Einführung in die Alectryomantie

Das Wahrsagen mit einem Hahn ist ganz aus der Mode gekommen, vermutlich weil männliche Küken gleich geschreddert werden, bevor sie zum Hahn heranreifen können. Ich will die Methode trotzdem vorstellen, falls sich in unserer Irrsinnswelt doch noch ein junger Hahn auftreiben lässt. Wie die Alectryomantie geht, hat Rabelais in Gargantua und Pantagruel fein beschrieben. Pantagruels Freund Panurge, der sich über Für und Wider einer Heirat den Kopf zerbricht, mag einfach nicht glauben, dass eine Heirat ihm nichts Gutes bringen würde.

Er sucht den Universalgelehrten, Arzt und Magier Agrippa ab Nettesheim auf, und der bietet ihm einige Dutzend Methoden der Wahrsagekunst an, also auch die Alectryomantie: „Da mache einen Kreis und teile ihn vor deinen Augen in vierundzwanzig gleiche Teile. In jeden davon schreibe ich einen Buchstaben des Alphabets und lege auf jeden Buchstaben ein Gerstenkorn; dann setze ich einen jungen Hahn, der noch über keiner Henne gewesen ist, in den Kreis und schwöre darauf, daß er die Körner fressen wird, die auf den Buchstaben H,A,H,N,R,E,I* liegen. So gewiß wird er dies tun, wie der weissagende Hahn einst Kaiser Valens, der den Namen seines Nachfolgers wissen wollte, die Körner von den Buchstaben Θ, ε. Ο, δ* wegfraß.“

* Hahnrei = der Mann, der von seiner Ehefrau betrogen wird, dargestellt mit Hörnern. Auf den Feldern der Buchstaben hätten aber immer mehrere Gerstenkörner liegen müssen, denn Hahnrei braucht schon zwei H.
* griech. Theod, Anfangsbuchstaben von Theodius, der Valens auf den Thron nachfolgte.

Agrippas geheime Zahlzeichen – notas elegantissimas

notas1bis26Ende der Sommerpause im Teestübchen. Es könnte ja sein, dass jemand sich fragt, was hat wohl der Trittenheim die ganze Zeit getrieben? Anfangs fast gar nichts. Denn wenn ich etwas denken wollte, war ich leider zu matschig im Kopf, weshalb die Pause dringend nötig war. Um wieder klar im Kopf zu werden, habe ich mich einige Tage mit den notas elegantissimas beschäftigt. Dieses Zahlzeichensystem hat der deutsche Humanist und Universalgelehrte, Schüler des historischen Trithemius, Agrippa von Nettesheim in seinem Buch „De Occulta Philosophia“ (1510) überliefert. Agrippa gibt an, er habe die Zeichen „in zwei sehr alten astrologischen und magischen Büchern“ gefunden. Darstellen lassen sich damit die Zahlen 1 bis 9999. Diese Beschränkung liegt wohl hauptsächlich daran, dass in diesem Zahlzeichensystem die Null fehlt. Nach Agrippa wurden besonders Jahreszahlen damit geschrieben. Man könnte daraus schließen, dass im Jahr 9999 die Zeitrechnung endet, weil mit diesem System weiter nicht geschrieben werden kann, wie Esoteriker das ähnlich beim ebenso endlichen Mayakalender getan haben. Dazu müsste allerdings bekannt sein, ab wann die Zählung beginnt, vermutlich irgendwo in ferner Vorzeit.
film-notasDie Bildung der notas folgt dem Prinzip der Binderune. An einen senkrechten Ast werden alle anderen Elemente angehängt, vergleichbar den Ogham-Runen. Das System kommt mit einer geringen Zahl grafischer Elemente aus, nämlich genau mit zehn. Ihr Wert ergibt sich aus der Position am senkrechten Ast. Die Abbbildung unten zeigt, wie die hohen Zahlen gebildet werden.

Alle Grafiken (c)  Jules van der Ley

Alle Grafiken (c) Jules van der Ley

Natürlich habe ich im Internet recherchiert, ob schon jemand über die geheimnisvollen notas elegantissimas geschrieben hat. Und siehe da – das war ich – vor zehn Jahren. Hatte ich ganz vergessen.
Zur Vertiefung: Schreibe deine Geburtsdaten mit den notas!