Berichten, denen ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit zukommt. Wer den Wetterbericht verwerfen würde und deshalb ohne Schirm in einen Starkregen geriete, verhielte sich im oben definierten Wortsinne postfaktisch. Aber wer tut das? Wohl kaum jemand.

Aber in der Definition heißt es „objektive Fakten“ hätten weniger Einfluss auf die Bildung der öffentlichen Meinung. „Objektive Fakten“ sind jene, die man durch eigenes Erleben oder durch Nachrichten vertrauenswürdiger Personen gewinnt. Ob es regnet oder nicht, ist ein einfacher Sachverhalt. Was aber beispielsweise auf einem entfernten Kriegsschauplatz geschieht, und wie das Geschehen zu bewerten ist, ist hochkomplex. Dem kalifornischen Senator (von 1917-1945) Hiram Warren Johnson wird das geflügelte Wort zugeschrieben: „Das erste Opfer eines jeden Krieges ist die Wahrheit.“ Es ist also klug, allen Berichten, die uns medial aus einem Kriegsgebiet erreichen, zu misstrauen. Dieses Misstrauen hat sich ausgedehnt auf viele Bereiche, nicht zuletzt, weil uns durch das Internet inzwischen andere Quellen als die TV-Nachrichten oder Zeitungen zur Verfügung stehen, etwa Augenzeugenberichte aus aller Welt. Die klingen manchmal anders als das, was in der Zeitung steht. Doch die Skepsis gegenüber Zeitungen ist keine junge Erscheinung. Der amerikanische Journalist und Schriftsteller Ambrose Bierce (1842 – 1914) höhnte schon Anfang des 20. Jahrhunderts in seinem sarkastischen Wörterbuch: The Devil’s Dictionary

„Erfrischend: Einen Menschen treffen, der alles glaubt, was in den Zeitungen steht.“

Derart erfrischend naive Menschen sind selten geworden. Doch verleugnen die weniger Naiven die Fakten? Laufen sie vor den Bus, weil der Automobilverkehr nicht in ihr Weltbild passt? Natürlich gibt es Eiferer, die sogar das Offensichtliche leugnen.

postfaktisch im Duden - Scan und Schriftmontage JVDL (größer: Bitte klicken)

postfaktisch im Duden – Scan und Schriftmontage JVDL (größer: Bitte klicken)

Doch in der Regel ist Misstrauen gegenüber jeder Information aus zweiter und dritter Hand angebracht, sogar vernünftig. Das Modewort „postfaktisch“ stellt die Verhältnisse auf den Kopf. Medien und Politik schieben ihren Glaubwürdigkeitsverlust den Leuten in die Schuhe. Spiegel.de wundert sich, dass der Duden das Wort noch nicht in die Wortliste aufgenommen hat. Abgesehen davon, dass ein Wort nicht wichtig ist, weil es prämiert wurde wie eine Thüringer Wurst, hätte ich einen Vorschlag, wie der Duden das Wort verzeichnen und erklären sollte. Zu sehen links – ein fake, denn der Duden verzeichnet kein Dummdeutsch.

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16 Kommentare zu “postfaktisch – dümmste unter den prämierten Würsten

  1. Das mit dem Postfaktischen, das ist mir so wie mein Lieblingsspruch, „Das ist richtig, aber leider falsch“. Als ich das las mit dem „Wort des Jahres“, musste ich an Deinen letzten Artikel denken zu „postfaktisch“. Ich dachte, „Narrativ“ wäre dran, bei dem Wort hatte ich nämlich ebenfalls das Gefühl, es wird, nachdem es mittlerweile für mich gefühlt inflationär benutzt wird, zu irgend einem Jubiläumswort. Ich glaube „Narrativ“ hatte ich letztes Jahr irgendwo / irgendwann bewusst zum ersten mal gelesen / gehört, dann tauchte es plötzlich überall auf. Vielleicht kannst Du mir hier mal eine normalverständliche Interpretation dieses Wortes aus Deiner Sicht geben 🙂 Danke vorab 🙂 Mir scheint, das wird auch für jedweden Sinn und Unsinn gebraucht. VG Willi

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    • Ich erinnere mich gut und gern an deinen Song „Das ist richtig, aber leider falsch.“ Passt zu der hier kritisierten Wortverwendung von „postfaktisch“. In meinem letzten Artikel zu „postfaktisch“ hatte ich ja auf die Bedeutungsvariante hingewiesen, dass „postfaktisch“ eine Form der politischen Machtausübung ist, das Faktische zu ignorieren und die nassforsch behauptete Lüge zur Grundlage politischen Handelns zu machen. Wenn Politiker so handeln, wenn Journalisten ihnen das durchgehen lassen, werden die Menschen misstrauisch. Es ist geradzu eine orwellsche Umkehrung der Tatsachen, deren Misstrauen „postfaktisch“ zu nennen. Man zieht dann zum Beweis idiotische AfD-Mitläufer heran. Aber das Misstrauen hat auch andere Kreise erfasst, die seriöse Kritik an politischem Handeln vorbringen und ebensolche Kritik an der medialen Vermittlung.
      Narrativ meint die erzählende Weise, einen Sachverhalt zu erklären. Wenn ich oben von dem Telefongespräch mit meinem Sohn erzähle, um „postfaktisch“ zu erklären, dann ist das narrativ.
      Viele Grüße,
      Jules

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  2. Der Grund, weshalb der Begriff auf fruchtbaren Boden fällt, liegt vielleicht darin, daß massenhaft Leute wie die Pegidioten es einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen, daß eine Islamisierung Deutschlands faktisch nicht zu befürchten ist, oder daß die Kriminalitätsrate sich durch die Flüchtlinge nachweisbar nicht erhöht. Fakten scheinen keine Rolle zu spielen, sie stören nur im lustvollen gemeinsamen Gebrüll gegen alles Fremde. Da scheint so ein Begriff gerade recht zu kommen, obwohl er ja, wie du neulich bereits erzähltest, in einem ganz anderen Zusammenhang geprägt wurde, nämlich in dem risikolosen Auftischen immer neuer Lügen durch die Bush-Administration.
    Was Wörterbuch-Redaktionen sich ausdenken als sogenanntes „Wort des Jahres“ ist schon sehr merkwürdig: Langenscheidt hat jetzt als Jugendwort des Jahres 2016 den Begriff „fly sein“ gekürt, was wohl „gut drauf sein“ bedeuten soll. „Man, ey, ich bin echt krass fly heute“ – oder wie soll man sich das vorstellen? Keine Ahnung, wo sich die Langenscheidt-Leute herumtreiben.

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    • Du hast Recht, man zieht zum Beweis für postfaktisches Urteilen gerne die „Pegidioten“ heran. Letztlich rührt man aber an einen Grundsatz unserer Demokratie, dass nämlich jeder glauben kann, was er will. Ich habe mich in der Vergangenheit oft gefragt, wer denn immer noch Kohl und später Merkel gewählt hat oder betonfest in Bayern CSU nach allen Skandalen, die man über diese Partei wissen konnte. Demgemäß war postfaktisch schon immer, es ist nur ärgerlich, wenn jetzt plötzlich noch üblere Rattenfänger eine Anhängerschaft finden.
      Jugendsprache ist schon immer ein sehr theoretischer Begriff für einen inhomogenen Soziolekt.
      Langenscheidt lässt alljährlich das „Jugendwort des Jahres“ per online-Abstimmung wählen, um sein Wörterbuch der Jugendsprache zu vermarkten. Abstimmen kann ich auch und jeder der irgendwann mal Jugendlicher gewesen ist. Heraus kommen „Fakten.“

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  3. Ich habe leider überhaupt gar keine Ahnung, worum es bei dem sogenannten „Postfaktischen“ geht, möchte nur kurz einwerfen – und falls dies bereits an anderer Stelle geschah, so bitte ich meinen Einwand zu entschuldigen -, dass sich das wort postfaktisch ja aus zwei Begriffen zusammensetzt, die ganz unterschiedlich gewertet/interpretiert werden können. Faktisch kommt faktisch aus dem Lateinischen und rückbezieht man sich auch noch auf diese spezielle Form von facere, so bliebe so etwas wie „gemacht“ als eigentliche Wortbedeutung übrig. Post hat so viele unterschiedliche Bedeutungen, dass die naheliegendste vielleicht die falsche ist? Ich würde es ja mit „nach“ übersetzen. Käme demzufolge „nachgemacht“ bei heraus? Worüber regt sich die Welt hier auf?

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    • Du hast Recht. Ein „nachgemachtes“ Weltbild wäre wie selbstgebastelt. Das sind Weltbilder aber immer. Als Wahlvorstand bei der Bundestagswahl habe ich folgendes erlebt: Eine Mutter betrat mit ihrem debilen Sohn das Wahllokal und fragte fast aufgebracht: „Wieso darf der überhaupt wählen? Der versteht doch gar nicht, worum es geht.“ Ich sagte: „Das Gesetz verlangt da keinen Nachweis.“ Keine Ahnung, wie sein Weltbild aussah, aber auch solche mit einem nur unzulänglich gebastelten dürfen in einer Demokratie wählen. Keiner regt sich auf, dass irgendwelche Hllbillys aus dem Bayerischen Wald treu und doof und unverbrüchlich CSU wählen, obwohl doch genug Fakten dagegen sprechen.

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  4. Mein Kopf läuft noch nicht ganz rund. Sonst hätte ich mich kaum mindestens 30 Sekunden gefragt, ob der Duden tatsächlich „dummdeutsch“ druckt, bevor ich weiter gelesen habe. Lieber Jules, nimm es als Kompliment für deine Montagen.
    Schön, wie du das Wort zerlegt hast. Ich halte nicht viel von der Prämierung von Worten. Oder wenn schon, dann bitte solche die wegen ihrer Schönheit ausgewählt wurden.

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    • Das Kompliment freut mich, liebe Mitzi, nicht jedoch, dich in die Irre geführt zu haben. Wenn du genau hinschaust, stimmen die Schrifttypen nicht, und die Schrift ist etwas dunkler als im Scan. Zum Thema postfaktisch ich ärgere mich, dass man (Merkel, die Führungsriege der SPD und Teile der Medien) glaubt, die Kritik an der eigenen Politik und an der liebedienerischen Berichterstattung hätte sich erledigt, wenn man den Menschen postfaktisches Urteilen nachsagt.
      Eine Liste schöner Wörter zu erstellen, wäre hübsch.

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      • Bei genauem Hinsehen und vor allem bei etwas mitdenken, ist erkennbar, dass dummdeutsch natürlich nicht im Duden steht. Mein kurzer Aussetzer hat mich amüsiert.
        Das Wort postfaktisch nicht. Eben aus den von dir beschriebenen Gründen. Da macht man es sich sehr einfach und verpackt die Einfachheit in ein vermeintlich passendes Wort das man dann auch noch prämiert.

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  5. Zurück aus „meerumschlungen“, zurück von der Insel der zweiundzwanzig sonnigen Graden möchte ich gerne noch auf diesen Artikel kurz reagieren (… okay, da lacht des Erfahrenen ob seiner Kenntnisse, da kommt der Experte anhand der folgende Zeilenzahl ins Grübeln und der Einsteinsche Jünger sagt dazu nur, alles ist relativ, auch kurz … http:// www. gutzitiert. de/zitat_autor_albert_einstein_thema_relativitaet_zitat_2753.html):

    Deinen ersten Eintrag zu dem Wort „postfaktisch“ hatte ich mit erstaunen zur Kenntnis genommen. Nicht, weil ich deine Meinung abstrus oder gekünstelt fand (mit deiner Meinung bin ich weitestgehend konform), sondern weil mir das Wort zuvor noch nie untergekommen war (ich sehe wohl mal wieder zu wenig fern, wie mir scheint …). Kurz nach deinen Eintrag (ein oder zwei Tage später) fand ich ebenfalls den hier von dir angeführten Artikel. Das Wort blieb mir trotzdem dessen Erklärung der Herkunft sperrig. Das hat paar Gründe. Wenn es ein „postfaktisch“ gäbe, dann müsste es folgerichtig ein „prefaktisch“ geben. In der Art des Wortpaares „prämenstruell-postmenstruell“. Also als so ein Syndrom, welches man eventuell medikamentös vorher und nachher behandeln könne.
    Insbesondere verstehe ich nicht dessen Herleitung. Denn „post-truth“ würde ich anders übersetzen, wäre es mir zuvor untergekommen: „post“ ist ein Präfix, welches zeitlich etwas später folgendes darstellt, und „truth“ hat seine Kernübersetzung in dem Wort „Wahrheit“. Wenn ich jetzt „post-truth“ einfach mir „postfaktisch“ übersetze, dann bewege ich mich bei „fatisch“ eher in der Bedeutungswolke von „Wirklichkeit“. Freilich kann man „post-truth“ ins „postfaktische“ hinein interpretieren und somit hinein biegen (mein Lateinlehrer blaffte uns immer wieder mal mit hochrotem Kopf an: „Nicht interpretieren, sondern übersetzen! Kapiert das endlich, verdammt nochmal!“ … jaja, der „gallische Krieg“, war damals unser Pudels Kern …).
    „post-Wahrheit“ versus „post-Fakten“. „postwahr“ versus „postfaktisch“. Da sperrt sich mein Sprachgefühl und es sträubt sich in mir, dass so akzeptieren zu wollen. Denn zum Thema „Wahrheit“ fällt mir immer nur das treffende Zitat aus der Bibel ein „Was ist Wahrheit?“ (sagte damals der US-Statthalter Colin Powell, als er nach der UNO-Präsentation seine Hände vor seinem Welt-Volke in Unschuld badete … oder war es Pilatus mit seinem „Quid est veritas?“, als er faktisch das Christentum mitbegründete? … ).
    „Wir leben in postfaktischen Zeiten“, soll ja wohl u.a.a. Merkel als Binse rausgehauen haben. Warum jedoch nicht den Satz „wir leben in nachwahren Zeiten?“ Ehrlich, den Satz würde ich genauso wenig verstehen.
    Bei diesem ganzen Gegrübel meinerseits über dieses mir sperrige Wortungetüm „postfaktisch“ fiel mir ein deutsches Wort dazu ein: „nachgerade“. Es gab eine Zeit, da wurde das Wort in den Medien (also nur Zeitung und Fernsehen) benutzt und es verwirrte mich damals (in den 80ern?) genauso.“nachgerade“ hat die Wortbedeutung von „nach und nach; mit der Zeit; allmählich“ (aus dem Duden herauskopiert).
    „Wir leben in nachgeraden Zeiten“, hört sich für mich jetzt auch nicht wesentlich erhellender an, aber sehr nach tautologischer Logik. Der Begriff bleibt sperrig und – für mich wichtiger – inhaltsleer, wie ein aufgeblähter Luftballon ohne Hülle. Also, egal ob „postfaktisch“ oder nachgerade“, „postfaktisch“ bleibt für mich ein Wort aus dem Rhetorikgenerator für Möchte-gern-Redner, eine Wortblase von geistig Arme generell zum geistig Vernebeln.

    Langer Rede kurzer Sinn, meine Frage an dich als Wortbeherrschender (weil als Lehrer damit seit langem betraut): Könnte das Wort „nachgerade“ das Wort „postfaktisch“ ersetzen oder wäre es evtl. bedeutungsgleich/bedeutungsähnlich?

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    • Zum Bedeutungsgehalt von „nachgerade“ habe ich mal den Duden befragt, weil mir das Wort als gestelzte Formel für „geradezu“ bekannt war. Der Duden bezeichnet diese Beutung als (gehoben), was wohl kein Widerspruch ist, denn das Gehobene kann schon mal gestelzt daherkommen. Die zweite Bedeutung nennt der Duden (veraltend) „nach und nach; mit der Zeit; allmählich.“ Mit der Beliebtheit des Wortes in den 1980.er Jahren könntest du richtig liegen. Eine Bedeutungsverschiebung zum Inhalt vom „postfaktisch“ kann ich nicht feststellen. Gut finde ich , wie du die Logik des Wortes befragst. Dass zum Präfix „post“ auch ein Präfix „prä“ gehört, ist eine Erwartung an die Logik der Wortbildung. „präfaktisch“ wäre bedeutungsgleich mit „postfaktisch“- beides verneint das Faktum. Bei präfaktisch fällt jemand sein Urteil, bildet sich eine Meinung, bevor er etwas wissen kann, bei postfaktisch, entsteht die Meinung, obwohl er etwas besser wissen kann. Leider verläuft Sprachentwicklung nicht logisch, wie eine Sprachgemeinschaft sich insgesamt nicht logisch verhält. Das Weltbild des Einzelnen erfüllt diese Forderung ebenfalls selten – mindestens dort nicht, wo Elemente des Glaubens prägend sind. Wenn wir Glauben definieren als das, was man nicht wissen kann, kommen wir dem „Postfaktischen“ näher. Unsere Medien kritisieren ja, dass der postfaktische Mensch die Sachverhalte ignoriert, die er wissen könnte. Dabei wird übersehen, dass es nicht um einzelne „Fakten“ geht, sondern um eine Vertrauenskrise, die aus der Beobachtung entstanden ist, dass Medien und Politiker sich die Fakten zurechtbiegen. Da findet es mancher nur gerecht, es auch zu tun. (Belügen kann ich mich auch selbst)
      Insgesamt ist „postfaktisch“ eine wertende Vokabel, die etwas zu erklären scheint, aber gar nichts erklärt, sondern nur zeigt, dass die Verursacher der Vertrauenskrise ihr Verhalten nicht reflektieren wollen.

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      • „Leider verläuft Sprachentwicklung nicht logisch, wie eine Sprachgemeinschaft sich insgesamt nicht logisch verhält.“
        Ich glaube nicht an Zufälle, sondern u.a.a. an das, was Hesse mit kontinuierliche Stufen beschrieb. Das sage ich vorwegschickend, um des Vorwurfs des Besserwessis zu entgehen.

        Ist der Ausdruck von dir „objektive Fakten“ eine Tautologie? Ich schaue im Duden und finde sowohl für „Fakten“ als auch für „objektiv“ nichts, was von dem Bedeutungszusammenhang des Ganzen divergiert.

        Ich ketzere jetzt. „Objektiv“ existiert nicht sondern lediglich als Kondensation verschiedener Erfahrungen. „Fakten“ sind genau solche Dokumentionen. Also zeitlich eines objektivierten Sachverhaltes nachgelagerte Erkenntnisse. Gerade das aristotelische, westliche Weltbild ist eine der Erkenntnistheorie der horizontalen Logikverknüpfungen. Und das ist primär entgegengesetzt zu dem asiatischen Welterkenntnisbild. Und das sich das eine Weltbild nicht von dem anderen abscheidet, ist die Erkenntnis von unsereiner, was Akupunktur betrifft (um es mal primitiv auf eine anerkannte Gemeinsamkeit zu bringen). Das bedeutet, dass unterschiedliche abstrahierte Sichtweisen eines verbal-realisierten Sachverhaltes genau das Gleiche beschreiben, obwohl jeder etwas anderes sieht (etwas, was bereits Platon erkannte).

        „Postfaktisch“ als elendig hundsmiserabel, aber unkritisch gemeinhin akzeptierte Übersetzung vom dahin gerotzten und aufgelecktem „post truth“, ist das, was immer und immer wieder sich in unserer Geschichtsschreibung wieder findet. Es wird keinesfalls immer schwieriger, den Medien und anderen Quellen zu vertrauen, sondern die eigene Denkmaschine zu nutzen, um zu eigenen Schlüssen zu kommen. So wie religiöse Institutionen in Mitteleuropa das Hoheitsmonopol der Schlussfolgerung für sich beanspruchten, damit andere nicht so viel über Widersprüche nachdachten, so passiert heute es in einem stark erhöhten Wirbel der verschiedensten Informationsquellen und jeder vertraut auf seine Quelle ungeachtet dessen, was dem widersprechen könnte.
        Somit blüht Populismus. Adolf Hitler hatte den Volksempfänger und konnte Zuhörer auf seine Linie einschwören oder einnorden, weil ansonsten kaum andere verifizierbare Nachrichtenlagen existierten. Da gab es eine Monokultur der Information. Entsprechendes hatte Cortez bei den Indios in SA ausgenutzt. Er hat nur nicht akribisch Buch über seine Ermordeten und Verfolgten geführt. Da waren die Nazis bürokratischer.
        Heute gibt es eine Vielfalt der Information, aber eine Kanalisierung (SocialMedia), welche auf eine Monokultivierung abzielt, um Garant der „objektiven Fakten“ zu sein. Erinnert sich noch wer an die Belagerung des Hauses jenes Jugendlichen, dem „objektive Fakten“ einen Kindesmissbrauch mit anschließender vorsätzlichen Tötung eines Kindes aus niederen Motiven unterstellte? So funktioniert die Fokussierung auf „objektive Fakten“. Postfaktisch war er absolut unschuldig. Post-postfaktisch ist sein augenblickliches Leben zerstört. Real-faktisch bieten sich ihm aber alle Gelegenheiten einer offenen Gesellschaft auf ein glückliches Leben. Wer möchte tauschen?
        Jeder, der in den siebziger und achtziger in den westlichen Schulen war, weiß, mit welchen Mitteln Geschichte zur post-faktischen Geschichte umgedengelt wurde. Das jetzt ein Schlagwort dazu entwickelt wurde und die einsetzende (ggfs. evtl. vlt. nicht unberechtigte) Empörung, zeigt das ein wunder Punkt mit bloßem Finger berührt wurde.
        Ich bin mal ketzerisch und erinnere mich an unserer aller Bedrohungsszenarien der frühen 80er Jahre: George Orwell „1984“.Orwell schrieb im Angesicht des Stalinismus, ein System, welches dem hier Herrschenden völlig unbekannt ist. Aber „fucking for viginity“ war breits in den 80ern des letzten Jahrhunderts bekannt und wurde bereits geflissentlich vergessen. Der wirkliche post-faktische Zirkus des schlechten Geschmacks.

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        • Seitdem die Rede von „alternativen Fakten“ die Runde macht, darf man getrost „objektive Fakten“ unterscheiden. Man könnte auch sagen „intersubjektiv überprüfbare Fakten“, denn eine subjektive Weltsuicht, ist aus der Sicht des Subjekts faktisch. Hesses Gedicht Stufen meint die Entwicklungsstufen eines menschlichen Lebens.Solche Stufen bei einem Phänomen wie Sprache anzunehmen, ist die fälschliche Idee vom „Sprachkörper.“ Natürlich gibt es oberflächlich betrachtet eine Logik, nämlich die der Ökonomie und der Abnutzung, die bei sehr alten Sprsachen zur Abschleifung der grammatischen Formen und zur Einsilbigkeit führen kann.

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