Druckerei Eupen – „Sie wollen nicht widersprechen!“

kategorie Mensch & NaturBlogfreund Manfred Voita definiert in seinem Text Fußweg zum Rock’n Roll Kindheit als Freiheit von beruflicher Arbeit. Damit kann ich nicht dienen, denn als ich nach acht Jahren Volksschule meine Lehre begann, war ich in vielerlei Hinsicht noch Kind. Doch es hatte auch den Vorteil, dass ich mit 16 schon Geselle war. Die folgende Szene spielte sich ein Jahr zuvor ab – in meinem 3. Lehrjahr, und ich bin da nicht Kunde, sondern muss Kundschaft bedienen:

Das Haustelefon in der Setzerei klingelte. Ich nahm den Hörer ab. Der Alte war dran.
„Du willst mal herunterkommen!“, sagte er.
Ich legte den Winkelhaken auf den Rand des Setzkastens, wusch mir den Bleidreck von den Fingern und ging die Treppe hinunter in den Laden der Druckerei.
„Ha! Sie wollen mir nicht widersprechen!“, hörte ich den Alten gerade sagen. Dann sah ich, wer diese Ungeheuerlichkeit gewagt hatte. Im Laden standen ein junger Mann und eine junge Frau und schauten sehr unglücklich drein. Die beiden hatten Pech, denn es war kurz nach 14 Uhr, und die freundliche junge Frau, die die Laufkundschaft bediente, war noch nicht aus der Pause zurück, so dass der Alte bedienen musste. Er hatte ein Musterbuch auf den Tisch gelegt, aus dem die beiden sich eine Vermählungsanzeige aussuchen sollten. Offenbar hatten sie sich eine andere Schrift gewünscht als vorgesehen war. Denn Verlobungs- und Vermählungsanzeigen setzen wir aus der Forelle, der „Charme“ oder der „Delphin“. Zu allen waren Beispiele ins Musterbuch eingeklebt.

Der Alte brummte: „Sie wollen den Lehrling fragen“, knurrte mir irgendwas zu und ließ mich mit den beiden allein. Ich fragte höflich nach ihrem Begehr. Sie waren froh, es mit mir zu tun zu haben, obwohl meinen linken Handrücken und meinen grauen Kittel Flower-Power-Motive schmückten, die ich aus Übermut mit dem Kuli draufgemalt hatte. Auch trug ich eine bunte Kugelschreibersammlung aufgereiht in der oberen Kitteltasche. Da klemmten so viele, wie gerade nebeneinander passten.

Ja, sie wollten heiraten, verlobt waren sie schon. Ich sah es an den Ringen. Sie waren sich wegen der Schrift nicht schlüssig. Die formelhafte sprachliche Vorlage akzeptierten sie klaglos. Es war zu jener Zeit nicht schicklich, groß von der Norm abzuweichen. Zudem waren Sonderwünsche teuer. Und ich habe dem Verlobungspaar, glaube ich, die Sonderwünsche auch ausgeredet.

Übrigens leitete der Alte alle seine Anweisungen mit „du willst!“ ein. Er hatte diese Weise, mit Untergebenen zu sprechen, offenbar aus der Kaiserzeit von seinem Vater übernommen und sie in die sechziger Jahre gerettet. Dass er mit den Kunden auch so sprach, fanden wir damals witzig. Doch Ende der sechziger Jahre war das Druckerhandwerk noch in einer unangefochtenen Machtposition. Das änderte sich dann rapide Mitte der 70er, als die Fotosatzgeräte eingeführt wurden.

Zeitsprung
Vor einigen Jahren rief mich die Freundin eines Freundes an. Sie wusste, dass ich mich mit Kalligraphie beschäftigt hatte und auch gelegentlich Layouts gestaltete, weil mich diese Arbeit noch immer fasziniert. Eine ihrer Freundinnen wolle heiraten, und sie wünsche sich für die Vorderseite der Vermählungskarte einen kalligraphischen Spruch. Ob ich das machen könne. Ich sagte zu, denn so hätte ich einen Grund, mich mal wieder in Kalligraphie zu üben.

Dann bekam ich Besuch von zwei jungen Frauen. Zuerst dachte ich mir nichts dabei. Die eine war vielleicht nur mitgekommen. Doch als meine Kundin an meinem Tisch ihr Manuskript entfaltete, sah ich zwei Frauennamen. Da begriff ich endlich, dass diese beiden Frauen bald heiraten würden. Ich ließ mir nichts anmerken und tat, als würde ich alle Tage für gleichgeschlechtliche zukünftige Ehepaare Vermählungsanzeigen gestalten. Ich fand sogar prima, dass die beiden sich trauten, sich trauen zu lassen. Auch war die Besprechung mit ihnen wirklich nett.

Man schaue sich aber einmal den Unterschied der beiden Situationen an, die ich hier geschildert habe. Es liegen nur wenige Jahrzehnte dazwischen. Doch die haben es verdammt in sich.

laeden-alltagskultur

Zum Erzählprojekt „Die Läden meiner Kindheit“ sind außer diesem hier wieder neue Beiträge erschienen. Ich bitte um Beachtung und wünsche viel Vergnügen beim Lesen. Bitte klicke aufs Bild!

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