Da war – ich bin – du bist! – Neues von der Historischen Avantgarde

Am rechten Gebäudeflügel des Rathauses löst sich gerade eine Hochzeitsgesellschaft auf. Vor mir über einen vom Regen aufgeweichten Weg vorbei am Maschteich stakst eine Frau mit silbernen Pömps durch den Matsch. Ein kleiner Junge, der wie ein mauretanischer Edelknabe verkleidet ist, trippelt an ihrer Seite, kann aber kaum Schritt halten. Sie denkt offenbar nicht daran, ihn unter den Schirm zu nehmen. Ihr Mohr darf ruhig nass werden, ihr roter Fummel jedoch nicht. Ich bedauere, keine Kamera bei mir zu haben, bevor ich realisiere, dass ich doch mit der eierlegenden Wollmilchsau in der Tasche meines Jacketts zumindest ein Bild knipsen könnte.
silberne-schuh
Obwohl die Frau auf ihren silbernen Pömps immer wieder einknickt, ist sie sehr schnell. Und bevor ich die Fotofunktion meines Smartphones gefunden habe, ist sie mir fast davongeeilt und hat ausgerechnet den lästigen Mohr fast abgehängt, so dass er mir ins Bild läuft. Da weiß ich sofort, das Bild ist verunglückt und wenn ich eine Karriere als Fotograf anstreben würde, könnte ich gleich nach Hause gehen.

Wie der Vlaamse Radio- en Televisieomroep (VRT) meldete, brachen in einem Brüsseler Kinocenter Krawalle aus, so dass es geräumt werden musste. Das Kinocenter hatte als Werbeaktion mit einem reduzierten Eintritt von 4 Euro gelockt und damit Tumulte ausgelöst.

Es ist Samstag. Der Erweiterungsbau des Sprengelmuseums Hannover wird eröffnet und der Eintritt ist nicht auf vier Euro reduziert, sondern sogar frei. Aber die steifen Hannoveraner verlieren nicht den Kopf, weil sie ein paar Euro sparen können. Tumulte bleiben aus. Es geht gesittet zu im vollen Eingangsbereich. In der Menge sehe ich meinen Blogfreund Merzmensch sofort. Seinetwegen bin ich hergekommen. Wir kennen uns als Blogger schon gut sieben Jahre, hatten uns vor Jahren schon einmal im Sprengelmuseum getroffen, als der junge Kunstwissenschaftler Merzmensch an einer Tagung über den Hannoveraner Dadaisten Kurt Schwitters teilgenommen hatte. Das Interesse an Kurt Schwitters verbindet uns. Schwittters hatte seine Spielart des Dadaismus Merz genannt, daher der Name Merzmensch. Die linksradikalen Berliner Dadaisten hatten den bürgerlichen Schwitters weitgehend abgelehnt. Dafür unterhielt Kurt Schwitters enge Kontakte zu El Lissizky, einem wichtigen Vertreter der russischen Avantgarde. Die beiden arbeiteten zusammen an der Zeitschrift MERZ.

Mein Freund Merzmensch kommt eigentlich aus Russland, ist aber ein weltgewandter Kosmopolit. Anders als ich ist er bestens ausgerüstet, mit Kamera, Objektivtasche und Laptop. Deshalb kann er über die Eröffnung des Erweiterungsbaus auch kompetenter berichten als ich, nämlich hier in seinem anregenden Wissenschaftsblog

Ich möchte etwas anderes zeigen, und zwar eine kuriose Parallele zwischen einem Video von mir und einem von Merzmensch. Bei 6:21 Minuten ist ein Interview mit einer Dame Pressesprecherin zu sehen, die vor lauter Erzählfreude nicht nur vergisst, was ich sie gefragt habe, sondern ein wenig selbstbezüglich meine Speicherkarte vollquatscht, bis …

Das Ende im Video von Merzmensch ist wie mir scheint, die sympathische Antwort.
Aber beide Videos lohnen sich natürlich, von Anfang an betrachtet zu werden. Viel Vergnügen!

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10 Kommentare zu “Da war – ich bin – du bist! – Neues von der Historischen Avantgarde

  1. Die Belgier, speziell die Brüsseler, haben auch eine andere Tradition, was Krawalle betrifft, die von Kulturveranstaltungen ausgehen. Da ist es besser, zügig beherzt einzugreifen, bevor das wie 1830 nach einer Opernaufführung zu einer Revolution führt. Da ist es doch gut zu wissen, dass in Hannover die lang erwartete Eröffnung eines Museums ganz in Ruhe erfolgen kann. Das entspricht auch deutschen Gepflogenheiten eher, hier kann gern mal etwas eröffnet oder geschlossen werden.
    War es das Kaiserwetter, das zu österreichischen K.- u. K. – Klängen führte? Es entstand innerfamiliärer Erklärungsbedarf, als ich das Video betrachtete. Seit Loriot hat es bei uns nämlich keine Marschmusik gegeben.

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  2. Das stimmt, lieber Trithemius, wir inspirieren einander bewusst, oder auch unbewusst. Ich erinnere mich gut an Videotagebuch, von daher kann alles gut möglich sein 🙂
    Ich fand es interessant, diese Sprinkleranlage, die mit einer deutschen Tüchtigkeit einen Regenbogen zusammenbastelte.

    Ausserdem der lange Schiff erinnert mich an ein Video, dass ich in Rahmen von „Kinokabaret Mainz“ mit einer Gruppe der mir davor unbekannter Leute zusammenbastelte, jeder vor uns war hinter und vor der Kamera. Jetzt scheint das Video amateurhaft gespielt zu sein, aber wir hatten nur 48 Stunden Zeit und wir haben es geschafft, so dass die Uraufführung dieses Films in einem Mainzer Kino stattfand: https://www.youtube.com/watch?v=2DH8KRDv4JA

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    • Dabei habe ich überhaupt noch nicht über unseren inspirierenden Abend bei Kölsch in der Ständigen Vertretung berichtet, mein Lieber. Hinter der Sprinkleranlage musste ich beim Filmen immerzu herkriechen, damit ich und vor allem die Kamera nicht nass wurde. Den schön ergänzenden Zusammenhang mit deinem Video intimacy habe ich nur zufällig entdeckt, aber jetzt endlich mal herausgestellt.
      Euer Film hat mich schon damals begeistert und deshalb gestatte ich mir, ihn auch im Teestübchen zu zeigen:

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  3. Wunderbar! Das Leben ist bunt, die Poesie sowieso, und außerdem habe ich hier nun endlich den „Follow“-Button gefunden. Dein Videotagebuch erinnert mich wieder daran, dass ich mein eigenes Blog gern viel tagebuchmäßiger führen möchte. Vielleicht wird hier die momentan knappe Zeit ja dem Vorsatz aufhelfen. Und … bevor ich es vergesse: Ich finde das Foto richtig gut. Ich mag es. Es muss eine Geschichte dahinter stecken. Ich denke, das wird mich noch ein bisschen beschäftigen.

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    • Freut mich alles. Die Tagebuchform ist als Blog schwer durchzuhalten, weil man doch nicht ausblenden kann, für Leser zu schreiben, und dann kommt wieder dieser Perfektionsdrang in den Weg. Danke für das Lob des Fotos. Es hat tatsächlich seinen Reiz, so verwackelt es ist, weil ich es im raschen Gehen machen musste, und dann war sie schon draußen aus dem Maschpark, was die Überbelichtung erklärt.

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      • Was die Tagebuchform angeht, wollte ich mich immer an den Max-Frisch-Tagebücher orientieren. Die sind eine m.E. sehr gelungene Mischung. Man muss dabei allerdings bedenken, dass für di Veröffentlichung eine Auswahl getroffen wurde – im zeitlichen Abstand. Es ist der zeitliche Abstand, der mir oft fehlt.

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  4. Pingback: Ein blöder Untertitel und was Bestrickendes |

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