Trithemius bei den Sachsen (3) – Wir wussten ja nichts

Folge 1 – Deutschland südostFolge 2 – Häuser zum Fürchten

Nirgendwo in Deutschland wird es so früh dunkel wie in Görlitz, aber nirgendwo in Deutschland geht auch die Sonne so früh auf. Jetzt jedenfalls ist es zappenduster. Görlitz war einmal nahe daran, Großstadt zu werden, doch inzwischen hat sich die Einwohnerzahl fast halbiert. Vor einigen Jahren war ich mit einem jungen Kollegen hier. Wir wollten abends in der aufwendig restaurierten, prächtigen Altstadt essen, aber schauten wir in die Lokale, saß keiner drin. Wir wagten uns trotzdem in eines hinein, und als ich zur Toilette ging, fiel mein Blick in die offene Küche. Da hatte der Koch seinen Kopf in beide Hände gestützt und weinte auf die Arbeitsplatte. Schon damals hatte uns der Busfahrer eines Reisebusses geklagt, dass die jungen Leute der Region, besonders die Frauen, alle weggehen würden.

„Das einzige, was hier boomt, sind Altenpflegeeinrichtungen“, sagt der Taxifahrer, „denn die alten Leute bleiben zurück, und die Kindern oder Enkel, die sich um sie kümmern könnten, sind weg.“ Wir fahren an der polnischen Grenze entlang nach Süden. Da gibt es kaum etwas zu sehen. Bei der Durchfahrt von Laubitz, wo die Häuser nach einem Anstrich lechzen, manche nur noch um Abriss betteln, sagt der Taxifahrer, er verdiene nicht mehr, als ein Hartz-IV-Empfänger bekomme, aber er sei froh, eine Aufgabe zu haben, die ihn mit Menschen zusammenbringt und ihm das Gefühl gebe, gebraucht zu werden. Er hat wohl lange Zeit zu Hause gehockt, als nach der Wende die Braunkohlegrube zugemacht wurde, der wichtigste Arbeitgeber in der Region. „Die Braunkohle hier ist ergiebig, Sie räumen einen Eimer Dreck weg und bekommen zwei Eimer Kohle, anderswo in Deutschland ist es genau umgekehrt. Aber die Grube wurde geschlossen, damit die Gruben im Westen weiter bestehen durften.“ Ich könnte ihm jetzt erzählen, dass der Dörfer verschlingende Braunkohletagebau und die klimaschädliche Kohleverstromung in meiner Heimat durchaus umstritten sind, aber er wird es nicht hören wollen.

Wie das war, wie er umgeschult hat, wie er als Vater zweier Kinder eine Stelle nicht bekam, weil er keinen Hortplatz für sie fand, das ist wirklich traurig. Ich versuche ihn abzulenken, denn einer von uns beiden wird bald heulen, und sage: „Es ist tragisch, wie die Betriebe im Osten nach der Wiedervereinigung ausgeplündert und plattgemacht wurden. Ihr hättet nicht Helmut Kohls Versprechungen glauben dürfen.“ „Aber wir wussten ja nichts!“, jammert er. „Hier war doch vor der Wende das Tal der Ahnungslosen.“ In der Tat konnte man in der Region kein Westfernsehen empfangen. Zu DDR-Zeiten bedeutete das Akronym ARD „Außer Raum Dresden“.

Marienthal Notebookquer
Das Kloster St.-Marienthal gehört zur Landstadt Ostritz. Der verlassen wirkende Ort, eigentlich ein Dorf von gerade mal 2600 Einwohnern (Anmerkung der Redaktion: Zahlen von 2011, 2014: 2416 Einwohner), ist eine energieökologische Modellstadt, aber was nutzt die beste Umwelttechnologie, wenn die jungen Leute in den Westen abwandern. Die jungen Frauen sitzen lieber in Aachen, dem westlichsten Pendant zu Görlitz, an der Supermarktkasse als in ihrer Heimat in der Arbeitslosigkeit zu versacken. Wenn du wissen willst, wo denn der Hund wirklich begraben liegt – es ist hier. Vor den Häusern parkt nur vereinzelt mal ein Auto, ein Hinweis auf Geldmangel oder Leerstand. Läden gibt es kaum. Die in ihrer Heimat Verbliebenen nötigen mir Achtung ab, wie sie sich gegen die Verödung dieses Landstrichs anstemmen. Die Geographen sprechen ja von Wüstungen, wenn Dörfer aufgegeben sind. Die überall drohenden Wüstungen machen mich schwermütig. Kein Wunder, wenn dieses Elend die Gemüter der Einheimischen überschattet.

Grenzregionen haben es überall schwer, weil das Hinterland fehlt. Hier fühlt man sich um das Hinterland betrogen. Im Dezember 1943 hatten die späteren Siegermächte auf der Konferenz von Teheran die Grenze zu Polen am grünen Tisch festgelegt. Dem Vernehmen nach hatte Churchill die neuen polnischen Grenzen mit drei Streichhölzern gelegt. Da sollte nicht die Lausitzer Neiße, sondern die Glatzer Neiße weiter im Osten die Grenze zu Polen werden, aber Churchill knickte vor der Weigerung der polnischen Exilregierung ein, die Glatzer Neiße als Grenze zu akzeptieren und fügte sich Stalins eigenmächtiger Festlegung auf die Lausitzer Neiße. Es ist gewiss schwierig, derlei willkürlichen Grenzziehungen zu akzeptieren, wenn es um die eigene Heimat geht. Demgemäß haben viele noch nicht verwunden, dass auf der anderen Seite der Neiße bereits Polen ist, und auch der Taxifahrer redet nur schlecht über das ehemals sozialistische Brudervolk. „Sie mögen die Polen nicht“, sage ich. „Ja“, sagt er. „Die Polen kommen über die Grenze und klauen alles weg.“ Er traue sich kaum, sein Taxi irgendwo am Straßenrand zu parken. „Wenn ich pinkeln muss, fahre ich nach Hause“, sagt er. „Sind Sie denn schon mal bestohlen worden?“, frage ich. „Nein.“

Es ist wohl ein Problem der selektiven Wahrnehmung. Die Ressentiments sitzen tief in der Bevölkerung. Was politisch gewollt und vernünftig ist, Aussöhnung und Zusammenarbeit, kommt nicht gut an beim einfachen Mann. Als der Taxifahrer mich zwei Tage später zurückfährt, erzählt er, auf der Brücke zwischen Görlitz und Zgorzelec sei in der Silvesternacht ein älteres Ehepaar von polnischen Jugendlichen zusammengeschlagen worden. „Aber glauben Sie nicht, dass davon etwas in der Zeitung steht.“ Soll es denn sein, dass die Zeitungen Zensur ausüben, weil es politisch opportun ist, diesmal freiwillig – als Akt des vorauseilenden Gehorsams? Natürlich hat die Region nur eine Chance, wenn man mit den polnischen Nachbarn zusammenarbeitet, aber das geht mühsam, wie sich besonders bei dem verheerenden Hochwasser im August 2010 zeigte. In Polen war ein Staudamm gebrochen, und eine riesige Flutwelle rollte die Neiße herab. In Görlitz feierte man ein Volksfest und wunderte sich, dass auf der polnischen Seite der Neiße Autos mit Blaulicht umherfuhren. Die polnischen Nachbarn hatten wohl eine Warnung nach Warschau geschickt, von dort wurde Berlin benachrichtigt, und von Berlin kam ein Fax, das aber zu spät gelesen wurde, es war Wochenende. Besonders das Kloster St. Marienthal und Ostritz erlebten das schlimmste Hochwasser seit dem Jahr 1897. Die Schäden im Kloster sind gewaltig. Davon später mehr.

Inzwischen ist mein Taxifahrer vom eigenen Jammer gefangen, und ich bin froh, dass er die Windungen hinab zum Kloster meistert. Am Tor will er mich absetzen, aber ich heiße ihn durchzufahren bis vor den Gästempfang nahe der rauschenden Neiße. Die Gebäude ringsum wirken verlassen. Nur im Speisesaal ist noch Licht. Ich bin rechtzeitig zum Abendessen da.

Fortsetzung Ein guter Ort – Abseits der Welt

Trithemius bei den Sachsen (2) – Häuser zum Fürchten

Folge 1 – Deutschland südost

„Wie die reden“, höre ich nicht, denn es ist so kalt, dass selbst die Dresdner lieber den Mund zulassen, damit es keinen Durchzug gibt. Sächsisch soll ja der unbeliebteste deutsche Dialekt sein, nu? Doch ich gestehe, dass ich ihn aus Frauenmund erotisch finde, nur das Wörtchen „nu“ nicht, das wie eine schreckliche Plage in jedem zweiten Satz auftaucht. Auf Sächsisch lautet „Yes, we can!“ – „Nu, mir gönn!“ Demnach ist „nu“ die sächsische Entsprechung der Bestätigungspartikel „ja“ der Düsseldorfer. Der Kölner sagt wiederum „ne“, was ich mir bisher immer als „nein“ übersetzt hatte. Weil es aber dem „nu“ gleicht, könnte es ebenfalls „ja“ bedeuten. Ein sächsischer Witz: Zwei Jungen stehen in Plauen vor einen Auto mit dem Länderkennzeichen „GB“. Du, sacht da da eene, dea is doch ausm Genischreisch Boln. Neee, sochd do da Annere, sei liwa still, dea is vonne Griminolbolizei!

Ich habe 25 Minuten Zeit, trete nur kurz vor den Hauptbahnhof. Da tut sich das gewaltige „Wiener Loch“ auf. Das existiert bereits 13 Jahre, erfahre ich später bei Wikipedia und hat „zwischen 1996 und 2008 etwa 151 Millionen Euro, davon 87 Millionen Euro Dresdner Eigenmittel und 64 Millionen Euro Fördermittel“ verschlungen. (Anmerkung der Redaktion: Das Loch ist inzwischen geschlossen, kann aber bei Wikipedia noch besichtigt werden.)

Schon im Jahr 1925 beschreibt der Hannoveraner Merzkünstler Kurt Schwitters in der Groteske „Der sächsische Ozean“ ein gewaltiges Dresdner Loch. Der Text beginnt Hochdeutsch, geht dann über ins Sächseln und steigert sich zu einer absurden Form von Sächsisch. Er handelt von der Großmannssucht der Dresdner und der Gigantomanie eines fiktiven Dresdener Oberbürgermeisters. Zum 10. Jahrestag seines Amtsantritts lässt er einen riesigen Ehrenknall abfeuern. Wir lesen einen Auszug aus seiner Ansprache:
Der sächsische Ozean
Es entsteht ein „beispielloser Knall“, der ein 10.000 Meter tiefes Loch reißt, das sich von Rom bis Kopenhagen erstreckt. Wahrscheinlich hat Schwitters ein bisschen übertrieben.

Endlich rollt der Zug nach Görlitz in den Dresdener Kopfbahnhof. Im Abteil der 1. Klasse sitzt ein grauhaariger Mann und löst Kreuzworträtsel. Zwei Zugbegleiterinnen kommen albernd durch und gehen nach vorn in den Lokführerstand. „Nu … nu … nu!“, lacht die eine, und die andere ermahnt: „Nicht so laut, hier sitzen ältere Herrschaften.“ Zum Glück hat sie den Mann mit dem Kreuzworträtsel angesehen. Der hebt den Kopf und grüßt. Man kennt sich, und später steckt die eine den Kopf mit ihm zusammen.

Es geht zügig ostwärts in die Oberlausitz. Außerhalb von Dresden liegt Schnee. Im Sommer mag es hier schön sein, doch im Winter ist die Gegend unwirtlich, und wann immer ich hier war, habe ich gefroren wie ein Schneider, genau wie die Leute, die an den verfallenden Bahnhöfen entlang der Strecke auf den Gegenzug Richtung Dresden warten. Einmal sehe ich unten am Bahndamm ein einsames Haus, zu dem nur ein verschneiter Trampelpfad führt. Zwei Männer haben es gerade verlassen und gehen hintereinander zu einem an der Straße geparkten Auto, der Größere geht vorne. Es ist eine düstere Szene, die meine Phantasie beflügelt und eine Weile nachwirkt, als wäre ich Zeuge eines Verbrechens gewesen. Was haben die beiden im Haus gemacht? Wen mögen sie in diesem Loch gefangen halten? Wahrscheinlich ist die Sache ganz harmlos, nur meine Stimmung getrübt. Ich stehe ganz unter dem Eindruck der düsteren Schatten unter den krüppeligen Bäumen und der vielen verfallenen Häuser. Freilich wird die rohe DDR-Architektur nicht viel besser ausgesehen haben, als sie noch neu waren. Wir fahren der Dämmerung entgegen. In der Ferne hängt ein riesiger schwarzer Schatten über dem Land. Es ist kein außerirdisches Raumschiff, sondern die schwarz bewaldete Kuppe eines mächtigen Hügels. Auf seinen Hängen unterhalb der Bäume liegt Schnee. Im Dunst des Abends verschmelzen diese hellen Flächen mit dem Himmel, weshalb die schwarze Kuppe zu schweben scheint. Im Abteil höre ich ein ständiges Quietschen, als würde das Außenblech von kleinen Kobolden mit der Laubsäge bearbeitet.

Bald sehe ich in dieser schemenhaften Landschaft nur noch die glitzernden Lichter ferner Dörfer. Mein Mobiltelefon klingelt. Mich grüßt eine fröhliche helle Stimme und teilt mit, dass der Gästeempfang des Klosters St.-Marienthal heute nur bis 18 Uhr geöffnet habe, „nu.“ Ein Herr S. werde mich in Görlitz auf dem Bahnsteig erwarten und mir den Zimmerschlüssel übergeben, „nu.“

Da steht er auch und hat die Unterlagen bei sich, die er für mich fotokopiert hat. Er bringt mich zum Taxi und macht die Türen für mich auf, denn im Görlitzer Bahnhof muss man Türöffner drücken. Vermutlich wäre ich alleine gar nicht raus gekommen, denn solche Schalter kenne ich sonst von keinem Bahnhof. Es gibt sie aber in Krankenhäusern. Das Taxi steht auf einer Eisplatte, und indem mich der Taxifahrer warnt, rutsche ich aus und reiße mir an der offenen Beifahrertür einen Knopf vom Mantel.

görlitz kultourpunktBild links: Görlitz hatte sich Hoffnung gemacht, europäische Kulturhauptstadt 2010 zu werden, war aber um Haaresbreite der Stadt Essen unterlegen. Geblieben von der gescheiterten Bewerbung ist der „KulTourPunkt“ im Görlitzer Bahnhof. „KulTourPunkt“ – allein wegen dieser Sternstunde des Wortspiels durch strunzdoofe Orthographieverhunzung ist Görlitz zu Recht als Kulturhauptstadt gescheitert. – Schlecht fotografiert von: Trithemius (Größer: klicken)

Der Taxifahrer sieht aus wie Heinz-Rudolf Kunze. Nachdem wir los gefahren sind, frage ich unvorsichtiger Weise: „Wie lebt es sich denn in Görlitz?“ Da habe ich ein Fass angestochen. Heinz-Rudolf Kunze läuft leer. Der ganze seit Jahrzehnten aufgestaute Jammer läuft aus. Doch davon später mehr. Während der 20-minütigen Fahrt nach Süden fühle ich mich bald an Sławomir Mrożeks Groteske „Der Dienstmann“ erinnert. Da kommt ein Fahrgast auf einem einsamen Bahnhof an, hat zwei schwere Koffer und muss noch weit ins Land hinaus. Auf dem Bahnsteig wartet ein alter Dienstmann, der sich anbietet, dem Reisenden das Gepäck zu tragen. Unterwegs durch die Felder fängt der Dienstmann an zu jammern, wie schlecht es ihm geht und wie weh seine gichtigen Knochen ihm tun. Der Reisende bekommt Mitleid und nimmt dem Dienstmann einen Koffer ab. Doch der gibt keine Ruhe, bis der Reisende auch den zweiten Koffer trägt. Jetzt trottet der Dienstmann neben ihm her und quengelt weiter, denn die Füße tun ihm weh. Am Ende nimmt der Reisende zu den Koffern den Dienstmann Huckepack. Der ist plötzlich gar nicht mehr müde, sondern packt den Reisenden bei den Ohren und dirigiert ihn in die schreckliche Einöde hinaus.

Fortsetzung „Wir wussten ja nichts!“ oder Ein Eimer Dreck, zwei Eimer Kohle