Grenzerfahrungen

In den tropischen Nächten des vergangenen Sommers, als wer konnte die aufgeheizte Wohnung zum Schlafen verlassen hat, um auf dem Balkon, auf der Terrasse, im Garten, in den Dünen zu liegen, wo man zum Zudecken nur das Himmelszelt brauchte, da hat man sich nicht vorstellen können, wie es ist, sich über das leise Bullern der Heizung, über knisternde Holzscheite im Kamin und siedende Wasserkessel zu freuen, wie ja der Mensch nur schwer über seine derzeitige Lebenssituation hinauszuschauen vermag. Immerzu ist er gebannt an derzeitige Gefühlszustände – an Wohlbehagen wie auch an Schmerz. Die Grenzbereiche zwischen zwei gegensätzlichen Zuständen entziehen sich meist der Wahrnehmung. Grad ist da noch ein heißer Schmerz als würde einem ein glühender Nagel zwischen die Rippen getrieben, dann hat er sich kaum merklich verzogen und ist nur noch Erinnerung.

Als ich von Aachen nach Hannover umzog, da habe ich mancherlei zurückgelassen, auch gute Freunde wie meinen Mentor Rudolf und seine Frau Margret. Die beiden leben in einem Haus an Grenzen, an der Ortsgrenze des Dorfes Orsbach. Im Talgrund unten mäandert der Senserbach, der die Grenze zu den Niederlanden markiert. Ihr Haus liegt zudem an der Grenze zum Wald, der sich den Hang hinauf erstreckt. Gerne denke ich an Besuche zurück. Wann immer ich geschwächt war, bin ich hingefahren und habe neue Kraft getankt. Hab besonders gern bei ihnen am Kaminofen gesessen, auf dessen Herdplatte ein zischender Wasserkessel stand zwischen mächtigen Kieseln, die Rudolf aus irgendeinem Flussbett der Alpen geklaubt hatte. Die Scheite im Ofen stammen aus dem angrenzenden Wald.

Vor einigen Jahrzehnten hat ein findiger Orsbacher eine mittelalterliche Urkunde entdeckt. Darin wird den Bürgern von Orsbach für ewige Zeiten ein Holzrecht eingeräumt. Die Stadt Aachen musste sich fügen, und das städtische Forstamt übernimmt seither die Organisation. Orsbacher, die den Wunsch äußern, im Wald Holz zu schlagen, beteiligen sich an einem Losverfahren, das ihnen eine der Parzellen zuspricht.

Orsbacher Holzrechtsstapel, Foto: JvdL – größer: Klicken


Der Geschichtswissenschaftler Horst Fuhrmann nennt das Mittelalter „Zeit der Fälschungen“. Als nur wenige des Schreibens mächtig waren, konnte man Urkunden leicht fälschen. Die „Konstantinische Schenkung“, die den Bischof von Rom zum Papst erhebt, ist eine solche Fälschung. An einem feuchtkalten Wintertag, der Wind pfiff eisig durch das dürre Gesträuch, war ich mit Rudolf im Wald, um Holz zu schlagen. Er sägte, ich trug zusammen und stapelte. Am Ende, so dachte ich, als ich den Holzstapel richtete, am Ende ist die Orsbacher Holzrechturkunde auch gefälscht. Das ist eine hübsche Vorstellung, denn gemeinhin waren es die Mächtigen, die von Urkundenfälschungen profitiert haben. Ich habe mich noch viel lieber an Rudolfs Kaminofen gewärmt, bei der Vorstellung, die Sache mit dem Holzrecht wäre getürkt. Heute wärs nötig, aber es geht nur digital.

Sich aufwärmen am digitalen Herdfeuer – Gif-Animation JvdL

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