Der Berufstourist und die Frau mit den Bandscheiben – Wahrer Bericht von einer Forschungsreise

Hätte er einen Globus und wäre darauf jedes Land, das er bereits besucht hat, rot eingefärbt, dann gäbe es kaum noch andere Farben als Rot, also nur wenig von ihm unberührtes Land. Sein exzessiver Tourismus hat über die umweltschädliche Komponente hinaus eine sozial extrem schädliche Seite, ausufernde Erlebnisberichte, mit denen er jedes Gespräch unterdrückt, ja unmöglich macht. Am Ende der Tischreihe waren gut sechs Personen gezwungen, ihm zuzuhören. Selten wagte jemand anderes, das Wort zu ergreifen. Es gab aber auch kaum Gelegenheit dazu. Man musste brutal in eine Atempause hineingrätschen, was ja immer den Charakter eines Gewaltakts hat. Was derweil im Kopf dieses Berufstouristen vorging, wäre zu erwägen. Gab es eine bewusste Meta-Instanz in seinem Kopf? Dachte er auch nur einen Augenblick darüber nach, wie verheerend seine Agieren für die Gesprächskultur war? Vermutlich nicht. Auf die Frage, ob er in letzter Zeit so etwas wie Flugscham empfunden hatte, sagte er ohne nachzudenken: „Nö.“

Es musste also eine unbewusste Meta-Instanz geben, eine, die ihm Sinnfragen ersparte, ja, sogar brutal unterdrückte, was Zweifel hervorrufen könnte. Seine erzwungenen Zuhörer waren ihm nichts als blanke Gesichtsflächen für seine Projektionen. So erstaunte er beim Händeschütteln zum Abschied mit der Aussage: „Schön, dich nochmal gesehen zu haben.“ Was bedeutete das? Etwa: “Schön noch einmal uneingeladen auf deiner inneren Bühne getanzt zu haben?“ Ein Kollege sagte später, es erstaune ihn das Selbstbewusstsein, mit der der Berufstourist seine banalsten Erlebnisse raumgreifend vortrug. Aber geht es hier nicht weniger um Selbstbewusstsein als um einen psychischen Defekt? Da er doch alles andere ist als sich selbst bewusst. Glaubt der Mann tatsächlich, man reise von überall her heran, um seine Berichte zu hören? Nein. Er denkt nicht darüber nach, ergreift nur die Gelegenheit, seiner inneren Leere zu entkommen. Nicht einmal das käme ihm nah. Warum innere Leere?, würde er denken. Ich bin doch randvoll mit Erlebnissen. Aber die Einsicht fehlt. Es fehlt das geistige Durchdringen. Er ist nur ein Depp mit einem vollgestempelten Reisepass.

Einer wie er müsste schreiben, müsste schreibend eine Schar imaginäre Leserinnen vor Augen haben und könnte sich dann in aller Ruhe ausbreiten. Schon als wir noch Kollegen waren, bin ich nach allen Ferien vor ihm geflohen. Einmal erwischte er mich doch. Als er anhub zu erzählen, sagte ich: „Schreib das bitte für unser Jahrbuch auf!“ Das tat er auch, und es waren wirklich zwei schöne Reiseberichte. Einer ging über die Mönchsrepublik Athos,eine Halbinsel, auf der keine Frauen geduldet sind, auch keine weiblichen Haustiere. Der andere hieß: „Stirb nie in Surigao!“, was ich nicht im Traum vorhatte und tunlichst auch an anderen Orten vermeiden werde.

In Duisburg besteigt eine voluminöse Dame den ICE und nimmt schnaufend den Sitz hinter mir ein, wozu sie ihre Nachbarin erst hochscheuchen muss, um auf ihren reservierten Fensterplatz zu gelangen. Dann schimpft sie los, weil es ihr nicht gelingt, den Sitz nach hinten zu kippen: „Ich kann unmöglich so sitzen – mit meiner Hüfte, den Bandscheiben und meinem Rücken.“ Ich bin schon genervt. „Die Bandscheiben habe ich ja von meiner Mutter bekommen.“ Gewiss als Weihnachtsgeschenk, ach nein, sie sind ererbt. Bald unterbreitet sie der wildfremden Frau neben sich die gesundheitlichen Probleme ihrer 84-jährigen Mutter. Ich schätze mich glücklich, daran partizipieren zu dürfen. Als sie zwischendurch mitteilt, ihr Mann habe sich nach 38 Ehejahren von ihr scheiden lassen, frage ich mich, warum so spät? Ihre ausführlichen Einlassungen über Art und Konsistenz von Brötchen und welchen Belag sie zu gewissen Tageszeitungen bevorzuge und vehement ablehne, wären für mich ein Grund, eine Stinkbombe zu zünden und mich aus dem Staub zu machen. Leider habe ich keine bei mir und weiß auch nicht, ob ich woanders einen freien Fensterplatz finde. Also muss ich mich fügen. Derweil telefoniert sie ungerührt mit ihrer Schwiegertochter, wo sie zu Besuch gewesen war, obwohl der Wagon ein ausgewiesener Ruhebereich ist. Es geht um Enkelin Carolina. „Hat Carolina noch lange geweint, als ich weg war?“
„Nein, es ging gleich in fröhliches Lachen über, als du um die Ecke warst.“

An der unreflektierten Selbstbezüglichkeit und der viel zu höflichen Duldung wird diese Welt zugrunde gehen.

Wurm, Huhn und gute Eier

Der Mensch kann sich nur etwa eine Strecke von 50 Kilometern räumlich vorstellen. Es entspricht einem Tagesmarsch. 58 Kilometer war unsere Radtour nördlich von Aachen lang. Man kann sie sich also in etwa vorstellen. Wolf und ich schlängelten uns zuerst auf Nebenwegen bis Herzogenrath. Wir fuhren auch durch den kleinen Ort Wildnis. Es ist eigentlich nur ein Weiler, direkt an der Bahnlinie der Nederlandse Spoorwegen Richtung Heerlen. Wir sind nämlich fast ständig dem Grenzverlauf zwischen Deutschland und den Niederlanden gefolgt. Wildnis hätte ich gern als Postadresse. Nur wohnen will ich leider nicht dort. Doch aus Wildnis heraus ist es schön. Eine schmale Straße stößt steil aus dem Wurmtal hoch, durch die Reste des Auwaldes hindurch. Der Boden ist kiesig, weshalb wir auch während des Anstiegs das Förderband einer Kiesgrube hörten. Weiterlesen

Föppes, Pierro und ich – oder: Vakantie, vakantie – Treppe zur Selbstbestimmung

Gut 45 Jahre zurück, Föppes, Pierro und ich, wir stehen auf dem Bahnsteig unseres Dorfes und warten auf den Zug. Man erreicht den Bahnsteig durch einen hässlichen Tunnel. Dort sah ich damals mein bis heute liebstes Graffito. Rechts an der Wand der Bahnsteigtreppe, entlang der ersten Stufen, genau in Augenhöhe, stand in weißer Schrift auf grauem Putz: „Arbeiter, nutze deine Aufstiegschance!“
Über den Spruch des unbekannten kritischen Poeten kann ich heute noch lachen. Er trifft die Realität auf herzlich boshafte Weise, denn er ist zugleich Verhöhnung, bittere Einsicht und Aufforderung.

Es fühlt sich nicht gut an, wenn du Arbeiter bist und an einem grauen Morgen diesen Aufstieg nimmst. Unterm Arm hast du eine braune Ledertasche, und darin liegt kein Marschallstab, in deiner Tasche stehen ein Henkelmann und eine Thermosflasche. Oben stehst auch du, mitten unter anderen grauen Gestalten. Ihr verkriecht euch in eure Jacken und seid maulfaul. Denn was habt ihr schon zu sagen? Was ihr denkt, ist ohne Belang. Und hier an diesem frühen kalten Morgen, du warst noch schlafwarm als du aus dem Hause gegangen bist, da wird dir die Wärme entzogen, förmlich ausgesaugt vom Morgenwind. Da zeigt sich dir deine Ohnmacht in ihrer Gänze. Du bist verfügt, andere befinden über dich, und es sind viele: dein Geselle, dein Meister, der Betriebsleiter, der Geschäftsführer, die Gesellschafter und Kapitaleigner, Gewerkschaftler, Politiker. Nur den unteren Vertretern dieser Hierarchie, die sich vor dir auftürmt bis in die Wolken über deinem Kopf, nur den Geringsten von ihnen bist du je begegnet. Die weiter oben thronen kennen dich ebenfalls nicht. Wie sollten sie auch, du bist aus ihrer Sicht viel zu klein.

Du kannst dich mit deinem Los bescheiden. Dann wird das Graffito am Treppenaufgang mit den Jahren immer bitterer für dich. Falls du Chancen hattest, tatsächlich aufzusteigen, dann hast du sie übersehen. Du bist erst später darauf gekommen, was du hättest tun sollen mit deinem Leben. Jetzt hast du keine Wahl mehr, denn du steckst über und über in Zwängen. Das ist gruselig, aber zum Glück gewöhnt sich der Mensch an fast alles.

Wer genug Kraft in sich spürt, wer sich reckt und der Kälte auf dem Bahnsteig Widerstand leistet, der wird sich nach Chancen umsehen, gesellschaftlich aufzusteigen. Das ist dann so, als hätte man dir statt Thermoskanne und Henkelmann bleierne Buchbindergewichte in deine Arbeitertasche gelegt. Eventuell hast du einen langen Atem und kämpfst beharrlich. Dann werden sich auch Glücksfälle für dich ergeben. Je mehr du dich ausbreitest, desto leichter können sich die Umstände zu deinen Gunsten fügen. So schaffst du Platz für dich, und das ist gewiss besser als die tägliche Müh, sich trotz enger Zwänge zu bewegen.

Ach, ich bin ganz vom Thema abgekommen. Wir stehen auf dem Bahnsteig, Föppes, Pierro und ich, wir frieren nicht, denn es ist ein heller Sommermorgen, neun Uhr zehn. Gleich kommt unser Zug, der Nahschnellverkehrszug von Köln nach Roermond. Da werden wir umsteigen in den Zug nach Amsterdam. „Ben jullie op vakantie?“, werden uns einige Mädchen fragen. Und keiner von uns weiß, was „vakantie“ verflixt noch mal bedeutet. Pierro hat Ferien, Föppes und ich, wir haben drei Wochen Urlaub, da will man sich doch keinen Kopp über „vakantie“ machen. Auf dem Bahnsteig unseres Dorfes wissen wir natürlich noch nichts davon. Wir sind einfach nur guter Dinge, hampeln ein bisschen herum und lachen.

Da steht auch ein Alter, schon ausgemustert, und der wird langsam verdrießlich. Er quatscht uns rein und beschwert sich über die Jugend. Auf die „Hippies!”, schimpft er, auf “die Studentens” und auf uns „Gammlers!“ Zum Glück kommt sein Zug und nimmt ihn mit Richtung Köln. Er hat uns mit dem überflüssigen Plural-s ein herrliches Sprachspiel hinterlassen: „Arbeiters nutzt eure Aufstiegschancen!“ Machen wir bald. Aber zuerst besuchen wir „die Holländers“ und „besonders die Mädchens“. Da lernen wir, dass „vakantie“ „Ferien“ heißt und überhaupt, dass es Spaß macht, Niederländisch zu sprechen. „Der Esel kommt mir vor wie ein Pferd ins Holländische übersetzt“, sagt Lichtenberg. Vielleicht sah das Niederländische aus dem fernen Göttingen tatsächlich so aus. Für uns war die Sprache die Musik unserer Ferien. Und wir gaben uns redliche Mühe, sie nach Noten zu singen, wie sie von den Mädchen vorgesungen wurden.

Kapitaleigner, Finanzjongleure und Wirtschaftskriminelle haben sich im Olymp zu unsern Köpfen ganz nach oben gearbeitet. Ihr Gewicht drückt alles nieder. Das fühlen besonders stark die grauen Gestalten, frühmorgens auf den Bahnsteigen. Doch am stärksten fühlen es jene, die keinen guten Grund mehr haben, überhaupt noch aufzustehen. Alle sind die Opfer von „Bezitters“, „Kassiers“ und „Gangsters“. Diese Halbgötter, die den Himmel okkupiert haben, können sich wer weiß was dünken. In Wahrheit sind sie nur Ezeldrijvers, ins Holländische übersetzte Herrenreiter.

Föppes, Pierro und ich, wir hatten keine Ahnung davon, wie einfach es einmal sein würde, sich Bildung zu verschaffen, und zwar außerhalb von Schule und Hochschule. Wer sich heute bilden will, muss nicht mal verreisen, sondern verfügt über ein unerschöpfliches Angebot per Bibliothek und Internet. Denn es geht bei der Bildung nicht allein um berufliche Zwecke, sondern vor allem um Vakantie, Ferien von der Fremdbestimmung, also wesentlich darum, kein Esel mehr zu sein. Dem solcherart frei Gebildeten können die Diener der Herrschenden nicht mehr das Blaue vom Himmel erzählen. Man hat längst selbst nachgesehen und weiß, dass auch im Olymp mit Wasser gekocht wird. Und man hat erkannt, dass die Halbgötter sich schlimmer gebärden als eine Horde Barbaren und längst ihr Recht verwirkt haben, über das Leben der auf den Bahnsteigen zu bestimmen.

Kaiserroute (4) – La Ola vor Paderborn

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4.Tag
Schönes Scheitern

Gegen vier Uhr in der Früh, wurde ich wach. Klar, die Freinacht zum ersten Mai, das Aufregende dieser Nacht habe ich seit den Jugendtagen in mir. Ich war jedoch nicht beschossen worden, sondern aus Berlin war mir in den frühen Nachtstunden eine schöne SMS zugeflogen.

Das Frühstück im Restaurant der zauberischen Frau: Alle anderen Gäste wurden in einen kleinen Frühstücksraum gebeten. Doch Wim und ich, wir hatten den Präsidententisch im Restaurant, denn die Tische an der langen Fensterfront standen erhöht auf einem Podest. Wir konnten nach Belieben hinaus auf die Terrasse und in den Garten schauen. Im frischen Grün des ersten Mais blitzte unter der Morgensonne eine weiß lackierte Pergola, zwischen dem lichten Laubwerk der Sträucher lockte ein blauer Himmel, ein wahrhaft ein angemessener Ausblick für uns beide am Präsidententisch. Ab und zu schlurfte ein Hotelgast herein und weiter durch, und ich hörte mit gewisser Freude, dass es ziemlich laut im Frühstücksraum wurde. Ein fernes Raunen und Plappern. Es war uns die Begleitmusik für unser gesundes Frühstück von der erhöhten Warte.

Die Wirtin sah ich kaum noch, konnte ihr nicht einmal danken, als wir aufbrachen. Deshalb also werden Ihre Wohltaten hier gewürdigt.

Entweder gibt es in dieser Gegend keine mannbaren jungen Frauen oder es ist hier nicht Sitte, Maibäume zu setzen. Jedenfalls sah ich keine. Doch mit den Stunden auf dem schönen Ruhrtalweg, begegneten uns immer häufiger kleine Gruppen von Jugendlichen. Sie zogen jeweils einen Bollerwagen hinter sich, der mit Bier, Grillkohle und Grillgut beladen war. W. dachte zuerst, man habe wohl die Termine verwechselt und begehe am ersten Mai den Vatertagsbrauch. Die Theorie war plausibel, denn die Events des Jahres werden sich immer ähnlicher, alles fließt ineinander.

Später erwies sich jedoch, dass es sich hierbei offenbar um altes Brauchtum handelte. Dann sahen wir auch Erwachsene in dieser Weise herumziehen, ja, es waren alle Altersstufen vertreten. Die Jüngsten hatten statt Bier Cola und Limo bei sich. Insgesamt herrschte unter ihnen eine freundlich-ausgelassene Stimmung.

Wir hatten die Kaiserroute mit einem Mal verloren. Denn ab der Mündung der Möhne verlässt sie die Ruhr und führt das Möhnetal hinauf. Die Ruhr hatte sich an diesem Morgen von ihrer lieblichen Seite gezeigt, und da war es klar, dass wir uns ihr einfach anvertraut hatten und nicht auf die Hinweisschilder achteten.

Wir hielten zu einer Pause und versuchten uns anhand der Karte zu orientieren. Das erwies sich als schwierig, denn wir hatten keine Ahnung, wo wir genau waren. Da sprach ich eine der Bollerwagengruppe an, die albern lachend den Weg hochgekommen war. Sofort wurden die jungen Männer ernst und versuchten uns geduldig zu helfen. War es der Alkohol oder hatten sie ihre kleine Welt noch niemals auf der Karte angeschaut, jedenfalls waren ihre Auskünfte sehr vage. Immerhin zeigten sie uns, wie wir zur Möhne kommen würden. Ungefähr, irgendwie, in etwa.

Da fragte ich in einem Ort eine junge Frau, die uns kompetent einwies. Wim lobte sie, als wir auf den Weg gefunden hatten. Sie habe sofort die Sonnenbrille abgenommen und sei doch insgesamt ungemein höflich gewesen. Vielleicht ist das ja ein Charakterzug der Menschen dieser Region. Dann hätte Karls Gewaltakt am Ende doch etwas Gutes bewirkt, was seine religiöse Raserei jedoch keinesfalls entschuldigt. Es muss die Natur gewesen sein, die das geschundene Volk geheilt hat. Denn der Mensch kann sich soviel Macht anmaßen, wie er will, mit der Zeit siegt die Natur über jede Gewaltherrschaft.

Der einzelne Mensch ist endlich. Die Natur ist es nicht, sei sie ein glühender Ball atomarer Fusionen, ein Schwarzes Loch oder ein blauer Planet namens Erde, auf dem so manches Tierlein Heimrecht hat. Ein bisschen Bescheidenheit stünde dem Menschen gut.

Wir trafen auch ein Unikum, und zwar, nachdem wir über eine schmale Brücke einen Bahnkörper überquert hatten. Dort stand ein älterer Mann im Sonntagsstaat und sagte über die Straße hinweg etwas zu mir. Ich rollte zu ihm hin und sagte: „Ich habe Sie nicht verstanden!.“
Er hatte einen Zigarillostumpen im Mundwinkel, der dort irgendwie angewachsen schien. Jedenfalls wippte er fröhlich auf und ab, während der Mann sprach. Sein Idiom war mir fremd, und der Stumpen tat sein übriges. Es klang einfach toll, wie er, um den Stumpen zu schonen, alle Laute irgendwo hinten im Mund bildete.

Der Mann hatte Geduld. Nachdem er herausbekommen hatte, dass wir auf der Kaiserroute fuhren, erklärte er uns siebenundzwanzig mal, dass wir eine Alternative hätten. Ich übersetze einmal: Wenn Sie hier hochfahren, da geht es steil hinauf. Da müssen Sie nicht fahren, im Tal ist es viel schöner, und da führt die Kaiserroute auch lang.

Nach dem dritten Mal waren wir schon einverstanden, zumal die Karte die Aussage des Mannes bestätigte. Es gab hier zwei Routen. Das hinderte ihn nicht, uns die Schrecken des Anstiegs weiter vor Augen zu führen. Ich wunderte mich, dass er erstens etwas von den Leiden eines Radfahrers wusste und zweitens den genauen Verlauf der Kaiserroute kannte. Denn er sah aus, als hätte er sein Leben zusammen mit seinem Zigarillostumpen in Likörstuben verbracht.

Die Möhne hinauf zum Möhnesee folgt die Kaiserroute eine Weile der Straße. So waren wir ein wenig vorbereitet auf den Trubel, der uns oben erwartete. Motorradgruppen brausten an uns vorbei, aus teuren Cabriolets wehten ondulierte Haare, große Friseurhandwerkskunst bei Männlein wie Weiblein, Radsportler sausten uns entgegen oder zogen an uns vorbei. …

Da oben muss ein Nest sein, sagt man im Rheinland spaßhaft. Oben war jedoch der Möhnesee. Er ist die größte Talsperre im Verband der Sauerländischen Stauseen, die allesamt dazu dienen, das Ruhrgebiet mit Trinkwasser zu versorgen. Der Möhnesee wird zudem intensiv touristisch genutzt. Er hat eine imposante Staumauer von 1910 etwa. Auf ihr wandelten unzählige Menschen, ein Betrieb wie auf der Kölner Hohe Straße. Es war windig und laut, denn der Autoverkehr nahm weiterhin zu. Busse rollten heran, neue Tagestouristen versprühten künstliche Lustigkeit, es war ein ständiges Kommen und Gehen. Immerhin las ich in Ruhe die Hinweistafeln. Seltsam: Da muss ich mit dem Rad an den Möhnessee fahren, um zu erfahren, wer eigentlich Professor Intze war. In Aachen heißt eine Straße nach ihm, es gibt auch ein Intze-Institut, und im Hauptgebäude der Technischen Hochschule hängt seine Ehrentafel. Otto Intze, „ein Pionier des deutschen Talsperrenbaus“ (Wikipedia) hat also diesen Stausee geplant.

Millionen Menschen drehen täglich wie selbstverständlich den Wasserhahn auf und trinken Intze-Wasser. Irgendwie witzig, dass man stets so wenig über die Leute weiß, die einem all die Selbstverständlichkeiten des Alltags ermöglicht haben.

Die braungebrannten Herren in den italienischen Slippern hatten sicher auch keine Idee davon, wer ihnen das Segeln auf einem so schönen See ermöglicht hat. Es gibt eine Reihe von Segelclubs am Ufer des Sees. Einer hatte sein teures Offroad-Auto auf dem Radweg geparkt und hantierte auf dem Hänger an einem eingepackten Segelbaum herum. Er hatte nicht viel Geduld zu warten, bis mein Kopf vorbei war, denn er musste ja sein Boot flott machen.

Nach ziemlich viel Schickimicki zeigte sich erneut eine Metapher, die den Zustand unserer Gesellschaft gut illustriert. In einem weniger schönen Uferstück des Sees sah man das Dach einer düsteren, verfallenen Baracke. Es war das Ruderheim der Arbeiterwohlfahrt.
Die Großväter haben im Talsperrenbau geschuftet, die Enkel sind froh, dass man ihnen einen preiswerten Flecken gelassen hat, wo sie einmal Seeluft schnuppern dürfen, vorausgesetzt, sie kommen dem Herrn mit dem Segelbaum nicht in die Quere. Na gut, wir wollen es nicht anders. Es wird sich irgendwann einmal rächen, dass die Gesellschaft auseinanderfällt.

Im Oberlauf ist die Möhne still. Sie plätscherte meist etwas unterhalb des Weges, der nach einer Weile einer alten Gleistrasse folgt. Wir rollten durch Nadelwald, hübsche Dörfer, an Wiesen vorbei und an alten Bahnhöfen. Überall begegnete man uns mit den Handkarren. Und zuletzt, quasi als Höhepunkt, stand eine große Gruppe von Jugendlichen Spalier und erfreute alle Durchfahrenden mit der Laolawelle.

Wir fuhren nicht zweimal durch das Spalier, weil wir süchtig danach waren. Nein, wir mussten uns eingestehen, dass wir Paderborn erst am Abend erreichen würden, für die Heimfahrt mit dem Zug zu spät. Wim hatte am nächsten Tag einen Termin, also drehten wir und fuhren zurück bis zum Möhnesee. Hier hieß es noch einmal klettern, den Höhenzug hinauf und dann in rasender Fahrt immer geradeaus auf Soest zu. Schade, Soest ist eine schöne Stadt, doch wir mussten sie sogleich verlassen. Im Bahnhof großer Auftrieb vor dem einzigen Fahrschein-Automaten. Wäre da nicht ein kompetenter Mann gewesen, der so ziemlich für jeden die Knöpfe drückte, wir stünden heute noch dort.

So jedoch beförderte uns die Bahn zurück nach Aachen. Paderborn ist also weiterhin ein weißer Fleck auf meiner inneren Landkarte. Macht nichts, denn das Kaff ist rabenschwarz.

Kaiserroute trithemiusNicht fit, aber rauchen – ein Bilddokument der Unvernunft, Foto: Wim

Epilog
Vor einigen Monaten war ich in Aachen und traf den Freund und Kollegen wieder, den ich im Text Wim genannt habe. Wim sagte, dass zwei Menschen prägend für sein Leben gewesen wären, ein Studienfreund, der ihn zum Laufen überredet hätte und ich, der ich ihn zum Radsport gebracht habe. Weil wir in den 80ern und 90ern soviel zusammen traniert hatten, sagte ich: „Ich habe vermutlich mehr Zeit mit dir verbracht als mit meiner Frau.“ Anders als ich hatte er nicht angefangen zu rauchen und brav weiter trainiert, während ich bedingt durch einige Wirren in meinem Leben den Radsport eine Weile nur noch halbherzig betrieben und dann ganz drangegeben hatte. Das erklärt unseren unterschiedlichen Fitnesszustand und mein Jammern über Erschöpfung.

Ich danke allen Leserinnen und Lesern für die aufmerksame Begleitung. Wer mehr lesen möchte, folge dem Link unter „Soest“, da findet sich eine Radtour in Gegenrichtung, Hannover-Aachen. die ich im Jahr 2010 unterrnommen habe und bei der ich die Kaiserroute gestreift habe.

Kaiserroute 3b – Ein glücklicher Abend

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3.Tag
Sonntag an der Ruhr
richtungspfeilWill man ein Hinweisschild gestalten, stehen ökonomische Zwänge, Funktionalität und Ästhetik in einem gewissen Gegensatz. Gute Gestaltung ist ein Ringen um Ausgleich. Eine in dieser Hinsicht schlechte grafische Lösung ist das Kaiserroutenschild. Die Richtungspfeile sind viel zu klein, die Pfeilform ist disfunktional, weil nicht prägnant genug. Eventuell war der Gestalter kein Radfahrer. Das entschuldigt ihn nicht. Richtungsangaben müssen Fernwirkung haben. Es ist lästig, wenn man die Pfeilrichtung erst aus wenigen Metern Entfernung eindeutig erkennen kann. Ich weiß nicht, wie viele zehntausend Menschen die Kaiserroute bereits gefahren sind. Man kann sich eine Unzahl von gefährlichen Situationen denken, die durch die fehlende Fernwirkung der Pfeile hervorgerufen wurden: Plötzliches Bremsen und plötzliche Richtungsänderungen, Auffahren und Ineinanderfahren bei Gruppen. Man stelle sich vor, auf der Autobahn gäbe es solche dezenten Hinweiszeichen. Dem Autoverkehr gegenüber ist man nicht so nachlässig. Ein Autofahrer muss sich auch nicht über ein Schild ärgern, das jeden Radfahrer nervt: „Radfahrer absteigen“ (Foto: Trithemius – zum Vergrößern bitte klicken)

Radfahrer absteigen

Dieses Schild macht mir Pickel. „Autofahrer aussteigen und schieben!“, da würde der ADAC aufheulen. Die freie Fahrt für freie Bürger wäre gefährdet, was noch schlimmer ist als ein Zentralvergehen gegen das Grundgesetz. Bin ich verdammt noch mal kein Bürger? Wieso ist die Straßenverkehrsordnung weiterhin eine Autoverkehrsordnung? Fahre ich etwa nur Rad zum Spaß? Sind meine Erledigungen per Fahrrad müßige Spielereien? Habe ich mein Recht auf körperliche Unversehrtheit verwirkt, wenn ich mich nicht mit Blech umgebe? Na gut, so schlecht war meine Laune nicht. Es begann zwar wieder zu regnen, doch indem wir unter einer Brücke warteten, fand Wim ein Zaubermittel. Er zog eine Regenhose über, und danach hat es keinen Tropfen mehr geregnet.

Du liebe Zeit, wie schön ist es an der Ruhr. Man mag es nicht glauben, denn das Wort „Ruhrgebiet““ hat einfach eine naturferne Konnotation. Die Ruhr vermag zu begeistern. Von Schwerte aufwärts ist sie besonders schön. Hier hat sie etwas Stilles, und sanft ist die Stimmung des Tales. Der Wassersport weicht dem Reitsport. Man sieht viele Reiterhöfe, Pferdekoppeln und hochnäsige junge Damen zu Pferd. Auch Herrenreiter schauten auf mich herab. Manche allerdings grüßten freundlich. Nicht jeder zu Pferd ist ein hochgefürsteter Prolet, dem unangemessener Reichtum die Sinne verwirrt hat.

Durch das Tal zieht sich auch die „Zabelroute“. Sie ist dem erfolgreichen Radsportler Eric Zabel gewidmet, der im nahen Fröndenberg eine zweite Heimat gefunden hat. Er stammt aus Berlin, doch hat mit sicherem Instinkt eine Gegend gewählt, in der er das leichte Rollen und harte Anstiege trainieren kann. Denn rechts in der Ferne drohen die Höhenzüge des Sauerlands. Es gibt ein Foto des Fremdenverkehrsvereins auf dem Kartenblatt der Kaiserroute. Es zeigt den fröhlich lächelnden Zabel inmitten von einfachen Radfahrern. Sie lachen natürlich ebenfalls, denn auf Fotos der Fremdenverkehrsvereine besteht Lachzwang.

Ich dagegen wurde langsam mürrisch. Es wurde Zeit, die Tagesetappe zu beenden. Zuerst mussten wir allerdings noch einmal aus dem Ruhrtal hinaus auf einen Höhenrücken. Man hat die Kaiserroute gewiss so gelegt, damit man das ferne Sauerland besser sehen kann. Karl der Große wird mit seinem Heeresbann unten im Tal entlang gezogen sein.
„Danke für die Aussicht. Es wäre jetzt nicht mehr nötig gewesen!“

Oben in einem nichtssagenden Ort lockte ein Hotel mit „Zimmer frei“. Drinnen eine mürrische Frau und ihr ebenso unerquicklicher Sohn. Man habe nichts frei, beschied man uns. Vielleicht weil wir insgesamt ein wenig mitgenommen wirkten? Der Hotelparkplatz jedenfalls war leer. Später befiel mich tiefe Dankbarkeit gegenüber dem heidnischen Pack. Denn wir fanden unten in Fröndenberg ein Hotel, das großes Lob verdient.

Wie kommt es nur, dass es Menschen gibt, die einem auf den ersten Blick sympathisch sind? Gut, die Wirtin des „Hotels Ruhrblick“ sah exakt aus wie die weibliche Ausführung meines Hausarztes. Ich muss ihn einmal fragen, woher er stammt. Jedenfalls mussten wir am Hoteleingang klingeln. Das hatten uns drei Radfahrer aus Winterberg gesagt, die uns zu Fuß entgegen kamen. „Die hat auch noch Zimmer!“, beruhigte uns die Frau unter ihnen.

Ich fuhr mit der Wirtin die Räder in den Hof, wo sie eine Garage aufschloss. Auf dem Hofpflaster sonnten sich drei Katzen. Ich versuchte eine schwarze zu locken.
„Es sind verwilderte Katzen“, sagte die Frau. „Sie laufen weg, wenn man sich ihnen nähert.“

Habe ich schon gesagt, dass sie etwas Zauberisches hatte? Sie führte uns zuerst ins geschlossene Restaurant, um uns die Schlüssel zu geben. Die Einrichtung war nicht direkt nach meinem Geschmack. Sie war jedoch äußerst geschmackvoll. Es herrschte eine gute Atmosphäre im Raum, und ohne, dass ich es wollte, entfuhr mir: „Schön haben Sie es hier!“
„Danke!“, sagte sie lächelnd.

Man verstehe mich recht: Es ging nicht um körperliche Attraktion. Diese Frau war eine Fröndenberger Ausführung von Frau Nettesheim. Deshalb suchten gewiss auch die wilden Katzen ihre Nähe. Wir hatten Zimmer 17 und 18. Wim ließ mich wählen, und ich nahm natürlich 17. Es war eine gute Wahl, denn ich hatte ein Doppelzimmer zum Preis eines Einzelzimmers. Auch hielt der Hotelname, was er versprach. Tatsächlich konnte ich hinunter auf die gemächlich dahinziehende Ruhr blicken. Welch ein glückliches Ende nahm dieser Tag! Gut, wir trübten ihn uns noch ein bisschen, irrten bei Abendkälte durch Fröndenberg, bis wir uns auf ein Lokal geeinigt hatten.

Wir saßen also bei einem Gelsenkirchener-Barock-Italiener. Man kann sich vorstellen wie das Lokal aussah. Über die Schulter von Wim sah ich auf eine Glasfläche, worin sich ein Fernsehprogramm spiegelte. Die italienische Familie guckte bei der Arbeit Berlusconi-Fernsehen. Entsprechend war der Charme dieser Leute. Auch die Pizza, die ich aß, hatte wenig Apartes. Sie sättigte sehr, obwohl man sie mit großem Kraftaufwand zersäbeln musste, wodurch ich einen Teil der Kraft schon wieder verbrauchte. Später lag sie mir dann wie ein Stein im Bauch.

Am Tisch gegenüber nahm ein junger, großer, wohlbeleibter Mann Platz. Er hatte ein hübsches, energisches Gesicht. Er kam im grünen Parka herein, setzte sich im Parka hin und verließ auch bald im Parka das Lokal. Zwischendurch aß er, was sich leichter schneiden ließ als meines. Oder war er deswegen in der Muckibude gewesen?

Jedenfalls blickte er stumm auf den Tisch, bevor sein Essen kam, und ebenso traurig schob er sich etwas in den Mund, ohne auch nur ein einziges Mal aufzublicken. Welch üble Sache mochte ihn getroffen haben? Er tat mir aufrichtig leid, denn die Nacht zum ersten Mai, die Freinacht, darf man doch nicht so trübsinnig beginnen. Wie soll denn dann der Rest des Jahres werden?

Da hatte ich es besser, denn ich schlief in dieser Nacht wie ein Prinz im Haus einer zauberischen Frau.
Sie hat schon zweimal den “Schlemmer und Schlummerpreis” bekommen. Ich weiß nicht, was das ist, hätte aber am nächsten Morgen gern ein „unterschrieben“ auf die Plakette gekritzelt.

Fortsetzung und Ende morgen

Kaiserroute (3a) – Frostbeulen und Sonnenbrand

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3.Tag
Sonntag an der Ruhr

Wir haben durchaus Anlass zu befürchten, das Wetter könnte sich einmal gänzlich gegen die menschliche Natur wenden, und zwar nicht aus Rachsucht, sondern um den Planeten gegen eine schädliche Spezies zu verteidigen. Gut, das ist eine Personifizierung, die nicht jedem schmecken wird. Daran kann ich jetzt nichts ändern, denn so waren gestern meine Gedanken gewesen, während uns der kalte Regen unentwegt duschte und wusch.

Am Morgen hatte die Welt noch freundlicher ausgesehen. Nachdem ich dem tückisch engen Hotelbad entronnen war, ohne mehr blaue Flecken zu erhalten als sanitäre Dienstleistungen, schien sogar kurzzeitig eine blasse Sonne. Wir hätten sie fotografieren sollen, denn so bald sollte sie sich nicht wieder zeigen.

Zu dieser Zeit saßen wir noch im Frühstücksraum bei den flinken Chinesen. Hinter den Fenstern zogen schlichte Menschen im Sonntagsstaat vorbei. Man trug dicke Kommunionskerzen vor sich her und strebte der Hattinger Kirche zu, deren Glocken läuteten. Es ist etwas Sonderbares in der heutigen Zeit, wenn Kirchenglocken an ihre alte Macht erinnern. Freilich sah man den Menschen an, dass sie nur kurzzeitig dem Alltag zu entfliehen im Stande waren, denn Ideen höherer Ordnung sind schwach, gemessen am Druck und Stress des weltlichen Alltags. Kirchliche Rituale verkommen zur Folklore, und bald wissen nur noch Eingeweihte um ihre Bedeutung. Die Kirche selbst sucht ihr Heil im Event. Die Selbstvermarktung des polnischen Papstes, der sein Sterben in der Öffentlichkeit zelebrierte, und der Besuch des deutschen Papstes in Köln zum Weltjugendtag, beides zeigte, wie wenig Kraft die katholische Kirche dem Spirituellen noch zutraut und wie sehr sie auf Spektakel setzt.

Es ist gewiss ein gesamtgesellschaftlicher Verlust. Mein Problem war an diesem Morgen banal, nämlich die schweren Beine zu überreden, die Kurbel meines Fahrrads flüssig zu drehen. Die Ruhr führte Hochwasser. Stellenweise schwappte ihr Wasser auf den Ruhrtalweg. An manchen Stellen war die Überschwemmung unwägbar tief. Wir mussten beim Durchfahren die Füße hochnehmen, um Schuhe und Socken trocken zu halten. Die Ruhr wollte offenbar mehr, denn bald zog sie neuen Regen an. Dass es so kalt war, hatte auch etwas Gutes, denn ich trug inzwischen, was an Kleidung in den Packtaschen gewesen war, wie Zwiebelschalen am Leib.

Das Rad war daher leichter. Je leichter ein Rad ist, desto leichter rollt es. Die Gewichtverteilung vom Rad auf den Körper bringt also Vorteile. Wie es sich physikalisch begründen lässt, ist mir egal. Jedenfalls befand sich der englische Lexikograph Dr. Samuel Johnson im Irrtum, als er über die Erfindung einer Vorform des Fahrrads höhnte: „Jetzt hat der Mensch die Wahl, ob er sich selbst bewegen will oder sich selbst und ein Fahrzeug dazu.“

Das Fahrrad ist hinsichtlich der Kraftausnutzung der menschlichen Körperkraft ideal. Man sollte es häufiger loben und noch häufiger damit fahren. Vielleicht versöhnt sich dann auch die Natur wieder mit dem Menschen. Was freilich ein einziger Urlaubsjumbojet in die Umwelt pestet, macht den Autoverzicht aller Fahrradenthusiasten zur lächerlichen Tätigkeit. Es reicht da allenfalls zur Besänftigung des eigenen schlechten Gewissens.

Warum hier so wenig vom Fahren und soviel über das Fahren steht? Na, ich musste mich doch gedanklich etwas ablenken. Auch summte ich ein Liedchen, um Kälte und Regen zu trotzen, doch selbst das verging mir bald. Je weiter wir das Ruhrtal hinauf fuhren, desto mehr Trubel fanden wir. Irgendwas hatte an diesem Sonntag die Menschen in Scharen an die Ruhr gelockt. Das Teilstück eines neuen Wanderwegs sei eröffnet worden, hörten wir später, doch das allein kann nicht der Grund gewesen sein. Man hatte offenbar grundsätzlich Lust, den Sonntag an der Ruhr zu verbringen, auf dem Wasser, neben dem Wasser – ob unter Wasser auch welche waren, habe ich nicht gesehen. Allerdings gab es auch viele Kanufahrer, und an einem breiten Wehr patrouillierte ein Schlauchboot der DLRG. Am Ufer saßen weitere Rettungsschwimmer, sie waren in Ostfriesennerze gehüllt, und ich fragte mich, wo sie es wohl angenehmer finden würden, im eisigen Regen oder in der Ruhr. Sollte am Ende keines davon erbaulich sein?

Wenn viele Menschen sich gleichzeitig besseres Wetter wünschen, besinnt sich das Wetter manchmal. Denn gegen Mittag kam die Sonne und tat, was sich alle wünschten – sie wärmte.
„Mein Körper will nicht mehr“, sagte ich bald. Da ließ sich auch der bärenstarke Wim erweichen, denn er wusste, dass er zwar mit mir diskutieren konnte, doch der Natur kann man nichts befehlen. So saßen wir schön an der Ruhr in der Sonne. Hinter uns im dicht bewachsenen Hang barst schlagartig der Frühling los, Bienen summten, Liebespaare bummelten vorbei, Familienväter erklärten Frau und Kind die Welt.

Wir räumten die Bank für ein Paar. Sie kamen aus dem Sauerland, man hörte es an dem schwer gerollten R. Schon wieder wurde uns von Schnee berichtet. Die beiden waren ihm glücklich entflohen. Im Ruhrtal dagegen hielt sich das Wetter, und die Sonne besorgte mir unmerklich einen Sonnenbrand auf der Nase. Das wäre jetzt nicht nötig gewesen. Denn sich innerhalb von zwei Tagen eine befrorene Fingerkuppe und einen Sonnenbrand einzuhandeln, das finde ich ehrlich gesagt irgendwie extravagant.

Fortsetzung am Nachmittag

Die Kaiserroute (2b) – Bei den wundersamen Chinesen

Vor ziemlich genau 10 Jahren fuhr ich mit meinem Freund Wim einen heute aufgegebenen und bald vergessenen Fernradweg, die Kaiserroute von Aachen nach Paderborn. Für die 480 Kilometer lange Strecke hatten wir vier Tage vorgesehen, was wir locker hätten schaffen können, wenn mein Trainingszustand besser gewesen wäre. Für einen solchen Weg wünscht man sich ein Wetter wie dieser Tage, aber so prächtig schien die Frühlingssonne nur bei unserem Aufbruch. Den Fahrtbericht habe ich ziemlich bald nach der Tour verfasst, so dass die Eindrücke noch frisch waren. Da ich nicht weiß, wie es um den Trainingszustand der Teestübchenbesucher und – besucherinnen bestellt ist, veröffentliche ich den Text in je zwei Tagesetappen und hoffe, dass wir Montag ans Ziel gelangen.

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2.Tag
Nachmittag und Abend

Natürlich regnete es bald wieder. In den Vororten von Essen bekam ich den Zweiten Atem. Ich bolzte Tempo, um Wim mein Missfallen zu zeigen. Eine Weile fuhr es sich leicht, denn ich wähnte unser Ziel vor Augen. Doch es gab nirgendwo eine Übernachtungsmöglichkeit, und man sagte uns, es sei am Besten, bis Hattingen zu fahren.

Als wir auf der Höhe des Baldeneysees ins Ruhrtal kamen, verröchelte mein Zweiter Atem. Ruhr und Regen waren eins. Das Ruhrtal ist weit und wirklich schön, doch ich war einfach zu platt, um die Schönheit dauerhaft zu würdigen. Wim hat einen Höhenmesser an der Armbanduhr, der jedoch am Luftdruck geeicht werden muss, damit er ordentliche Werte zeigt. Im Ruhrtal zeigte die Uhr 80 Meter unter dem Meeresspiegel an. Das entsprach zwar einerseits meiner Wahrnehmung, andererseits dachte ich, dass 80 Meter unter Null auch die zutreffende Beschreibung meiner Verfassung war.

Wim hat den langen Winter über im Fitnessstudio an seiner Kondition gearbeitet, ich dagegen habe am Rechner gesessen. Das rächte sich jetzt.

Das Ruhrtal scheint den Hang zum Sport enorm zu fördern. Auf dem Wasser Menschen in Booten und Kanus, die noch Lust hatten, uns durch den Regen zuzuwinken, auf dem Ruhrtalweg viele Jogger, von denen mich einige beeindruckten, weil sie trotz der Kälte mit nackten Beinen liefen. Überhaupt scheint der Ruhrgebietler recht wetterfest zu sein. Die auf unserem Weg herumstreunenden Hundebesitzer sind grundsätzlich barhäuptig gewesen.
Na, egal, wenn man einmal nass ist, tut zusätzlicher Regen auch nichts. Im Gegenteil, er massiert ja ein wenig den Kreislauf.

Wo zum Teufel ist Hattingen? Da, nach einer Flussbiegung tauchen die ersten Schilder auf. Wir verließen den Ruhrtalweg und rollten über nasses Kopfsteinpflaster ins Stadtzentrum. Da war ein ansehnlicher alter Hotelbau, wo Wim nach Zimmern fragte. Er kam mit der glücklichen Nachricht zurück, dass man uns zwei Einzelzimmer sogar billiger lassen würde.

Habe ich je so etwas wie eine Aura besessen, so war sie jetzt in jedem Fall vom Regen abgewaschen. Ich wollte eigentlich nur noch unter die heiße Dusche und dann in ein Bett kriechen. Leider muss der Bericht weiter gehen.

Das Hotel wurde geführt von sehr freundlichen, flinken Chinesen. Chinesen können sich offenbar sehr gut arrangieren. Sie hatten die Einrichtung der Restauranträume belassen, zum Beispiel ein schrecklich überladenes eichenes Monster einer Thekenlandschaft. Doch wo Platz gewesen war, hatten sie schier beliebigen chinesischen Kitsch platziert. Zum Glück war ich zu Beginn des Aufenthalts nur noch dankbar. Die Frau des Hoteliers war deutlich breiter und runder als er und trug stets lächelnd ein kleines Kind im linken Arm. Mit der freien Hand arbeitete sie.

Das Einzelzimmer habe ich zunächst kaum wahrgenommen. Es war eine lange schmale Hundehütte, und ich kroch einfach hinein. Doch schon beim Duschen überkam mich das große Staunen. Das perfekt geflieste Bad war derart eng und klein, dass man sich nur nach gezielter Überlegung drehen oder wenden konnte. Das war die große chinesische Improvisationskunst. Ich war sicher, dass die chinesische Wirtin, obschon dicker als ich, dieses Bad bis in den letzten Winkel putzen würde, und dabei hätte sie natürlich im linken Arm das kleine Kind. Ich jedoch eckte überall an und zwängte mich hinfort nur nach gründlicher Planung in dieses Bad. Auch hätte ich gerne den Installateur gesehen, der in dieser Enge alles sauber angebracht hatte. Diesem Mann hätte ich gern einmal die Hand geschüttelt.

Wir haben chinesisch gegessen, bekamen unsere Töpfchen und Näpfchen, als wir gerade erst fertig bestellt hatten. Ich war maulfaul, voller Demut, bzw. Dankbarkeit, dass die flinken Chinesen mir Nahrung gewährten.

Eine kleine Situation bevor ich in meine Hundehütte krieche, um wie tot zu schlafen:
Als wir unsere Essen bezahlen wollten, saß ein Einheimischer an der Theke. Er war angetrunken und redete wirres Zeug. Plötzlich stand er auf und sagte: „Sayonara!“
Ich dachte, hier stimmt was nicht. Bevor ich mich gedanklich gekramt hatte und gerade bei: „Japanisch“ angelangt war, sagte der Wirt lachend: „Aber wir sind Chinesen, keine Japaner!“
Donnerwetter, bei den flinken Chinesen ist es schwer mitzuhalten. Besonders, wenn man sich gerade wie 80 Meter unter dem Meeresspiegel fühlt. Morgen dann wieder fit.