Wahrer Bericht von einer pataphysischen Forschungsreise nach Aachen und zurück

Meine lieben Damen und Herren,

Der wahre Bericht erschien erstmals im Jahr 2009 im Teppichhaus Trithemius auf der versunkenen Plattform Blog.de. Er ist eigentlich eine Fortsetzung. Den ersten Teil Gina Regina habe ich vor gut zwei Jahren im Teestübchen wiederveröffentlicht. Wer also den Zusammenhang kennen möchte, möge zuerst den Teil „Gina Regina lesen.“ Es geht aber auch umgekehrt.

Irgendwann in der Nacht, als wir schon recht viel getrunken hatten, sagte Coster:
„Zufall ist das, wenn Gott nicht unterschrieben hat.“

“Das erklärt einiges“, sagte ich. „Darum habe ich noch keine Million gewonnen, obwohl es längst fällig wäre. Vermutlich hat irgendein säumiger Unterbeamter der himmlischen Registratur die Anweisung auf die Million zwar ausgefertigt, dann aber vergessen, sie dem Chef in die Unterschriftenmappe zu legen. Die Anweisung ging raus, aber weil sie noch nicht unterschrieben ist …“

Insgeheim dachte ich, dass ich Coster bislang falsch eingeschätzt hatte. Seine früheren Äußerungen zur Gottesfrage hatten in mir die Idee versteift, Coster sei Agnostiker. Erst letztens hatte er gesagt, warum sollte er in einer Sache eine Entscheidung fällen, die sich nicht entscheiden lasse. Jetzt verstand ich, dass Coster genau anders herum dachte. Weil er die Sache nicht entscheiden konnte, glaubt er einfach an Gott und an den Atheismus. Das wiederum würde seine Magie erklären. Die rätselhaft schwebende Art, in der er durchs Leben geht.

Das war nicht immer so gewesen. Als ich ihn kennen lernte, hatte er manchmal Phasen des Zweifelns. Das aber besagt gar nichts. Alles in der Natur schwingt. Auch der Gemütszustand des Menschen ist dem unterworfen, mal mehr, mal weniger. Vielleicht hatte ich Coster anfänglich immer dann getroffen, wenn er im Zenit seiner Wetterfühligkeit war, sich die Natur aber am tiefsten Punkt ihrer Schwingung befand. In diesem Augenblick ist der Mensch am weitesten entfernt von der Natur, fühlt sich besonders fremd in seiner Welt.

Man kann nicht immer optimal getaktet sein. Wenn alles schwingt, schwingt auch das. Diesen Gedanken würde ich gerne weiterspinnen, aber das geht leider nicht, denn nachdem Coster gesagt hatte: „‚Zufall ist das, wenn Gott nicht unterschrieben hat“, und mir diese Gedanken durch den alkoholisierten Kopf gingen, war unser Gespräch längst woanders hin. In dieser Nacht nämlich sprangen wir nach Herzenslust durch die Welt unserer Themen, und es machte uns rein gar nichts, dass wir kein einziges Thema bis zum Ende verfolgten. Unser Gespräch hatte sich die ganze Zeit über netzwerkartig ausgedehnt. Vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen, sagt der Volksmund. „„Wir ließen den einen oder anderen Hasen springen“, wie Goethe sagt,“ und irgendwer: „„Springt ein Häslein übern Steg, nehm’ ich gleich ‘nen anderen Weg.““ Diese wunderbare Form des Gesprächs hatte uns schon den ganzen Abend über durch die Themenfülle begleitet. Die Aufmerksamkeit unseres Denkens saust von einem gedanklichen Netzwerk hinüber ins andere. Das ganze entwickelte sich eher verhalten, aber spätestens, als wir am Aachener Markt im Goldenen Einhorn gesessen hatten, begannen unsere Gedanken durch beide Köpfe zu kreisen und legten neue Spuren an.

Dieser Prozess wurde begünstigt durch die Tatsache, dass Coster im Goldenen Einhorn auf Händen getragen wird. An diesem Abend liefen dort Kellner umher. Nur hinter der Theke stand eine Kellnerin. Mir war aber, als würde Coster noch aufmerksamer bedient als sonst. Von allen Seiten war man um sein Wohl bemüht, und da ich an Costers Seite saß, wurde ich ebenfalls in die größte Liebenswürdigkeit einbezogen, die einem Gast zuteil werden kann. So ging es weiter, als wir viel später im Franz eintrafen, einem Veranstaltungslokal in Costers Nachbarschaft, um einen der vielen Absacker zu trinken. In der Ecke spielte eine Jazzband. Sie machte zu ihrem Glück gerade Pause, sonst hätten sie ihre Musik vergessen können, als Coster von allen Seiten begrüßt wurde. Auch hier ging die Gunst vom muslimischen Thekenkellner, dem Pächter, der Frau neben ihm und einigen Thekengästen direkt von Coster auf mich über. Coster versteht es meisterhaft zu teilen. Es mag übertrieben klingen, aber ich habe alles leibhaftig erlebt und treulich beobachtet. Wie man weiß, war ich auf einer Forschungsreise.

Costers Glas aus dem Jahr 1770 (Foto: JvdL)

In Costers Küche saßen wir, bis die Stunde des Wolfes heraufdämmerte, also bis gegen vier Uhr, denn die Absacker wollten einfach nicht wirken. Ich spürte, wie meine Augen immer kleiner wurden, aber der Kopf blieb wach. Wir saßen nämlich in der Nachtkälte. Coster hatte die Tür zu seinem Küchenbalkon geöffnet, damit wir rauchen konnten, ohne die ganze Wohnung zu verpesten. Er raucht Zigarillos, ich drehe Halfzware Shag, das zusammen ist eine heftige Mischung. Irgendwann holte Coster zwei Gläser von 1770 aus seiner Sammlung, und wir tranken Rosé daraus. Das passte, denn wer im 18. Jahrhundert bei Nacht noch zechen wollte, musste kälteresistent sein. Ich wusste zu würdigen, aus einem Glas aus dem Jahr 1770 zu trinken. Man könnte schließlich einen umfangreichen historischen Roman schreiben, der sich nur um diese beiden Gläser rankt, bis in die Gegenwart von Costers Küche hinein. Das eingravierte Symbol blieb uns in der Nacht rätselhaft. Da sind Zirkel und Winkel der Freimaurer, oben eine Krone …

Am nächsten Morgen war ich ein wenig ungehalten mit mir. In der Nacht hatte ich gedacht, ach, das meiste aus unserem Gespräch wirst du behalten. So gibt es keine Notizen.

Um 22:34 Uhr traf ich leicht verspätet in Hannover ein. Kurz vor Hannover hatte mein Handy geklingelt wie ein Wecker, dreimal nur, und dann war niemand dran. Freilich war ich längst wach und war dabei, mich für den Ausstieg zu kramen. Dann befiel mich eine leise Unruhe. Mehrmals schon habe ich eine seltsame Erfahrung gemacht. Am Ende einer Reise, wenn ich schon dachte, alles ist gut gegangen, dann habe ich einen unglücklichen Zufall erlebt. Einmal war dieser Zufall so heftig in mein Leben gehauen, dass es auseinanderflog. Ich konnte dabei zusehen, denn diese Explosion vollzog sich in Zeitlupe und erstreckte sich über mehrere Jahre. Dabei geriet ich immer tiefer ins Unglück.

Zuletzt bei meinem Umzug nach Hannover, als mir schien, die Fahrt wäre glücklich verlaufen, passierte es erneut. Als ich den Mietwagen zurückbringen wollte, fuhr ich an einer Engstelle auf der Königsworther Straße einen Außenspiegel ab. Ich hatte den Knall freilich unbedacht herbeigepfiffen, indem ich am Morgen gesagt hatte: „Ich wollt‘, es gäbe einen Knall, und der Umzug wäre getan.“ So bekam ich in eiskalter Nacht mit der Hannoverschen Polizei zu tun. Die Folgen waren jedoch recht glimpflich, abgesehen von der Tatsache, dass ich wirklich nicht viel Zeit verloren hatte, mich polizeilich in Hannover anzumelden.

Während der ICE in den Hannoverschen Hauptbahnhof rollte, ging mir durch den Kopf, ich hätte just den ägyptischen Sonnengott beleidigt und müsste jetzt seine Rache fürchten. Trotzdem ging ich durch einen Nebenausgang des Bahnhofs nach draußen, um zu rauchen. Meine U-Bahn sollte erst 15 Minuten später kommen. Vor der Tür standen vier junge Leute und rauchten ebenfalls, zwei Männer, zwei Frauen. Ihrer Kleidung nach waren sie geschäftlich unterwegs. Dem Reden nach kannten sie einander nur flüchtig. Eine Frau ganz in schwarz sagte, sie werde sich das Rauchen abgewöhnen, wenn sie irgendwann einmal heirate, und schob nach:

„“Wenn ich im Standesamt sitze, höre ich auf zu heiraten.““

In heiterer Stimmung stieg ich aus der Bahn, meine Wohnung empfing mich freundlich, aus meinem E-Mail-Programm purzelten erfreuliche Botschaften und auch die von Coster. Gegen zwei Uhr in der Nacht legte ich mich ins Bett und war der Meinung, meine pataphysische Forschungsreise sei nicht nur erfolgreich gewesen, sondern auch ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen. Sollte der ägyptische Sonnengott, dessen Namen ich vorsichtshalber jetzt nicht erwähne, sollte er einen Groll auf mich gehabt haben, so hatte er mich offenbar nicht gefunden. Im selben Augenblick gab mein Bett Geräusche. Obwohl ich mich nicht bewegte, begann es mehr und mehr zu knarren. Das Knarren ging in ein Knarzen über, dem Geräusch von brechendem Holz. Dann eine Sekunde des Verharrens, und indem ich aufatmete, brach mein Bett ein. Die Matratze sackte unter mir nach unten und blieb dann in der Schwebe.

Ich machte Licht, stand auf und betrachtete den Schaden. Dazu musste ich das Bettzeug ausräumen und die Matratze hochstellen. Unter der Mitte meines Bettes hatten sich zwei breite Stützen befunden. Beide waren abgebrochen und hatten mir damit einen leisen Schrecken eingejagt. Da musste ich schmunzeln. Offenbar war die verderbliche Anweisung des ägyptischen Sonnengottes nicht unterschrieben gewesen, so dass sein Befehl nicht ordentlich ausgeführt worden war. Und ich ahne auch, wer es verhindert hat, als er selbst die Sache nicht überwachen konnte, weil er bekanntlich bei Nacht nicht da ist.

Da ich nicht mitten in der Nacht zu tischlern anfangen wollte, schob ich einen alten Setzkasten mitten unter mein Bett und erhöhte ihn durch zwei Versandhauskataloge und die beiden abgebrochenen Bretter. Das hält, und ich schlief ziemlich gut auf dem Relikt der Schwarzen Kunst, den tausendfachen Verheißungen der Kataloge und zwei stabilen Stützbrettern.

Was zuvor geschah und wie der Sonnengott beleidigt wird: Gina Regina.

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Coster liest den Herbst von drinnen

Kategorie KopfkinoZur herbstlichen Melancholie habe er keine Lust, sagte Coster. Der dubiose Professor für Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen schaute aus dem Fenster hinüber auf den kleinen Park. “Ich mag es, wenn die Bäume sich biegen und vergeblich vor dem Wind verneigen, der ihnen mitleidslos die Blätter raubt. Aber auch wenn kaum Wind geht wie heute und unablässig Regen fällt, als würde es nie mehr etwas anderes geben, und ich stehe am Fenster, die Beine am Heizkörper, durch den wohlig warm das Wasser blubbert, das lässt mich angenehm schaudern.“

„So schwärmerisch kenne ich Sie gar nicht“, sagte ich. „Das würden Sie anders sehen, wenn Sie nur eine nasse Parkbank hätten und Ihnen der Regen die Zeitungen durchweicht, mit denen Sie sich bedeckt halten.“
„Natürlich“, murmelte er und wandte sich vom Fenster ab. „So lange ich kein Leben als Obdachloser führen muss, erlaube ich mir, den Herbst zu lieben. Da stehe ich morgens auf und weiß nicht wo anfangen vor lauter Schaffensdrang. Früher habe ich die Zeit auch gern in der Institutsbibliothek verbracht. Denn gibt es eine bessere Gesellschaft als ein kluger Geist, der zwischen Buchdeckeln wohnt? Du klappst das Buch auf, und Blatt für Blatt spricht er zu dir. Wusstest du, dass das Umwenden der Seiten in Tibet als wesentlicher Bestandteil des rituellen Lesens gilt? Die Tätigkeit ist ein Teil der Verbalisierung. Coster verstummte und sah wieder hinaus. Dann sagte er leise: Bei Rudolf Arnheim habe ich schöne Verse von der amerikanischen Dichterin Denise Leverton gefunden: Weiterlesen

Ein Holzsschild fährt den Bus

Kategorie Medien“Man kann natürlich akademisch über Sprache und Orthographie reden, wenn man grad mal nichts anderes zu tun hat”, sagt Professor Jeremias Coster und zündet sich sein Zigarillo mit einem Sturmfeuerzeug an. Dass er sich trotz der heftigen Böen Feuer geben kann, scheint ihn zu freuen. “Schreiben im Alltag ist oft ganz entfernt von derartigen Überlegungen”, fährt er fort und biegt sich auf seinem Stuhl zur Seite, um aus der Innentasche seiner Jacke einen Zettel zu ziehen, den er, wie er versichert, soeben in einem Einkaufswagen gefunden habe. Weiterlesen

Mentalcoach Kaffeemühlchen

InstitutAls er elf Jahr alt war, sei er jeden Morgen mit Herzrasen in die Schule gegangen, sagte Jeremias Coster, der dubiose Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der Technischen Hochschule Aachen. Nein, er habe nicht an Schulangst gelitten. Schuld sei seine Großmutter gewesen. Die habe ihm zum Frühstück einen Kaffee gemacht, worin der Löffel senkrecht hätte stehen können. Daran habe er sich erinnert, als er in der Küche von Freunden so ein hölzernes Kaffeemühlchen entdeckt habe, worin seine Großmutter die Kaffeebohnen immer frisch gemahlen hatte, um aus dem Pulver einen höllisch starken Filterkaffee aufzubrühen. Aber er habe den Sud immer tapfer ausgetrunken, denn mit einem Schuss Dosenmilch und drei gehäuften Löffeln Zucker sei der Kaffee durchaus trinkbar und wohlschmeckend gewesen. Noch im Klassenzimmer habe sein aufgeputschtes Herzchen heftig geklopft. Wenn er sich dann gespannt mit dem Oberkörper an sein Schulpult gelehnt, indem er seine verehrte Lehrerin beobachtet habe, wie sie an der Tafel beidhändig mit der Kreide kämpfte, weil sie doch an einem täglich auftretenden Chirospasmus gelitten, hätte das Holz seiner Schulbank wie ein Resonanzkörper das Pochen seines Herzens verstärkt, so dass die Lehrerin entnervt gerufen habe: „Wer trommelt da hinter meinem Rücken?!“
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Costers zweifelhafte Befreiung

Pataphysisches Institut - Foto: JvdL

Pataphysisches Institut – Foto: JvdL

Eine Sache zu benennen, sei doch noch immer das probateste Mittel, sie loszuwerden, sagte Coster.
„Benannt – Gebannt“,
hätten ja schon die Alten gewusst. Wie erleichtert, ja, geradezu erfreut wäre er gewesen, als er aus der Kirche austreten wollte und habe beim Amtsgericht eine Tür gefunden habe mit der Aufschrift „Kirchenaustritte.“ „Aha, es gibt ein Wort, sogar ein Amt für mein Vorhaben“, habe er da gedacht. Allerdings habe ihn das Türschild mit dem Plural „Kirchenaustritte“ schwer erheitert. Wieso Austritte? Ob welche nach dem Austritt wieder eintreten, austreten, wieder eintreten, weil sie einfach nicht vom Weihrauch wegkämen? Das jedoch wäre im zeitlichen Abstand jeweils ein Austritt nach dem anderen, würde also den Plural nicht rechtfertigen.

„Den Plural wird man aus der Innensicht formuliert haben“, sagte ich. „Für die Behörde sinds Austritte, wenn Sie dort nicht als einziger antanzen, was man ja aus dem Umstand ablesen kann, dass es eine Amtsstube für solche Fälle gibt.“

Jedenfalls habe er sich zusätzlich erfreut über die Tatsache, dass man ihm tatsächlich ein Formblatt in die Hand gedrückt habe. So ein Formblatt wäre schließlich noch eine Steigerung des Prinzips „Benannt – gebannt“

„Worum geht es eigentlich, Coster“, fragte ich. „Sie sind doch nicht erst gestern aus der Kirche ausgetreten.“

„Es geht um meine Zahnärztin“, sagte Coster. Indem er mir seine vertrackte Verliebtheit geschildert habe und wie er nun alles nachlesen könne, weil ich es aufgeschrieben hätte, da wäre der Bann von ihm gewichen. Inzwischen habe er ganz nüchtern erkannt, dass es letztlich um eine Geschäftsbeziehung gehe. Die Zahnärztin würde ihre Dienstleistungen anbieten, und er als öffentlich bestallter Professor sei Privatpatient und mithin Kunde. Und in einer Geschäftsbeziehung wären Gefühle unangebracht.

„Ich hätte eher gedacht, dass Verliebtsein in Ihrem Alter grundsätzlich etwas Närrisches hat, Coster“, sagte ich.

„Verliebtsein ist für Außenstehende immer lächerlich“, sagte Coster und warf mir einen geringschätzigen Blick zu, nur akzeptiere man das bei jungen Leuten, weil doch letztlich Paarung und Fortpflanzung im Vordergrund stünden. Bei älteren Leuten drehe das aber im Leerlauf, und jeder frage sich, wozu soll das jetzt noch gut sein? Wenn man aber bedenke, dass der Fortpflanzungstrieb die Paare ganz närrisch mache, wäre doch eine Beziehung ohne die Idee der Fortpflanzung ungleich reifer.

„Trugschluss, lieber Coster“, sagte ich. „Es geschieht doch zwischen Menschen nichts, das die Natur nicht vorgesehen hat. Warum sich ältere einander zuneigen, verstehen wir vielleicht nur nicht richtig, aber getrieben sind sie wie das junge Volk.

„Da könntest du Recht haben, Trithemius. Ist ja immer so: Man glaubt zu schieben, aber wird geschoben.“

Costers Dilemma

Costers Wirkungsstätte (Foto und Montage: JvdL)

Costers Wirkungsstätte (Foto und Montage: JvdL)

Er habe sich auf den ersten Blick in seine Zahnärztin verliebt, sagte Coster, der dubiose Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der Technischen Hochschule Aachen. Derlei wäre ihm noch nie passiert. Freilich wäre er bislang immer bei Zahnärzten gewesen, bei denen nur die Kategorie Sympathie oder Antipathie eine Rolle spiele. Sobald aber die weibliche Komponente ins Spiel komme, könne er sich leider nicht auf sich verlassen. Jedenfalls freue er sich in einer Art perversen Lust auf seinen nächsten Zahnarzttermin. Das habe ihm zu denken gegeben, denn die normale Reaktion wäre doch die Suche nach Vermeidung, und läge man erst auf der Pritsche, spiele man mit Fluchtgedanken, bis letztlich sich ein lähmender Fatalismus einstelle, vergleichbar dem, wie sich eine Antilope zwischen den Zähnen eines Krokodils ihrem Schicksal fügt. Die Notwendigkeit, vor einem Fremden das Maul zu öffnen, ihm zu gestatten, mit diversen spitzigen Geräten darin herum zu hantieren, sei ja deshalb so fürchterlich, weil all diese zum Teil schmerzhaften Verrichtungen sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Ichwahrnehmung ereignen würden, die ja bei den meisten irgendwo im Kopf zu wohnen scheine. Die Mauern dieser Wohnung bringe der Zahnbohrer auf das Abscheulichste zum Dröhnen und Vibrieren, wodurch Urängste mobilisiert würden, die normalerweise nur der Panik bei Erdbeben vorbehalten wären. Abgesehen davon wäre ja der eigene Mund etwas höchst Privates und normalerweise der Lustempfindung bei der Nahrungsaufnahme vorbehalten. In dieser privaten Höhle würde man als Mann keine fremden Dinge wollen, vielleicht abgesehen von gewissen Körperteilen einer sexuell begehrenswerten Frau.

Dass er bei sich diesen Wunsch nach Nähe zu seiner Zahnärztin spüre und nötigenfalls die bedrohlichen zahnmedizinischen Gerätschaften in seinen Mund zu lassen, wäre doch im höchsten Maße beunruhigend, zumal die Weltgeschichte ja voller Männer sei, die wegen einer Frau sehenden Auges ins Verderben gegangen sind. „Du lieber Himmel, Coster“, sagte ich, „da haben Sie echt ein dickes Problem.“

In meinem Bügeleisen ist beinahe Vollmond

Einmal saß ich mit Coster in einem hannöverschen Altstadtcafé. Da hörte ich am Nebentisch einen jungen Mann sagen: „Die Kapazität meines Portemonnaies ist bald überschritten.“ Sein Begleiter nickte mitfühlend. Aber ich sagte zu Coster: „Dass mein Portemonnaie überquillt, hätte ich auch mal gerne.“ Die Sprache des Alltags ist oft ungenau, Kontext und Situation helfen, dass man sich trotzdem versteht. So hatte auch der junge Mann seine beinah leere Geldbörse vorgezeigt, als er sagte, es sei an der Kapazitätsgrenze. Das Geld war weg oder, wie es in einem TV-Werbespot heißt: „100 Prozent unsichtbar!“

Dass sprachliche Äußerungen oft ungenau sind, liegt auch an den Wörtern. Einige von ihnen sind viel zu grob, manche haben sogar ungereimte Doppelbedeutungen. Eine Untiefe kann eine Sandbank dicht unter der Wasseroberfläche sein oder ein Tiefseegraben. Man nimmt Medikamente für oder gegen eine Krankheit. Der Sprachphilosoph Fritz Mauthner vergleicht die Wörter mit Uniformierten, die man in oder aus der Ferne betrachtet. So schön gleichmäßig sie auch aussähen, aus der Nähe erweise sich jeder der Kerls als schlecht angezogen.

"Schnuppertauchen" - Foto: Trithemius (größer: klicken)

„Schnuppertauchen“ – Foto: Trithemius (größer: klicken)

Wir denken uns die Welt zurecht mit Hilfe von Wörtern, die, aus der Nähe betrachtet, nicht gut passen, das heißt, wir bilden die Welt nicht objektiv ab, sondern interpretieren sie schon durch unsere Wortwahl. Es kommt bei der Interpretation immer nur auf den Erfolg an. Letzte Wahrheiten sind nicht nötig. Darum sagt der Deutsche auch, wenn er etwas nicht genau weiß: „Ich glaube, …“ und nicht „I think“ wie der Engländer. Übrigens ist „Ich denke“ eine Lehnübersetzung aus dem Englischen, also endlich mal ein echter Anglizismus. Die meisten Leute hingegen glauben, ein Anglizismus wäre ein englisches Fremdwort. Wen stört’s? Höchstens mich.

Als Coster und ich aufbrachen, erhoben sich an einem anderen Tisch vier Frauen und strebten an der Theke vorbei dem Ausgang zu. Der Kellner küsste jede auf die Wange und sagte: „Tschüs Mädels!“ Coster und ich bekamen keinen Kuss. Der aufgedrehte Kellner drückte uns nur seine Fehlinterpretation auf und rief uns freundlich hinterher: „Tschüs, ihr Süßen!!“ Coster war leicht irritiert, doch vor der Tür mussten wir lachen. Verständnis ist Missverständnis, Wahrnehmung ist Falschnehmung. Meistens ist sowieso alles ganz anders. Ach so, die Überschrift. Das sah nur so aus, als ich das Bügeleisen mal auf den Schrank gestellt hatte. Vom Bett aus besehen, guckte der Drehschalter wie ein beinahe Vollmond unter dem Griff hervor. Ich habe meinen Irrtum schon nach fünfzehn Minuten bemerkt.