Meuters Fluch – Gruselerzählung in Folgen (3)

Die hartnäckige Bosheit, mit der die Bissers den Kinomann verfolgten, strahlte bald auf die Wirtschaft aus. Nach und nach blieben die Gäste weg, was Bissers wiederum anstachelte, Meuters Verjagung voranzutreiben. Trotzdem hielt Kinomann Meuter eine Weile durch, bevor er sein geliebtes Kino bei Bissers aufgab und umzog in einen anderen Saal. Der gehörte zum „Dreckigen Löffel“, einer verkommenen Kneipe im Nachbarort. Ich erinnerte mich noch gut, wie wir an einem Sonntagnachmittag zum ersten Mal hinpilgerten, um „Kalle Blomquist, sein schwerster Fall“ zu sehen. Meuter hatte den Schuppen notdürftig mit Stoffbahnen ausgekleidet, die wackligen Sitzreihen blau lackiert, sprang wohlgemut auf die Bühne vor eine improvisierte Leinwand und hielt seinen Vortrag, ganz in der Gewissheit, dass jetzt eine neue Kinoära angebrochen war. Wir ertrugen seine Vorrede geduldig, denn wir waren es leid, uns in Bissers Kino von der biestigen Alten anschnauzen zu lassen, zu erdulden, dass sie mitten in der Vorstellung das Licht anmachen ließ, um Unruheherde ausfindig zu machen und den Rausschmiss anzudrohen. Und war es wieder ruhig, dann flammte das Licht erneut auf, weil sie in der Loge ein küssendes Paar entdeckt hatte. Derlei Unzucht ahndete sie durch sofortige Vertreibung aus dem Kino, die sie wie ein Racheengel überwachte.


Unsere Kinofreude währte nicht lang. Bald schon standen wir vor der verschlossenen Tür, denn Bissers hatten den Kinomann aus seinem neuen Kino herausgeklagt und von der Bildfläche gefegt. Meuter wurde nie mehr gesehen. Zurück blieb sein Fluch. Ich glaube nicht, dass er ihn aus Rachsucht ausgesprochen hat. Dazu war er nicht der Mann. Es wird eher so gewesen sein, dass sich die über Jahre aufgestaute Bitterkeit in einer unwillkürlichen Verwünschung entlud und versehentlich im Saal des Dreckigen Löffels hängen blieb.

Über meine Ängste im Speicherzimmer sprach ich nicht. Meine Mutter wollte ich nicht damit belasten, denn sie war froh, eine neue Bleibe für uns gefunden zu haben. Auch hätte ich ihr nicht den Vorwurf machen wollen, dass sie mir kein neues Bett kaufen konnte, so dass ich im Bett eines Toten schlafen musste.

Just in der Zeit als Meuter verschwand, verschlimmerte sich meine Lage. Es hatte nichts mit Meuter zu tun, sondern mit dem Junglehrer, der an seiner Statt Kostgänger bei uns geworden war. Der Junglehrer stieg abends noch einmal zu uns herauf, plauderte ein wenig mit meiner Mutter, und anschließend spielte er Skat mit meinem Bruder und seinem Freund Berti. Das brachte mich in Nöte, weil mein Bruder jetzt später zu Bett kam, so dass ich immer öfter über dem ausdauernden Beleuchten der Türklinke einschlief. Die Batterien meiner Taschenlampe ließen nach. Da kam die Zeit, in der ich beinahe allabendlich in die Finsternis horchte und lernen musste, dass die Geräusche des Speichers, das Poltern, Knacken, Knistern, Rieseln und Huschen, ohne Bedeutung für mich waren. Ich sagte mir auch, dass die Toten, wenn sie mit mir in Kontakt treten wollten, die besten Bedingungen hätten. Da sie sich aber Abend für Abend nicht bei mir meldeten, verschwand meine Angst allmählich.

Ein solcher Kontakt kam erst viele Jahre später zustande, als ich schon weit weg lebte von meinem Geburtsort. Danach ahnte ich, warum Meuters Fluch nicht seine Peiniger, die Bissers, getroffen hatte, sondern im Saal des Dreckigen Löffels hängen geblieben war. Damals hatte ich aus verschiedenen Gründen den Kontakt zu meiner Familie abgebrochen, hatte selbst schon Familie und war gerade Junglehrer geworden. Eines Nachts, so gegen Morgen, träumte ich etwas Bedrückendes:

Fortsetzung

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11 Kommentare zu “Meuters Fluch – Gruselerzählung in Folgen (3)

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