Plauderei über Glück – Lobe am Abend den Tag

Die Zigarettenblättchen werfen eine Frage auf, ohne sie zu beantworten. Warum hat man Schwein, also unverschämtes Glück? Warum flaniert der eine wie Gustav Gans durch die Welt, während der andere schon auf der Treppe ausrutscht, bevor er überhaupt an der Haustür angelangt ist. Und tritt er endlich vor die Tür auf die Straße, fällt ihm ein Stein auf den Kopf, der nicht verglimmte Rest eines Meteoriten, der 1000 Kilometer ostwärts als Sternschnuppe gesehen worden war, und Verliebte sind einander in die Arme gesunken und haben sich beide Glück gewünscht. Unser Mann sitzt derweil in der Notaufnahme der Uniklinik, Verband um den Kopf und wartet auf seine Tetanusspritze. Man weiß ja nicht, welche Mikroben der Stein mitgebracht hat, vielleicht gemeine Killer-Keime.

Ist also das Glück des einen des anderen Unglück? Man weiß ja nicht, wie viel Glück in der Welt ist. Vielleicht ist Glück wie eine kurze Decke. Rafft man sie sich unter den Hals, legt man seine Füße frei. Wickelte man sich darin ein, muss der andere frieren.

Das Raumschiff Erde hat viele düstere Gegenden, in denen mehr Unglück als Glück ist. Was den materiellen Wohlstand betrifft und die damit einhergehende Absicherung der Lebensverhältnisse, stimmt das Bild der zu kurzen Decke. Die Wohlstandsgesellschaften haben sich in die Decke eingewickelt, sind sogar Glücksvertilger wie diese Nachzehrer, die noch als Leichen ihr Totengewand auffressen. Der schutzlose, frierende Mitmensch zahlt den Preis für unsere materielle Glücksgier.

Immaterielle Formen des Glücks haben in den Wohlstandsgesellschaften keinen hohen Rang. Wenn ich wie gestern Abend mit Freunden auf der lebendigen Limmerstraße sitze, den letzten lauen Abend im August genieße, Kölsch aus der Flasche trinke und mich angeregt unterhalte, habe ich Glücksgefühle, aber damit kann ich kaum jemanden beeindrucken. Es gibt sogar noch viel stilleres Glück, man muss es nur finden, vor allem ihm Beachtung schenken, auch wenn damit keine große gesellschaftliche Achtung verbunden ist.

Die Lebenshaltung der Deutschen drückt sich in der Sprache aus. Viele einst positiv gemeinte Wendungen haben sich in der Alltagssprache ins Negative verkehrt. Das Nicht beherrscht diese Sprüche: „Du sollst den Tag nicht vor dem Abend loben.“ Manche verstehen, man solle NICHT loben. In der Edda lautet die Spruchweisheit so: „Lobe am Abend den Tag (…)“, also lobe ihn, aber zur rechten Zeit, wenn du dir ein Urteil gebildet hast.

Gestern saß ich beim Mittagstisch, als die Frau hereinschneite, die vom Himmel fiel, wobei hereinschneien als Metapher kaum zu der Mittagshitze des Tages passt. Vielmehr liegt der Verdacht nah, das die außerirdische Frau sich nur bei Temperaturen über 3o Grad materialisiert, denn ich hatte sie fünf Wochen nicht mehr gesehen. Sie wirkte noch ätherischer, guckte noch befremdeter in die Welt als Anfang Juli, und wie ich erfreut von meinem Teller aufschaue, hat sie mich doch tatsächlich angelächelt.

Da dachte ich schon, dass der Tag am Abend zu loben wäre, und das tat ich auch, als ich mich auf der Limmerstraße mit einem befreundeten Musiker unterhielt, der nebenher noch Doktor der Quantenphysik ist. Ihm erzählte ich von meinem stillen Glücksmoment am Mittag und von der Spruchweisheit aus der Edda. Er meinte, er habe kürzlich ein Buch mit einer ähnlichen These gelesen, das ihm in einer gesundheitlichen Krise sehr geholfen habe. Wir kamen überein, dass wir überhaupt unseren Blick mehr auf das Positive richten sollten, und ich zitierte aus dem Kopf Seneca, dass man dankbar auf das blicken solle, was man habe, denn es wäre mehr als man verdient hätte. In diesem Sinne

Guten Tag!