Trithemius bei den Sachsen (5) – Die Choräle der Meißel

Kaum ist die Sonne aufgegangen, sind die Mauerspechte bei der Arbeit. Hell klingen die Meißel auf Stein. Drinnen wie draußen wird der Putz von den Wänden geklopft. Vermutlich hat man in der Abtei angefangen zu meißeln und arbeitet sich von Gebäude zu Gebäude nach außen. Wie hoch das Wasser überall gestanden hat, da braucht es vorerst keine Hochwassermarke. Es lässt sich ablesen am sauber frei gelegten Mauerwerk. Aus dem Erdgeschoss des Gästehauses St. Franziskus dringt das Scharren der Schaufeln. Am Abend ist der Boden vom Schutt befreit, bis zu den Schlauchleitungen der Fußbodenheizung.

mariental-impressionen2Im Erdgeschoss der weiträumigen Propstei treffe ich den Hausmeister. Hier rauscht eine Kompanie fahrbarer Luftentfeuchter. „Wie lange laufen die schon?“, frage ich.
„Seit September.“ „Wie konnte das Wasser überhaupt in die rundum geschlossene Abtei eindringen?“
„Da ist ein Brunnen im Innenhof. Durch den ist das Wasser hoch gekommen. Solange die Pumpen liefen, hatten wir das im Griff, aber als das Wasser ringsum immer höher stieg, musste der Strom abgeschaltet werden.“

Man darf als gewöhnlicher Sterblicher den Innenhof nicht betreten, aber kann sich vorstellen, wie der Brunnen zum Entsetzen der Nonnen übergelaufen ist, wie es heraussprudelte und nicht zu deckeln, nicht aufzuhalten war. Da half auch kein Beten.

Die Nöte des Hausmeisters waren auch nicht klein. Er wohnt in Ostritz, wo ihn die Neiße durch Türen und Fenster besuchte. „Ich bin hin- und hergefahren, habe zu Hause alles Wichtige hochgestellt, aber als ich zurückkam, schwammen die Sachen unter der Decke.“ Er ist ein freundlicher Mann und lächelt bei seinem Bericht. „Sie können ja wieder lachen“, sage ich. Was bleibt ihm auch anderes übrig. Man kann ein solches Desaster vermutlich nur mit Humor überstehen. Überhaupt sind die Angestellten des Klosters von einer herzlichen Fröhlichkeit. Das Internationale Begegnungszentrum wird von den Nonnen gemanagt, und offenbar sind sie gute Arbeitgeber. Die Abtei verlassen sie nur selten. Nur einmal sehe ich im Morgenlicht zwei Nonnen vom Klostermarkt kommen. Eine junge Nonne in hellblauer Tracht stützt eine ältere Schwester, ein fast geisterhafter Anblick. Weniger heidnisch ausgedrückt: Die beiden strahlen eine durchgeistigte Ruhe aus, wie ich sie selten bei Menschen gesehen habe, dass muss sogar ich abgefallener Katholik zugeben.

Der Gästeempfang ist noch immer auf die erste Etage verlagert. Dort frage ich nach Nähzeug. Die freundlichen Damen beratschlagen, eine telefoniert, und zur Mittagspause finde ich Nadel, Schere und zwei schwarze Garnröllchen auf dem Schreibtisch meines Zimmers vor, so dass ich meinen Knopf wieder an den Mantel nähen kann.

Die Seminargruppen erweisen sich als handzahm und arbeitsfreudig. Da ist auch eine Gruppe aus Kroatien und ein Redakteur einer kroatischen Zeitung. Ich kenne mich nicht aus mit kroatischen Zeitungen, aber diese hier sieht aus wie eine Boulevardzeitung. Längere Texte, etwa Reportagen wie sie für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) geschrieben werden sollen, hätten da gar keinen Platz.

Bei einem Rundgang in der Mittagspause finde ich entlang der Neiße Hochwasserschutzwände aus Neuwied am Rhein. Das ist nicht nur ein Gruß aus meiner Heimat, dem Rheinland, sondern zeigt mehr als Sonntagsreden, auch dieser Ort im entlegendsten Winkel gehört zu Deutschland und hat Anspruch auf unsere Solidarität.
Ende

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