Meuters Fluch – Gruselerzählung in Folgen (6)

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Der nächste Pächter war ein bedächtiger Mann aus Köln. An der Bar bediente seine Lebensgefährtin, eine zauberische Frau. Ich saß oft bei ihr an der Theke. Und deshalb bedauerte ich besonders, als die beiden nach kurzer Zeit wieder aufgeben mussten. Alles begann damit, dass ich einen Drink spendiert bekam, von dem ich noch nicht wusste, dass ich ihn teuer bezahlen würde, dass er mich genau 250 Deutsche Mark kosten würde, was damals ein ganzer Wochenlohn war. Es war an dem Abend, als mich die zauberische Frau mit ihrer warmen Stimme fragte, ob ich Schwierigkeiten hätte, vielleicht mit meiner kleinen Freundin? Da sagte ich irrigen Glaubens, ich hätte keine Schwierigkeiten, schon allein, um ihr zu imponieren. Plötzlich brachte der Wirt ein junges Paar mit hinter den Tresen, das er als Geschäftsfreunde vorstellte.

Die beiden kannte ich. Sie hatten eine Kneipe in Köln, nahe der Firma, in der ich damals arbeitete. Diese Kneipe besuchten wir an jedem Freitagmittag, wenn wir die Lohntüten bekommen hatten, tranken einige Gläser Kölsch und überzogen die Mittagspause, weil doch die Wirtin so hübsch war. Wir alle hatten ein Sparfach von der Sparkasse dort, in einem Blechkasten seitlich der Theke mit kleinen nummerierten Türchen und einem Sparschlitz unter der Nummer. Da wurden nur Heiermänner eingeworfen. Als mir die Barfrau einen Drink hinstellte und sagte, die Kölner Wirtsleute hätten ihn spendiert, da ahnte ich noch nicht, dass ihre Kneipe eine Woche später geschlossen sein würde. Die beiden hatten sich abgesetzt und unser Erspartes mitgenommen. Das hatten sie nämlich niemals an die Sparkasse abgeführt. Leider ging auch an der Bar in Meuters Saal das Licht aus. Diesmal für immer. Offenbar war unser Diskothekenwirt ebenfalls von seinen Geschäftsfreunden betrogen worden.

Man war auf den Dörfern nicht traurig, als Meuters Saal eines Nachts bis auf die Grundmauern niederbrannte. Der Kanonenofen allerdings stand noch. Als ich ihn sah, war ich noch spät mit Föppes unterwegs, und wir beide waren betrunken. Da ragte der Ofen schwarz und irgendwie albern aus einer dünnen Schneedecke. Wir stiegen die drei Treppenstufen hinauf, machten Fußspuren auf der ehemaligen Tanzfläche und alberten über Meuters Fluch. Dann sagte Föppes, er wolle den Ort exorzieren und versuchte, ein Pentagramm in den Schnee zu pissen, was aber zu seinem Unglück misslang. Später hat er sich mit seinem neuen BMW um einen Chausseebaum gewickelt.

Editorische Notiz: Die Geschichte beruht auf wahren Gegebenheiten, ist aber kein Tatsachenbericht. Ich habe mir literarische Freiheiten erlaubt, einiges erfunden, manches zusammengezogen, verdichtet und überhöht, damit es eine runde Geschichte wird. Eine frühe, leicht abweichende Fassung von „Meuters Fluch“ habe ich erstmals im Jahr 2014 veröffentlicht im E-Book „Das Verzeichnis – vier unheimliche Geschichten.“ Die Urfassung habe ich jedoch schon 1981 geschrieben. Inzwischen hat sich der Text durch Bearbeitungen stark verändert; so musste ich wegen der Veröffentlichung in Folgen einbauen, was in den Kommentaren von Ann und dem Kollegen castorpblog kundig Cliffhanger genannt wird. Trotz Cliffhanger ist die Veröffentlichung einer längeren Erzählung im Blog ziemlich sperrig und war für mich ein Experiment, was an den Zugriffszahlen gemessen weitgehend gelungen ist. Ich danke für aufmerksames Lesen, Liken und Kommentieren und hoffe, es war vergnüglich. (Fotos der Titelgrafiken und Ende-Grafik: JvdL)

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