Burtscheider Kursplitter XXIII – Spooky

Ich habe mir vorgenommen, nichts mehr über Hautfarben zu sagen, wenn’s nicht erforderlich ist. Doch augenfällig hier und in den Einrichtungen und Kliniken Hannovers ist, dass das Reinigungspersonal aus Schwarzafrika stammt. Einst haben die Europäer Afrikaner versklavt und ihre Bodenschätze gestohlen, jetzt kommen die Urenkel aus den abgewirtschafteten und nach wie vor ausgebeuteten Ländern her und putzen bei uns die Toiletten. Das ist rundum beschämend. Sie putzen unsere Klos, und wir beruhigen das schlechte Gewissen mit Augenwischerei, haben schon die Mohrenköpfe umbenannt und diskutieren über Mohrenapotheken und den Zwarte Piet,

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Eine Frau von der Organisation trifft einen Mann mit Rollator, begrüßt ihn freundlich und fragt:
„Geht’s Ihnen gut?“
„Danke, mir geht es gut. Wenn es noch besser ging, könnte ich es nicht aushalten.“

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Spooky
Beim Pflegestützpunkt wurde ich Zeuge einer Vorahnung. Die Krankenpflegerin fragte mich: „Wie war nochmal ihre Zimmernummer, 732?“
„Nein 632.“
Als ich ging, stand eine weitere Patientin vor der Tür. Die Pflegerin fragte: „Wie ist Ihre Zimmernummer?“
„732“, sagte die Frau.
„Es gibt keine Zufälle“, sagt Kurt Schwitters, „eine Tür kann zufallen, aber es gibt keine Zufälle.“

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Gerade hat mir eine Frau ihre Leidensgeschichte erzählt. Sie hat sich am heißen Tee verbrüht, sieben Wochen auf der Intensivstation gelegen, derweil ist ihr Enkel verstorben, und jetzt ist sie so schwach, dass sie gestützt werden muss. Nachdem der Arzt sie abgeholt hat, sagt ein ebenfalls wartender Patient, sein Rheuma sei schlimmer, denn es gebe keine Heilung, höchstens Linderung. Ich bezweifele, dass sich Leid gegeneinander aufwiegen lässt. Seneca zitiert den antiken Philosophen Bion. Der sage: „Gleich lästig ist es für solche mit Glatze wie für solche mit vollem Schopf, wenn ihnen Haare ausgerissen werden.“ Es hat ja jeder nur das eine kleine Leben.

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Eine schier unendliche Geschichte
Grundsätzlich finde ich, dass das Streikrecht ein hohes Gut ist. Im niederländischen Limburg erlebte ich einst beim Busverkehr einen Streik gegen das Transportunternehmen Venovia. Ich wollte von Aachen nach Maastricht fahren, legte im Bus einen Zehn-Euro-Schein auf den Teller, um einen Fahrschein zu kaufen. Der Busfahrer schob das Geld zurück und sagte: „Behalten Sie Ihr Geld, Mijnheer, wir Busfahrer streiken. Das hat mich so beeindruckt, dass ich diese Szene später eingebaut habe in die hier verlinkte Erzählung. Den Busfahrer lasse ich freilich französisch sprechen.

Lokführer können so fahrgastfreundlich nicht streiken. Wenn sie streiken, gibt es eine Menge Kollateralschäden. Ein Geschädigter bin ich, denn eigentlich sollte ich am 6. mit dem Zug nach Hause fahren. Mein Sohn wollte Sonntag von Leipzig anreisen, bei meiner Tochter, seiner Schwester, übernachten und mich Montag bei der Heimfahrt begleiten. Diese Konstruktion funktioniert nur am Wochenende. Folglich musste ich eine Woche Verlängerung für meine Reha beantragen. Medizinisch zu rechtfertigen ist’s allemal. Denn ich wurde erst letzte Woche erneut operiert. Vielleicht ist es sogar besser, wenn ich noch eine Woche länger auf meine Alltagstauglichkeit hinarbeite. Mit Dank an Herrn Dr. Weselsky. Denn er hat es mir abverlangt.

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Musiktipp
Arcade Fire – Ready to Start

Burtscheid Kursplitter XXII – Bunter Hund

Ob es ein gutes Zeichen ist, dass Physiotherapeutinnen mich kennen, mit denen ich zuvor nichts zu tun gehabt hatte? Man weiß offenbar über meinen Fall Bescheid und nimmt Anteil. In der Cafeteria stehen zwei Frauen zusammen, von denen die eine die Exkollegin meines Kollegen ist, der zuvor an der selben Schule wie sie gewesen war. Sie hat ihr Gepäck bei sich. Ich sage:
„Sie können sich wohl gar nicht von hier trennen?“
„Doch, ich warte, dass mein Mann mich abholt.“
„Dann alles Gute und schönen Urlaub!“, verabschiede ich mich und höre noch, wie die andere Frau fragt: „Ist das der Mann mit der zweiten OP?“

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Als Kurgast der Schwertbadklinik verbringt man viel Zeit in Aufzügen und hat jedesmal den Schriftzug OTIS vor Augen. Die Otis Elevator Company ist der weltweit größte Produzent von Aufzuganlagen. Sie wurde im Jahr 1853 von Elisha Graves Otis in New York gegründet. Otis hatte eine Aufzugbremse erfunden, die verhinderte, dass Aufzüge bei Riss des Zugseils abstürzten. Die kleine mechanische Einrichtung revolutionierte das Bauen auf der ganzen Welt. Erst jetzt baute man Häuser mit mehr als fünf Stockwerken. Bis dahin waren Wohnhäuser auf vier bis fünf Etagen beschränkt gewesen. Die fünfte Etage mit Muskelkraft zu ersteigen, mutete man nur den Dienstboten zu. Zwischen 1880 und 1890 entstanden in Chicago die ersten Wolkenkratzer, Häuser mit mehr als 150 Metern Höhe. Das weltweit höchste Hochhaus, das Burj Khalifa ist 828 Meter hoch und hat 163 benutzbare Stockwerke, dank Elisha Graves Otis, dem Mechanikermeister aus Halifax. Mit seiner kleinen Erfindung hat er der Welt einen gigantischen Stempel aufgedrückt.

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Kunst ist, einen Aushang mit wenigen Pünktchen so zu verbessern, dass ich lachen muss. Mit Dank an den unbekannten Korrektor. Dass von einem Orthographie-Anarchisten vergebene Umlautpünktchen meinen Trübsinn vertreiben können, darf man als Beweis für die Schlichtheit meines Gemüts sehen. (Auf der Herrentoilette der Kurklinik geknippst von JvdL)

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Auch rudimentäres Deutsch kann ausdrucksstark sein. Ein Mann in der Turnhalle wird ermahnt, dass er seine Maske vergessen hat. Er eilt auf sein Zimmer und kommt maskiert zurück. Anschließend entschuldigt er sich wortreich. Ein anderer Mann sagt: „Nicht schlimm. Wenn tot, nichts mehr vergessen.“

Musiktipp
Postmodern Jukebox – All About That Bass

Burtscheider Kursplitter XXI – Vom Trübsinn

Eine Raucherin vor der unteren Schwertbadtür sagt, sie habe gestern ein emotionales Tief gehabt, einen richtigen schwarzen Tag, dabei hatte sie mir am Vortag noch frohgemut zugerufen, ich sähe schon viel besser aus als direkt nach der OP und „Weiter so!“ Jetzt also Trübsinn. Ich hatte eben nach einem treffenden Synonym für emotionales Tief gesucht, und es fiel mir Trübsinn ein. Den habe ich mir offenbar eingefangen. Sie hat ihn weitergegeben wie einen Staffelstab. Bei „emotionales Tief“ wäre ich zurückgeschreckt und hätte „Uiuiui! Nein, danke“ gesagt. Aber das schöne Wort Trübsinn nahm ich an. Mal sehen, wo ich es loswerde.

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Geträumt: Eine kapriziöse Exschülerin, die ich 20 Jahre nicht gesehen habe, taucht auf und umwickelte mein gesundes Bein mit Backpapier. Danach fuhren wir Fahrrad durch hintereinander liegende Räume eines Hauses, weil die Straßen gesperrt waren. Die Tour endete, weil im letzten Raum eine Treppe abgerissen wurde.

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Physiotherapeuten-Weisheit: „Fußballspiel Verlängerung. Die Mannschaft, die miteinander spricht, verliert.“

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Mittwoch vor einer Woche
Um 9 Uhr hatte ich in der Klinik sein müssen, Coronatest und Formalitäten waren rasch erledigt, und dann heißt es warten, warten, warten. Eine Frau in weinroter Steppjacke geht den Gang auf und ab. Unmittelbar vor mir dreht sie um und geht zurück. Ich bin bald genervt und geneigt zu fragen: „Vergeht die Zeit schneller, wenn Sie auf und ab gehen?“ Zum Glück sage ich nichts, denn später ist sie vor mir dran und wird mir wünschen, nicht mehr lange warten zu müssen. Ich bin sowieso abgelenkt. Ein athletischer blonder, junger Mann kommt geschwind auf Krücken den Gang herauf, hat einen verbundenen Fuß in der Luft und setzt die Krücken raumgreifend nach vorn, wodurch er hohes Tempo aufnimmt. Er donnert vorbei. Ich schaue aus dem Fenster, habe den Blick auf eine gepflasterte Straße, die zur Rückfront der Klinik und zur Notaufnahme führt. Auf der Straße geschieht kaum etwas. Ein hellblaues Auto parkt ein, die Fahrerin und eine Frau auf dem Bürgersteig umarmen sich. Plötzlich taucht der Krückenmann auf und stürmt davon, um fünf Minuten später zurückzukehren. Jetzt hat er einen Zettel in der Hand, ist aber kaum langsamer als zuvor.
Später sitze ich mit ihm in einer Wartezone. “Ich habe Sie eben gesehen, wie Sie mit ihren Krücken davongeeilt sind.“
„Ja, ich musste einen neuen Parkschein ziehen,“
Ihm ist die Achillessehne gerissen, erzählt er. Und er habe schon mal Schrauben in einer Platte in der Schulter gehabt. Die hätten sich auch herausgedreht.
Und ich hatte vermutet, ich hätte meinen Bolzen durch Fußdrehübungen herausgedreht. Der menschliche Körper kann so etwas selbsttätig.

Musiktipp
The Thrills – Whatever Happened To Corey Haim?

Burtscheider Kursplitter XX – Pommes Schranke

Während der Kurzzeitpflege und in der Reha plagte und plagt mich ein Hunger nach Pommes. Gestern besuchte ich mit meiner Tochter und dem siebenjährigen Enkel einen Imbiss in der Fußgängerzone. Der Kleine und ich aßen Pommes. Ich sagte ihm, dass die Pommes in seiner Schale „Pommes Schranke“ heißen, wegen der Kombination Rot (Ketchup) und Weiß (Majonäse). Nach kurzer Überlegung gab er ein schönes Beispiel von Lerntransfer: „Wie heißen nochmal die Verkehrshütchen?“
„Die Kegel zum Absperren? Pylonen.“
„Also geht auch ‚Pommes Pylone‘ – oder ‚Pommes Flatterband‘.“

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Ein Jugendfreund erzählte mir, das Schützenfest in seinem Wohnort sei abgesagt gewesen. Es gab nur eine Veranstaltung des Schützenvereins auf dem Friedhof. Dahin habe kommen dürfen, wer eine Einladung hatte. Und ich dachte, auf dem Friedhof lägen nur Menschen ohne Einladung.

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Ein Krankenpfleger der Kurklinik sieht mich mit Unterarm-Gehstützen auf dem Flur. „So kurz nach der OP laufen Sie schon wieder? Sie sind wohl hart im Nehmen.“
Gut, dass es mal einer sagt, freue ich mich. Aber wie alle, die hier umher humpeln, hatte ich keine Wahl. Man muss nehmen, was kommt. Es gibt Momente, da möchte man Urlaub von sich und seinen Problemen, kurz vor und nach einer OP beispielsweise. „Einmal ein anderer sein“, lautet das neue Thema unserer Schreibgruppe. Eine gefährliche Sache, denn welchen Packen der oder die andere zu tragen hat, weiß niemand zuvor. Ich sandte unten stehenden Text aus dem Jahr 2017 ein.

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Einmal ein anderer sein
Jeden Morgen beim Aufwachen staune ich, dass ich noch da bin. Und ich staune auch, dass ich mich exakt in dem Leben wiederfinde, aus dem ich mich am Abend verabschiedet habe, als ich in den Schlaf sank. Nie wird man morgens wach und ist mal ein anderer. Für einen Tag wenigstens könnte man doch aufwachen und zum Beispiel ein Seehund sein, der einen bunten Ball auf der Nase balanciert. Und hätte ich meine Sache gut gemacht, würfe man mir vom Beckenrand köstlichen Fisch zu. Freilich wüsste man nicht, was das Seehund-Ich inzwischen mit dem menschlichen Körper anstellen würde.

Man wird wieder wach im eigenen Körper und hat den Wanst voll Fisch, dass man sich kaum noch bewegen kann. Das wäre übel, denn ich bin Vegetarier. Dann müsste ich einen ganzen Schwall Fisch in die Biotonne würgen. Was sollen die Nachbarn denken? Woher die Schlammkruste an meiner Hose käme, wüsste ich auch nicht. Am Ende würde ich noch ins Polizeipräsidium geladen, weil man mich beschuldigt, im Fluss geangelt zu haben. Ohne Angelschein! Vorsorglich stelle ich mich dumm: „Wer sagt das?“
„Angler haben Sie gesehen, wie Sie am Flussufer gekniet und mit bloßen Händen Fische gefangen haben.“
„Moment! Das ist kein Angeln. Zum Angeln braucht man eine Angelrute.“
„Ach. Wie nennen Sie denn Ihre Methode?“
„Äh, Fischen?“
„Dann haben Sie eben gegen das Fischereirecht verstoßen. Zu ihrem Glück ist das nur eine Ordnungswidrigkeit. Mit 80 Euro sind Sie dabei.“
„80 Euro?! Dieser verfluchte Seehund!“
„Welcher Seehund?“
„Ach, nichts.“
Und ich habe mich so angestrengt mit dem Ball.
[Veröffentlicht auch in Die schönsten Augen nördlich der Alpen]

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Musiktipp
The Mighty Mighty Bosstones – The Impression That I Get

Burtscheider Kursplitter XIX – Zu wenig Fleisch

Eine Ärztin kommt vorbei und grüßt mich mit Namen. Gegenüber sitzt Herr H., ein Physiotherapeut, der mich gerade im Gehen unterwiesen hat, und macht ein Päuschen. Ich sage: „ Wissen Sie, was ein schlechtes Zeichen ist, Herr H.?“
„Nein.“
„Wenn Ärzte und die Mitarbeiter in der Apotheke Sie mit Namen begrüßen.“
„Warum?“
„Weil es zeigt, dass Sie nicht gesund sind.“
Da bricht Herr H. in schallendes Gelächter aus. „Das muss ich mir merken.“

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Wie die Dinge in einer Institution, in einem Unternehmen oder in einer sozialen Gruppe gehandhabt werden, ist ein heimlich bestehender Plan, der unabhängig von den Mitgliedern wirksam ist und auch bei deren sukzessivem Austausch fortbesteht. Dieser Geist existiert als Struktur unabhängig von den handelnden Personen. Wer neu hinzukommt, muss sich anpassen und wird fast nichts an der vorgefundenen Struktur ändern können. Demgemäß ist die Struktur mächtiger als alle Beteiligten, und da wir sie nicht wirklich sehen können, existiert sie über unseren Köpfen. Die Auswirkung einer solchen Struktur beobachte ich auch im Mikrokosmos Speisesaal. Dort gibt es eine Ecke der Großsprecher mit zwei Tischen. Inzwischen sind die alten Platzhalter längst abgereist, aber ihre Nachfolger zeigen das gleiche Verhalten, gebärden sich laut und großspurig. Wer sich freilich nicht über Bayern München, Fußballergagen und Ähnliches unterhalten will oder kann, setzt sich dort nicht hin.

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Gehört, wie eine ältere Frau eine der umhereilenden dienstbaren Geister “Frollein!“ rief. Wie aber sollte sie besser rufen? Früher war manches einfacher.

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Diesen Schriftzug mit einem typografischen Fehler habe ich täglich vor Augen. Er gehört zum Logo der Kurklinik und ist auf allen Schriftstücken und Aushängen zu sehen. Der stört mich ungemein, denn er zeigt, dass der Gestalter des Logos ein Stümper war. Kürzlich war ich froh, dass meine Tochter, eine diplomierte Grafik-Designerin, den Fehler auch auf Anhieb sah. Es geht um den viel zu geringen Abstand zwischen I und F. Wie kam es dazu?

Original-Logo

Der Abstand zwischen allen Buchstaben des Logos ist rechnerisch gleich. Beim Zusammentreffen der Buchstaben V I A L IF E entstehen ungewollte optische Lücken. Das tritt auch auf bei Kombinationen von A V, A O, T A. Dieser Eindruck entsteht durch den Leerraum seitlich der Buchstaben, in der Typographie „Fleisch“ genannt. Buchstaben mit wenig Fleisch scheinen näher zusammen zu stehen. Beim Logo bilden I und F eine ungewollte Einheit. Im Computersatz lässt sich das ganz einfach ausgleichen. Man muss freilich den Sachverhalt kennen.

Von mir korrigierte, optisch ausgewogene Zeile


Wer mehr über das Thema wissen will: Teppichhaus Trithemius, Typopgraphischer Lehrbrief: Vom Fleisch der Buchstaben.

Musiktipp
Royal Blood – Figure It Out

Bequem über die Eselsbrücke – Merksätze

Besuch von einem jungen Paar. Die junge Frau wollte ein Foto von uns in einem Burtscheider Lokal machen. „Vordergrund macht Bild gesund!“, sagte ich und bat sie die auf dem Tisch vor uns stehende Vase inklusiv einer rosafarbenen Nelke mit ins Bild zu nehmen. Diesen Merkspruch hörte ich von meinem Schwiegersohn, einem professionellen Kameramann. Natürlich ist der Spruch metaphorisch zu verstehen. Merksprüche dürfen nicht wörtlich genommen werden. Einfachheit und Kuriosität garantieren, dass sie sich einprägen.

Ein Merkspruch aus meinem Text von gestern:
– Der Gute [Fuß] geht zum Himmel, der Böse in die Hölle.
(Pflegliches Treppensteigen nach Verletzung);

– Vordergrund macht Bild gesund (Gute Bildkomposition);

– Trenne nie st, denn es tut ihm weh. (Überkommene Orthographie-Trennregel);

– Wer nämlich mit „h“ schreibt ist dämlich. (Orthographie, Nachweis Mijonisreise)

– Schau links, schau rechts, schau gradeaus: dann kommst du sicher gut nach Haus. (Merksatz für Kinder, bevor sie eine Straße überqueren. Nachweis noemix)

– Rot und Blau schmückt die Sau (Primärfarben, die gut zusammen passen, gehört von einem Kunstdozenten);

– Gar nicht schreibst du gar nicht zusammen; (Orthographieregel, Nachweis Karfunkelfee);

– Wer brauchen nicht mit „zu“ gebraucht, braucht brauchen gar nicht zu gebrauchen; (Stilregel, Nachweis Karfunkelfee);

– Wein auf Bier, das rat‘ ich dir, Bier auf Wein, das lasse sein. (sozialer Aufstieg, sozialer Abstieg, Nachweis Myriade / freiedenkerin);

– Eichen sollst du weichen, Buchen sollst du suchen (Bei Gewitter, nicht befolgen, weil falsch! Nachweis frauhemingunterwegs);

– Der Bauch von Rex der ist konvex (und der Bauch vom Schaf der ist konkav (Unterscheidung von Wölbungen bei räumlichen Flächen. Nachweis Feldlilie);

– 333 bei Issos Keilerei;
– 123 Rom schlüpft aus dem Ei (Geschichtliche Jahresdaten, Nachweise Feldlilie);

– Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten. (Anfangsbuchstaben sind die der PLaneten Merkur Venus Erde Mars Jupiter Saturn Uranus Neptun Pluto, Nachweis Feldlilie);

– Erst das Wasser, dann die Säure, sonst geschieht das Ungeheure (Chemie, Gefahrenvermeidung bei der Verdünnung, Nachweis socopuk);

– Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht.(moralisierender Merkvers, der zur Wahrheit verplichten soll. Nachweis tindernes)

– …
Wer kennt vergleichbare Merksätze? (Bitte mit Anwendungsbereich)

Burtscheider Kursplitter XVIII – Schlimmer geht immer

Vor den Aufzügen wartend sagt die etwa 60-jährige Frau mit Unterarmgehstützen: „Ich nehme die Treppe; ich bin gerade im Flow:“ Gehbehindert sein im Jahr 2021. Unsere Großeltern hätten nicht gewusst, was gemeint ist.

Zounds! Im Flow bin ich gar nicht. Mir ist der Erzählfaden gerissen. Ich will mich erst einmal rasieren.

*
Je simpler Merksätze sind, desto einprägsamer. In der physiotherapeutischen Gangschule übte ich erneut Treppauf und -abstieg, diesmal mit einem Merksatz. „Der Gute geht zum Himmel, der Böse in die Hölle.“ Will sagen, dass der gesunde Fuß die Stufen aufwärts, der wehe Fuß die Stufen abwärts nimmt. Ich hatte das zuvor schon gelernt, doch konnte es erst jetzt sicher behalten.

*
Am Frühstückstisch saß ich zusammen mit einer Frau mit einem kugelrunden Bauch als wäre sie schwanger. Sie war eigentlich fertig mit ihrem Frühstück. Doch sie wollte „noch sacken lassen.“ Dabei beobachtete sie, dass ich mir ein Brötchen auf eine Weise zurecht mache, für die die Schwäbin mich verlacht, weil sie das zuvor noch bei niemanden gesehen hätte. Ich lege auf eine Brötchenhälfte zwei Scheiben Käse und deckele das mit einer Scheibe Schwarzbrot. „Wissen Sie, wie das heißt, was Sie da essen?“
„Nein.“
„In Aachen heißt das ‚Frauenbrötchen‘. Das essen die Frauen, damit sie auf’s Klo gehen können. Dann brauchen die kein Abführmittel.“
„Interessant, ‚Frauenbrötchen‘ habe ich nie gehört.“
Jetzt ist der Damm gebrochen. Ein Redeschwall ergießt sich, und ich sitze ungeschützt in der Flutzone. „Aachener essen auch Rosinenbrötchen mit Leberwurst. Ich war mal in Frankfurt zu Besuch. Da gab es Rosinenbrötchen. Ich habe Leberwurst drauf geschmiert, da sind denen fast die Augen aus dem Kopf gefallen.“
„Könnt mir nicht passieren. Ich bin Vegetarier.“
„Damit habe ich kein Problem.“
Es ging noch um ihre Hühner, aber das zu erzählen, bin ich grad zu müd‘.

*
Im Marienhospital in Burtscheid sind zwei meiner Kinder geboren. Am vergangenen Mittwoch fuhr ich dort ein zu einer einer neuerlichen OP, die ich übrigens gut hinter mir habe. Leider hat sich diese Klinik in kirchlicher Trägerschaft in den Jahrzehnten zum Massenbetrieb entwickelt. Gewaltig auch der Verwaltungsaufwand. Die Dame in der Patientenaufnahme hatte einen Bogen voller Aufkleber mit meinen Daten und klebte sie in Windeseile auf unzählige bedruckte Blätter. Trotzdem schien in dieser Organisation nicht jede(r) zu wissen, was zu tun ist. Eine Schmerzberaterin kam zu mir, als ich am dritten Tag schon im Aufbruch war. Freilich war ich auch schwer zu finden. Weil kein Platz war, lag ich auf der Frauenstation. Passt für einen, der Frauenbrötchen isst.

*

Dr. Coolman
„Wieso hat das denn so stark geblutet?“, fragte ich den Chirurgen bei der Visite.
„Weil ich da reingeschnitten hab‘.“
Ich ersparte ihm den Hinweis, dass meine OP-Narben bei seinem Kollegen in Hannover fast nicht geblutet hatten. Nicht jeder ist ein Feinwerker. Und als Patient ist man ja dankbar, wenn’s gut gegangen ist.

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Musiktipp
Rammstein – Mutter performed live by russian children

Burtscheider Kursplitter XVII- Über Zungen

„Ich bin entsetzt!“, sagt meine liebste Therapeutin, die ranke blonde Frau aus Bulgarien über mein Problem mit dem herausdrehenden Bolzen, der eine OP im nahen Marienhospital nötig macht. Sie spricht perfekt Deutsch, doch ihr Akzent ist unverkennbar. „Wie auch immer“ klingt bei ihr „wie auch chimmer.“ Es ist ein faszinierend Ding, wie die Sprechwerkzeuge des Menschen muttersprachlich geformt werden, so dass sie sich kaum verändern lassen. Vor zehn Jahren erlebte ich einen chinesischen Germanisten. Da ich heute nicht wirklich den Kopf frei habe, zitiere ich einen Text vom 30. Juni 2011 aus dem Teppichhaus (nicht Teestübchen) Trithemius über den erstaunlichen Professor Dr. Li.

    Prof. Dr. phil. habil. Wenchao Li ist Leibniz-Stiftungsprofessor an der Leibniz Universität Hannover. Er ist aber auch Ehrendirektor der Leibniz-Forschungsstelle der Universität Wuhan in China. Da muss es also noch mehr chinesische Germanisten geben. Unglaublich. Aber in so einem großen Land können nicht nur Reissäcke umfallen, es kann auch passieren, dass hie und dort ein Chinese aufwächst und aus irgendwelchen Gründen sich für die deutsche Sprache, Literatur, Philosophie und Geisteskultur begeistert. Eigentlich habe ich selten jemanden erlebt, der so begeistert wirkt von seinem Fach wie Dr. Li.

    Sein Deutsch ist grammatisch perfekt und so geläufig, wie es nur sein kann. Trotzdem verstehe ich ihn schlecht, wenn er unten im Hörsaal steht und den Dozenten der Vorlesung vorstellt. Seine Sprechwerkzeuge sind nicht für deutsche Laute gemacht, so wie meine nicht für Kantonesisch. Aber auch das gehört zu dem Gesamtkunstwerk, das ich in den letzten Wochen mittwochs genießen darf. Mein junger Freund Leistöne ist Literaturstudent und schleppt mich manchmal mit zu einer Ringvorlesung.

    Beeindruckend ist die Freundlichkeit, mit der Dr. Li die jeweiligen Dozenten vorstellt und ihre Bedeutung für die Wissenschaft heraushebt. Im Hörsaal sitzen nur wenige Studenten. Die meisten sind Fachkollegen, die die Bedeutung zu würdigen wissen. Wer sich täglich mit weltbewegenden Fragen beschäftigt, mit der lauten und zuweilen schrillen, uneigentlichen medialen Gegenwart, der findet hier die Gegenwelt, ein Universum des Wissens über kleine Aspekte vergangener Literatur und Geistesgeschichte. Da wird akribisch jeder Brief der alten Dichter und Denker ausgewertet, interpretiert und in Zusammenhänge gestellt, neue, bislang unbeachtete Bezüge tun sich auf, werden diskutiert und gewichtet.

    Was aus der Ferne belanglos erscheinen mag, zeigt sich aus der Nähe als das brennende Interesse am Authentischen. Es geht um Hingabe und mithin um Lebenskunst. Aber diese Lebenskunst ist nicht elitär, denn die Tür zum prachtvollen Universitätsgebäude und darin zum wunderschönen alten Hörsaal steht jedem offen. Es ist ein Genuss, in diesen dunkel gebeizten Bänken zu sitzen, den Pultdeckel herunterzuklappen und gut aufzumerken, um den lächelnden Dr. Li zu verstehen, wie er sich vor Begeisterung in seinem geistigen Universum zu verlieren droht, bevor er dem hoch gelobten Dozenten die Bühne freigibt. Dann die Spannung, was der Dozent vortragen wird und vor allem wie? Dass der Schleimer aus dem Kundenlautsprecher im Supermarkt besser, sauberer und eindrucksvoller über das Erbsenkonservensparangebot spricht als ein Wissenschaftler über die Herausbildung des deutschen Kulturbewusstseins, ist surreal, aber auch bezeichnend für den geistigen Zustand unserer Gesellschaft.

Soweit mein Versuch, auf andere Gedanken zu kommen. Am Montag rücke ich in die Klinik ein und hoffe, dass der minimalinvasive Eingriff rasch gemacht und überwunden ist. Meine Therapeut*Innen erwarten mich zurück, und ich möchte nicht die Kraft verlieren, die ich in den vergangenen Wochen aufgebaut habe. Ich wollte mal für kurze Zeit zur Kur in die alte Heimat zurück. Jetzt bekomme ich sie bis zum Überdruss. Eventuell gelingt es mir danach, Hannover endlich als Heimat zu akzeptieren, wenn auch meine rheinische Zunge das Gegenteil vermuten lässt.

Musiktipp
dEUS
Eternal Woman

Burtscheider Kursplitter XVI – Pech

Seit ich den Greifarm besitze, hebe ich alles auf, was mir zu Boden gefallen ist. Mein Zimmer wäre ja immer sauber, sagt die afrikanische Reinigungskraft. Ich hatte sie gefragt, wieviel Zeit sie zur Zimmerreinigung benötigen darf. Bei mir gehe es schnell. Aber manche Zimmer seien „immer sehr schmutzig.“ Seither frage ich mich, wie man ein Zimmer innerhalb eines Tages „sehr schmutzig“ machen kann. Halten die sich Haustiere, etwa Ziegen oder Hühner? Mein größtes Problem ist, Ordnung zu halten, besonders bei Papieren. Jede Ärztin, jeder Arzt, die / der mir aus der Ferne schon mal zugewinkt hat, schrieb mir nämlich eine Rechnung. Doch folgende von mir bedichtete Geschichte ist gewiss frei erfunden:

    Der Internist an der Supermarktkasse
    Ein Mann wollt‘ seinen Magen retten.
    Der Arzt empfahl dem Mann Tabletten.
    Die Zeit vergeht, nach Wochenfristen,
    sieht unser Mann den Internisten.
    Sie steh’n in Kassenschlangen an.
    Der Arzt, der winkt dem kranken Mann.
    Und ruft: „Wie helfen meine Pillen?“
    „Sie helfen gut, tun Schmerzen stillen.“
    „Dann nimm sie weiter, guter Mann,
    auf Wiedersehn, ich bin jetzt dran.“
    Und wieder gehen Tag‘ ins Land.
    Des Mannes Frau nimmt Post zur Hand.
    „Jetzt sag einmal, was muss ich lesen,
    du bist erneut beim Arzt gewesen?
    Der Mann verneint und findet’s rar.
    Der Arzt berechnet Honorar.

*
Heute humpelte ich auf eine offene Aufzugtür zu. Eine ältere Patientin fuhr mit der Hand durch die Lichtschranke, damit ich einsteigen konnte, bevor die Tür sich zuschob. „Müssen Sie auch nach unten auf die 3?“, fragte sie.
„Genau. Nach Kuba fährt der Aufzug leider nicht.“
„Kommen Sie aus Kuba?“
„Nein, ich hab´ nur Spaß gemacht.“
Ich hatte eine ulkige Szene vor Augen aus der Zeit, als Aufzüge noch Liftboys hatten. Da highjacked jemand einen Aufzug, hält dem Liftboy einen Schießprügel an den Kopf und befiehlt: „Fahren Sie mich nach Kuba!“

*
Schlechte Nachrichten für mich nach einer Röntgenaufnahme. Einer der beiden unteren Bolzen, die den Nagel im Bein stabilisieren sollen, hat sich herausgedreht. Eine weitere OP ist fällig. Kein Ende meines Leidenswegs in Sicht. Ich kämpfe gegen Schatten. Dazu passt mein …

Musiktipp
Apocalyptica
Path

Burtscheider Kursplitter XV – Der Weg der Fußlahmen

Ich leide am unüberwindlichen Widerwillen, zur Mittagszeit mit „Mahlzeit!“ zu grüßen. „Mahlzeit!“ will mir einfach nicht über die Lippen. Auch die ironische Wendung „Na, dann prost Mahlzeit“ gehört nicht zu meinem aktiven Wortschatz. In der Klinik ist „Mahlzeit“ üblich. Wer den Speisesaal betritt, muss „Mahlzeit“ sagen oder wird gnadenlos mit „Mahlzeit!“ begrüßt. Warum bin ich nur so verstockt? Mir scheint, „Mahlzeit“ gehört zur Prollkultur wie das „Manni“ – Schild hinter der Windschutzscheibe eines Trucks oder „Das perfekte Promi Dinner.“ In einer besseren Welt, würden Logopäden solchen wie mir „Mahlzeit“-Kurse geben. In einer noch besseren Welt wäre „Mahlzeit“ schlicht unbekannt.

Es ist nicht wahr, dass ich neuen Grußsitten nicht aufgeschlossen wäre. In der Kur am Starnberger See habe ich sogar „Grüß Gott“ und Schlimmeres sagen gelernt. Als ich beispielsweise am Samstagmorgen den Waschraum aufsuchen wollte, da habe ich vor der Tür tief Luft geholt, bin eingetreten und habe ein forsches „Servus“ in die Runde der waschenden Bayern beiderlei Geschlechts geschmettert. Mein „Servus!“ muss ziemlich überzeugend geklungen haben, hatte sich buchstäblich gewaschen, weil nämlich einer sagte: „Oha! Do kimmt dea Chef!“

Ein Chef bin ich leider ganz und gar nicht, sondern Patient. Das bedeutet, dass jeder in mich hineinpieksen kann, mir Blut abnehmen, mich hierhin oder dahin beordern, und wenn man will, werde ich so lange durch die diagnostische Mühle gedreht, bis noch etwas gefunden wird, was mich zum Dauerpatienten macht. Darum fällt mir immer wieder ein, wie Ambrose Bierce das Wort Diagnose erklärt:

    „Diagnose, die – Ärztliche Kunst; besteht darin, den Gesundheitszustand der Börse eines Patienten festzustellen, um zu wissen, wie krank man ihn machen darf.“ (aus: Des Teufels Wörterbuch)

Heute Morgen war ich zwischen sieben und acht Uhr zur Blutabnahme bestellt. Da saßen schon ein Dutzend andere, die noch früher als ich gekommen waren. Dabei war ich um 5 Uhr aufgestanden, um nicht in Zeitnot zu geraten. Pro Patient dauerte die Prozedur fünf bis acht Minuten, weil man einerseits einen Raum möglich weit vom Wartebereich gewählt hatte, so dass der Weg hin und zurück schon mindestens zwei Minuten kostete. Zudem gibt es Patienten, bei denen das Blut nicht fließt, wie ich bei meinem Vorgänger sah. Dreimal musste die Pflegekraft stechen, um einen ergiebigen Blutstrom zu finden. Trotzdem dauerte es quälend lange, bis er das popels Röhrchen voll geblutet hatte. Jedenfalls kam ich zu spät zum Frühstück und musste mich vor den Tisch abräumenden Damen noch rechtfertigen. Den Tag über humpelte ich der Zeit hinterher.

Bei der klassischen Massage unterhielt ich mich so angeregt mit der Therapeutin, einer schönen Bulgarin mit weichem Akzent, über ihr Radsporthobby, dass sie vergaß, mich rechtzeitig freizugeben. Derweil sie immer weiter massierte, verpasste ich die mechanische Lymphdrainage. Als sie mir erzählte, sie habe bei einer Radtour durch die Eifel in einem versteckten Tal den kleinen Ort Simonskall entdeckt, ging mir das Herz auf.
„Da bin ich manchmal durchgefahren, als ich noch jung und knackig war.“
„Sie sind doch immer noch knackig“, meinte sie. O wie schön! Dafür lasse ich gern jede Lymphdrainge sausen, ob manuell oder maschinell.

Musiktipp
Russian Rammstein
Du riechst so gut