Diz ist war und niht gelogen!

Vor meiner Bäckerei meißelt ein Bagger die Straße auf. Seit Tagen schon arbeitet man mit schwerem Gerät, kratzt zwischen den Straßenbahngleisen die groben Pflastersteine heraus und legt die Schienen frei. Gerade dieses Pflaster ist in einem desolaten Zustand gewesen, hatte sich an einigen Stellen gehoben und woanders gesenkt. Bei Regen sei die Bahn dort durch tiefe Pfützen gefahren, sagt die Bäckereifachverkäuferin. Ich wundere mich, denn ich erinnere mich schwach, dass das betroffene Straßenstück erst kürzlich neu gemacht worden ist, könnte es aber nicht beschwören.

Ich kann mich allzeit nur schlecht erinnern. Besonders schlecht ist mein visuelles Gedächtnis. Wenn ich etwas aus der Erinnerung zeichne und es dann mit der unmittelbaren Anschauung vergleiche, erscheint mir mein Erinnerungsbild verformt. Nirgendwo kann man die subjektive Organisation des Gehirns besser erkennen als in Bildern, die der Mensch sich von der Welt gemacht hat. Manche Verformungen gehen auf Erinnerungslücken zurück. Diese Leerstellen werden aus der subjektiven Erfahrung gefüllt und eventuell nach Gesetzen der Logik ergänzt. „So muss es gewesen sein“, denkt sich der Mensch.

Ob es beim Erinnern von Ereignissen auch so ist? Die Verzerrungen, Verformungen und Leerstellenfüllungen sind nicht so leicht zu erkennen. Anders als bei der Zeichnung nach der Natur fehlt bei den Erinnerungen der Ereignisse eine Vergleichsmöglichkeit. Es sei denn, da käme ein Zeuge der Ereignisse daher, der bei jeder neuen Entwicklung kräftig geohrfeigt wurde. Dem dürfte man natürlich glauben.

Wieso? Bei den ripuarischen Franken gab es diesen seltsamen Rechtsbrauch. Wenn sie eine Grenze festlegen wollten, nahmen sie einen Knaben mit. Und war der Grenzstein gut in der Erde, verabreichten sie dem Jungen ein paar schallende Backpfeifen oder zogen kräftig an seinem Ohr. So würde er sich zeitlebens an die Stelle erinnern und den Grenzverlauf bezeugen können. Das Wort „Zeuge“ stammt daher, der Zeuge wurde am Ohr gezogen. Ganz sicher ist es eine wirksame Erinnerungstechnik, rasch und ohne großen Aufwand auszuführen. Doch wer wollte heute solch ein Opfer auf sich nehmen? Was wäre es für ein Leben, wollten wir uns gegenseitig am Ohr ziehen, um die Erinnerungen zu bewahren? So wichtig ist das mit der Straßenreparatur mir nun auch wieder nicht.

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Die halbe Decke – oder: Zeigen, wo der Hammer hängt

In einem Kommentar im Teestübchen zu Vom Anfang und vom Ende verwendet Manfred Voita die Wendung „Zeigen, wo der Hammer hängt“. Die Bedeutung dieser rätselhaften Wendung und ihre Herkunft sind nicht eindeutig zu klären. Das eigentlich zuverlässige Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten von Lutz Röhrich weiß nichts über die Wendung, im Internet steht wieder mal was Falsches, weil in der Etymologie das Naheliegende fast immer das Falsche ist.
lutz-röhrichLexikon der sprichwörtlichen Redensarten – Foto: Trithemius (größer: Klicken)

Um die Bedeutung zu klären, will ich eine bürgerlich volkstümliche Moralerzählung des ausgehenden Mittelalters vorausschicken, die auch unter dem Titel „Die halbe Decke“ bekannt ist. Sie heißt eigentlich „Das Kotzenmäre“, benannt nach einer Pferdedecke, auch Kotze. Die in Vergessenheit geratene Textsorte Märe (das Märe) ist eine Moralerzählung. Ein reicher Kölner Bürger ließ das Kotzenmäre um 1410 an die Wände eines Zimmers malen. Auf Spruchbändern äußern Personen ihre Meinung. Der Germanist Wolfgang Stammler schreibt über den Stoff des Kotzenmäre, er sei „im 14. Jahrhundert nicht weniger als sechsmal bedichtet worden, auch ein Beweis für die Beliebtheit des so recht für Bürgerkreise geeigneten Themas.“

Das Kotzenmäre

Ein alter Mann hat seinen gesamten Besitz dem Sohn übertragen und fristet nun, mangelhaft versorgt, ein übles Dasein in einem Bretterverschlag auf dem Hof. Nur der Enkel kümmert sich um ihn. An einem klirrendfrostigen Winterabend bittet der Alte ihn um eine Decke.
Der Vater sieht den Knaben, als er sich mit der Decke davonstehlen will.
„Wohin willst du mit der Decke?“
„Der Großvater braucht sie.“
„Dann warte!“, befiehlt sein Vater, holt eine Schere und zerschneidet die Decke in zwei Hälften.
„Das Teil muss für den Alten reichen!“
Da erbittet sich der Kleine die andere Hälfte. Wozu er sie haben wolle, fragt der Vater.
„Ich verwahre sie für dich, bis du einmal alt bist.“
Da erkennt der Vater sein Vergehen gegen das vierte Gebot. Er holt den Alten ins Haus und hält ihn fortan in Ehren.

Das Kotzenmäre ist eine Mahnung an Vater und Sohn. Sie steht in einem interessanten Bezug zu einer alten Rechtsvorstellung, auf die Jacob Grimm hingewiesen hat. An Kirchen, Stadttoren und Häusern fand sich in alter Zeit eine Keule oder ein Hammer angebracht. Die Bedeutung dieses Symbols wird in folgender Inschrift deutlich:

Wer den Kindern gibt das Brot
Und selber dabei leidet Not,
Den soll man schlagen mit dieser Keule tot.

Bei Hans Sachs finden wir eine ähnliche Formel:

Wer sein Kindern bei seinem Leben
Sein Hab und Gut thut übergeben.
Den soll man denn zu schand und spot
Mit dem Kolben schlagen zu todt.

Zuletzt ein drastischer Beleg aus einer alten Handschrift:

da was geschriben ‚swer der si,
der ere habe unde gout,
da bi so nerrisch muot
daz er alle sine habe gebe
sinen kinden unde selber lebe
mit noete und mit gebrestenn,
den sol man zem lesten
slahen an die Hirnbollen
mit diesem slegel envollen,
daz im daz hirn mit alle
uf die Zunge valle,

Alle Beispiele zeigen, dass dem Alten die Schuld gegeben wird, weshalb ihm der Tod  zukommen soll, „gleichsam als strafe für die thorheit, sich allzu früh seiner habe zum besten der kinder abgethan zu haben“, schreibt Jacob Grimm. Grimm schreibt auch, dass derartig brutale Strafen vermutlich nicht tatsächlich angewandt wurden, sondern als Drohung gemeint waren. Um in dieser Sache jemanden zu mahnen, war es sicher hilfreich, ihm zu zeigen, wo der Hammer hängt.