Bericht von meiner ethnologischen Forschungsreise von Hannover nach Aachen und zurück (Folge 1)

Am Mittwoch, dem 16. September 2015, um 12:30 Uhr steige ich im Hauptbahnhof Hannover in den ICE 650 nach Köln Hbf und besetze im Wagen 34 den Fensterplatz 55. Neben mich setzt sich eine ältere Dame in roter Jacke. Beim Eintreffen grüßt sie. Sie will sich offenbar unterhalten, aber ich will die Zugfahrt genießen, einfach aus dem Fenster schauen und herrlich gedankenleer sein. Erst als wir durch Unna rollen, würde ich gern etwas sagen, weil ich gedacht habe, dass an der realen Existenz von Unna noch eher zu zweifeln wäre als an der Existenz von Bielefeld (siehe Bielefeldverschwörung).
Gruß aus Bielefeld Kopie
Die Bielefeldverschwörung im Bild – von mir gestaltete Ansichtskarte, mit der ich hoffe, Ehrenbürger von Bielefeld zu werden, obwohl ich von Bielefeldern schon böse beschimpft wurde. Das Klo habe ich hinzugefügt, weil mir jemand glaubhaft versichert hat, er sei schon auf dem Bielefelder Bahnhofsklo gewesen (größer: klicken)

Mit Unna kann ich überhaupt nichts in Verbindung bringen …
„So wahr sich Karnickel nach dem Goldenen Schnitt vermehren.“
Die Dame schreckt von ihrem Buch auf:
„Was erzählen Sie denn da? Woher sollen Karnickel den Goldenen Schnitt kennen? Den kenne ich ja nicht einmal.“
„5 zu 8 wie 8 zu 13 wie 13 zu 21 und so weiter. Minor zu Major wie Major zum Ganzen. Das ist der Goldene Schnitt in ganzen Zahlen und 5,8,13,21,34,55 und so weiter sind gleichzeitig die Fibonacci-Zahlen. Und wissen Sie, woran Fibonacci die Zahlenreihe entdeckt hat?“
„Nein, woher denn?“
„An der Fortpflanzungsrate der Kaninchen.“
„Ach so.“
Ich sehe, dass es ihr lieber wäre, ich hätte nichts gesagt, denke: „Du mich auch!“ und schaue wieder aus dem Fenster. Da folgt schon bald Schwerte an der Ruhr. Das Städtchen habe ich schon mehrfach mit dem Fahrrad durchquert, muss aber immer an den Germanistik-Professor an der RWTH Aachen Hans Schwerte denken, der eigentlich Hans Ernst Schneider hat geheißen, als er in der Naziära SS-Hauptsturmführer gewesen war und in der verbrecherischen Organisation Ahnenerbe Laboratoriumseinrichtungen für Menschenversuche organisiert hatte. In den Nachkriegswirren tauchte Schneider unter, seine Frau ließ ihn für tot erklären und heiratete ihn kurz darauf wieder. Da nannte er sich Hans Schwerte. Er habilitierte 1958 über Faust und das Faustische und brachte es bis zum Rektor der RWTH Aachen. Kollegen von mir haben bei dem faustischen Mann studiert und waren immer voll des Lobes. Im Jahr 1994, Schwerte war inzwischen längst im Ruhestand und stolzer Träger des Bundesverdienstkreuzes, da tauchten Reporter des niederländischen Fernsehens bei ihm auf, die seine wahre Identität enthüllt hatten. Danach wurde bekannt, dass es innerhalb der Hochschule eine ganze Reihe von Mitwissern gegeben hatte. Man munkelte auch von Erpressung, dass nämlich bestimmte Lehrstühle an gewisse Personen unter Schwertes Einfluss nur vergeben worden waren, damit er nicht aufflog.

Ach, wir schauen mal aus dem Fenster. Inzwischen sind wir nämlich schon in Wuppertal, der für mich gruseligsten Stadt Deutschlands. Eines noch, bevor ich morgen weiter berichte: In Aachen werde ich bei Freunden übernachten. Dort erfahre ich im Verlaufe eines feuchtfröhlichen Abends, dass just dieser Professor Hans Schwerte in der großen Dachetage des Hauses sein Liebesnest gehabt hatte.
Teil 2