Straße meiner Kindheit (5) – Ein Interview

Blick in die erste Bruchstraße

Blick in die erste Bruchstraße

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Später war ich noch oft auf dem Hof der Melzers, aber mehr geduldet als willkommen.

Wie äußerte sich das?

Als ich noch klein war, sprachen die Erwachsenen selten mit uns. Wir musten überall herum, wurden mal erwischt und ausgeschimpft, aber sonst kaum oder gar nicht beachtet. Ohne besonderen Grund richtete niemand ein Wort an uns. Bauer Melzer war Kindern gegenüber schweigsam und mürrisch, sprach auch nicht viel mit den eigenen Kindern. In all den Jahren hat er nicht drei Sätze zu mir gesagt. Man hätte denken können, dass Kinder für ihn keine ebenbürtigen Menschen waren. Ich erst recht nicht.

Wie kommst du darauf?

Ich spürte bald, dass unser Ansehen sich veränderte, nachdem mein Vater gestorben war. Frau Melzer und meine Mutter siezten sich wieder, denn als die Saison begann, arbeitete meine Mutter bei Melzers auf dem Feld. Sie half beim Rübeneinzeln. Da musste ich oft mit, spielte dann irgendwo am Feldrain an den Pfützen in der Karrenspur, solange meine Mutter auf den Knien durch die Rübenreihen kroch. Da habe ich mich oft gelangweilt und hatte viel Zeit, über alles nachzudenken. Mit einem Mal war ich der Sohn einer armen Witwe, die sich überall verdingen musste. Ich hatte bei den Erwachsenen auch keinen Namen. Man sagte beispielsweise: „Dat is Kramers Jertrud der senge.“ [Der gehört (zu) Gertrud Kramer]. Kramer war der Mädchenname meiner Mutter. In Wahrnehmung und Rede der Leute tauchte er wieder auf, weil ihr Mann ja gestorben war. Mit dem Tod meines Vaters verschwand auch der Vatersname, denn er stammte nicht aus dem Dorf. Und mein Vorname war unerheblich, vielleicht nur die fixe Idee eines gestorbenen Mannes? Es reichte, mich meiner Mutter zuzuordnen.

Das sind komplizierte Gedanken für einen Jungen, Hannes.

Vielleicht sehe ich manches erst jetzt als Jugendlicher so klar, aber einiges habe ich damals beobachtet und deutlich gespürt.

Zum Beispiel?

Einmal hat mein älterer Bruder mich mit in die erste Bruchstraße genommen. Er und seine Freunde hatten unter Brombeerranken und anderem Gestrüpp einen „Bunker“ gefunden.

Ein Überbleibsel aus dem Krieg?

Nein. Kindergenerationen vor uns hatten ja auch schon hier gespielt, hatten im Mergel des Hohlwegs rechteckige Kammern ausgeschachtet. Manche waren vom Weg aus nicht sichtbar, waren auch wieder von Pflanzen überwuchert und in Vergessenheit geraten. Wir nannten solche Kammern „Bunker“. Es war immer eine Sensation, wenn ein Bunker wiederentdeckt wurde. Dieser hier hatte zum Hohlweg ein Fenster und sogar eine Fensterbank aus einem großen Stein. Weil eine Wand des Bunkers eingestürzt war, brauchten wir einen Spaten. Beckers Franz bot sich an, nach Hause zu laufen und einen Spaten zu holen. Ich wurde mitgeschickt, da ich den großen Jungs sowieso nur im Weg war. Mutter Becker war überfreundlich zu mir und bedauerte mich, weil ich so dünn wäre. Und dann musste ich unbedingt ein Leberwurstbrot essen, obwohl ich nicht wollte. Es war mir sehr peinlich, weil sie offenbar dachte, ich bekäme zu Hause nicht genug zu essen.

Frau Becker hatte vielleicht Recht?

Sie beleidigte meine Mutter, die sich doch buchstäblich krumm für uns machte. Es hatte nichts damit zu tun, dass wir arm waren. Ich war dünn, weil ich nicht essen mochte. Drum wurde ich mit neun Jahren „zur Erholung“ in den Schwarzwald geschickt. Es war mitten im Winter, und ich weiß noch, dass ich dachte, ich würde den Leuten im Schwarzwald mal zeigen, wie Schlittenfahren geht.

Eine witzige Idee für einen aus dem Flachland.

Ich habe mir immer schon viel zugetraut. Wir hatten durchaus einen Rodelberg im Hohlweg am Anfang der ersten Bruchstraße. Der war aber steil und kurz, gemessen an den Abfahrten, die ich später im Schwarzwald erlebte. Es lag ja überhaupt selten Schnee bei uns. Und die längsten Rodelfahrten meines Lebens verdanke ich sowieso Bauer Melzer.

Warum das?

Fortsetzung

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16 Kommentare zu “Straße meiner Kindheit (5) – Ein Interview

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  2. Ann hat sehr gut in Worte gefasst, was auch mir beim Lesen besonders gut gefällt. Anders als bei einer klassischen Erzählung wirken die Spannungsbögen so zufällig wie die Wendungen und Einschübe. Ich bin mir sicher, dass alles gut durchdacht ist und du genau weißt wohin du möchtest. Das man es beim Lesen nicht merkt und das Gefühl hat einem, wenn auch als Interview geführten, Gespräch zu lauschen, ist angenehm. Ein Gespräch bei dem der Erzähler alle Zeit der Welt hat und nur sanft gelenkt wird.
    Dir einen schönen Abend, lieber Jules.

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