Uff, Schwerkraftwellen

Gestern Morgen habe ich mir Kaffee gemacht und anschließend gefrühstückt. Es war gegen 7 Uhr, könnte aber auch früher gewesen sein. Ich guckte mich um und dachte: Huch, was is’n das? Ich hab ja ein Fenster in meiner Küche! Da hab ich doch glatt mal rausgeguckt. Unten auf dem Fußweg kam eine stämmige junge Frau heran. Sie sah aus, als würde sie etwas wirklich Schweres transportieren. Obwohl der Weg dort flach ist, ging sie vorne über gebeugt und stampfte quälend langsam näher, als ginge es da unten den Berg hinauf. Da ahnte ich schon, dass mal wieder die geheimnisvollen Schwerkraftwellen im Spiel sein müssten. Prompt meldete Bild gestern: „Einsteins Gravitationswellen entdeckt!“ So oder ähnlich lautete die Schlagzeile, ich hab den genauen Wortlaut vergessen, denn ich konnte den Text beim Mittagstisch nur mit einem Seitenblick erhaschen. Da saß nämlich wieder der emsige Bildleser.

Den sehe ich fast täglich, einen Mann, der die lange graue Mähne wie ein Künstler nach hinten gekämmt trägt, schokoladenbraune Kordhose, Jeansjacke, stylische Lesebrille auf der Nase, Latte macchiato trinken und die Bildzeitung von vorne bis hinten studieren. Ein Künstler zweifellos, denn es ist große Kunst, die Bildzeitung zu lesen und dabei wie ein Intellektueller auszusehen. Ich könnte das nicht. Man würde mir ansehen, dass ich mich schäme. Darum beneide ich Leute wie ihn um ihre Blendkraft. Just durch diesen Biosupermarkt schritt mal ein Hipster und trug in der Hand was spazieren, mit soviel Stolz, dass ich dachte, es ist mindestens Kants „Kritik der reinen Vernunft“, aber es war nur eine Schachtel Staubsaugerbeutel. Ich glaube, manche bestehen nur aus Außenwirkung. Oder wie Gottfried Benn treffend sagt: „Zaubern, Seiltrick, Nichts – und darüber Glasur.”

Sorry, vom Thema abgekommen. Es ging um Schwerkraftwellen. Anderswo in Hannover – am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik – hat man ein mikrofeines sekundenlanges Zittern von Laserstrahlen verzeichnet, die Fernwirkung einer Kollision zweier schwarzen Löcher in einer Entfernung von 1,3 Milliarden Lichtjahren.

aufpassenSchwester(Zeichnung aus: Kristall (1952), Montage: Trithemius, größer: klicken)

Inzwischen ließ das Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik verlauten, weil es die von Einstein in der Relativitätstheorie vorhergesagten Gravitationswellen offenbar tatsächlich gebe und man jetzt wüsste, wonach zu suchen ist, würden wir zukünftig häufiger mit Schwerkraftwellen zu tun haben. Man erwägt ein Frühwarnsystem einzurichten, denn es wäre ein sträfliches Versäumnis, wenn aus den Tiefen des Universums ein Gravitations-Tsunami heranrollen würde, der Laserstrahlen nicht nur mikrofein, sondern eventuell sogar hauchfein erzittern ließe, ohne dass die Öffentlichkeit davon erführe. Mindestens in der Bildzeitung müsste das stehen, damit auch die Intellektuellen Bescheid wüssten – und man werde dafür sorgen, vorausgesetzt der Forschungsetat würde kräftig erhöht, am besten sogar verdoppelt, die Nachricht vom sekundenlangen Zittern der Laserstrahlen zeitnah auch auf den Schachteln von Staubsaugerbeuteln zu vermelden.

Ich hingegen verspreche, gegen ein geringe Gebühr pro Leserin und Leser Bescheid zu geben, wenn unten auf dem Fußweg mal wieder eine stämmige Frau gegen Gravitationswellen ankämpft. Ersatzweise teile ich mit, wenn ich Kaffee gemacht und aus dem Küchenfenster geguckt habe.

Schönes Wochenende

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21 Kommentare zu “Uff, Schwerkraftwellen

  1. Ja, zuweilen beugt vermeintliche Schwerkraft sich dem inhaltslosen Leichtsinn, lieber Jules. Zum Beispiel dann, wenn Leute sich ad absurdum führen, zur Persiflage ihrer Selbst werden. Während es bei mir gleich gemein und zynisch klingt, kommt Deine Demaskierung ganz leichtfüßig beinahe wie eine Hommage daher. Und weil es so schön klingt, lese ich lieber wie Dir Dein Kaffee mundete, als mir meinen kleinen Kopf über verpasste Katastrophen zu zermartern.

    PS: Im Übrigen passt der intellektuelle Blöd-Leser vorzüglich zu des weltbesten Heinrichs aktuellem Blogthema, würde ich ihn als inkarniertes Oxymoron auffassen. Sollte er ein ähnliches Ziel in seiner Außenwirkung angestrebt haben, hat er es nicht so blöd angestellt, wie es auf ersten Blick scheint. Ach, vielleicht ist das auch alles nur eine Sache des Blickwinkels. Dann kauere ich im Toten Winkel und kommentiere bärbeissig. Fehlt nur noch das Kissen, welches ich mir unter die Ellenbogen bette, um besser in andere Leute-Blog-Wohnzimmer blicken zu können …

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    • Danke für deinen geistreichen Kommentar, liebe Nana, wovon mir dein Bild, mit dem Kissen unterm Ellenbogen Umschau in anderer Leute Blog-Wohnzimmer zu halten, ausnehmend gut gefällt. Ich rücke schon mal mein digitales Ellenbogenkissen zurecht für die Kür gleich, wenn ich all Kommentare sinnvoll beantwortet habe. Für das leichtfüßige Lob danke ich ganz herzlich.Dein Kommentar klingt für mich überhaupt nicht „bärbeißig“, Welch ein Wort im Zusammenhang mit einer zarten Frau und ihrem vermutlich zierlichen Kopf! Erinnert mich an eine Stelle aus der Edda, wo Thor als Braut verkleidet zu den Riesen geht und beim Hochzeitsschmaus so tüchtig zulangt, dass der Riese anerkennend sagt: „Nie sah ich eine Braut so breit beißen!“ (also bärbeißen). „Sie gelten übrigens in besseren Kreisen als inkarniertes Oxymoron“, müsste ich dem Bildleser demnächst mal sagen. Aber das gäbe nur Ärger. Vermutlich ist er schon hoffnungslos gebrainwasht.

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  2. Ich möchte dir nicht zu nahe treten, lieber Jules, aber wenn du erst heute morgen das Fenster in deiner Küche entdeckt hast, bezweifle ich, dass dir stämmige, kämpfende Frauen auffallen werden.
    Überhaupt ist es mir lieber, du berichtest aus dem Biosupermarkt oder vom Mittagstisch. Der scharfe Blick – ób bissig oder nachsichtig – gefällt mir so gut und ich setzte mich gerne zu dir und folge deinem Blick. Der Bild Leser zum Beispiel, den sehe ich genau vor mir auch den Hippster mit den Staubsaugerbeuteln – das ist lesendes Kino vom Feinsten. Und ich mag das Kino noch nicht einmal besonders gerne.
    Sollte uns eine heftige Welle des Gravitations-Tsunamis bedrohen darfst du mich natürlich dennoch gerne warnen. Auch gegen eine geringe Gebühr. Es erspart mir die Lektüre eine blöden Zeitung, die dank zu viel Druckerschwärze und zu vielem „Bunt“ nicht mal zum Fensterputzen taugt. Am Rande: Das geht am besten mit der FAZ.
    Ein schönes Wochenende auch dir.

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    • Du kannst mir gerne nahe treten, liebe Mitzi. Ich werde dir dann was flüstern: Mein Küchenfenster kenne ich schon seit sechs Jahren. Aber es schadet nichts, sich manchmal über das Alltägliche zu wundern. Es freut mich, wenn du mich zum Mittagstisch begleitest. Falls es mal nicht viel zu sehen gibt, habe ich dann immer noch dich an meiner Seite. Dankeschön für dein feines Lob. Wenn man bedenkt, wie gering mein Aufwand ist gemessen an einer Filmproduktion, kann ich mich glücklich schätzen.
      Mit der FAZ die Fenster zu putzen, hat Stil. Dann ist sie auch noch für was gut.
      Handkuss!

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    • Genau, die kommen daher und hauen uns kosmische Ereignisse um die Ohren, die jedes menschliche Maß übersteigen, aber in der Auswirkung mikroskopisch klein sind. Und wir kleine Menschen wissen nichts damit anzufangen. Aber als Ausrede taugt es was. Man kann alles, vom Kleckern bis zum Protzen, auf die einsteinschen Gravitationswellen schieben.

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  3. Um Himmels Willen! – Fenster aufreißen! Die Frau anbrüllen! „Auf den Boden! Sofort hinlegen! Auf den Bauch!“

    Man stelle sich nur vor, was so ein Gravitationstsunami mit einem aufrecht stehenden Körper anstellen würde: Zunächst würden die Wirbel der Rückensäule zu Knochenmehl zerquetscht und die Unterschenkel wie Streichhölzer knicken. Auf dem Pflaster zurück blieben nur die steil nach oben ragenden Oberschenkel und der dazwischen liegende Schädel. – Kein schöner Anblick, das muss ich leider sagen. Also ungefähr so:

    \o/

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  4. „ich glaube, manche bestehen nur aus Außenwirkung“ – bei solchen Sätzen möchte ich immer den guten alten Leuchtstift zücken, das ist bei meinem Elektrobrettl nur leider ein bissl kontraproduktiv… verschmiert alles und ich tippe in Folge lauter neongelbe Punkte in die wellengebeutelte Welt. Darf ich mir diesen wunderbaren Satz bei Gelegenheit mal ausleihen?
    Liebe Grüße
    Andrea

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    • Gut. dass du mal erinnerst, liebe Andrea.. Textmarker sind auch aus der Mode gekönmmen. Ich glaube, die liegen bei mir 25 Jahre schon ungenutzt in der Schublade. Letztens habe ich getestet: Sie schrieben noch. Jedenfalls freut mich, wenn dir einer meiner Sätze so gefällt, dass du ihn hervorheben wolltest,um ihn eventuell mal zu entleihen. Das darfst du natürlich.
      Lieben Gruß

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      • Vielen Dank! Ich werde dann von den ausgelösten Wellen berichten.
        Jetzt weiß ich, warum immer alle komisch schauen, wenn ich meinen Stiftebeutel zücke mit mindestens fünf verschiedenen Farben darin. Ich liebe es, altmodisch zu sein!

        Liebe Grüße und einen ausschließlich angenehm gewellten Sonntag
        Andrea

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  5. Arme Frauen: als wenn sie nicht schon mit ihren Kämpfen gegen Hitze- und Dauerwellen genug gestraft wären. Nun auch noch Gravitationswellen.Einen Zusammenhang zwischen der Stämmigkeit der Frau und ihrem möglichen verlorenen Kampf gegen die Fresswelle will ich hier gar nicht anstellen, weil es sich doch nicht gehört und ich bei dem Bild dieser Frau vielleicht auch nur auf ihre Aussenwirkung hereinfalle. Vielleicht ist sie in Wirklichkeit zwar stämmig, dafür aber wunderschön, und ihre Dauerwelle sitzt pefekt.

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    • Ich vermute aber, dass auch ein Mann in diesem speziellen Augenblick mit den Schwerkraftwellen hätte kämpfen müssen. Um nicht an Äußerlichkeiten festzuhängen, einigen wir uns darauf, dass die Frau durch ihre innere Schönheit zu bezaubern weiß. Das konnte ich aber vom Küchenfenster aus nicht sehen.

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  6. War es wenigstens eine deutsch-stämmige Dame, die da gravitätisch die Welle machte? Ja, mir gefällt auch besonders der Bild-Leser! Und es ist schön zu wissen, dass es einen akzeptablen Indikator für Gravitationswellen gibt, einen, auf den du vom Küchenfenster aus acht gibst.

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    • Stämmige Frauen können beliebig herstammen, ich hab jedenfalls nicht gefragt. Der Bildleser und ich – wir sehen uns täglich, aber grüßen uns nicht. Die Bildzeitung steht zwischen uns. Sonst wäre er mir nicht mal unsympathisch. Aber ich hätte Angst zu erfahren, wie es in seinem Kopf aussieht. Dann schaue ich doch lieber für euch aus dem Küchenfenster.

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