Meuters Fluch – Gruselerzählung in Folgen (4)

Der Traum: Ich saß in meiner Wohnung mit zwei Männern um den runden Tisch. Wir spielten Skat. Da klingelte es an der Wohnungstür. Ich stand auf, ging hin, wollte die Tür öffnen und bekam sie nur einen Spaltbreit auf. Sie wurde von der anderen Seite festgehalten. Durch den Spalt sah ich im Dämmer des Treppenhauses meine Großmutter Katharina. Sie trug nur ein dünnes weißes Nachtgewand, kauerte zusammengesunken vor mir, hielt die Türkante umklammert und schaute verschämt zu Boden. Da sagte ich: „Geh nach Hause, Katrinchen!“ In diesem Augenblick sprang in einem Garagenhof der Diesel des Taxifahrers an, der wie immer zur Frühschicht wollte. Davon erwachte ich. Am gleichen Morgen rief meine Mutter an und sagte, dass gegen vier Uhr in der Nacht meine Großmutter gestorben war.

Einige Elemente des Traums konnte ich mir erklären, andere nicht. Meine Großmutter war nach einem Schlaganfall bettlägerig gewesen und hatte viele Monate zum Sterben gebraucht. Das erklärte, warum sie nur ein schütteres Nachthemd trug. Sie war immer eine stolze Frau gewesen und hatte stets penibel auf ihr Äußeres geachtet. Deshalb muss es ihr peinlich gewesen sein, in diesem Zustand an meiner Tür zu klingeln. Wieso aber hatte ich beim Skatspielen gesessen, als sie mich heimsuchte? Ich spielte nie Skat und kannte auch an meinem neuen Heimatort keine Skatspieler. Das allerdings konnte meine Großmutter nicht wissen, denn wir hatten uns viele Jahre nicht gesehen. Sie wusste wohl, dass ich Lehrer geworden war. Und hatte nicht auch der Junglehrer Skat gespielt, der damals Kostgänger bei uns gewesen war?

Eigentlich kann ich seit meiner Jugend an nichts glauben, das sich nicht beweisen lässt. Ich leugne nicht, dass es unerklärliche und vielleicht auch übersinnliche Phänomene gibt. Vielleicht gibt es tatsächlich so etwas wie eine Zwischenwelt, in der sich die Toten eine Weile aufhalten, bevor sie gänzlich davongehen. Vielleicht können sie über gewisse Medien mit den Lebenden in Kontakt treten. Allein, der Wahrtraum vom Tod meiner Großmutter lässt mich vermuten, dass die in der Zwischenwelt nicht klüger sind und nicht mehr wissen als sie zu Lebzeiten gewusst haben. Und sollte ein medial veranlagter Mensch einen achtlosen Fluch fallen lassen und nicht spezifizieren, wo er zu gelten hat, dann führen seine Kontaktpersonen im Zwischenreich den Fluch dort aus, wo er ausgesprochen wurde. Bitte, das ist spekulativ, und ich selbst kann mal daran glauben, mal nicht, da ich leider ein notorischer Zweifler bin.

Ich muss etwa 17 Jahre gewesen sein, als ich zum ersten Mal von Meuters Fluch hörte. Im Land war die Diskothekenzeit ausgebrochen, und bald eröffnete auch eine Diskothek in Meuters ehemaligen Kinosaal beim „Dreckigen Löffel“. Der Saal hatte seit Meuters Verschwinden leer gestanden, und was in dieser Zeit dort geschehen ist, weiß ich nicht. Allein der lange Leerstand hätte den nachfolgenden Nutzern eine Warnung sein können.

Nichts von dem, was in Meuters altem Kinosaal geschah, hatte erkennbar übersinnlichen Charakter. Alles kann durch Unachtsamkeit, Nachlässigkeit, Torheit, Gier und Verderbtheit der handelnden Personen erklärt werden. Nur die Häufung der Ereignisse berechtigt, von Meuters Fluch zu sprechen.

Fortsetzung

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11 Kommentare zu “Meuters Fluch – Gruselerzählung in Folgen (4)

  1. Pingback: Meuters Fluch – Gruselerzählung in Folgen (3)

  2. Pingback: Meuters Fluch – Gruselerzählung in Folgen (5)

  3. Ich glaube, dass man über Distanz kommunizieren kann. Nur halt mit den Menschen, die einem emotional nahestehen. Unser Gehirn liegt noch zum Grossteil brach…..Skat kann ich auch nicht, bei der Nummer bin ich raus.

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    • Es geht, habe ich oft genug erlebt. Mein Text ist ja kein Tatsachenbericht. Anders als im Text behauptet, habe ich in der Aachener Druckerei, wo ich vor meinem Studium arbeitete, jeden Mittag mit dem Chef und dem Buchbinder Skat gespielt. Ich kanns aber nicht gut, mein Kurzzeitgedächtnis ist zu schlecht.

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  4. Pingback: Meuters Fluch – Gruselerzählung in Folgen (6)

  5. Ich weiß gar nicht recht, was ich glaube, lieber Jules. Aber manches, das schwer zu greifen ist, ist doch irgendwie da. Und dann kommen solche Träume oder die Zufälle, dass man just in dem Moment an jemanden denkt, bevor er anruft. Zufälle, Unterbewusstsein oder was auch immer. Obwohl es ein wenig unheimlich ist, finde ich diesen Traum von dir schön. Geh nach Hause….das ist doch ein schöner Abschied.

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    • Wenn ich mich recht erinnere, hältst du religiöse Traditionen hoch, liebe Mitzi. Man kann dich dazu nur beglückwünschen. Denn es hilft doch über manche Lebenskrise hinweg. Die anderen Phänomene, die du ansprichst, sind nicht zu leugnen, aber auch nicht zu erklären. Da sich nicht zu entscheiden, ist die beste Haltung. Der Traum ist schon ein bisschen unheimlich gewesen, so dass ich ihn damals schon aufgeschrieben habe. Deine Interpretation der Worte als Abschied finde ich schön. Danke dafür.

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