Bericht von meiner ethnologischen Forschungsreise von Hannover nach Aachen und zurück (Folge 6)

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Es regnet, als wir vor die Tür treten. Ein Kollege holt mich unter seinen Schirm, unter dem auch mein alter Freund und Radsportkamerad Wolf schon steht. Da kommt Max, mein Gastgeber, hinzu und gibt mir sein Schlüsselbund, falls ich frühzeitig nach Hause will. Ich ahne, dass Wolf sich erinnert, wie oft er mir damals seinen Wohnungsschlüssel überlassen hat, damit ich mit Lisette allein sein konnte, am Anfang der Beziehung, in der Zeit der Heimlichkeiten und ungeordneten Verhältnisse. Ein Stückchen bummeln wir zu Dritt unter dem Schirm Richtung Dom, dann verabschiede ich mich. Der Regen hat nachgelassen.
MünsterplatzAachener Münsterplatz – Foto: Trithemius (Größer: Klicken)

Ich gehe über den Münsterplatz Richtung Elisengarten. Dort sind vor Jahren die Archäologen auf allen Vieren durch eine weite Grube gekrochen und haben hingebungsvoll die kärglichen menschlichen Spuren aus Jahrtausenden gesichert. Die Grube war von einem Zeltdach gegen Regen geschützt gewesen. Jetzt steht ein gläserner Pavillon über dem Loch. Durch ein großes Archäologisches Fenster schaue ich hinab in 5000 Jahre Siedlungsgeschichte. Es gibt sechs mit Schildchen datierte Ebenen. Wie schwierig wird es gewesen sein, alle Ebenen sauber auseinander zu halten? Haben Maulwurf, Wühlmaus oder Erdratte die Jahrhunderte nicht durcheinander gebracht?

Noch unsicherer sind ja menschliche Erinnerungen geordnet. So viele Erlebnisse ragen willkürlich aus unterschiedlichen Vergangenheitsschichten hinauf in die Gegenwart. Das eigene Ich besteht fast ausschließlich aus Vergangenheit, die sich in Erinnerungen verfestigt hat. Daher findet man das Leben auch am Morgen genauso vor, wie man es am Abend verlassen hat.

Drüben am Beginn der Fußgängerzone an einem Samstagmorgen. Plötzlich tauchte Lisette aus dem Menschengewühl auf, und für einige Augenblicke wagten wir, Seit an Seit zu gehen, obwohl ihr Mann ebenfalls in der Innenstadt unterwegs sein könnte. Sie hatte dunkle Schatten unter ihren Augen, die Spuren einer schlaflosen Nacht.
„Was ist mit dir?“
„Letzte Nacht im Bett hatte ich mit Alois eine Auseinandersetzung ohne Worte“, sagte sie, und ein bitterer Zug war um ihren Mund. „Für einen Moment wollte ich nachgeben, doch ich konnte mich nicht öffnen.“

Hast du je ein Wort gehört, dass dir einen solchen Schmerz bereitet? Die Stelle in meinem Gehirn, in die sich diese Vorstellung eingebrannt hat, wie gerne hätte ich sie veröden lassen. Damals wollte ich oft nicht mehr in meinem Kopf sein, wollte die zehrende Sehnsucht, die quälenden Verlustängste und Eifersuchtsgefühle nicht mehr haben. Warum, habe ich mich da oft gefragt, warum kann ich beim Erwachen nicht jemand anders sein? Ein Seehund zum Beispiel, der einen bunten Ball auf seiner Schnauze balanciert. Und habe ich meine Sache gut gemacht, wirft man mir vom Beckenrand köstlichen Fisch zu.

Gut, dass mit den Jahren alles versteinert. Seltsam hellsichtig hatte mein junger Freund Herr Leisetöne mir letztens in unserer Hannoveraner Stammkneipe Vogelfrei gesagt, mein Gehirn habe eine kristalline Struktur und deshalb wäre ich nicht mehr so rasch im Denken. Ich hatte das unverschämt gefunden und die Idee weit von mir gewiesen. Obwohl die Vorstellung von einer verzweigten, unermesslichen Höhle mit Hallen voller Erinnerungen aus blitzenden Kristallstufen, in deren Prismen sich die Gedankenfunken tausendfach brechen, so dass sie aufgespalten werden in sich überlagernde Haupt- und Nebenregenbögen, recht artig ist.

Leider musste ich die Schilderung meines wunderbaren kristallinen Gehirns abbrechen, weil ich niemandem einen noch längeren Satz zumuten will, in dem das bedeutungstragende Verb erst ganz am Schluss erscheint, wobei „ist“ ja nur ein Hilfsverb ist und noch dieses Satzadjektiv “artig” braucht. Über Grammatik war ich später mit Leisetöne in Streit geraten, in dessen Verlauf wir uns anschrien. Ich habe das aber genossen, denn ich hatte mich noch nie zuvor mit jemandem wegen Grammatik angeschrien. Es ging um starke und schwache Nerven äh Verben.

Die meisten meiner Kollegen, die sich jetzt da drüben den Dom anschauen, hatten am liebsten über ihre Reisen, ihre Autos oder ihre Kreditkarten gesprochen, wo sie gut gegessen und wo in der Provence sie ein kleines Weingut entdeckt hatten, bei dem sie jetzt immer ihren Wein holen. Anders mein Gastgeber Max. Er ist ein vielseitig interessierter Mann, kompetenter Biologe und leidenschaftlicher Fossiliensammler, hat überall in der Wohnung Vitrinen mit Fossilien aus dem Schwarzwald, die er selbst gefunden und präpariert hat. Am Abend sitzen wir in geselliger Runde inmitten von Millionen Jahren der Erdgeschichte, Max, seine Partnerin Judith und ich. Allein diese launigen Abende rechtfertigen meine lange Reise von Hannover nach Aachen. Von der Rückfahrt gibt es kaum etwas zu berichten, nur, dass ich inzwischen wieder zu Hause bin.
E N D E

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13 Kommentare zu “Bericht von meiner ethnologischen Forschungsreise von Hannover nach Aachen und zurück (Folge 6)

  1. Eines Tages rief mich mein Freund H. an. Er war ziemlich aufgeregt und erzählt mir, dass er sich mit seinem Freund, wegen eines Buches gestritten hat. Der Freund war beim ihm mit seiner Frau zu Besuch. Der Streit hat so geendet, dass der Freund die Nacht im Auto verbrachte. Sie haben sich auch angeschrien. Ich habe ihn getröstet. Am schlimmsten war für meinen Freund H., dass er dem Streitpartner ein Buch von mir ausgeliehen hatte, in dem eine Widmung von mir stand. Er hat gesagt, ich halte das nicht aus, dass er dieses Buch hat. Tatsächlich ist er dann am nächsten Tag zu dem Freund gefahren und das Buch zurückgeholt, ohne sich mit dem Freund zu vertragen.
    Unglaublich was für charakterstarke und sture Menschen es gibt. Mich erinnern die zwei immer an zwei Protagonisten aus dem Zauberberg. Leo Naphta und Settembrini. Naphthas Zorn ging soweit, dass er Settembrini zum Duell herausgefordert hat.
    Soweit ich deinen Weblog bei twoday verfolgt habe, war der Tod deines Freundes ein sehr großer Verlust für dich und er hat eine große Lücke in deinem Leben hinterlassen. Schlimm, sehr schlimm. Wie kann man dich diesbezüglich trösten? Gar nicht, stimmt’s?

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    • So heftig wie in deinem Fall war mein Streit mit Leisetöne nicht. Wir sind weiterhin gute Freunde. Es war ja nichts Persönliches, es ging uns nur um die Sache, die Besonderheiten der deutschen Grammatik. Der Verlust von Thomas, der in meinen Texten Jeremias Coster heißt, besonders in den Papieren des PentAgrion auftaucht als der dubiose Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der RWTH Aachen, dieser Verlust wiegt wirklich schwer, das hast du hellsichtig erkannt. Ich habe etwas von seiner Asche in einem Filmdöschen auf der Kommode stehen und proste ihm manchmal spätabends zu. Vielen Dank für deine Anteilnahme!

      Hier ist er noch lebendig:
      http://trithemius.twoday.net/stories/die-papiere-des-pentagrion-261-grosse-welt-ist-kleine-welt/

      Gefällt 1 Person

    • Vielen Dank! Schreiben hilft sehr bei der Bewältigung. Es lässt einen das Schwere leichter ertragen. Du kennst das sicher auch. Wenn dann auch noch Kunst dabei entsteht, ohne dass man sich ein Ohr abschneiden muss, umso besser 😉

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  2. Pingback: Bericht von meiner ethnologischen Forschungsreise von Hannover nach Aachen und zurück (Folge 5) |

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