Bodenloser Grimm

Etwa einmal im Jahr befalle ihn ein bodenloser Grimm, sagte Jeremias Coster, der dubiose Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte der RWTH Aachen, und der sei so unbändig und wild, gleich einem muskulösen Mustang, der alle Leinen zerreiße. Denn eins wäre doch klar, indem der Grimm ihn so selten erfasse, habe er keine Strategien trainieren oder überhaupt entwickeln können, den Mustang zu bändigen. Darum wäre es besser, wenn er sich derzeit aus der menschlichen Gesellschaft zurückziehe, um Schlimmeres zu verhindern.

„Du lieber Himmel!“, sagte ich, „ist es wirklich so arg?“

„Höre meinen Bericht, Trithemius: Mit leiser Verachtung habe ich im Supermarkt meinen Einkauf in den Einkaufswagen geräumt und fand an den beiden offenen Kassen zwei Schlangen von bezahlwilligen Kunden. Leider stand ich so, dass ich querende Kunden durchlassen musste. Da kam so eine querende Kundin daher, querte aber nur halb und blieb vor mir in der Schlange stehen. Ich rief ihr in den Rücken: „Hallo, ich warte auch hier in der Schlange!“ Sie drehte sich um, sagte: „Mein Gott!“ und schob sich an mir vorbei nach hinten. Dabei schnaubte sie erneut: „Mein Gott!“ Wie sie hinter mir stand, sagte sie: „Mein Gott, kein Problem.“

Mir fuhr der teuflische Mustang in die Glieder. Was hatte Gott mit alldem zu tun? Wir anderen Kunden in den beiden Schlangen riefen auch nicht andauernd nach Gott. Was wäre das für eine elende Jammerei? Darum sagte ich zu ihr: „Warum stellen Sie sich nicht gleich hinten an, wenn es für Sie kein Problem ist?“ Da war sie still und fügte sich. Aber das gab mir keine Befriedigung. Sofort ärgerte ich mich über meine Worte und dachte: Oje, der bodenlose Grimm. Andererseits, so versuchte ich mich zu trösten, sie hatte mich dreimal „mein Gott“ genannt. Ich hatte ihren Anruf erhört und ihr gegeben, was ihr zukam.“

„Sie haben Recht, Coster, das ist arg.“

Vorsorgliche Warnung vor Rundfahrten

„Eine Kindheitserinnerung geht mir nicht aus dem Kopf“, sagte Coster.
„Nur zu, erzählen Sie!“, sagte ich, „Bislang hatte ich nicht daran gedacht, dass Sie überhaupt einmal ein Kind gewesen sind, Coster.“
„Es ist die Erinnerung an die erste Autofahrt in meinem Leben“, fuhr Coster fort, meinen Einwand ignorierend.
„In den 1950-er Jahren hatten meine Düsseldorfer Verwandten, Onkel Hans und Tante Katrinchen, sich ein Auto angeschafft, einen VW-Käfer. Als wir mal dort zu Besuch waren, lud der stolze Autobesitzer uns Kinder zu einer Autofahrt ein, um sein neues Auto vorzuführen. Ich war da wohl erst vier Jahre alt.“
„Woher wissen Sie es so genau?“
„Mit Vier ist man noch dem magischen Denken verhaftet. Was ich bei dieser Autofahrt erlebte, war eindeutig magisch. Du musst wissen, dass Onkel Hans und Tante Katrinchen eine Schlosserei hatten und in einer Straße lebten, die nur einseitig bebaut war. Auf der anderen Seite war ein Güterbahngleis, dahinter wohl ein Brachgelände. Meine Mutter und Tante Katrinchen fuhren nicht mit, sondern schauten zu, wie wir losfuhren. Ich sehe meine Mutter noch mit einem weißen Taschentuch winken, Tante Katrinchen winkte mit bloßer Hand.

Wir fuhren und fuhren, über eine Brücke hinweg, Onkel Hans lenkte hierhin und dorthin, erneut über eine Brücke. Wir fuhren eine ganze Weile. Mit einem Mal bog Onkel Hans in eine nur einseitig bebaute Straße. Linker Hand ein Haus. Davor standen Tante Katrinchen und meine Mutter und winkten wie zuvor. Ich wunderte mich, dass es meine Mutter und Tante Katrinchen offenbar zweimal gab, einmal am Ort, den wir verlassen hatten und einmal am Ort unserer Ankunft.“

„Ihr Onkel Hans wird eine Rundfahrt gemacht haben. Sie kamen aus der Gegenrichtung zurück, weshalb Sie die Straße nicht direkt wieder erkannt haben“, sagte ich.
Coster zweifelte: „Hm. Bist du sicher? Du warst wohl nicht dabei. Was, wenn es keine Rundfahrt war? Was, wenn es überhaupt keine Rundfahrten gibt, wenn Rundfahrten in Wahrheit pataphysische Spiralen sind? Ich mache mir jedenfalls ernsthaft Gedanken über meine Mutter, dass sie mit meiner vermeintlichen Rundfahrt gegen eine Zweitmutter ausgetauscht wurde. Bedenke nur die Konsequenzen, Trithemius! Hätte ich mal bloß von meiner Kindheitserinnerung geschwiegen. Jetzt tun sich Abgründe auf.“

Gekritzelt – Gras und 1a Studentenfutter

Freundschaftsdienst
Gestern besuchte mich Freund Ludger aus Aachen, den ich über den inzwischen verblichenen Freund kenne, der bei mir Jeremias Coster heißt. Ich hatte ja Costers unzählige Notizbüchlein geerbt. Seine Töchter hatten aber entschieden, sie zu schreddern. Ludger brachte mir Costers Tagebuch mit. Jetzt lese ich im Tagebuch, was höchst befremdlich ist. Die Handschrift erkenne ich aus der Briefpost, die ich von ihm erhalten habe. Das Tagebuch zu lesen ist wie seine Stimme aus der Vergangenheit zu hören.

Die Kaffeekanne erinnerte mich
In meinem Viertel ist es üblich, Gegenstände, Kleidung oder Bücher zum Verschenken vors Haus zu stellen. So fand ich die Kaffeekanne, die mir am Montag eine komplizierte Woche vorausgesagt hat. Die Geschichte, wie ich die Kanne gefunden habe, erinnerte mich an einen kuriosen Vorfall im Frühsommer dieses Jahres. Ich hatte gerade mit Hausnachbarn die Rekultivierung der Baumscheibe vorm Haus begonnen. Wir hatten schon einige Blumen gepflanzt, da war eines Morgens ein Zettel an den Baumstamm des Ahorns geheftet mit dem Foto eines Kindersitzes. Dabei stand in etwa folgendes: Man war von auswärts nach Linden gekommen, um Freunde zu besuchen. Da war einiges in deren Wohnung zu transportieren. Den Kindersitz habe man auf dem Bürgersteig abgestellt, um etwas aus dem Auto ausladen zu können. Als man zurückkam, war der Sitz weg. Man habe nichts von der in Linden üblichen Sitte gewusst, dass vorm Haus abgestellte Gegenstände zum Verschenken gedacht seien und erbitte sich den teuren Sitz zurück. Ich habe den Aushang nach einigen Tagen abgenommen, weil ich nicht wollte, dass Leute durchs frisch angelegte Beet steigen, um ihn zu lesen. Leider habe ich ihn nicht aufbewahrt.

Studentenfutter
Im Juli 2018 habe ich über eine kommentierte Bibliographie geschrieben, die ich wieder gefunden hatte. Bei der Neubearbeitung der „Buchkultur im Abendrot“ habe ich das einfache Literaturverzeichnis durch die Bibliographie ersetzt. Käufern meines Buches hatte ich angeboten, sich die Bibliographie hier als PDF runterzuladen. Inzwischen, Stand 06. November 2019, ist das 326 mal geschehen. Das wundert mich, denn so viele Bücher habe ich gar nicht verkauft. Wer lädt also die Bibliographie herunter und wozu? Mein Sohn, dem ich das erzählte, meinte, „das sind Studis.“ Das erklärt mir nichts. Was machen die damit? Fraglich ist auch, wie diese Leute die Bibliographie finden. Ich habe erfolglos diverse Suchphrasen ausprobiert.

Drogen vom Briefträger
Als ich noch gekifft habe, erbot sich Coster, mir in Holland Gras zu besorgen. Dann schickte er das Gras mit der Post. Ich trat eines Morgens vor meine Wohnung in der ersten Etage, da schlug mir der intensive Grasgeruch entgegen. Das ganze Treppenhaus roch danach. In meinem Briefkasten dann ein einfacher Briefumschlag mit dem dubiosen Inhalt. Coster hatte ganz arglos den hübsch gestalteten Aufkleber mit seiner Absenderadresse auf die illegale Postsendung gepappt.

Manekineko
Eine Geschichte zu schreiben: „Mein Leben als japanische Winkekatze“, sollte Glück bringen.
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Prima Fernsehen mit Jeremias Coster

Eigentlich sollte ich um drei Uhr im Café Mohren sein, wo ich mit Coster verabredet war. Um zehn vor drei verließ ich das Haus und wusste, ich würde mich verspäten. Für einen Moment keimte Unruhe in mir auf. Dann sagte ich mir, dass ich noch zehn Minuten vor dem Zuspätkommen hätte, und diese Lebenszeit wollte ich keinesfalls mit innerem Hader verbringen. Es könnte mich schließlich just ein Auto überfahren, derweil ich gerade denke: „Ich komme zu spät!“ Dann hätte ich das Jenseits herbeigepfiffen. Da stelle ich mir lieber vor, ich wäre immerzu genau richtig in der Zeit. Also dachte ich andere Gedanken. Seltsam genug dachte ich etwas, wovon später auch Coster sprechen würde, allerdings radikaler und boshafter als ich es gewagt hätte. Beim Supermarkt, dessen Mitarbeiter zeitweilig in T-Shirts gezwängt waren, auf denen stand: „Wir werden Sie begeistern!“, dachte ich: „Mist, ich hab mal wieder ums Verrecken keine Lust, mich auf diese Weise begeistern zu lassen.“

Dr. phil, Dr. ing. Jeremias Coster, dubioser Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen, hatte auf der ersten Etage des Cafés einen Tisch am Fenster gewählt. „Hier hat man einen Butzenscheibenblick auf die Welt“, sagte er später, „und das ist manchmal gut für’s Gemüt.“ Vor sich hatte der Gemütsmensch ein Glas Wasser, einen Aachener Printenlikör und Kaffee im Glas. Als die junge Kellnerin an unseren Tisch trat, staunte ich erneut, wie gut sich Coster auf’s Charmieren versteht. Sie hatte nicht einen Blick für mich, sondern sonnte sich in seiner Aufmerksamkeit. Coster hätte also bester Stimmung sein müssen, war es aber nicht. Caféhausromantik mit Printenlikör, Kaffee und Kellnerin, das alles hatte Coster gleich einem Bollwerk vor sich aufgebaut, um eine grimmige Stimmung abzuhalten, die ihn beständig anzufliegen schien.

An der Kellnerin könne er ablesen, wie das Betriebsklima sei, sagte Coster. Und da der Chef des Cafés hinterm Tresen stünde, wäre ihre Fröhlichkeit auch nicht antrainiert, sondern käme aus dem Herzen. Denn wäre ihr Chef ein Leuteschinder, könnte sie das auf den kurzen Wegen zwischen Tresen und Gast nicht vergessen. Anders wäre es in einem Lokal einer Kette. Dort könnte die Freundlichkeit des Personals auch das Ergebnis eines Mitarbeitertrainings sein. Wo weite Wege lägen zwischen Unternehmensleitung und Personal, wo also der direkte Kontakt zwischen Chef und Untergebenem nicht vorliege, dort wolle er sein Geld nicht mehr hintragen.

Coster nippte an seinem Printenlikör und sagte: „Das ist mein Mittagessen.“ Er habe nämlich nichts mehr im Haus und könne sich „ums Verrecken“ nicht überwinden einzukaufen. „Schon wenn ich in der Tür das Kassenpiepen höre, kriesch isch et ärme Dier, Trithemius. Und sehe ich das Personal …“ Er nippte noch einmal an seinem Mittagessen und fuhr fort: „Weil der Einzelhandel langsam verschwindet, wissen wir nicht, welchen moralisch verkommenen Halunken man das Geld für den Einkauf in den Rachen wirft. Am Ende werden davon irgendwelche Drecksäcke fürstlich entlohnt, die sich nicht zu schade sind, eine Kassiererin fertig zu machen, weil sie angeblich 25 Cent gestohlen hat. Doch eigentlich kann man diese Leute nicht einmal von Herzen verachten, denn letzten Endes sind sie nur die Produkte einer gesellschaftlichen Entwicklung.“

„Sie meinen, der Mensch ist nicht für solche Großstrukturen gemacht?“

„Ganz genau!“, sagte Coster. „Großstrukturen jeglicher Art übersteigen das menschliche Fassungsvermögen. Der Mensch orientiert sich stets an seiner unmittelbaren Umgebung. Und wer fern ist von den ihm anvertrauen Mitarbeitern, ist zu jeder Schandtat bereit, wenn sie nur die Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung zufrieden stellt, also die eigene Familie oder den gesellschaftlichen Status befördert. Der richtet sich nämlich nicht nach überindividuellen moralischen Maßstäben. Wer das glaubt, ist erfrischend naiv. Ich bin sicher, die Herrschaften auf den Chefetagen verfügen über beste Manieren, wenn sie sich unter ihresgleichen befinden. Doch gegenüber den Menschen weit unter ihnen zeigen sie diese Manieren nicht. Sie sehen die Leute nicht und das macht sie zu dummen Affen. Vorsorglich entschuldige ich mich bei den Affen.“

Coster drängte zum Aufbruch, lud mich ein und schäkerte beim Bezahlen ausgiebig mit der Kellnerin. Sie sonnte sich erneut und sah nur ihn. Wer zahlt, bestimmt die Blickrichtung, dachte ich, was natürlich nicht stimmte, denn sie war nicht dem Geld, sondern Costers Liebenswürdigkeit erlegen. Im Rausgehen packte er meinen Arm. „Es hilft nur eins, Trithemius“, sagte er gut gelaunt: „Strenge Gesetze! Je größer gesellschaftliche oder wirtschaftliche Strukturen, desto strenger müssen sie gesetzlich überwacht werden. Also, wenn Überwachungskameras, dann auf den Chefetagen. Das wäre prima Fernsehen!“

Entmaterialisierung der Dinge

„Aahhh!“, stöhnte es aus der Ecke, „Arrgh!“, ächzte der Geist, „das tut weh!“
„Was?“
„Nach so langer Zeit wieder zu sprechen. Meine Kinnlade knirscht. Mein Halz kratzt. Alles ist wie eingerostet und schmerzt. “
„Das können ja nur Phantomschmerzen sein.“
„Weißt du nicht, dass Phantomschmerzen durchaus real sind und Betroffene als Schmerzpatienten gelten?“
„Das will ich nicht in Abrede stellen.“
„Dann erwarte ich ein bisschen Mitgefühl,. Ahh, und wie ich letztens geschüttelt wurde. Das hat weh getan.“
„Dann sind Sie es, Coster?“
„Wer denn sonst?“

„Tut mir leid, das mit dem Schütteln. Ich habe nur einer Besucherin vermitteln wollen, wie schwer Ihre Asche ist, Coster. Drum forderte ich sie auf, das Filmdöschen anzuheben, das etwas von Ihrer Asche enthält. Von Schütteln habe ich nichts gesagt.“
Ich sah hinüber zur Couch, wo Coster langsam sichtbar wurde.
„Ich spüre jede kleine Bewegung, auch wenn das Döschen nur hochgehoben wird“, sagte er vorwurfsvoll.
„Interessant. Und ich dachte ganz naiv, bei der Entleibung des Menschen würde das Spüren verschwinden.“
„Im Gegenteil.“ Coster hatte seine Fassung gefunden und lümmelte sich auf der Couch. „Würde ich sonst versuchen, auf dieser Couch eines schwedischen Möbelhändlers eine bequeme Sitzposition zu finden? Ich könnte stehen, knien oder gar nichts tun, wenn ich nichts spüren würde.“
„Also gut, Sie spüren also, obwohl sie ein Geist sind. Aber worüber sprechen wir?“
„Entmaterialisierung ist das Stichwort“, sagte Coster. Zuerst kommt die Entmaterialisierung der Dinge. Dieser Prozess hat mit der Verbreitung des Computers begonnen und schreitet unentwegt fort.“
„Wie das?“
„Stell dich nicht doof, Trithemius! Du selbst hast doch erlebt, wie die Bleischriften des Buchdrucks sich digital verflüchtigt haben. Und dass du die Telefonzelle, die vorm Haus unten gestanden hat, jetzt in der Jacke herumtragen kannst, ist ja nur noch nicht beendete Entmaterialisierung. Die Telefonzelle wird bald in den menschlichen Körper integriert werden. Jedermann seine eigene Telefonzelle, hehe! Das Geld wird auch verschwinden. Wenn du überlegst, dass es Kulturen gab, die mit Mühlsteinen bezahlt haben, da ist das digitale Bezahlen schon ein bisschen leichter. Mit dem Chip unter der Haut wird jedermann sein eigener Mühlstein, äh, eigenes Bankkonto. Genauso werden die Kassiererinnen aus den Supermärkten verschwinden. Dann kannst du gucken, wen du anflirtest, Trithemius, von wegen Die schönsten Augen nördlich der Alpen. Und deine Fernkommunikation per Internet mit Bloggerinnen und Bloggern ist ein Schritt zur nächsten Stufe der technischen Evolution: Die Entmaterialisierung des Menschen.“

„Auch wenn ich in der digitalen Kommunikation bereits entmaterialisiert bin, existiere ich weiterhin materiell,“
„Das ist deine subjektive Wahrnehmung. Von außen betrachtet gibt es nicht mal einen Unterschied zwischen Dir und mir, der ich bereits fünf Jahre tot bin.“
„Doch! Ich habe hier nicht rumgestöhnt. Außerdem können Sie nur reden, Coster, weil ich real existierender Mensch Sie aufschreibe.“
„Der Unterschied ist ohne Belang. In hundert Jahren kann das hier jemand lesen, und dann hast du dich auch längst entmaterialisiert. Insgesamt geht es um überall vorhandene Redundanzen. Wenn du schon mal 75 Kilogramm schwer gewesen bist und heute 92 Kilo wiegst, sind das 17 Kilogramm nutzlose, also redundante Materie. Wie es am menschlichen Körper Redundanzen gibt, sind viele Menschen überhaupt redundant.“
„Das ist reichlich inhuman.“
„Nur ein Befund.“
„Freilich ein dummer Befund. Die menschliche Art benötigt zum Überleben einen großen Genpool. Diversität ist das Stichwort.“
Coster gähnte: „Der Kerl will einfach nicht voraus denken“ und verschwand.

Orbs mögen keine Krawatten

Vorsorglich bitte ich um Entschuldigung, wenn ich die geneigte Leserin, den geneigten Leser zehn Jahre zurück an einen kalten Winterabend im Jahre 2008 entführe.
Ja, muss das denn sein, haben wir nicht die Nase voll von Dunkelheit und Kälte? Könnte der Autor nicht ein bisschen dichterische Freiheit walten lassen und seinen Bericht an einen lauen Frühlingsabend verlegen?
Leider nicht, denn bei der Sache ist absolute Wahrhaftigkeit erforderlich. Wir brauchen sicheren Grund; die Fakten müssen stimmen, sonst verlieren wir uns Hand in Hand im Spekulativen.

Es ist also dunkel und nicht wirklich kalt, sondern saukalt. Eisiger Dunst hängt in der Luft. Ich atme in meinen Schal und schreite wacker aus, denn ich will meine neue Digitalkamera ausprobieren. Vor mir ragte der riesige Klotz der ehemaligen Hanomag-Fabrik in den Nachthimmel. Vom Baumarkt drüben fällt ein wenig Licht auf die Front, das spiegelt sich in den matten Fenstern. Bin gespannt, ob meine Kamera das einzufangen versteht. Die ersten Versuche sind enttäuschend, das kann ich sogar ohne Brille auf dem Display sehen. Ob der Blitz bis zum Gebäude reicht? Das tut er nicht. Stattdessen zeigt das Foto unzählige Schneeflocken. Ich vergleiche das Bild auf dem Display mit der Wirklichkeit, aber da ist kein Schnee, nicht ein Flöckchen fällt aus dem eisigen Himmel. Auch das Säubern der Linse hilft nicht. Sobald ich blitze, tauchen die Flocken auf. Meine neue Kamera muss eine Flockenmacke haben, denke ich und mache auf dem Nachhauseweg noch ein paar Mackenbilder.

Wenig später bekam ich eine E-Mail von Jeremias Coster, bis zu seinem Tod Professor für Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen. Coster fragte mich, ob ich schon einmal von Orbs gehört hätte. Er sei ganz begeistert von diesen geisterhaften Erscheinungen. Die Allwissende Maschine Internet klärte mich auf. Orbs sind seltsame Lichtflecken auf Digitalfotos. Und ich las hier, das Orb-Phänomen werde schon längst von Grenzwissenschaftlern und Kornkreisforschern untersucht, denn Orbs sind vielleicht oder sogar höchstwahrscheinlich, zumindest aber eventuell verirrte Geister aus der Zwischenwelt, ggf. sogar die astralen Ausscheidungen von Engeln.

Als Skeptiker schrecke ich sogleich zurück, wenn es heißt, eine Sache werde in Korntrinkerkreisen erforscht. Von Coster wusste ich allerdings, dass er sich an die Fastenzeit hielt und bis Ostern dem Alkohol entsagt. Ich rief ihn also an und fragte ihn, was er von diesen Theorien hält. „Ich bin völlig überzeugt, dass Orbs die Abbilder von Engeln sind!“, sagte Coster. Er habe sie sogar auf Fotos von Familienfesten entdeckt. Das erlaube nur einen Schluss, ja, beweise zwingend: „Die Verstorbenen wollen mit ihren Lieben feiern.“ Ratlos legte ich den Hörer auf. Wie zum Teufel gießen die feiernden Engel sich die geistigen Getränke hinter die Binde, wenn sie gar keine haben?

Erstveröffentlichung 2. März 2010 auf der versinkenden Plattform twoday.net

Damals in Aachen – Jeremias Coster zum 1. Dezember

Er sei über den dunklen Markt gegangen, da hätten vor dem Rathaus Bretterbuden gestanden. Sie müssten über Nacht vom Himmel gefallen sein und wären noch verrammelt gewesen, vermutlich, um den Inhalt beim Herunterfallen vor dem Zerbrechen zu schützen. Da sei ihm für einen Moment das Herz schwer geworden, denn nun fange unweigerlich die Zeit der weihnachtlichen Innerlichkeit an. Wenn alle Welt um ihn herum zu hasten und zu besorgen beginne, dann werde ihm sein Los besonders schwer. Denn was man auch gegen dieses Fest einwenden könne, er habe doch einst die Zeit zwischen den Feiertagen sehr genossen, wenn der Rummel vorbei gewesen sei und die Welt für einen Moment den Atem angehalten habe. Dann sei es stets warm und friedlich um ihn herum und in ihm gewesen. Andererseits habe die Erfahrung ihn gelehrt, dass man für das Anhalten der Welt einen hohen Preis zu zahlen habe. Spätestens nach Neujahr setze sie sich wieder in Bewegung. Das sei wie eine unterirdische Spannung, die sich entlade, gleich den Erschütterungen eines Erdbebens. Und dann werde man mit Wucht wieder in das hektische Treiben unsrer Zeit zurückgerammt.

Katchhof in Aachen – Foto: JvdL

Passend zu diesen Gedanken sei eine Radlerin an ihm vorbei die Straße hinab gerollt, und wie sie kurz vor der Ecke zu treten begonnen habe, hätte er geglaubt sie zu kennen. Diesen raschen runden Tritt habe er bislang nämlich nur bei einer Frau gesehen. An diese Frau habe er aber nicht denken wollen.Das menschliche Gehirn organisiere alles zu Mustern, um die Fülle der Informationen verarbeiten zu können. Das sei eine Stärke und gleichzeitig eine Schwäche. Denn in diesem Fall habe ausgereicht, dass er den raschen Tritt der Frau beobachtete, wobei es völlig egal gewesen sei, ob sie es nun war oder nicht. Die schmerzhaften Erinnerungen seien sofort da gewesen. Weiterlesen