Trithemius in Sachsen (4) – Ein guter Ort

Folge 1 – Deutschland südostFolge 2 – Häuser zum Fürchten Folge 3 – „Wir wussten ja nichts“

Du lieber Himmel, ist es hier kalt. Wann immer man aus dem Windschatten eines Gebäudes tritt, packt einen der eisige Sturmwind, der mutwillig durch die weiträumige Klosteranlage pfeift. Oben durch die kahlen Baumwipfel des finsteren Kalvarienbergs scheint ein Güterzug zu brausen. Da wird der Herrgott erbärmlich frieren an seinem Steinkreuz. In das Tosen des Windes mischt sich das Rauschen des Neißewehrs. Das Erdgeschoss des Gästehauses St. Franziskus liegt im Dunkeln, was die Überschwemmungsschäden noch trostloser wirken lässt. Der Bewegungsmelder reagiert und schaltet das Licht der oberen Etagen an. Hier, nahe der Neiße, hat im letzten Sommer das Wasser mannshoch gestanden. Bis über meinen Kopf ist der Putz abgeschlagen und das Mauerwerk freigelegt. Ich suche mir einen Weg durch den Schutt. Es riecht nach Moder. Mein Zimmer liegt auf der zweiten Etage, erreichbar über eine knarrende alte Holztreppe. Sie soll mich in den drei Tagen meines Aufenthalts noch öfter narren, denn es hört sich an, als folge mir jemand, so dass ich mich mehr als einmal umdrehe.

Marienthal hochwasser und stube

Ich habe ein hübsches Doppelzimmer unterm Dach, weißgetüncht, schwarzes Gebälk und zwei Dachgauben. Man darf in einem katholischen Kloster keine französischen Doppelbetten erwarten. Die schmalen Betten sind übereck angeordnet, getrennt durch einen hellgrauen Kleiderschrank. Die Fenster zeigen nach Osten, zum geschlossen Klosterbereich hin. Eines ist genau über dem ebenfalls grauen Schreibtisch. Ich verstaue meine Sachen und erkunde mein kleines Reich. An den Raum muss ich mich noch gewöhnen, das zeigt er mir, nachdem ich vom Schreibtisch aufstehe und mir an der Wand der Dachgaube den Kopf anstoße. Aber ich werde hier schlafen wie ein Prinz.

Es ist ein guter Ort, so ganz aus der Welt, trotz der ringsum tosenden, unbändigen Natur. Dieser Platz hat gute Schwingungen. Vermutlich hatten das schon die Heiden erkannt, bevor das Kloster im Jahr 1234 gegründet wurde. Klöster, Kirchen, Kapellen, Wegkreuze stehen fast immer auf alten Kultplätzen. Das ist dem Überwindungsgedanken geschuldet, wie auch die Mönche in den Skriptorien die heidnischen Texte antiker Autoren vom Pergament schabten, um sie mit christlichen Texten zu überschreiben (Palimpseste), legten sie die heidnischen Kultstätten platt und überbauten sie. Ich bin Heide. Mir ist egal,woran es liegt, aber ich fühle mich wohl in meiner Klosterstube, habe hier schon eine Sorte Erleuchtung gehabt.

Mein Mobiltelefon piepst. Der polnische Netzanbieter hat mir eine Tarifinformation geschickt. Zugang zu einem deutschen Netz hat man allenfalls oben an der Straße. Da habe ich früher oft gestanden, um zu telefonieren, vom kalten Wind gezaust, die dunkle Klosteranlage zu meinen Füßen, kaum ein Licht ringsum, und mich fragend, was um Himmels Willen mache ich hier?

Ja, was? Das Kloster ist unter anderem mit Mitteln der Bundesstiftung Umwelt restauriert und zum Internationalen Begegnungszentrum (IBZ) ausgebaut worden. Diese größte Umweltstiftung Europas mit Sitz in Osnabrück finanziert auch die medienkundlichen Seminare, die hier im Winterhalbjahr stattfinden. In den letzten Jahren hat die ein Journalist aus Dresden abgehalten, der derzeit im Krankenhaus liegt. Bevor ich nach Hannover gezogen bin, war ich ziemlich oft hier, manchmal in Begleitung. Bei meinem letzten Aufenthalt war das Internationale Begegnungszentrum St.-Marienthal beinah fertig restauriert, und jetzt fängt man fast wieder von vorne an, deprimierend.

Ich packe mich wieder ein, gehe hinüber zum Speisesaal. Dort werden gerade die Tische abgeräumt. Aber die Lehrerinnen und Lehrer der Projektklassen und ein Mitarbeiter des IBZ sitzen noch plaudernd zusammen. Ich stelle mich vor und erläutere, was wir am nächsten Tag machen werden. Den IBZ-Mitarbeiter kenne ich schon einige Jahre. Er hat Forstwirtschaft studiert und kommt eigentlich von der Mosel. Dieser rotwangige, stets freundliche Verbindungsmann zwischen IBZ und den Seminargruppen ist ein lebendiges Zeugnis, dass man hier gut leben kann. Diesmal kommt eine der beiden Seminargruppen aus Siebenbürgen, dem deutschsprachigen Teil Rumäniens, denn woran sie teilnehmen, ist das internationale Begegnungsprojekt „Umwelt baut Brücken.“

Etwa 60 Schulklassen nehmen an diesem einjährigen Austauschprojekt teil. Die Schüler besuchen einander für eine Woche und recherchieren am Ort der Partnerschule ein Umweltthema, worüber sie dann im Unterricht schreiben – in Deutschland für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Organisiert wird alles von einem Aachener Institut, das solche Kooperationen von Zeitung und Schule schon seit Mitte der 1980-er Jahre veranstaltet und auch erfunden hat. Inzwischen gibt es Konkurrenzunternehmen, die alle nach ähnlichen Konzepten arbeiten, allerdings ohne Schüleraustausch, nur mit der jeweils lokalen Zeitung.

Die teilnehmenden Lehrerinnen und Lehrer sind vom Institut rundum gepampert, müssen sich nur um ihre Schülerinnen und Schüler kümmern. Reise, Aufenthalt, Kooperationspartner, Exkursionen, Unterrichtsmaterialien, tägliche Zeitungslieferung – alles ist organisiert, wobei die Kosten von der Bundesstiftung Umwelt übernommen werden. Die Lehrerinnen und Lehrer sind in einem Vorbereitungsseminar über den geplanten Ablauf des Projektes informiert worden. Ausgewählte Lerngruppen dürfen zusätzlich für eine Woche nach Marienthal fahren. Warum nach Marienthal? Weil die Bundesstiftung Umwelt das IBZ gefördert hat, sorgt sie jetzt für eine gute Auslastung, eine regionale Fördermaßnahme, die vermutlich in keiner Statistik auftaucht.

Die Gruppen sind schon seit Montag hier, hatten heute ihren Umwelttag – haben eine Einrichtung oder ein Unternehmen in der Region besucht und dort ein Umweltthema recherchiert. Die Lehrerinnen geben sich erstaunt. Nein, sie hätten nicht gewusst, dass ihre Schüler sich Notizen machen sollten. Oje, mit der Rechercheübung steht und fällt ein Teil meines Seminars. Ich muss mir heute Abend noch Themen ausdenken, die am Ort zu recherchieren sind. Es liegt nicht daran, dass eine Gruppe aus Siebenbürgen kommt. Deutsche Lehrer sind nicht besser. Sie bekommen genug Material, um sich vorzubereiten. Ihre Projekttage sind bis ins Kleinste geplant. Aber sie lesen ihre Unterlagen oft nur flüchtig, sind darin kein bisschen besser als ihre Schüler.

Nach dem Abendessen hatte ich mit den Erwachsenen noch gesellig am offenen Kamin im Kaminzimmer sitzen wollen. Aber mir ist die Lust vergangen, weil ich meinen Seminartag neu planen muss. Eigentlich bin ich aber ganz froh, mich auf meine lauschige Klosterstube zurückziehen zu können.

Fortsetzung Die Choräle der Meißel

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10 Kommentare zu “Trithemius in Sachsen (4) – Ein guter Ort

  1. Lieber Jules,
    danke für die farbige Schilderung und den Einblick in Ihre damalige Arbeit. Bei den Lehrern, die ihre Unterlagen nur flüchtig lesen, musste ich schmunzeln. Vor zwei Jahren sind wir mal mit einer Besuchergruppe in einem winzigen noblen steirischen Lokal eingekehrt in einer eher unbekannten Gegend. Gegen 18 Uhr kam der Chef persönlich an den Tisch und unterhielt sich mit seinen Gästen. Er erwähnte, er würde unter seinen Gästen jeden Lehrer erkennen. Worauf wir natürlich wissen wollten, woran er denn das merken würde. „Das sind diejenigen, die nicht zuhören können, wenn die Bestellung aufgenommen wird!“ – Was den Lehrer in unserer Gruppe betraf, so stimmte das.

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    • Danke für den amüsanten Kurzbericht über die Unaufmerksamkeit von Lehrern. Bei den Zeitungsprojekten habe ich Lehrerinnen und Lehrer aus dem gesamten Bundesgebiet, aus Rumänien, Serbien, der Schweiz und sogar aus der Türkei kennengelernt. Tatsdächlich zeigten sie ähnliche Verhaltensweisen, wenn sie nicht selbst in der Verantwortung standen. Zu den typischen Verhaltensweisen gehört auch, ungefragt belehren zu müssen, etwas, was die Mutter meiner Kinder oft beklagt hat. Ich hoffe, diese „Berufskrankheit“ habe ich inzwischen abgelegt.

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  2. Du hast nicht zu viel versprochen, lieber Jules. Heute ist es gleich ein freundlicher und wärmer. Es friert nur der Gottessohn, draußen am Kreuz. Oder der Herrgott – der eine ist ja der andere. Etwas, das ich mir als Kind ebenso wenig vorstellen konnte wie die Tatsache, dass Gott nicht frieren würde. Das dachte ich mir im Winter während der Gottesdienste oft und hätte es begrüßt, wenn man dem Leidenden in unseren Gefilden wenigstens eine Decke über geworfen hätte.
    Ein schöner Einblick in das Kloster Marienthal und den Grund deiner Reise. Schön zu hören, dass dich deine gemütliche Stube ein wenig für die Schlamperei der Lehrerinnen entschädigt hat.
    Eben las ich noch einmal den Nachtschwärmer Text. Ich mochte ihn schon im Dezember und stimme dir zu. Es gibt gute und schlechte Plätze. Die katholische Kirche hat sicher nicht schlecht daran getan, die alten mächtigen Plätze für ihre Gotteshäuser zu wählen. Die Gründe sind zweifelhaft, aber die Ruhe und die Geborgenheit, die manche Kapellen ausstrahlen sind wenigstens erhalten geblieben.

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    • Ich hatte schon befürchtet, du wärest enttäuscht, liebe Mitzi, weil diese Folge noch nicht am hellen Morgen angesiedelt ist. Es spricht für dich, dass du dir als Kind Gedanken über den frierenden Herrgott gemacht hast. „Schlamperei “ – durfte ich das Versäumnis der Lehrerinnen leider nicht nennen und auch keine Verärgerung zeigen, obwohl es schon ein kurioses Verhalten war. Was haben die sich gedacht, dass sie mit einem eigens angemieteten Reisebus einfach eine Sightseeing-Tour machen und die Kooperationspartner im besuchten Unternehmen ihnen aus Jux und Dollerei alles zeigen und erklären?
      Inzwischen arbeite ich ja nicht mehr für das Institut und kann ein wenig offener über alles berichten als noch im Nachtschwärmertext.
      Rückblickend bin ich froh, dass ich diese Fahrten nach Marienthal machen konnte. Nirgendwo anders habe ich so stark gespürt, was ein guter Ort ist.

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      • Aber nein, lieber Jules. Es war doch deutlich wärmer als am Vortag und die gemütliche Stube hast du recht heimelig beschrieben.
        Sie dachten sich wohl genau das. Eine bequeme Sightseeing-Tour und alles wird erklärt, bereitet und vorgekaut ;).
        Ich wünsche dir den Besuch noch einige gute Orte, lieber Jules. Und mir, dass du davon berichten wirst.

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  3. Lieber Jules,
    ich fahre heute 60km in Richtung Sachsen. 60km reichen natürlich bei weitem nicht, um Sachsen zu erreichen. Aber weiter komme ich heute nicht, obwohl ich nicht einmal mit dem Fahrrad reise, sondern mit dem Automobil. Ob die Richtung „stimmt“, werde ich heute Abend nach meiner Rückkehr berichten. Doch werde ich verschmerzen, Sachsen heute nicht zu erreichen. Es tröstet mich Ihr wundervoller Reisebericht!
    Gruß Heinrich

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      • Lieber Jules,
        das Wortspiel passt prima, wenn man schon vor Sachsen in Sachsen-Anhalt anhält! 😉
        Wieder mal so ein Ding der deutschen Sprache. Wir waren angehalten, nach Braunschweig zu fahren. Nein, wir mussten ja nicht, es hat uns auch niemand angehalten, dorthin zu fahren. Wir sind also freiwillig nach Braunschweig gefahren und haben trotzdem dort angehalten. Und nach dem Anhalten sind wir wieder zurück gefahren.
        Beste Sonntagsgrüße
        Heinrich

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