Meuters Fluch – Gruselerzählung in Folgen (1)

Kein Mensch hat mich je mehr gegruselt als Kinomann Meuter. Er lebte in unserer Straße auf nur einem Zimmer. Man sah ihn selten. Wenn er nicht in seinem Kino war, saß er auf seiner Bude, zwischen Vorführgeräten, Kabelrollen, Röhren, Filmdosen und ungezählten Ersatzteilen, schraubte und lötete und war sich selbst genug. In seinem Zimmer war kein Platz für Dinge, mit denen sich ein normaler Mensch umgibt. Außer ein paar Kleidungsstücken besaß er nur seinen Kinokram. Ich sah das, nachdem mein Vater gestorben war. Und erst dann gruselte mich Kinomann Meuter. Als mein Vater gestorben war, nahm meine Mutter allerlei Arbeiten an. Sie half dem Bauern von gegenüber auf dem Feld, sie putzte die Kirche und die Schule, sie kochte für Leute, die ein Fest zu feiern hatten, und plötzlich auch für Kinomann Meuter. Er wurde für die Zeit der Wintermonate bei uns Kostgänger, kam täglich zu Mittag, wenn das Essen auf dem Tisch stand, grüßte ergeben, nahm seine Baskenmütze vom Kopf und setze sich verlegen lächelnd zu uns. Schon diesen fremden Mann am Tisch zu haben, empfand ich beunruhigend. Da hätte ich lieber meinen Vater gesehen, doch der war ja einfach gestorben.
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Abwarten zum Tee trinken

eil ich erst ab 10 Uhr frühstücke, trinke ich nach dem Aufstehen Tee. Kürzlich waren meine Vorräte aufgebraucht. Da griff ich auf eine hübsche Blech-Teedose zurück, die mir vor gut sechs Jahren meine damalige Freundin geschenkt hat. Das Haltbarkeitsdatum des Tees war jetzt um vier Jahre überschritten, aber ich füllte ihn mutig in Teefilterbeutel und goss ihn auf. Er war wohlschmeckend und ungemein anregend. Ich war erstaunt, dass ich diesen Rolls Royce unter den Tees vorher nicht zu würdigen gewusst hatte, bat meine verflossene Liebste still um Vergebung für meine Ignoranz und trank diesen Tee hinfort allmorgendlich, bis er aufgebraucht war. Eine kurze Recherche ergab, dass man den sündteuren französischen Tee in Hannover nur in einer in einem einzigen Kaufhaus kaufen kann. Da ich mich nicht überreden konnte in die Innenstadt zu fahren, um dann eventuell festzustellen, dass man den Tee nicht vorhält, bestellte ich ihn gegen meine Gewohnheit im Internet. Gestern sollte er geliefert werden. Nun saß ich den halben Tag und länger in der Wohnung, wartete und schrieb nur äußerst dubiose Texte – wie auch diesen hier, der mich in der Nacht peinigte, weil ich quasi im redaktionellen Teil Werbung gemacht hatte, was nicht nur gegen den Pressekodex verstößt, sondern auch noch dumm ist, da mir der Hersteller nichts bezahlt, so dass ich um 7:00 Uhr aufstehen musste, um den Text umzuschreiben, was hiermit [Stand 7:35] geschehen ist.

Gestern gegen 18 Uhr gab ich das Warten auf, denn es fiel mir ein, dass ich vor dem Feiertag noch einkaufen musste. Ich zog mich versehentlich zu warm an und wurde darum hektisch, so dass alles, was ich im Supermarkt und auf den Wegen hin und zurück tat, beinah schief ging. Das im Einzelnen zu beschreiben, erspare ich uns. Es würde sowieso beinah schief gehen.

Übrigens das opulente Initial-W habe ich vor langer Zeit nach der Troy-Type des Buchkünstlers William Morris gezeichnet, der am 3. Oktober 1896, also genau vor 122 Jahren gestorben ist. Wer sich für Jugendstil begeistert, dem dürfte gefallen, was Morris geschaffen hat, nicht nur als Buchkünstler. Ganz im Sinne der Präraffaeliten, wollte Morris die handwerklichen Traditionen des späten Mittelalters wiederbeleben. Er entwarf Schriften für seine legendäre Kelmscott Press, erneuerte die im 19. Jahrhundert verkommene Typografie, indem er heute noch gültige typografische Regeln aufstellte. Morris entwarf auch Wandteppiche, Inneneinrichtungen, die Architektur ganzer Häuser, war in gestalterischer Hinsicht ein Universalist.

Der zittrige Strich meiner W-Zeichnung liegt am grobfaserigen Papier, in dem meine spitze Zeichenfeder immer hängen blieb, zeigt also nicht, wenn mir das Zeichnen beinah schief geht.