Entbehrungsreiche Expedition durch Sprachwüsten

Kein Sherpa steht wartend bereit, einen Teil meiner Lasten zu nehmen, kein einheimischer Führer hockt plaudernd am Feuer, gelassen auf das Zeichen zum Aufbruch wartend. Ich stehe allein am Rande einer Wortwüste. Schier endlos weitet sich wildes Land. Dennoch, so tröste ich mich, auch diese Einöde ist zu durchmessen. Genau 28 Hefte, nicht mehr und nicht weniger, die sollte ein Mann von Kräften doch zu durchqueren im Stande sein. Andere haben es vor mir getan, und nach mir werden weitere kommen, tollkühne Männer und Frauen allesamt, und ich bin einer von ihnen. Bei guten Bedingungen dürfte die Einöde in acht bis neun Stunden durchschritten sein, ein Tagesmarsch; das jedenfalls war die Meinung alter Korrekturfüchse gewesen, worin ihnen sogar einer widersprochen und von Korrekturwasser schwadroniert hatte, mit dessen Hilfe es wesentlich kürzer zu machen sei.

Leise pfeifend prüfe ich ein letztes Mal meine Ausrüstung. Da ist mein kampferprobter Kolbenhubfüller. Der hat schon manchen klärenden Strich gezogen, hat mit Kritik nie gespart, aber auch artiges Lob zu Papier gebracht. Wieder schwappt die rote Tinte im Reservoir, bereit aus der Feder zu fließen und Fehlerzeichen zu werden. Rot ist alle Tinte, allein der Feder Schwung trennt Himmelhochjauchzen von Zu-Tode-betrübt. Dort ruht das Tintenfass auf einem Läppchen, drüben wartet ein jungfräuliches Schmierblatt. Bitte, man kann ohne Sauerstoffgerät den Mount Everest besteigen. Ebenso kann man ohne Duden durch Sprachwüsten reisen, aber seriöses Expeditieren ist das nicht. Was ist, wenn es aus sprachlichen Niederungen hinaufgeht in schwindelnde Höhen? Wenn in dünner Luft die fremden Wörter eisig klirren, urplötzlich aber, dem schrecklichen Tosen alpiner Gewitter gleich, eine orthographische Dissonanz hernieder fährt, dass jeglicher Sinn und Verstand sich zu verflüchtigen anschicken, du aber stehst mit leeren Händen machtlos da, während links und rechts die Worthülsen niedergehen und die sonst vertraute Sprache zum kakographischen Idiom der Hölle wird. Da hilft kein „Hätt’ ich doch!“ oder „Wie konnt’ ich nur?“ Darum packe ich mir lieber gleich ein paar Duden-Bände auf.

Bald ist das erste Heft aufgeschlagen, und es öffnet sich ein Text wie ein heller, freundlicher Buchenhain. Hurtig schreite ich durch die großen, klaren Buchstabenreihen, meinen Rotstift wie einen Wanderstab schwingend. Wie der übermütige Wandersmann ab und zu eine Brennnessel am Wegesrand köpft, so streicht auch meine Feder wie leichtsinnig übers Papier. Doch dann geht es tief ins sprachliche Unterholz. Mit jedem neuen Heft wird das Land unwegsamer, und bald schon muss ich mir mit dem Rotstift einen Weg ins pleonastische Sprachgestrüpp kämpfen, durch Tautologien wie Dornenranken und schier endlose Sätze, verwoben wie Lianenstränge. Bald ertappe ich mich dabei, dass ich vor Erschöpfung gar nicht mehr weiterzukommen trachte, sondern rückwärts schaue und vergegenwärtige, was ich bereits bewältigt hätte und ins Grübeln verfalle, ob da nicht Abkürzungen wären oder die Expedition für heute abzubrechen sei.

VerzweiflungLeise Verzweiflung – Foto: Kristall 1952 (größer: klicken)

Da wendet sich das Blatt. Lieblich perlt ein Sprachflüsslein dahin, köstliche Worte erquicken meinen Geist, nie gelesene Gedanken sprießen überall, dass es eine Lust ist zu lesen und immer weiter zu lesen. Lange bleibt da mein Rotstift ohne Arbeit. Dahinter aber folgt neuer Schrecken: Auf grauem Recyclingpapier ducken Buchstaben sich hin, elenden Flechten und Moosen gleich. Staubdumme Trockenheit legt sich mir aufs Gemüt. Mein Rotstift kratzt mühsam über stumpfes Blatt, hakt und stockt, bricht seitlich aus, und ich spüre, dass ein grässlicher Chirospasmus sich ankündigt, der auch von mehrfachen Traubenzuckergaben nicht abzuwenden ist. Mutlos werfe ich die Feder nieder und sinke zu einem unruhigen Schlummer auf mein Lager.

Ich erwache voller Grimm, und er gibt mir Kraft für ein zügiges Voranschreiten. Heft um Heft lasse ich hinter mir, und durch fernen Dunst winkt mir bald der Pass. Gerade bewältigt ein sattroter Strich eine ganze Seite, simple Paraphrase, Themaabweichung, was weiß ich, da fährt mir unvermittelt ein Wortschwall ins Gesicht. Ich reibe mir die Augen. Was habe ich da gelesen? Welch grausige Sprech schlug mir aus jenem Satze dort entgegen? Rasch versuche ich mich zu wappnen, memoriere eilends das Alphabet, doch zu spät. Die schädlichen Worte sind bereits von Synapse zu Synapse gesprungen, haben hier erregt und dort verkleistert, und ehe ich mich versehe, ist das Unglück perfekt: ein Knoten im Hirn! Nun ist rasches Handeln angesagt. Jedes Zögern kann Millionen Hirnzellen kosten, ja, im schlimmsten Fall totale Debilität nach sich ziehen. Ich spieße die Feder in den Text, balle die Fäuste und versetze meinen Schläfen von beiden Seiten einen heftigen Schlag. Hupps … da ist das Ende des Textes erreicht. Ich hinterlasse eine kurze Notiz, setze meine Ich-war-hier-Marke und eile weiter.

Noch zehn Hefte, die Passhöhe ist erklommen. Ich wähne mich am Rand eines sanft abfallenden Hanges. Wie ich das offene Gelände vor mir erfasse, da kehrt auch die alte Korrekturlust zurück, so dass ich schneller und schneller dem Talgrund entgegeneile. Kaum ist das letzte Heft eröffnet, setze ich auch schon den lang ersehnten Schlussstrich. Ein zufriedener Blick wandert zurück, denn wer wollte sich das wohlige Schaudern versagen, das sich einstellt in der Betrachtung überstandener Mühen? Aber da durchfährt es mich kalt. Was habe ich getan? Wie sieht das denn aus? Seitlich der Zeilen drängen sich Kompanien meiner flüchtigen Chiffren. Ominöse Linien schlängeln sich wie heidnische Ornamente. Pfeile stiften heillose Verwirrung, und fette Striche spalten harsch den Zeilenfluss. Erschrocken blättere ich Heft um Heft zurück. Auch hier und hier – rot, rot, rot, überall die gleichen infernalischen Runen, Seite um Seite wie die beschmierten Fahnen chinesischer Räuberbanden, wie die lasterhaften Tätowierungen verkommener Opiumesser!

Das habe ich nicht gewollt! Das habe ich nicht bedacht! Als Reisender in der Fremde sollte man doch die Natur des Landes achten, sei sie noch so wild und unzugänglich. Auch hier muss ökologische Vorsicht walten. Wer weiß schon, ob ein hässliches sprachliches Pflänzchen, das der gandenlose Rotstift ausgemerzt hat, nicht einst zur allseits entzückenden Blüte hätte gelangen können? Und wenn nicht dies, so hätte es vielleicht einer höheren und schöneren Pflanze den Weg bereitet, wie das unscheinbare Moos die schrecklichsten Felsen vermöge seiner Wurzeln sprengt, so dass aus den Trümmern sich bald die hübsche Blüte des wilden Enzians erheben kann. Wer gab mir das Recht, ohne Rücksicht durch junges Land zu eilen und bedenkenlos Eosin zu versprühen? Wem nutzen solche Expeditionen, zu denen mehrmals im Jahr Tausende Schulmeister aufbrechen. Ein schrecklicher Verdacht keimt in mir auf, während ich die ästhetischen Katastrophen schamhaft unter Heftdeckeln verberge und den Heftstapel aus meinen Augen rücke: Stehen die Schulmeister am Ende unwissentlich in Diensten der internationalen Eosin-Industrie? Sind sie die willfährigen Büttel der Rote-Tinte-Mafia? Es klebt rote Tinte an unseren Händen.

Ein Text aus meiner Zeit als Deutschlehrer, erstmals veröffentlicht im Jahrbuch 1994 eines Aachener Gymnasiums