Kleiner Kamin löscht die Glut – #Kramladengeschichten

Die Biographie der Dinge

Seit ich vor gut vier Jahren mit dem Rauchen aufgehört habe, liegt ein Zigarettenlöscher aus Messing in meiner Kramlade. Als ich noch rauchte, war mein Ehrgeiz, perfekte Zigaretten zu drehen. Es war eigentlich das Beste am Rauchen. Eines habe ich jedoch nie hinbekommen: Die Selbstgedrehte richtig auszudrücken. Einmal bin ich mit einem neuen jungen Kollegen von Aachen zum Kloster Marienthal gefahren, um ihn einzuarbeiten. Da fiel mir bald ein sympathischer Zug an ihm auf. Er wusste nicht nur immer, wohin ins Jackett ich meine Lesebrille gesteckt hatte, sondern drückte auch fürsorglich an den Raststätten meine noch qualmende Kippe aus.

Im Jahr 2010 bin ich mit dem Fahrrad von Hannover nach Aachen gefahren. In Aachen nächtigte ich bei meinem guten Freund Thomas. Bis tief in die Nacht saßen wir in seiner Küche, feierten meine glückliche Ankunft und tranken aus schönen alten Gläsern. Und immer wieder gerieten mir die Welten durcheinander, diese reale Welt und die Welt meiner Texte, in der er Jeremias Coster war, Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen.

kleiner schornsteinIrgendwann schob Coster mir diesen kleinen Schlot aus Messing über den Tisch und sagt: „Den schenke ich dir.“ Ab dann versuchte er mir beizubringen, meine Kippe hineinzustecken. Das konnte ich auch, obwohl das Loch im Zigarettenlöscher naturgemäß kleiner sein muss als der Zigarettenlöscher selbst. Trotz dieser probaten Lösung für mein Zigarettenausdrückproblem versuche ich immer wieder die Zigarette im Aschenbecher auszudrücken. Es passen ja manchmal nur kleine Dinge in meinen Kopf, aber immerhin. Dann sollte doch so ein furzkleiner Zigarettenlöscher auch hineingehen. Zum Glück hatte der Mann eine Engelsgeduld, wartete wie ein guter Lehrer, ob ich es selbst konnte, und erst wenn er sah, dass meine Hand erneut zum Aschenbecher irrte, wies er freundlich auf den Zigarettenlöscher hin und erklärt nochmals dessen Funktion. „Du brauchst die Zigarette nur hineinzustecken, einfach mit der Glut hineinfallen zu lassen. Sie verlöscht von selbst.“

Leider ist Thomas vor jetzt zwei Jahren freiwillig aus dem Leben geschieden. Ich vermisse diesen liebenswerten Mann sehr. Mir blieben zwei Dinge, der Zigarettenlöscher und ein Filmdöschen mit etwas von seiner Asche, wovon ich nächstens erzählen will.

Weitere Texte zum Mitmachprojekt unter #Kramladengeschichten

Trithemius bei den Sachsen (5) – Die Choräle der Meißel

Kaum ist die Sonne aufgegangen, sind die Mauerspechte bei der Arbeit. Hell klingen die Meißel auf Stein. Drinnen wie draußen wird der Putz von den Wänden geklopft. Vermutlich hat man in der Abtei angefangen zu meißeln und arbeitet sich von Gebäude zu Gebäude nach außen. Wie hoch das Wasser überall gestanden hat, da braucht es vorerst keine Hochwassermarke. Es lässt sich ablesen am sauber frei gelegten Mauerwerk. Aus dem Erdgeschoss des Gästehauses St. Franziskus dringt das Scharren der Schaufeln. Am Abend ist der Boden vom Schutt befreit, bis zu den Schlauchleitungen der Fußbodenheizung.

mariental-impressionen2Im Erdgeschoss der weiträumigen Propstei treffe ich den auskunftsfreudigen Hausmeister. Hier rauscht eine Kompanie fahrbarer Luftentfeuchter. „Wie lange laufen die schon?“, frage ich.
„Seit September.“ „Wie konnte das Wasser überhaupt in die rundum geschlossene Abtei eindringen?“
„Da ist ein Brunnen im Innenhof. Durch den ist das Wasser hoch gekommen. Solange die Pumpen liefen, hatten wir das im Griff, aber als das Wasser ringsum immer höher stieg, musste der Strom abgeschaltet werden.“

Man darf als gewöhnlicher Sterblicher diesen Innenhof nicht betreten, aber kann sich vorstellen, wie der Brunnen zum Entsetzen der Nonnen übergelaufen ist, wie es heraussprudelte und nicht zu deckeln, nicht aufzuhalten war. Da half auch kein Beten.

Die Nöte des Hausmeisters waren auch nicht klein. Er wohnt in Ostritz, wo ihn die Neiße durch Türen und Fenster besuchte. „Ich bin hin- und hergefahren, habe zu Hause alles Wichtige hochgestellt, aber als ich zurückkam, schwammen die Sachen unter der Decke.“ Er ist ein freundlicher Mann und lächelt bei seinem Bericht. „Sie können ja wieder lachen“, sage ich. Was bleibt ihm auch anderes übrig. Man kann ein solches Desaster vermutlich nur mit Humor überstehen. Überhaupt sind die Angestellten des Klosters von einer herzlichen Fröhlichkeit. Das Internationale Begegnungszentrum wird von den Nonnen gemanagt, und offenbar sind sie gute Arbeitgeber. Die Abtei verlassen sie nur selten. Nur einmal sehe ich im Morgenlicht zwei Nonnen vom Klostermarkt kommen. Eine junge Nonne in hellblauer Tracht stützt eine ältere Schwester, ein fast geisterhafter Anblick. Weniger heidnisch ausgedrückt: Die beiden strahlen eine durchgeistigte Ruhe aus, wie ich sie selten bei Menschen gesehen habe, dass muss sogar ich abgefallener Katholik zugeben.

Der Gästeempfang ist noch immer auf die erste Etage verlagert. Dort frage ich nach Nähzeug. Die freundlichen Damen beratschlagen, eine telefoniert, und zur Mittagspause finde ich Nadel, Schere und zwei schwarze Garnröllchen auf dem Schreibtisch meines Zimmers vor, so dass ich meinen Knopf wieder an den Mantel nähen kann.

Die Seminargruppen erweisen sich als handzahm und arbeitsfreudig. Da ist auch eine Gruppe aus Kroatien und ein Redakteur einer kroatischen Zeitung. Ich kenne mich nicht aus mit kroatischen Zeitungen, aber diese hier sieht aus wie eine Boulevardzeitung. Längere Texte, etwa Reportagen wie sie für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) geschrieben werden sollen, hätten da gar keinen Platz.

Bei einem Rundgang in der Mittagspause finde ich entlang der Neiße Hochwasserschutzwände aus Neuwied am Rhein. Das ist nicht nur ein Gruß aus meiner Heimat, dem Rheinland, sondern zeigt mehr als Sonntagsreden, auch dieser Ort im entlegendsten Winkel gehört zu Deutschland und hat Anspruch auf unsere Solidarität.
Ende

Trithemius in Sachsen (4) – Ein guter Ort

Folge 1 – Deutschland südostFolge 2 – Häuser zum Fürchten Folge 3 – „Wir wussten ja nichts“

Du lieber Himmel, ist es hier kalt. Wann immer man aus dem Windschatten eines Gebäudes tritt, packt einen der eisige Sturmwind, der mutwillig durch die weiträumige Klosteranlage pfeift. Oben durch die kahlen Baumwipfel des finsteren Kalvarienbergs scheint ein Güterzug zu brausen. Da wird der Herrgott erbärmlich frieren an seinem Steinkreuz. In das Tosen des Windes mischt sich das Rauschen des Neißewehrs. Das Erdgeschoss des Gästehauses St. Franziskus liegt im Dunkeln, was die Überschwemmungsschäden noch trostloser wirken lässt. Der Bewegungsmelder reagiert und schaltet das Licht der oberen Etagen an. Hier, nahe der Neiße, hat im letzten Sommer das Wasser mannshoch gestanden. Bis über meinen Kopf ist der Putz abgeschlagen und das Mauerwerk freigelegt. Ich suche mir einen Weg durch den Schutt. Es riecht nach Moder. Mein Zimmer liegt auf der zweiten Etage, erreichbar über eine knarrende alte Holztreppe. Sie soll mich in den drei Tagen meines Aufenthalts noch öfter narren, denn es hört sich an, als folge mir jemand, so dass ich mich mehr als einmal umdrehe.

Marienthal hochwasser und stube

Ich habe ein hübsches Doppelzimmer unterm Dach, weißgetüncht, schwarzes Gebälk und zwei Dachgauben. Man darf in einem katholischen Kloster keine französischen Doppelbetten erwarten. Die schmalen Betten sind übereck angeordnet, getrennt durch einen hellgrauen Kleiderschrank. Die Fenster zeigen nach Osten, zum geschlossen Klosterbereich hin. Eines ist genau über dem ebenfalls grauen Schreibtisch. Ich verstaue meine Sachen und erkunde mein kleines Reich. An den Raum muss ich mich noch gewöhnen, das zeigt er mir, nachdem ich vom Schreibtisch aufstehe und mir an der Wand der Dachgaube den Kopf anstoße. Aber ich werde hier schlafen wie ein Prinz.

Es ist ein guter Ort, so ganz aus der Welt, trotz der ringsum tosenden, unbändigen Natur. Dieser Platz hat gute Schwingungen. Vermutlich hatten das schon die Heiden erkannt, bevor das Kloster im Jahr 1234 gegründet wurde. Klöster, Kirchen, Kapellen, Wegkreuze stehen fast immer auf alten Kultplätzen. Das ist dem Überwindungsgedanken geschuldet, wie auch die Mönche in den Skriptorien die heidnischen Texte antiker Autoren vom Pergament schabten, um sie mit christlichen Texten zu überschreiben (Palimpseste), legten sie die heidnischen Kultstätten platt und überbauten sie. Ich bin Heide. Mir ist egal,woran es liegt, aber ich fühle mich wohl in meiner Klosterstube, habe hier schon eine Sorte Erleuchtung gehabt.

Mein Mobiltelefon piepst. Der polnische Netzanbieter hat mir eine Tarifinformation geschickt. Zugang zu einem deutschen Netz hat man allenfalls oben an der Straße. Da habe ich früher oft gestanden, um zu telefonieren, vom kalten Wind gezaust, die dunkle Klosteranlage zu meinen Füßen, kaum ein Licht ringsum, und mich fragend, was um Himmels Willen mache ich hier?

Ja, was? Das Kloster ist unter anderem mit Mitteln der Bundesstiftung Umwelt restauriert und zum Internationalen Begegnungszentrum (IBZ) ausgebaut worden. Diese größte Umweltstiftung Europas mit Sitz in Osnabrück finanziert auch die medienkundlichen Seminare, die hier im Winterhalbjahr stattfinden. In den letzten Jahren hat die ein Journalist aus Dresden abgehalten, der derzeit im Krankenhaus liegt. Bevor ich nach Hannover gezogen bin, war ich ziemlich oft hier, manchmal in Begleitung. Bei meinem letzten Aufenthalt war das Internationale Begegnungszentrum St.-Marienthal beinah fertig restauriert, und jetzt fängt man fast wieder von vorne an, deprimierend.

Ich packe mich wieder ein, gehe hinüber zum Speisesaal. Dort werden gerade die Tische abgeräumt. Aber die Lehrerinnen und Lehrer der Projektklassen und ein Mitarbeiter des IBZ sitzen noch plaudernd zusammen. Ich stelle mich vor und erläutere, was wir am nächsten Tag machen werden. Den IBZ-Mitarbeiter kenne ich schon einige Jahre. Er hat Forstwirtschaft studiert und kommt eigentlich von der Mosel. Dieser rotwangige, stets freundliche Verbindungsmann zwischen IBZ und den Seminargruppen ist ein lebendiges Zeugnis, dass man hier gut leben kann. Diesmal kommt eine der beiden Seminargruppen aus Siebenbürgen, dem deutschsprachigen Teil Rumäniens, denn woran sie teilnehmen, ist das internationale Begegnungsprojekt „Umwelt baut Brücken.“

Etwa 60 Schulklassen nehmen an diesem einjährigen Austauschprojekt teil. Die Schüler besuchen einander für eine Woche und recherchieren am Ort der Partnerschule ein Umweltthema, worüber sie dann im Unterricht schreiben – in Deutschland für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Organisiert wird alles von einem Aachener Institut, das solche Kooperationen von Zeitung und Schule schon seit Mitte der 1980-er Jahre veranstaltet und auch erfunden hat. Inzwischen gibt es Konkurrenzunternehmen, die alle nach ähnlichen Konzepten arbeiten, allerdings ohne Schüleraustausch, nur mit der jeweils lokalen Zeitung.

Die teilnehmenden Lehrerinnen und Lehrer sind vom Institut rundum gepampert, müssen sich nur um ihre Schülerinnen und Schüler kümmern. Reise, Aufenthalt, Kooperationspartner, Exkursionen, Unterrichtsmaterialien, tägliche Zeitungslieferung – alles ist organisiert, wobei die Kosten von der Bundesstiftung Umwelt übernommen werden. Die Lehrerinnen und Lehrer sind in einem Vorbereitungsseminar über den geplanten Ablauf des Projektes informiert worden. Ausgewählte Lerngruppen dürfen zusätzlich für eine Woche nach Marienthal fahren. Warum nach Marienthal? Weil die Bundesstiftung Umwelt das IBZ gefördert hat, sorgt sie jetzt für eine gute Auslastung, eine regionale Fördermaßnahme, die vermutlich in keiner Statistik auftaucht.

Die Gruppen sind schon seit Montag hier, hatten heute ihren Umwelttag – haben eine Einrichtung oder ein Unternehmen in der Region besucht und dort ein Umweltthema recherchiert. Die Lehrerinnen geben sich erstaunt. Nein, sie hätten nicht gewusst, dass ihre Schüler sich Notizen machen sollten. Oje, mit der Rechercheübung steht und fällt ein Teil meines Seminars. Ich muss mir heute Abend noch Themen ausdenken, die am Ort zu recherchieren sind. Es liegt nicht daran, dass eine Gruppe aus Siebenbürgen kommt. Deutsche Lehrer sind nicht besser. Sie bekommen genug Material, um sich vorzubereiten. Ihre Projekttage sind bis ins Kleinste geplant. Aber sie lesen ihre Unterlagen oft nur flüchtig, sind darin kein bisschen besser als ihre Schüler.

Nach dem Abendessen hatte ich mit den Erwachsenen noch gesellig am offenen Kamin im Kaminzimmer sitzen wollen. Aber mir ist die Lust vergangen, weil ich meinen Seminartag neu planen muss. Eigentlich bin ich aber ganz froh, mich auf meine lauschige Klosterstube zurückziehen zu können.

Fortsetzung Die Choräle der Meißel

Trithemius bei den Sachsen (3) – Wir wussten ja nichts

Folge 1 – Deutschland südostFolge 2 – Häuser zum Fürchten

Nirgendwo in Deutschland wird es so früh dunkel wie in Görlitz, aber nirgendwo in Deutschland geht auch die Sonne so früh auf. Jetzt jedenfalls ist es zappenduster. Görlitz war einmal nahe daran, Großstadt zu werden, doch inzwischen hat sich die Einwohnerzahl fast halbiert. Vor einigen Jahren war ich mit einem jungen Kollegen hier. Wir wollten abends in der aufwendig restaurierten, prächtigen Altstadt essen, aber schauten wir in die Lokale, saß keiner drin. Wir wagten uns trotzdem in eines hinein, und als ich zur Toilette ging, fiel mein Blick in die offene Küche. Da hatte der Koch seinen Kopf in beide Hände gestützt und weinte auf die Arbeitsplatte. Schon damals hatte uns der Busfahrer eines Reisebusses geklagt, dass die jungen Leute der Region, besonders die Frauen, alle weggehen würden.

„Das einzige, was hier boomt, sind Altenpflegeeinrichtungen“, sagt der Taxifahrer, „denn die alten Leute bleiben zurück, und die Kindern oder Enkel, die sich um sie kümmern könnten, sind weg.“ Wir fahren an der polnischen Grenze entlang nach Süden. Da gibt es kaum etwas zu sehen. Bei der Durchfahrt von Laubitz, wo die Häuser nach einem Anstrich lechzen, manche nur noch um Abriss betteln, sagt der Taxifahrer, er verdiene nicht mehr, als ein Hartz-IV-Empfänger bekomme, aber er sei froh, eine Aufgabe zu haben, die ihn mit Menschen zusammenbringt und ihm das Gefühl gebe, gebraucht zu werden. Er hat wohl lange Zeit zu Hause gehockt, als nach der Wende die Braunkohlegrube zugemacht wurde, der wichtigste Arbeitgeber in der Region. „Die Braunkohle hier ist ergiebig, Sie räumen einen Eimer Dreck weg und bekommen zwei Eimer Kohle, anderswo in Deutschland ist es genau umgekehrt. Aber die Grube wurde geschlossen, damit die Gruben im Westen weiter bestehen durften.“ Ich könnte ihm jetzt erzählen, dass der Dörfer verschlingende Braunkohletagebau und die klimaschädliche Kohleverstromung in meiner Heimat durchaus umstritten sind, aber er wird es nicht hören wollen.

Wie das war, wie er umgeschult hat, wie er als Vater zweier Kinder eine Stelle nicht bekam, weil er keinen Hortplatz für sie fand, das ist wirklich traurig. Ich versuche ihn abzulenken, denn einer von uns beiden wird bald heulen, und sage: „Es ist tragisch, wie die Betriebe im Osten nach der Wiedervereinigung ausgeplündert und plattgemacht wurden. Ihr hättet nicht Helmut Kohls Versprechungen glauben dürfen.“ „Aber wir wussten ja nichts!“, jammert er. „Hier war doch vor der Wende das Tal der Ahnungslosen.“ In der Tat konnte man in der Region kein Westfernsehen empfangen. Zu DDR-Zeiten bedeutete das Akronym ARD „Außer Raum Dresden“.

Marienthal Notebookquer
Das Kloster St.-Marienthal gehört zur Landstadt Ostritz. Der verlassen wirkende Ort, eigentlich ein Dorf von gerade mal 2600 Einwohnern (Anmerkung der Redaktion: Zahlen von 2011, 2014: 2416 Einwohner), ist eine energieökologische Modellstadt, aber was nutzt die beste Umwelttechnologie, wenn die jungen Leute in den Westen abwandern. Die jungen Frauen sitzen lieber in Aachen, dem westlichsten Pendant zu Görlitz, an der Supermarktkasse als in ihrer Heimat in der Arbeitslosigkeit zu versacken. Wenn du wissen willst, wo denn der Hund wirklich begraben liegt – es ist hier. Vor den Häusern parkt nur vereinzelt mal ein Auto, ein Hinweis auf Geldmangel oder Leerstand. Läden gibt es kaum. Die in ihrer Heimat Verbliebenen nötigen mir Achtung ab, wie sie sich gegen die Verödung dieses Landstrichs anstemmen. Die Geographen sprechen ja von Wüstungen, wenn Dörfer aufgegeben sind. Die überall drohenden Wüstungen machen mich schwermütig. Kein Wunder, wenn dieses Elend die Gemüter der Einheimischen überschattet.

Grenzregionen haben es überall schwer, weil das Hinterland fehlt. Hier fühlt man sich um das Hinterland betrogen. Im Dezember 1943 hatten die späteren Siegermächte auf der Konferenz von Teheran die Grenze zu Polen am grünen Tisch festgelegt. Dem Vernehmen nach hatte Churchill die neuen polnischen Grenzen mit drei Streichhölzern gelegt. Da sollte nicht die Lausitzer Neiße, sondern die Glatzer Neiße weiter im Osten die Grenze zu Polen werden, aber Churchill knickte vor der Weigerung der polnischen Exilregierung ein, die Glatzer Neiße als Grenze zu akzeptieren und fügte sich Stalins eigenmächtiger Festlegung auf die Lausitzer Neiße. Es ist gewiss schwierig, derlei willkürlichen Grenzziehungen zu akzeptieren, wenn es um die eigene Heimat geht. Demgemäß haben viele noch nicht verwunden, dass auf der anderen Seite der Neiße bereits Polen ist, und auch der Taxifahrer redet nur schlecht über das ehemals sozialistische Brudervolk. „Sie mögen die Polen nicht“, sage ich. „Ja“, sagt er. „Die Polen kommen über die Grenze und klauen alles weg.“ Er traue sich kaum, sein Taxi irgendwo am Straßenrand zu parken. „Wenn ich pinkeln muss, fahre ich nach Hause“, sagt er. „Sind Sie denn schon mal bestohlen worden?“, frage ich. „Nein.“

Es ist wohl ein Problem der selektiven Wahrnehmung. Die Ressentiments sitzen tief in der Bevölkerung. Was politisch gewollt und vernünftig ist, Aussöhnung und Zusammenarbeit, kommt nicht gut an beim einfachen Mann. Als der Taxifahrer mich zwei Tage später zurückfährt, erzählt er, auf der Brücke zwischen Görlitz und Zgorzelec sei in der Silvesternacht ein älteres Ehepaar von polnischen Jugendlichen zusammengeschlagen worden. „Aber glauben Sie nicht, dass davon etwas in der Zeitung steht.“ Soll es denn sein, dass die Zeitungen Zensur ausüben, weil es politisch opportun ist, diesmal freiwillig – als Akt des vorauseilenden Gehorsams? Natürlich hat die Region nur eine Chance, wenn man mit den polnischen Nachbarn zusammenarbeitet, aber das geht mühsam, wie sich besonders bei dem verheerenden Hochwasser im August 2010 zeigte. In Polen war ein Staudamm gebrochen, und eine riesige Flutwelle rollte die Neiße herab. In Görlitz feierte man ein Volksfest und wunderte sich, dass auf der polnischen Seite der Neiße Autos mit Blaulicht umherfuhren. Die polnischen Nachbarn hatten wohl eine Warnung nach Warschau geschickt, von dort wurde Berlin benachrichtigt, und von Berlin kam ein Fax, das aber zu spät gelesen wurde, es war Wochenende. Besonders das Kloster St. Marienthal und Ostritz erlebten das schlimmste Hochwasser seit dem Jahr 1897. Die Schäden im Kloster sind gewaltig. Davon später mehr.

Inzwischen ist mein Taxifahrer vom eigenen Jammer gefangen, und ich bin froh, dass er die Windungen hinab zum Kloster meistert. Am Tor will er mich absetzen, aber ich heiße ihn durchzufahren bis vor den Gästempfang nahe der rauschenden Neiße. Die Gebäude ringsum wirken verlassen. Nur im Speisesaal ist noch Licht. Ich bin rechtzeitig zum Abendessen da.

Fortsetzung Ein guter Ort – Abseits der Welt

Trithemius bei den Sachsen (1) – Deutschland südost

Vor ziemlich genau fünf Jahren verschlug es mich dienstlich nach Sachsen, und zwar zum Kloster Marienthal im entlegendesten Zipfel Deutschlands, direkt an der Grenze zu Polen. Damals lag die Flüchtlingskrise noch jenseits unseres Horizonts, und auch von rechtskadikalen Umtrieben wurde nur spärlich berichtet. Vorurteile gegen Sachsen hegte ich noch nicht, denn ich war in den Jahren zuvor schon oft in Marienthal gewesen, und meine einzigen Probleme dort waren gewesen die Saukälte und an den Tabak zu kommen, den ich damals rauchte. Ich veröffentliche meine Reportage in Folgen unverändert und unfrisiert, damit man sich ein Bild machen kann, wie sich mir Sachsen damals präsentierte.
kloster marienthal
Kloster und Begegnungsstätte Marienthal, Ostritz – Foto: Trithemius

Tief im Osten hat sich ein mir völlig unbekannter Journalist ins Krankenhaus gelegt und mir damit eine unerwartete Dienstreise in den südöstlichen Zipfel Deutschlands beschert. Ich Notnagel bin zu früh am Hauptbahnhof von Hannover, und nachdem ich mir zwei Paar neue Handschuhe gekauft habe, sinke ich in einen roten Ledersessel der DB-Lounge. Man sitzt hoch über dem Bahnhofsvorplatz und hätte einen schönen Blick auf das geschäftige Treiben dort unten, wenn nicht die Sessel entlang der Fensterfront dem Plebs den Rücken zuweisen würden. Ich muss an einen Ostfriesenwitz denken: Warum fliegen die Zugvögel über Ostfriesland auf dem Rücken? Damit sie das Elend dort unten nicht mit ansehen müssen.

Man ist in der DB-Lounge ein 1.-Klasse-Mensch, wird am Eingang von freundlichen Damen begrüßt und verabschiedet wie ein gern gesehenes Familienmitglied, kann sich kostenlose Getränke nehmen, Zeitungen sowieso und natürlich persönlich beraten lassen, wenn man ein fahrplantechnisches Fürzchen quer sitzen hat. Den Parkettboden haben die 1.-Klasse-Menschen der Republik ziemlich abgelatscht. Es muss mehr von Ihnen geben als man denkt. Die meisten jedoch sind Geschäftsleute, auf Firmenkosten unterwegs wie ich, schauen wichtig in ihr Notebook oder führen bedeutende Telefongespräche.

Neben mir
lassen sich ein junger Mann und eine junge Frau nieder. Sie sind offenbar Bauingenieure und arbeiten für die Bahn. Der Mann klappt einen meterlangen Plan mit Gleisanlagen der Bahnsteige C und D aus, der als Leporellofalz in einem dicken Aktenordner klemmt. Worüber sie sprechen, das ist noch viel länger, nämlich „satte 200 Meter Leitung“, sagt der Mann. Ein kleiner Dicker im blauen Anorak kommt herein. Der trägt sein gut umhülltes Cello wie einen Rucksack. Das ist der Unterschied zwischen dem Bahnhofsvorplatz und der DB-Lounge. Auf dem Bahnhofsvorplatz werden die Instrumente ausgepackt und so lange gequält, bis einer was in den Hut wirft. Der Mann in der DB-Lounge muss das nicht, weil ein ausgesuchtes Publikum ihn irgendwo erwartet, weshalb er hier als wandelnde Hochkultur glänzen kann. Da verzeiht man ihm auch einen blauen Anorak. Mir ist sowieso aufgefallen, dass namentlich Konzertmusiker sich ausgesucht schlecht kleiden. Grausam gekleidet zu sein, ist quasi das Prädikat der E-Musiker. Es gibt an, dass diese Leute nur der Musik verpflichtet sind und mit irdischen Dingen wie Kleidung nichts am Hut haben – zumindest außerhalb der Konzerthäuser.

Ich steige in den IC nach Dresden. Derzeit hat die deutsche Bahn viel altes Material auf den Schienen, weil die neueren Züge und Waggons in den Werkstätten herumstehen, und so hat auch der IC nach Dresden noch einen alten Abteilwagen. Ich habe dummerweise eine Reservierung für einen Platz im Abteil. Denn kaum habe ich mich am Fenster in Fahrtrichtung niedergelassen, kommen drei junge Männer herein, kurzgeschorene Haare und Riesengepäck im Seesack. Nur einer hat eine große Sporttasche und trägt passend dazu den Pitbull-Smoking von Addidas. Dieser junge Mann spricht zwar perfekt Deutsch, hat aber einen russischen Akzent. Die drei sind offenbar Bundeswehrsoldaten aus dem Ruhrgebiet und fahren nach Dresden-Neustadt zu einem Lehrgang.

Sogleich packen sie ihre Notebooks aus und beginnen ein Ballerspiel, worin sie Panzer und Waffen generieren müssen und zum Schluss sogar über Atombomben verfügen. Dabei sind sie durchaus manierlich und haben sich allesamt Ohrhörer reingesteckt, weil sie mich nicht mit lästigen Tönen nerven wollen. Es ist doch gut, wenn so manierliche junge Männer sich in ihrer Freizeit in der Kulturtechnik des Mordens üben. Bedachtsam sind sie auch, denn sie lassen es während der gesamten Fahrt nicht zum Atomschlag kommen. Zwei von ihnen sitzen dicht nebeneinander, der andere sitzt links von mir an der Tür. Er wird von den beiden ein bisschen geschnitten, ist aber auch keine ansehnliche Erscheinung. Einmal klappt er sein Portemonnaie auf und zeigt den beiden ein Foto seiner Freundin. Der eine schaut hin, als könnte er gar nicht glauben, dass sein Gegenüber überhaupt eine Freundin hat, und was wird das für eine Schabracke sein? Der im Pitbullsmoking schaut erst gar nicht vom Bildschirm auf, weil er gerade irgendwelche Okkupanten wegballern muss. Die Mutter seines Nebenmanns ruft an, und er sagt artig: „Ja, Mama, das mache ich in Ruhe, wenn ich zu Hause bin.“ Mamasöhnchen mit Feldhaubitze. Draußen zieht bald eine öde Landschaft vorbei, Felder und Wiesen, auf denen große Wasserlachen stehen. Die Sonne lässt sie aufblitzen, und da sie direkt gegen das dreckige Abteilfenster scheint, ist alles in gelben Dunst getaucht, obwohl der Himmel wohl blau sein will. Meine Stimmung sinkt, und auch die Titanic ist schlecht, jedenfalls muss ich nicht schmunzeln.

Nach Dresden wird man geschaukelt, mal sitze ich in Fahrtrichtung, mal entgegen, dann wieder anders rum, und auch Dresden hat einen Kopfbahnhof. Als wir glücklich aussteigen, sagt das Mamasöhnchen: „Jetzt müssen wir gleich ein paar Mädchen ansprechen, mal hören, wie die reden.“

Fortsetzung Häuser zum Fürchten