Prima Fernsehen mit Jeremias Coster

Eigentlich sollte ich um drei Uhr im Café Mohren sein, wo ich mit Coster verabredet war. Um zehn vor drei verließ ich das Haus und wusste, ich würde mich verspäten. Für einen Moment keimte Unruhe in mir auf. Dann sagte ich mir, dass ich noch zehn Minuten vor dem Zuspätkommen hätte, und diese Lebenszeit wollte ich keinesfalls mit innerem Hader verbringen. Es könnte mich schließlich just ein Auto überfahren, derweil ich gerade denke: „Ich komme zu spät!“ Dann hätte ich das Jenseits herbeigepfiffen. Da stelle ich mir lieber vor, ich wäre immerzu genau richtig in der Zeit. Also dachte ich andere Gedanken. Seltsam genug dachte ich etwas, wovon später auch Coster sprechen würde, allerdings radikaler und boshafter als ich es gewagt hätte. Beim Supermarkt, dessen Mitarbeiter zeitweilig in T-Shirts gezwängt waren, auf denen stand: „Wir werden Sie begeistern!“, dachte ich: „Mist, ich hab mal wieder ums Verrecken keine Lust, mich auf diese Weise begeistern zu lassen.“

Dr. phil, Dr. ing. Jeremias Coster, dubioser Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen, hatte auf der ersten Etage des Cafés einen Tisch am Fenster gewählt. „Hier hat man einen Butzenscheibenblick auf die Welt“, sagte er später, „und das ist manchmal gut für’s Gemüt.“ Vor sich hatte der Gemütsmensch ein Glas Wasser, einen Aachener Printenlikör und Kaffee im Glas. Als die junge Kellnerin an unseren Tisch trat, staunte ich erneut, wie gut sich Coster auf’s Charmieren versteht. Sie hatte nicht einen Blick für mich, sondern sonnte sich in seiner Aufmerksamkeit. Coster hätte also bester Stimmung sein müssen, war es aber nicht. Caféhausromantik mit Printenlikör, Kaffee und Kellnerin, das alles hatte Coster gleich einem Bollwerk vor sich aufgebaut, um eine grimmige Stimmung abzuhalten, die ihn beständig anzufliegen schien.

An der Kellnerin könne er ablesen, wie das Betriebsklima sei, sagte Coster. Und da der Chef des Cafés hinterm Tresen stünde, wäre ihre Fröhlichkeit auch nicht antrainiert, sondern käme aus dem Herzen. Denn wäre ihr Chef ein Leuteschinder, könnte sie das auf den kurzen Wegen zwischen Tresen und Gast nicht vergessen. Anders wäre es in einem Lokal einer Kette. Dort könnte die Freundlichkeit des Personals auch das Ergebnis eines Mitarbeitertrainings sein. Wo weite Wege lägen zwischen Unternehmensleitung und Personal, wo also der direkte Kontakt zwischen Chef und Untergebenem nicht vorliege, dort wolle er sein Geld nicht mehr hintragen.

Coster nippte an seinem Printenlikör und sagte: „Das ist mein Mittagessen.“ Er habe nämlich nichts mehr im Haus und könne sich „ums Verrecken“ nicht überwinden einzukaufen. „Schon wenn ich in der Tür das Kassenpiepen höre, kriesch isch et ärme Dier, Trithemius. Und sehe ich das Personal …“ Er nippte noch einmal an seinem Mittagessen und fuhr fort: „Weil der Einzelhandel langsam verschwindet, wissen wir nicht, welchen moralisch verkommenen Halunken man das Geld für den Einkauf in den Rachen wirft. Am Ende werden davon irgendwelche Drecksäcke fürstlich entlohnt, die sich nicht zu schade sind, eine Kassiererin fertig zu machen, weil sie angeblich 25 Cent gestohlen hat. Doch eigentlich kann man diese Leute nicht einmal von Herzen verachten, denn letzten Endes sind sie nur die Produkte einer gesellschaftlichen Entwicklung.“

„Sie meinen, der Mensch ist nicht für solche Großstrukturen gemacht?“

„Ganz genau!“, sagte Coster. „Großstrukturen jeglicher Art übersteigen das menschliche Fassungsvermögen. Der Mensch orientiert sich stets an seiner unmittelbaren Umgebung. Und wer fern ist von den ihm anvertrauen Mitarbeitern, ist zu jeder Schandtat bereit, wenn sie nur die Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung zufrieden stellt, also die eigene Familie oder den gesellschaftlichen Status befördert. Der richtet sich nämlich nicht nach überindividuellen moralischen Maßstäben. Wer das glaubt, ist erfrischend naiv. Ich bin sicher, die Herrschaften auf den Chefetagen verfügen über beste Manieren, wenn sie sich unter ihresgleichen befinden. Doch gegenüber den Menschen weit unter ihnen zeigen sie diese Manieren nicht. Sie sehen die Leute nicht und das macht sie zu dummen Affen. Vorsorglich entschuldige ich mich bei den Affen.“

Coster drängte zum Aufbruch, lud mich ein und schäkerte beim Bezahlen ausgiebig mit der Kellnerin. Sie sonnte sich erneut und sah nur ihn. Wer zahlt, bestimmt die Blickrichtung, dachte ich, was natürlich nicht stimmte, denn sie war nicht dem Geld, sondern Costers Liebenswürdigkeit erlegen. Im Rausgehen packte er meinen Arm. „Es hilft nur eins, Trithemius“, sagte er gut gelaunt: „Strenge Gesetze! Je größer gesellschaftliche oder wirtschaftliche Strukturen, desto strenger müssen sie gesetzlich überwacht werden. Also, wenn Überwachungskameras, dann auf den Chefetagen. Das wäre prima Fernsehen!“

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Entmaterialisierung der Dinge

„Aahhh!“, stöhnte es aus der Ecke, „Arrgh!“, ächzte der Geist, „das tut weh!“
„Was?“
„Nach so langer Zeit wieder zu sprechen. Meine Kinnlade knirscht. Mein Halz kratzt. Alles ist wie eingerostet und schmerzt. “
„Das können ja nur Phantomschmerzen sein.“
„Weißt du nicht, dass Phantomschmerzen durchaus real sind und Betroffene als Schmerzpatienten gelten?“
„Das will ich nicht in Abrede stellen.“
„Dann erwarte ich ein bisschen Mitgefühl,. Ahh, und wie ich letztens geschüttelt wurde. Das hat weh getan.“
„Dann sind Sie es, Coster?“
„Wer denn sonst?“

„Tut mir leid, das mit dem Schütteln. Ich habe nur einer Besucherin vermitteln wollen, wie schwer Ihre Asche ist, Coster. Drum forderte ich sie auf, das Filmdöschen anzuheben, das etwas von Ihrer Asche enthält. Von Schütteln habe ich nichts gesagt.“
Ich sah hinüber zur Couch, wo Coster langsam sichtbar wurde.
„Ich spüre jede kleine Bewegung, auch wenn das Döschen nur hochgehoben wird“, sagte er vorwurfsvoll.
„Interessant. Und ich dachte ganz naiv, bei der Entleibung des Menschen würde das Spüren verschwinden.“
„Im Gegenteil.“ Coster hatte seine Fassung gefunden und lümmelte sich auf der Couch. „Würde ich sonst versuchen, auf dieser Couch eines schwedischen Möbelhändlers eine bequeme Sitzposition zu finden? Ich könnte stehen, knien oder gar nichts tun, wenn ich nichts spüren würde.“
„Also gut, Sie spüren also, obwohl sie ein Geist sind. Aber worüber sprechen wir?“
„Entmaterialisierung ist das Stichwort“, sagte Coster. Zuerst kommt die Entmaterialisierung der Dinge. Dieser Prozess hat mit der Verbreitung des Computers begonnen und schreitet unentwegt fort.“
„Wie das?“
„Stell dich nicht doof, Trithemius! Du selbst hast doch erlebt, wie die Bleischriften des Buchdrucks sich digital verflüchtigt haben. Und dass du die Telefonzelle, die vorm Haus unten gestanden hat, jetzt in der Jacke herumtragen kannst, ist ja nur noch nicht beendete Entmaterialisierung. Die Telefonzelle wird bald in den menschlichen Körper integriert werden. Jedermann seine eigene Telefonzelle, hehe! Das Geld wird auch verschwinden. Wenn du überlegst, dass es Kulturen gab, die mit Mühlsteinen bezahlt haben, da ist das digitale Bezahlen schon ein bisschen leichter. Mit dem Chip unter der Haut wird jedermann sein eigener Mühlstein, äh, eigenes Bankkonto. Genauso werden die Kassiererinnen aus den Supermärkten verschwinden. Dann kannst du gucken, wen du anflirtest, Trithemius, von wegen Die schönsten Augen nördlich der Alpen. Und deine Fernkommunikation per Internet mit Bloggerinnen und Bloggern ist ein Schritt zur nächsten Stufe der technischen Evolution: Die Entmaterialisierung des Menschen.“

„Auch wenn ich in der digitalen Kommunikation bereits entmaterialisiert bin, existiere ich weiterhin materiell,“
„Das ist deine subjektive Wahrnehmung. Von außen betrachtet gibt es nicht mal einen Unterschied zwischen Dir und mir, der ich bereits fünf Jahre tot bin.“
„Doch! Ich habe hier nicht rumgestöhnt. Außerdem können Sie nur reden, Coster, weil ich real existierender Mensch Sie aufschreibe.“
„Der Unterschied ist ohne Belang. In hundert Jahren kann das hier jemand lesen, und dann hast du dich auch längst entmaterialisiert. Insgesamt geht es um überall vorhandene Redundanzen. Wenn du schon mal 75 Kilogramm schwer gewesen bist und heute 92 Kilo wiegst, sind das 17 Kilogramm nutzlose, also redundante Materie. Wie es am menschlichen Körper Redundanzen gibt, sind viele Menschen überhaupt redundant.“
„Das ist reichlich inhuman.“
„Nur ein Befund.“
„Freilich ein dummer Befund. Die menschliche Art benötigt zum Überleben einen großen Genpool. Diversität ist das Stichwort.“
Coster gähnte: „Der Kerl will einfach nicht voraus denken“ und verschwand.

Orbs mögen keine Krawatten

Vorsorglich bitte ich um Entschuldigung, wenn ich die geneigte Leserin, den geneigten Leser zehn Jahre zurück an einen kalten Winterabend im Jahre 2008 entführe.
Ja, muss das denn sein, haben wir nicht die Nase voll von Dunkelheit und Kälte? Könnte der Autor nicht ein bisschen dichterische Freiheit walten lassen und seinen Bericht an einen lauen Frühlingsabend verlegen?
Leider nicht, denn bei der Sache ist absolute Wahrhaftigkeit erforderlich. Wir brauchen sicheren Grund; die Fakten müssen stimmen, sonst verlieren wir uns Hand in Hand im Spekulativen.

Es ist also dunkel und nicht wirklich kalt, sondern saukalt. Eisiger Dunst hängt in der Luft. Ich atme in meinen Schal und schreite wacker aus, denn ich will meine neue Digitalkamera ausprobieren. Vor mir ragte der riesige Klotz der ehemaligen Hanomag-Fabrik in den Nachthimmel. Vom Baumarkt drüben fällt ein wenig Licht auf die Front, das spiegelt sich in den matten Fenstern. Bin gespannt, ob meine Kamera das einzufangen versteht. Die ersten Versuche sind enttäuschend, das kann ich sogar ohne Brille auf dem Display sehen. Ob der Blitz bis zum Gebäude reicht? Das tut er nicht. Stattdessen zeigt das Foto unzählige Schneeflocken. Ich vergleiche das Bild auf dem Display mit der Wirklichkeit, aber da ist kein Schnee, nicht ein Flöckchen fällt aus dem eisigen Himmel. Auch das Säubern der Linse hilft nicht. Sobald ich blitze, tauchen die Flocken auf. Meine neue Kamera muss eine Flockenmacke haben, denke ich und mache auf dem Nachhauseweg noch ein paar Mackenbilder.

Wenig später bekam ich eine E-Mail von Jeremias Coster, bis zu seinem Tod Professor für Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen. Coster fragte mich, ob ich schon einmal von Orbs gehört hätte. Er sei ganz begeistert von diesen geisterhaften Erscheinungen. Die Allwissende Maschine Internet klärte mich auf. Orbs sind seltsame Lichtflecken auf Digitalfotos. Und ich las hier, das Orb-Phänomen werde schon längst von Grenzwissenschaftlern und Kornkreisforschern untersucht, denn Orbs sind vielleicht oder sogar höchstwahrscheinlich, zumindest aber eventuell verirrte Geister aus der Zwischenwelt, ggf. sogar die astralen Ausscheidungen von Engeln.

Als Skeptiker schrecke ich sogleich zurück, wenn es heißt, eine Sache werde in Korntrinkerkreisen erforscht. Von Coster wusste ich allerdings, dass er sich an die Fastenzeit hielt und bis Ostern dem Alkohol entsagt. Ich rief ihn also an und fragte ihn, was er von diesen Theorien hält. „Ich bin völlig überzeugt, dass Orbs die Abbilder von Engeln sind!“, sagte Coster. Er habe sie sogar auf Fotos von Familienfesten entdeckt. Das erlaube nur einen Schluss, ja, beweise zwingend: „Die Verstorbenen wollen mit ihren Lieben feiern.“ Ratlos legte ich den Hörer auf. Wie zum Teufel gießen die feiernden Engel sich die geistigen Getränke hinter die Binde, wenn sie gar keine haben?

Erstveröffentlichung 2. März 2010 auf der versinkenden Plattform twoday.net

Damals in Aachen – Jeremias Coster zum 1. Dezember

Er sei über den dunklen Markt gegangen, da hätten vor dem Rathaus Bretterbuden gestanden. Sie müssten über Nacht vom Himmel gefallen sein und wären noch verrammelt gewesen, vermutlich, um den Inhalt beim Herunterfallen vor dem Zerbrechen zu schützen. Da sei ihm für einen Moment das Herz schwer geworden, denn nun fange unweigerlich die Zeit der weihnachtlichen Innerlichkeit an. Wenn alle Welt um ihn herum zu hasten und zu besorgen beginne, dann werde ihm sein Los besonders schwer. Denn was man auch gegen dieses Fest einwenden könne, er habe doch einst die Zeit zwischen den Feiertagen sehr genossen, wenn der Rummel vorbei gewesen sei und die Welt für einen Moment den Atem angehalten habe. Dann sei es stets warm und friedlich um ihn herum und in ihm gewesen. Andererseits habe die Erfahrung ihn gelehrt, dass man für das Anhalten der Welt einen hohen Preis zu zahlen habe. Spätestens nach Neujahr setze sie sich wieder in Bewegung. Das sei wie eine unterirdische Spannung, die sich entlade, gleich den Erschütterungen eines Erdbebens. Und dann werde man mit Wucht wieder in das hektische Treiben unsrer Zeit zurückgerammt.

Katchhof in Aachen – Foto: JvdL

Passend zu diesen Gedanken sei eine Radlerin an ihm vorbei die Straße hinab gerollt, und wie sie kurz vor der Ecke zu treten begonnen habe, hätte er geglaubt sie zu kennen. Diesen raschen runden Tritt habe er bislang nämlich nur bei einer Frau gesehen. An diese Frau habe er aber nicht denken wollen.Das menschliche Gehirn organisiere alles zu Mustern, um die Fülle der Informationen verarbeiten zu können. Das sei eine Stärke und gleichzeitig eine Schwäche. Denn in diesem Fall habe ausgereicht, dass er den raschen Tritt der Frau beobachtete, wobei es völlig egal gewesen sei, ob sie es nun war oder nicht. Die schmerzhaften Erinnerungen seien sofort da gewesen. Weiterlesen

Wahrer Bericht von einer pataphysischen Forschungsreise nach Aachen und zurück

Meine lieben Damen und Herren,

Der wahre Bericht erschien erstmals im Jahr 2009 im Teppichhaus Trithemius auf der versunkenen Plattform Blog.de. Er ist eigentlich eine Fortsetzung. Den ersten Teil Gina Regina habe ich vor gut zwei Jahren im Teestübchen wiederveröffentlicht. Wer also den Zusammenhang kennen möchte, möge zuerst den Teil „Gina Regina lesen.“ Es geht aber auch umgekehrt.

Irgendwann in der Nacht, als wir schon recht viel getrunken hatten, sagte Coster:
„Zufall ist das, wenn Gott nicht unterschrieben hat.“

“Das erklärt einiges“, sagte ich. „Darum habe ich noch keine Million gewonnen, obwohl es längst fällig wäre. Vermutlich hat irgendein säumiger Unterbeamter der himmlischen Registratur die Anweisung auf die Million zwar ausgefertigt, dann aber vergessen, sie dem Chef in die Unterschriftenmappe zu legen. Die Anweisung ging raus, aber weil sie noch nicht unterschrieben ist …“

Insgeheim dachte ich, dass ich Coster bislang falsch eingeschätzt hatte. Seine früheren Äußerungen zur Gottesfrage hatten in mir die Idee versteift, Coster sei Agnostiker. Erst letztens hatte er gesagt, warum sollte er in einer Sache eine Entscheidung fällen, die sich nicht entscheiden lasse. Jetzt verstand ich, dass Coster genau anders herum dachte. Weil er die Sache nicht entscheiden konnte, glaubt er einfach an Gott und an den Atheismus. Das wiederum würde seine Magie erklären. Die rätselhaft schwebende Art, in der er durchs Leben geht.

Das war nicht immer so gewesen. Als ich ihn kennen lernte, hatte er manchmal Phasen des Zweifelns. Das aber besagt gar nichts. Alles in der Natur schwingt. Auch der Gemütszustand des Menschen ist dem unterworfen, mal mehr, mal weniger. Vielleicht hatte ich Coster anfänglich immer dann getroffen, wenn er im Zenit seiner Wetterfühligkeit war, sich die Natur aber am tiefsten Punkt ihrer Schwingung befand. In diesem Augenblick ist der Mensch am weitesten entfernt von der Natur, fühlt sich besonders fremd in seiner Welt.

Man kann nicht immer optimal getaktet sein. Wenn alles schwingt, schwingt auch das. Diesen Gedanken würde ich gerne weiterspinnen, aber das geht leider nicht, denn nachdem Coster gesagt hatte: „‚Zufall ist das, wenn Gott nicht unterschrieben hat“, und mir diese Gedanken durch den alkoholisierten Kopf gingen, war unser Gespräch längst woanders hin. In dieser Nacht nämlich sprangen wir nach Herzenslust durch die Welt unserer Themen, und es machte uns rein gar nichts, dass wir kein einziges Thema bis zum Ende verfolgten. Unser Gespräch hatte sich die ganze Zeit über netzwerkartig ausgedehnt. Vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen, sagt der Volksmund. „„Wir ließen den einen oder anderen Hasen springen“, wie Goethe sagt,“ und irgendwer: „„Springt ein Häslein übern Steg, nehm’ ich gleich ‘nen anderen Weg.““ Diese wunderbare Form des Gesprächs hatte uns schon den ganzen Abend über durch die Themenfülle begleitet. Die Aufmerksamkeit unseres Denkens saust von einem gedanklichen Netzwerk hinüber ins andere. Das ganze entwickelte sich eher verhalten, aber spätestens, als wir am Aachener Markt im Goldenen Einhorn gesessen hatten, begannen unsere Gedanken durch beide Köpfe zu kreisen und legten neue Spuren an.

Dieser Prozess wurde begünstigt durch die Tatsache, dass Coster im Goldenen Einhorn auf Händen getragen wird. An diesem Abend liefen dort Kellner umher. Nur hinter der Theke stand eine Kellnerin. Mir war aber, als würde Coster noch aufmerksamer bedient als sonst. Von allen Seiten war man um sein Wohl bemüht, und da ich an Costers Seite saß, wurde ich ebenfalls in die größte Liebenswürdigkeit einbezogen, die einem Gast zuteil werden kann. So ging es weiter, als wir viel später im Franz eintrafen, einem Veranstaltungslokal in Costers Nachbarschaft, um einen der vielen Absacker zu trinken. In der Ecke spielte eine Jazzband. Sie machte zu ihrem Glück gerade Pause, sonst hätten sie ihre Musik vergessen können, als Coster von allen Seiten begrüßt wurde. Auch hier ging die Gunst vom muslimischen Thekenkellner, dem Pächter, der Frau neben ihm und einigen Thekengästen direkt von Coster auf mich über. Coster versteht es meisterhaft zu teilen. Es mag übertrieben klingen, aber ich habe alles leibhaftig erlebt und treulich beobachtet. Wie man weiß, war ich auf einer Forschungsreise.

Costers Glas aus dem Jahr 1770 (Foto: JvdL)

In Costers Küche saßen wir, bis die Stunde des Wolfes heraufdämmerte, also bis gegen vier Uhr, denn die Absacker wollten einfach nicht wirken. Ich spürte, wie meine Augen immer kleiner wurden, aber der Kopf blieb wach. Wir saßen nämlich in der Nachtkälte. Coster hatte die Tür zu seinem Küchenbalkon geöffnet, damit wir rauchen konnten, ohne die ganze Wohnung zu verpesten. Er raucht Zigarillos, ich drehe Halfzware Shag, das zusammen ist eine heftige Mischung. Irgendwann holte Coster zwei Gläser von 1770 aus seiner Sammlung, und wir tranken Rosé daraus. Das passte, denn wer im 18. Jahrhundert bei Nacht noch zechen wollte, musste kälteresistent sein. Ich wusste zu würdigen, aus einem Glas aus dem Jahr 1770 zu trinken. Man könnte schließlich einen umfangreichen historischen Roman schreiben, der sich nur um diese beiden Gläser rankt, bis in die Gegenwart von Costers Küche hinein. Das eingravierte Symbol blieb uns in der Nacht rätselhaft. Da sind Zirkel und Winkel der Freimaurer, oben eine Krone …

Am nächsten Morgen war ich ein wenig ungehalten mit mir. In der Nacht hatte ich gedacht, ach, das meiste aus unserem Gespräch wirst du behalten. So gibt es keine Notizen.

Um 22:34 Uhr traf ich leicht verspätet in Hannover ein. Kurz vor Hannover hatte mein Handy geklingelt wie ein Wecker, dreimal nur, und dann war niemand dran. Freilich war ich längst wach und war dabei, mich für den Ausstieg zu kramen. Dann befiel mich eine leise Unruhe. Mehrmals schon habe ich eine seltsame Erfahrung gemacht. Am Ende einer Reise, wenn ich schon dachte, alles ist gut gegangen, dann habe ich einen unglücklichen Zufall erlebt. Einmal war dieser Zufall so heftig in mein Leben gehauen, dass es auseinanderflog. Ich konnte dabei zusehen, denn diese Explosion vollzog sich in Zeitlupe und erstreckte sich über mehrere Jahre. Dabei geriet ich immer tiefer ins Unglück.

Zuletzt bei meinem Umzug nach Hannover, als mir schien, die Fahrt wäre glücklich verlaufen, passierte es erneut. Als ich den Mietwagen zurückbringen wollte, fuhr ich an einer Engstelle auf der Königsworther Straße einen Außenspiegel ab. Ich hatte den Knall freilich unbedacht herbeigepfiffen, indem ich am Morgen gesagt hatte: „Ich wollt‘, es gäbe einen Knall, und der Umzug wäre getan.“ So bekam ich in eiskalter Nacht mit der Hannoverschen Polizei zu tun. Die Folgen waren jedoch recht glimpflich, abgesehen von der Tatsache, dass ich wirklich nicht viel Zeit verloren hatte, mich polizeilich in Hannover anzumelden.

Während der ICE in den Hannoverschen Hauptbahnhof rollte, ging mir durch den Kopf, ich hätte just den ägyptischen Sonnengott beleidigt und müsste jetzt seine Rache fürchten. Trotzdem ging ich durch einen Nebenausgang des Bahnhofs nach draußen, um zu rauchen. Meine U-Bahn sollte erst 15 Minuten später kommen. Vor der Tür standen vier junge Leute und rauchten ebenfalls, zwei Männer, zwei Frauen. Ihrer Kleidung nach waren sie geschäftlich unterwegs. Dem Reden nach kannten sie einander nur flüchtig. Eine Frau ganz in schwarz sagte, sie werde sich das Rauchen abgewöhnen, wenn sie irgendwann einmal heirate, und schob nach:

„“Wenn ich im Standesamt sitze, höre ich auf zu heiraten.““

In heiterer Stimmung stieg ich aus der Bahn, meine Wohnung empfing mich freundlich, aus meinem E-Mail-Programm purzelten erfreuliche Botschaften und auch die von Coster. Gegen zwei Uhr in der Nacht legte ich mich ins Bett und war der Meinung, meine pataphysische Forschungsreise sei nicht nur erfolgreich gewesen, sondern auch ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen. Sollte der ägyptische Sonnengott, dessen Namen ich vorsichtshalber jetzt nicht erwähne, sollte er einen Groll auf mich gehabt haben, so hatte er mich offenbar nicht gefunden. Im selben Augenblick gab mein Bett Geräusche. Obwohl ich mich nicht bewegte, begann es mehr und mehr zu knarren. Das Knarren ging in ein Knarzen über, dem Geräusch von brechendem Holz. Dann eine Sekunde des Verharrens, und indem ich aufatmete, brach mein Bett ein. Die Matratze sackte unter mir nach unten und blieb dann in der Schwebe.

Ich machte Licht, stand auf und betrachtete den Schaden. Dazu musste ich das Bettzeug ausräumen und die Matratze hochstellen. Unter der Mitte meines Bettes hatten sich zwei breite Stützen befunden. Beide waren abgebrochen und hatten mir damit einen leisen Schrecken eingejagt. Da musste ich schmunzeln. Offenbar war die verderbliche Anweisung des ägyptischen Sonnengottes nicht unterschrieben gewesen, so dass sein Befehl nicht ordentlich ausgeführt worden war. Und ich ahne auch, wer es verhindert hat, als er selbst die Sache nicht überwachen konnte, weil er bekanntlich bei Nacht nicht da ist.

Da ich nicht mitten in der Nacht zu tischlern anfangen wollte, schob ich einen alten Setzkasten mitten unter mein Bett und erhöhte ihn durch zwei Versandhauskataloge und die beiden abgebrochenen Bretter. Das hält, und ich schlief ziemlich gut auf dem Relikt der Schwarzen Kunst, den tausendfachen Verheißungen der Kataloge und zwei stabilen Stützbrettern.

Was zuvor geschah und wie der Sonnengott beleidigt wird: Gina Regina.

Coster liest den Herbst von drinnen

Kategorie KopfkinoZur herbstlichen Melancholie habe er keine Lust, sagte Coster. Der dubiose Professor für Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen schaute aus dem Fenster hinüber auf den kleinen Park. “Ich mag es, wenn die Bäume sich biegen und vergeblich vor dem Wind verneigen, der ihnen mitleidslos die Blätter raubt. Aber auch wenn kaum Wind geht wie heute und unablässig Regen fällt, als würde es nie mehr etwas anderes geben, und ich stehe am Fenster, die Beine am Heizkörper, durch den wohlig warm das Wasser blubbert, das lässt mich angenehm schaudern.“

„So schwärmerisch kenne ich Sie gar nicht“, sagte ich. „Das würden Sie anders sehen, wenn Sie nur eine nasse Parkbank hätten und Ihnen der Regen die Zeitungen durchweicht, mit denen Sie sich bedeckt halten.“
„Natürlich“, murmelte er und wandte sich vom Fenster ab. „So lange ich kein Leben als Obdachloser führen muss, erlaube ich mir, den Herbst zu lieben. Da stehe ich morgens auf und weiß nicht wo anfangen vor lauter Schaffensdrang. Früher habe ich die Zeit auch gern in der Institutsbibliothek verbracht. Denn gibt es eine bessere Gesellschaft als ein kluger Geist, der zwischen Buchdeckeln wohnt? Du klappst das Buch auf, und Blatt für Blatt spricht er zu dir. Wusstest du, dass das Umwenden der Seiten in Tibet als wesentlicher Bestandteil des rituellen Lesens gilt? Die Tätigkeit ist ein Teil der Verbalisierung. Coster verstummte und sah wieder hinaus. Dann sagte er leise: Bei Rudolf Arnheim habe ich schöne Verse von der amerikanischen Dichterin Denise Leverton gefunden: Weiterlesen

Ein Holzsschild fährt den Bus

Kategorie Medien“Man kann natürlich akademisch über Sprache und Orthographie reden, wenn man grad mal nichts anderes zu tun hat”, sagt Professor Jeremias Coster und zündet sich sein Zigarillo mit einem Sturmfeuerzeug an. Dass er sich trotz der heftigen Böen Feuer geben kann, scheint ihn zu freuen. “Schreiben im Alltag ist oft ganz entfernt von derartigen Überlegungen”, fährt er fort und biegt sich auf seinem Stuhl zur Seite, um aus der Innentasche seiner Jacke einen Zettel zu ziehen, den er, wie er versichert, soeben in einem Einkaufswagen gefunden habe. Weiterlesen