Unterhaltung am Wochenende – Zwischenfall auf der Autobahn – eine Krimalkurzgeschichte

verviers

„Verdammt, Alter, sorg endlich dafür, dass die Scheißköter das Maul halten und sich hinlegen! Da soll sich einer auf’s Fahren konzentrieren!“
Rosen fuhr nah auf einen LKW auf und zog erst im letzten Moment auf die Überholspur hinüber.
„Jetzt reg dich ab, pass lieber auf, wo du hinfährst, du bringst uns noch in die Kiste mit deiner bescheuerten Fahrweise. Du fährst, als hättest du deinen Bock unterm Arsch!“
„Ja, wollte ich auch! Stattdessen kutschieren wir die stinkenden Viecher da hinten durch die Gegend! – Wieso können wir dem Kerl nicht einfach den Hals durchschneiden?“
„Weil Piano gesagt hat, wir sollen ihn mit den Hunden fertig machen! Also halt endlich die Schnauze und fahr vernünftig. Hab keine Lust, deinetwegen in eine Polizeikontrolle zu geraten!“
„Du hast Schiss vor den belgischen Bullen?“
Rosen lachte. „Die werden nicht wagen, uns anzuhalten, verstehst du! Danziger lässt ihnen sonst den Arsch bis zum Hals aufreißen!“
Recker drehte sich um und sah die beiden Hunde auf der Ladefläche des Kombis an. Er wies mit dem Zeigefinger auf den Teppich, und die weißen Schäferhundmischlinge legten sich winselnd nieder.
Eine Weile fuhren sie schweigend auf der Überholspur. Vor ihnen auf der rechten Spur tauchte ein Wohnwagengespann auf, das auf einem Fahrradständer am Heck zwei Erwachsenenfahrräder und zwei Kinderräder transportierte. Kurz vor ihnen scherte das Gespann aus, um einen Lkw zu überholen. Rosen musste voll in die Eisen!

„Arschloch! Wichser!“, schrie Rosen. Er hupte wild und fuhr so nah auf, dass sie die Fahrräder dicht vor der Nase hatten. Das Gespann zog nicht auf die rechte Spur, sondern überholte noch einen langsamen alten Peugeot. Als es endlich Platz machte, war Rosen bereits stinksauer. Er überholte und sah wütend zum Fahrer des Gespanns hinüber. Für einen Moment kreuzten sich ihre Blicke. Der Mann wirkte besorgt. Dann zog Rosen ebenfalls auf die rechte Spur. Er drosselte das Tempo, so dass das Gespann zu ihnen auflief. Im Rückspiegel sah er, wie der Familienvater genervt eine Hand hob und die Finger nach vorne schnellen ließ, zum Zeichen, dass Rosen fahren sollte.
„Jetzt wird er auch noch frech, der Arsch!“, knurrte Rosen. Er wippte auf seinem Sitz: „Ich hab Angst, Mutti, ich hab Angst!“, rief er mit weinerlicher Stimme. Er ließ den Wagen mit quietschenden Reifen Schlangenlinien fahren, bis der Fahrer hinter ihm ängstlich zurückblieb. Rosen sah im Rückspiegel, wie er mit seiner Frau auf dem Beifahrersitz diskutierte und dann mit seinen Kindern auf dem Rücksitz sprach.
„Jetzt geht ihnen der Arsch auf Grundeis“, lachte Rosen. Er hob seine Stimme: „Papa, warum fährst du so komisch?“
Dann sprach er tiefer: „Alles in Ordnung. Kinder, vor uns fährt einer wie ein Idiot, da halte ich lieber Abstand!“
„Was!“ schrie er in gespielter Wut, „sag mal, Recker, hat mich das Arschgesicht gerade Idiot genannt?!“
„Ja, sowas hab ich gehört.“
„Das wird der nicht zweimal machen! Gib mal die Sturmhauben, Recker!“
„Wozu?“
„Jetzt tu, was ich dir sage, Alter!“, rief Rosen und griff ungeduldig selbst zum Handschuhfach hinüber. Dabei beschrieb der Wagen einen Bogen und zog auf die Leitplanke zu.
„Lass das, ich mach ja schon!“, sagte Recker.
Die Hunde waren erneut aufgesprungen und bellten.
„Aus!!!“, schrie Recker nach hinten und sah die Hunde drohend an. Winselnd legten sie sich wieder ab.
„Na also, brave Hunde seid ihr, brave Hunde!“
Recker öffnete das Handschuhfach und holte zwei schwarze Sturmhauben heraus.
„Gib schon her!“, sagte Rosen und ergriff eine. Dann lehnte er sich zurück, lenkte das Auto mit den Knien und zog sich die Sturmhaube über den Kopf. Er packte das Lenkrad wieder und sah Recker durch den Augenspalt an.
„Na los, zieh sie an, Alter!“, sagte er dumpf.
Recker verdrehte die Augen und tat, was Rosen verlangt hatte.
„Und jetzt?“
„Wirst du gleich sehen. Wird ein Mordsspaß!“
Erneut hatte er die Geschwindigkeit gedrosselt und ließ das Gespann herankommen. Rosen sah mit funkelnden Augen in den Rückspiegel und beobachtete die Reaktion des Fahrers. Der passte sich dem Tempo an, doch Rosen fuhr sofort noch langsamer.
Nach einer Weile setzte das Gespann den Blinker und scherte aus. Langsam schloss es zu ihnen auf.
Rosen zog seine Knarre aus dem Halfter.
„Los, Recker, die Köter!“, schrie er, „scheuch die Köter auf!“
Recker drehte sich um, sah die Hunde an und deutete auf das Gespann.
„Fass!“, befahl er.
Die Hunde sprangen knurrend auf und warfen sich gegen das Seitenfenster, wobei sie sich vor Aufregung ins Gehege kamen. Sie rissen ihre Rachen auf und bellten gegen die Scheibe an, dass sie beschlug.
Aus dem Seitenfenster des langsam vorbeiziehenden Wagens schaute eine Frau. Sie starrte ängstlich auf die wild herum springenden, geifernden Hunde und dann auf die Männer in Sturmhauben. Hinter ihr drängten sich zwei kleine Mädchen ängstlich aneinander.
Rosen sah der Frau in die vor Schreck geweiteten Augen, hob die Knarre und zielte auf ihre Stirn. Dann machte er: „Püuch!“
Die Frau zuckte zurück und schrie.
Für einen Augenblick schlingerte das Gespann, dann schoss es nach vorn, zog schräg vor ihnen auf die rechte Seite und fädelte sich im letzten Augenblick in eine Abfahrt.
Rosen und Recker schütteten sich aus vor Lachen.
„Papa!“, rief Recker winselnd „was hat Mama?!!!“
Und in das infernalische Gekläff der Hunde antwortete Rosen mit tragischer Stimme: „Kinder, ihr müsst jetzt ganz stark sein: Mama ist tot!“

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6 Kommentare zu “Unterhaltung am Wochenende – Zwischenfall auf der Autobahn – eine Krimalkurzgeschichte

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