Trithemius bei den Sachsen (3) – Wir wussten ja nichts

Folge 1 – Deutschland südostFolge 2 – Häuser zum Fürchten

Nirgendwo in Deutschland wird es so früh dunkel wie in Görlitz, aber nirgendwo in Deutschland geht auch die Sonne so früh auf. Jetzt jedenfalls ist es zappenduster. Görlitz war einmal nahe daran, Großstadt zu werden, doch inzwischen hat sich die Einwohnerzahl fast halbiert. Vor einigen Jahren war ich mit einem jungen Kollegen hier. Wir wollten abends in der aufwendig restaurierten, prächtigen Altstadt essen, aber schauten wir in die Lokale, saß keiner drin. Wir wagten uns trotzdem in eines hinein, und als ich zur Toilette ging, fiel mein Blick in die offene Küche. Da hatte der Koch seinen Kopf in beide Hände gestützt und weinte auf die Arbeitsplatte. Schon damals hatte uns der Busfahrer eines Reisebusses geklagt, dass die jungen Leute der Region, besonders die Frauen, alle weggehen würden.

„Das einzige, was hier boomt, sind Altenpflegeeinrichtungen“, sagt der Taxifahrer, „denn die alten Leute bleiben zurück, und die Kindern oder Enkel, die sich um sie kümmern könnten, sind weg.“ Wir fahren an der polnischen Grenze entlang nach Süden. Da gibt es kaum etwas zu sehen. Bei der Durchfahrt von Laubitz, wo die Häuser nach einem Anstrich lechzen, manche nur noch um Abriss betteln, sagt der Taxifahrer, er verdiene nicht mehr, als ein Hartz-IV-Empfänger bekomme, aber er sei froh, eine Aufgabe zu haben, die ihn mit Menschen zusammenbringt und ihm das Gefühl gebe, gebraucht zu werden. Er hat wohl lange Zeit zu Hause gehockt, als nach der Wende die Braunkohlegrube zugemacht wurde, der wichtigste Arbeitgeber in der Region. „Die Braunkohle hier ist ergiebig, Sie räumen einen Eimer Dreck weg und bekommen zwei Eimer Kohle, anderswo in Deutschland ist es genau umgekehrt. Aber die Grube wurde geschlossen, damit die Gruben im Westen weiter bestehen durften.“ Ich könnte ihm jetzt erzählen, dass der Dörfer verschlingende Braunkohletagebau und die klimaschädliche Kohleverstromung in meiner Heimat durchaus umstritten sind, aber er wird es nicht hören wollen.

Wie das war, wie er umgeschult hat, wie er als Vater zweier Kinder eine Stelle nicht bekam, weil er keinen Hortplatz für sie fand, das ist wirklich traurig. Ich versuche ihn abzulenken, denn einer von uns beiden wird bald heulen, und sage: „Es ist tragisch, wie die Betriebe im Osten nach der Wiedervereinigung ausgeplündert und plattgemacht wurden. Ihr hättet nicht Helmut Kohls Versprechungen glauben dürfen.“ „Aber wir wussten ja nichts!“, jammert er. „Hier war doch vor der Wende das Tal der Ahnungslosen.“ In der Tat konnte man in der Region kein Westfernsehen empfangen. Zu DDR-Zeiten bedeutete das Akronym ARD „Außer Raum Dresden“.

Marienthal Notebookquer
Das Kloster St.-Marienthal gehört zur Landstadt Ostritz. Der verlassen wirkende Ort, eigentlich ein Dorf von gerade mal 2600 Einwohnern (Anmerkung der Redaktion: Zahlen von 2011, 2014: 2416 Einwohner), ist eine energieökologische Modellstadt, aber was nutzt die beste Umwelttechnologie, wenn die jungen Leute in den Westen abwandern. Die jungen Frauen sitzen lieber in Aachen, dem westlichsten Pendant zu Görlitz, an der Supermarktkasse als in ihrer Heimat in der Arbeitslosigkeit zu versacken. Wenn du wissen willst, wo denn der Hund wirklich begraben liegt – es ist hier. Vor den Häusern parkt nur vereinzelt mal ein Auto, ein Hinweis auf Geldmangel oder Leerstand. Läden gibt es kaum. Die in ihrer Heimat Verbliebenen nötigen mir Achtung ab, wie sie sich gegen die Verödung dieses Landstrichs anstemmen. Die Geographen sprechen ja von Wüstungen, wenn Dörfer aufgegeben sind. Die überall drohenden Wüstungen machen mich schwermütig. Kein Wunder, wenn dieses Elend die Gemüter der Einheimischen überschattet.

Grenzregionen haben es überall schwer, weil das Hinterland fehlt. Hier fühlt man sich um das Hinterland betrogen. Im Dezember 1943 hatten die späteren Siegermächte auf der Konferenz von Teheran die Grenze zu Polen am grünen Tisch festgelegt. Dem Vernehmen nach hatte Churchill die neuen polnischen Grenzen mit drei Streichhölzern gelegt. Da sollte nicht die Lausitzer Neiße, sondern die Glatzer Neiße weiter im Osten die Grenze zu Polen werden, aber Churchill knickte vor der Weigerung der polnischen Exilregierung ein, die Glatzer Neiße als Grenze zu akzeptieren und fügte sich Stalins eigenmächtiger Festlegung auf die Lausitzer Neiße. Es ist gewiss schwierig, derlei willkürlichen Grenzziehungen zu akzeptieren, wenn es um die eigene Heimat geht. Demgemäß haben viele noch nicht verwunden, dass auf der anderen Seite der Neiße bereits Polen ist, und auch der Taxifahrer redet nur schlecht über das ehemals sozialistische Brudervolk. „Sie mögen die Polen nicht“, sage ich. „Ja“, sagt er. „Die Polen kommen über die Grenze und klauen alles weg.“ Er traue sich kaum, sein Taxi irgendwo am Straßenrand zu parken. „Wenn ich pinkeln muss, fahre ich nach Hause“, sagt er. „Sind Sie denn schon mal bestohlen worden?“, frage ich. „Nein.“

Es ist wohl ein Problem der selektiven Wahrnehmung. Die Ressentiments sitzen tief in der Bevölkerung. Was politisch gewollt und vernünftig ist, Aussöhnung und Zusammenarbeit, kommt nicht gut an beim einfachen Mann. Als der Taxifahrer mich zwei Tage später zurückfährt, erzählt er, auf der Brücke zwischen Görlitz und Zgorzelec sei in der Silvesternacht ein älteres Ehepaar von polnischen Jugendlichen zusammengeschlagen worden. „Aber glauben Sie nicht, dass davon etwas in der Zeitung steht.“ Soll es denn sein, dass die Zeitungen Zensur ausüben, weil es politisch opportun ist, diesmal freiwillig – als Akt des vorauseilenden Gehorsams? Natürlich hat die Region nur eine Chance, wenn man mit den polnischen Nachbarn zusammenarbeitet, aber das geht mühsam, wie sich besonders bei dem verheerenden Hochwasser im August 2010 zeigte. In Polen war ein Staudamm gebrochen, und eine riesige Flutwelle rollte die Neiße herab. In Görlitz feierte man ein Volksfest und wunderte sich, dass auf der polnischen Seite der Neiße Autos mit Blaulicht umherfuhren. Die polnischen Nachbarn hatten wohl eine Warnung nach Warschau geschickt, von dort wurde Berlin benachrichtigt, und von Berlin kam ein Fax, das aber zu spät gelesen wurde, es war Wochenende. Besonders das Kloster St. Marienthal und Ostritz erlebten das schlimmste Hochwasser seit dem Jahr 1897. Die Schäden im Kloster sind gewaltig. Davon später mehr.

Inzwischen ist mein Taxifahrer vom eigenen Jammer gefangen, und ich bin froh, dass er die Windungen hinab zum Kloster meistert. Am Tor will er mich absetzen, aber ich heiße ihn durchzufahren bis vor den Gästempfang nahe der rauschenden Neiße. Die Gebäude ringsum wirken verlassen. Nur im Speisesaal ist noch Licht. Ich bin rechtzeitig zum Abendessen da.

Fortsetzung Ein guter Ort – Abseits der Welt

Trithemius bei den Sachsen (2) – Häuser zum Fürchten

Folge 1 – Deutschland südost

„Wie die reden“, höre ich nicht, denn es ist so kalt, dass selbst die Dresdner lieber den Mund zulassen, damit es keinen Durchzug gibt. Sächsisch soll ja der unbeliebteste deutsche Dialekt sein, nu? Doch ich gestehe, dass ich ihn aus Frauenmund erotisch finde, nur das Wörtchen „nu“ nicht, das wie eine schreckliche Plage in jedem zweiten Satz auftaucht. Auf Sächsisch lautet „Yes, we can!“ – „Nu, mir gönn!“ Demnach ist „nu“ die sächsische Entsprechung der Bestätigungspartikel „ja“ der Düsseldorfer. Der Kölner sagt wiederum „ne“, was ich mir bisher immer als „nein“ übersetzt hatte. Weil es aber dem „nu“ gleicht, könnte es ebenfalls „ja“ bedeuten. Ein sächsischer Witz: Zwei Jungen stehen in Plauen vor einen Auto mit dem Länderkennzeichen „GB“. Du, sacht da da eene, dea is doch ausm Genischreisch Boln. Neee, sochd do da Annere, sei liwa still, dea is vonne Griminolbolizei!

Ich habe 25 Minuten Zeit, trete nur kurz vor den Hauptbahnhof. Da tut sich das gewaltige „Wiener Loch“ auf. Das existiert bereits 13 Jahre, erfahre ich später bei Wikipedia und hat „zwischen 1996 und 2008 etwa 151 Millionen Euro, davon 87 Millionen Euro Dresdner Eigenmittel und 64 Millionen Euro Fördermittel“ verschlungen. (Anmerkung der Redaktion: Das Loch ist inzwischen geschlossen, kann aber bei Wikipedia noch besichtigt werden.)

Schon im Jahr 1925 beschreibt der Hannoveraner Merzkünstler Kurt Schwitters in der Groteske „Der sächsische Ozean“ ein gewaltiges Dresdner Loch. Der Text beginnt Hochdeutsch, geht dann über ins Sächseln und steigert sich zu einer absurden Form von Sächsisch. Er handelt von der Großmannssucht der Dresdner und der Gigantomanie eines fiktiven Dresdener Oberbürgermeisters. Zum 10. Jahrestag seines Amtsantritts lässt er einen riesigen Ehrenknall abfeuern. Wir lesen einen Auszug aus seiner Ansprache:
Der sächsische Ozean
Es entsteht ein „beispielloser Knall“, der ein 10.000 Meter tiefes Loch reißt, das sich von Rom bis Kopenhagen erstreckt. Wahrscheinlich hat Schwitters ein bisschen übertrieben.

Endlich rollt der Zug nach Görlitz in den Dresdener Kopfbahnhof. Im Abteil der 1. Klasse sitzt ein grauhaariger Mann und löst Kreuzworträtsel. Zwei Zugbegleiterinnen kommen albernd durch und gehen nach vorn in den Lokführerstand. „Nu … nu … nu!“, lacht die eine, und die andere ermahnt: „Nicht so laut, hier sitzen ältere Herrschaften.“ Zum Glück hat sie den Mann mit dem Kreuzworträtsel angesehen. Der hebt den Kopf und grüßt. Man kennt sich, und später steckt die eine den Kopf mit ihm zusammen.

Es geht zügig ostwärts in die Oberlausitz. Außerhalb von Dresden liegt Schnee. Im Sommer mag es hier schön sein, doch im Winter ist die Gegend unwirtlich, und wann immer ich hier war, habe ich gefroren wie ein Schneider, genau wie die Leute, die an den verfallenden Bahnhöfen entlang der Strecke auf den Gegenzug Richtung Dresden warten. Einmal sehe ich unten am Bahndamm ein einsames Haus, zu dem nur ein verschneiter Trampelpfad führt. Zwei Männer haben es gerade verlassen und gehen hintereinander zu einem an der Straße geparkten Auto, der Größere geht vorne. Es ist eine düstere Szene, die meine Phantasie beflügelt und eine Weile nachwirkt, als wäre ich Zeuge eines Verbrechens gewesen. Was haben die beiden im Haus gemacht? Wen mögen sie in diesem Loch gefangen halten? Wahrscheinlich ist die Sache ganz harmlos, nur meine Stimmung getrübt. Ich stehe ganz unter dem Eindruck der düsteren Schatten unter den krüppeligen Bäumen und der vielen verfallenen Häuser. Freilich wird die rohe DDR-Architektur nicht viel besser ausgesehen haben, als sie noch neu waren. Wir fahren der Dämmerung entgegen. In der Ferne hängt ein riesiger schwarzer Schatten über dem Land. Es ist kein außerirdisches Raumschiff, sondern die schwarz bewaldete Kuppe eines mächtigen Hügels. Auf seinen Hängen unterhalb der Bäume liegt Schnee. Im Dunst des Abends verschmelzen diese hellen Flächen mit dem Himmel, weshalb die schwarze Kuppe zu schweben scheint. Im Abteil höre ich ein ständiges Quietschen, als würde das Außenblech von kleinen Kobolden mit der Laubsäge bearbeitet.

Bald sehe ich in dieser schemenhaften Landschaft nur noch die glitzernden Lichter ferner Dörfer. Mein Mobiltelefon klingelt. Mich grüßt eine fröhliche helle Stimme und teilt mit, dass der Gästeempfang des Klosters St.-Marienthal heute nur bis 18 Uhr geöffnet habe, „nu.“ Ein Herr S. werde mich in Görlitz auf dem Bahnsteig erwarten und mir den Zimmerschlüssel übergeben, „nu.“

Da steht er auch und hat die Unterlagen bei sich, die er für mich fotokopiert hat. Er bringt mich zum Taxi und macht die Türen für mich auf, denn im Görlitzer Bahnhof muss man Türöffner drücken. Vermutlich wäre ich alleine gar nicht raus gekommen, denn solche Schalter kenne ich sonst von keinem Bahnhof. Es gibt sie aber in Krankenhäusern. Das Taxi steht auf einer Eisplatte, und indem mich der Taxifahrer warnt, rutsche ich aus und reiße mir an der offenen Beifahrertür einen Knopf vom Mantel.

görlitz kultourpunktBild links: Görlitz hatte sich Hoffnung gemacht, europäische Kulturhauptstadt 2010 zu werden, war aber um Haaresbreite der Stadt Essen unterlegen. Geblieben von der gescheiterten Bewerbung ist der „KulTourPunkt“ im Görlitzer Bahnhof. „KulTourPunkt“ – allein wegen dieser Sternstunde des Wortspiels durch strunzdoofe Orthographieverhunzung ist Görlitz zu Recht als Kulturhauptstadt gescheitert. – Schlecht fotografiert von: Trithemius (Größer: klicken)

Der Taxifahrer sieht aus wie Heinz-Rudolf Kunze. Nachdem wir los gefahren sind, frage ich unvorsichtiger Weise: „Wie lebt es sich denn in Görlitz?“ Da habe ich ein Fass angestochen. Heinz-Rudolf Kunze läuft leer. Der ganze seit Jahrzehnten aufgestaute Jammer läuft aus. Doch davon später mehr. Während der 20-minütigen Fahrt nach Süden fühle ich mich bald an Sławomir Mrożeks Groteske „Der Dienstmann“ erinnert. Da kommt ein Fahrgast auf einem einsamen Bahnhof an, hat zwei schwere Koffer und muss noch weit ins Land hinaus. Auf dem Bahnsteig wartet ein alter Dienstmann, der sich anbietet, dem Reisenden das Gepäck zu tragen. Unterwegs durch die Felder fängt der Dienstmann an zu jammern, wie schlecht es ihm geht und wie weh seine gichtigen Knochen ihm tun. Der Reisende bekommt Mitleid und nimmt dem Dienstmann einen Koffer ab. Doch der gibt keine Ruhe, bis der Reisende auch den zweiten Koffer trägt. Jetzt trottet der Dienstmann neben ihm her und quengelt weiter, denn die Füße tun ihm weh. Am Ende nimmt der Reisende zu den Koffern den Dienstmann Huckepack. Der ist plötzlich gar nicht mehr müde, sondern packt den Reisenden bei den Ohren und dirigiert ihn in die schreckliche Einöde hinaus.

Fortsetzung „Wir wussten ja nichts!“ oder Ein Eimer Dreck, zwei Eimer Kohle

Trithemius bei den Sachsen (1) – Deutschland südost

Vor ziemlich genau fünf Jahren verschlug es mich dienstlich nach Sachsen, und zwar zum Kloster Marienthal im entlegendesten Zipfel Deutschlands, direkt an der Grenze zu Polen. Damals lag die Flüchtlingskrise noch jenseits unseres Horizonts, und auch von rechtskadikalen Umtrieben wurde nur spärlich berichtet. Vorurteile gegen Sachsen hegte ich noch nicht, denn ich war in den Jahren zuvor schon oft in Marienthal gewesen, und meine einzigen Probleme dort waren gewesen die Saukälte und an den Tabak zu kommen, den ich damals rauchte. Ich veröffentliche meine Reportage in Folgen unverändert und unfrisiert, damit man sich ein Bild machen kann, wie sich mir Sachsen damals präsentierte.
kloster marienthal
Kloster und Begegnungsstätte Marienthal, Ostritz – Foto: Trithemius

Tief im Osten hat sich ein mir völlig unbekannter Journalist ins Krankenhaus gelegt und mir damit eine unerwartete Dienstreise in den südöstlichen Zipfel Deutschlands beschert. Ich Notnagel bin zu früh am Hauptbahnhof von Hannover, und nachdem ich mir zwei Paar neue Handschuhe gekauft habe, sinke ich in einen roten Ledersessel der DB-Lounge. Man sitzt hoch über dem Bahnhofsvorplatz und hätte einen schönen Blick auf das geschäftige Treiben dort unten, wenn nicht die Sessel entlang der Fensterfront dem Plebs den Rücken zuweisen würden. Ich muss an einen Ostfriesenwitz denken: Warum fliegen die Zugvögel über Ostfriesland auf dem Rücken? Damit sie das Elend dort unten nicht mit ansehen müssen.

Man ist in der DB-Lounge ein 1.-Klasse-Mensch, wird am Eingang von freundlichen Damen begrüßt und verabschiedet wie ein gern gesehenes Familienmitglied, kann sich kostenlose Getränke nehmen, Zeitungen sowieso und natürlich persönlich beraten lassen, wenn man ein fahrplantechnisches Fürzchen quer sitzen hat. Den Parkettboden haben die 1.-Klasse-Menschen der Republik ziemlich abgelatscht. Es muss mehr von Ihnen geben als man denkt. Die meisten jedoch sind Geschäftsleute, auf Firmenkosten unterwegs wie ich, schauen wichtig in ihr Notebook oder führen bedeutende Telefongespräche.

Neben mir
lassen sich ein junger Mann und eine junge Frau nieder. Sie sind offenbar Bauingenieure und arbeiten für die Bahn. Der Mann klappt einen meterlangen Plan mit Gleisanlagen der Bahnsteige C und D aus, der als Leporellofalz in einem dicken Aktenordner klemmt. Worüber sie sprechen, das ist noch viel länger, nämlich „satte 200 Meter Leitung“, sagt der Mann. Ein kleiner Dicker im blauen Anorak kommt herein. Der trägt sein gut umhülltes Cello wie einen Rucksack. Das ist der Unterschied zwischen dem Bahnhofsvorplatz und der DB-Lounge. Auf dem Bahnhofsvorplatz werden die Instrumente ausgepackt und so lange gequält, bis einer was in den Hut wirft. Der Mann in der DB-Lounge muss das nicht, weil ein ausgesuchtes Publikum ihn irgendwo erwartet, weshalb er hier als wandelnde Hochkultur glänzen kann. Da verzeiht man ihm auch einen blauen Anorak. Mir ist sowieso aufgefallen, dass namentlich Konzertmusiker sich ausgesucht schlecht kleiden. Grausam gekleidet zu sein, ist quasi das Prädikat der E-Musiker. Es gibt an, dass diese Leute nur der Musik verpflichtet sind und mit irdischen Dingen wie Kleidung nichts am Hut haben – zumindest außerhalb der Konzerthäuser.

Ich steige in den IC nach Dresden. Derzeit hat die deutsche Bahn viel altes Material auf den Schienen, weil die neueren Züge und Waggons in den Werkstätten herumstehen, und so hat auch der IC nach Dresden noch einen alten Abteilwagen. Ich habe dummerweise eine Reservierung für einen Platz im Abteil. Denn kaum habe ich mich am Fenster in Fahrtrichtung niedergelassen, kommen drei junge Männer herein, kurzgeschorene Haare und Riesengepäck im Seesack. Nur einer hat eine große Sporttasche und trägt passend dazu den Pitbull-Smoking von Addidas. Dieser junge Mann spricht zwar perfekt Deutsch, hat aber einen russischen Akzent. Die drei sind offenbar Bundeswehrsoldaten aus dem Ruhrgebiet und fahren nach Dresden-Neustadt zu einem Lehrgang.

Sogleich packen sie ihre Notebooks aus und beginnen ein Ballerspiel, worin sie Panzer und Waffen generieren müssen und zum Schluss sogar über Atombomben verfügen. Dabei sind sie durchaus manierlich und haben sich allesamt Ohrhörer reingesteckt, weil sie mich nicht mit lästigen Tönen nerven wollen. Es ist doch gut, wenn so manierliche junge Männer sich in ihrer Freizeit in der Kulturtechnik des Mordens üben. Bedachtsam sind sie auch, denn sie lassen es während der gesamten Fahrt nicht zum Atomschlag kommen. Zwei von ihnen sitzen dicht nebeneinander, der andere sitzt links von mir an der Tür. Er wird von den beiden ein bisschen geschnitten, ist aber auch keine ansehnliche Erscheinung. Einmal klappt er sein Portemonnaie auf und zeigt den beiden ein Foto seiner Freundin. Der eine schaut hin, als könnte er gar nicht glauben, dass sein Gegenüber überhaupt eine Freundin hat, und was wird das für eine Schabracke sein? Der im Pitbullsmoking schaut erst gar nicht vom Bildschirm auf, weil er gerade irgendwelche Okkupanten wegballern muss. Die Mutter seines Nebenmanns ruft an, und er sagt artig: „Ja, Mama, das mache ich in Ruhe, wenn ich zu Hause bin.“ Mamasöhnchen mit Feldhaubitze. Draußen zieht bald eine öde Landschaft vorbei, Felder und Wiesen, auf denen große Wasserlachen stehen. Die Sonne lässt sie aufblitzen, und da sie direkt gegen das dreckige Abteilfenster scheint, ist alles in gelben Dunst getaucht, obwohl der Himmel wohl blau sein will. Meine Stimmung sinkt, und auch die Titanic ist schlecht, jedenfalls muss ich nicht schmunzeln.

Nach Dresden wird man geschaukelt, mal sitze ich in Fahrtrichtung, mal entgegen, dann wieder anders rum, und auch Dresden hat einen Kopfbahnhof. Als wir glücklich aussteigen, sagt das Mamasöhnchen: „Jetzt müssen wir gleich ein paar Mädchen ansprechen, mal hören, wie die reden.“

Fortsetzung Häuser zum Fürchten

Reihenfolgefehler im galaktischen Betriebssystem

Ich habe ja nichts gegen Sachsen, einer meiner Freunde ist sogar Sachse, aber trotzdem war ich zuerst herzlich amüsiert darüber, wie sie einstiegen und die falsche Reihenfolge des Wagen 10 beklagten. Und ich dachte noch: „Beschwert euch, Ihr seid verdammt noch mal das Volk!“ Dann hatte das Volk  aber erst recht was zu maulen, als sie nämlich hinter mir ihre reservierten Plätze nicht fanden; sie hatten im IC nach Dresden vier Plätze an einer Tischgruppe gebucht, die es nicht gab und knubbelten sich, wo die Tischgruppe hätte sein sollen, bis der Schaffner ihnen erklärte, es wäre ein anderes Wagenmodell als vorgesehen angehängt worden. Dann war ich froh, dass ihnen der Schaffner alternative Plätze in einem vorderen Wagen anbot. Gekränkt und erbost über die Ungerechtigkeit der Welt und speziell über die Diskriminierung durch die Bahn – „Nü, wür hapen de Blätze toch pezahld!“ – folgten sie nur widerwillig, ein älteres Ehepaar, von dem die Frau am lautesten war, während der Mann nur das krakelende Echo abgab, dahinter ein kümmerliches schwarzhaariges Männlein mit Fuselbart und schwarzem T-Shirt mit dem weißen Aufdruck „Böhse Onkelz“, offenbar der Sohn.

fußgängerwegPassend schleppte der böhse Onkel ein kleines blondes Mädchen mit, und für einen Moment tauchte das beängstigende alte Verkehrsschild „Fußgängerweg“ vor meinem geistigen Auge auf. Ich dachte den abziehenden Sachsen hinterher: „Ja, soll der Schaffner euch vorne in den 80-ziger-Jahre-Schrott-Waggon setzen, da könnt ihr meinetwegen randalieren, und ich muss nicht die gleiche Luft atmen wie ihr, selbst die dummen Lautäußerungen nicht hören, die ihr für Sprache haltet.“ Weiterlesen