Einführung in die Alectryomantie

Das Wahrsagen mit einem Hahn ist ganz aus der Mode gekommen, vermutlich weil männliche Küken gleich geschreddert werden, bevor sie zum Hahn heranreifen können. Ich will die Methode trotzdem vorstellen, falls sich in unserer Irrsinnswelt doch noch ein junger Hahn auftreiben lässt. Wie die Alectryomantie geht, hat Rabelais in Gargantua und Pantagruel fein beschrieben. Pantagruels Freund Panurge, der sich über Für und Wider einer Heirat den Kopf zerbricht, mag einfach nicht glauben, dass eine Heirat ihm nichts Gutes bringen würde.

Er sucht den Universalgelehrten, Arzt und Magier Agrippa ab Nettesheim auf, und der bietet ihm einige Dutzend Methoden der Wahrsagekunst an, also auch die Alectryomantie: „Da mache einen Kreis und teile ihn vor deinen Augen in vierundzwanzig gleiche Teile. In jeden davon schreibe ich einen Buchstaben des Alphabets und lege auf jeden Buchstaben ein Gerstenkorn; dann setze ich einen jungen Hahn, der noch über keiner Henne gewesen ist, in den Kreis und schwöre darauf, daß er die Körner fressen wird, die auf den Buchstaben H,A,H,N,R,E,I* liegen. So gewiß wird er dies tun, wie der weissagende Hahn einst Kaiser Valens, der den Namen seines Nachfolgers wissen wollte, die Körner von den Buchstaben Θ, ε. Ο, δ* wegfraß.“

* Hahnrei = der Mann, der von seiner Ehefrau betrogen wird, dargestellt mit Hörnern. Auf den Feldern der Buchstaben hätten aber immer mehrere Gerstenkörner liegen müssen, denn Hahnrei braucht schon zwei H.
* griech. Theod, Anfangsbuchstaben von Theodius, der Valens auf den Thron nachfolgte.

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Tischkamin statt Journalistenpreis – Vom Elend der Lohnschreiber

Kürzlich hat mein Türnachbar mir eine Fernsehzeitung in den Briefkasten gesteckt, weil er sie doppelt hatte. Ich hatte schon gut zwanzig Jahre in keiner Fernsehzeitschrift geblättert. Seit es gefühlt tausend TV-Sender gibt, ist mir der Aufwand des Blätterns und Lesens zu groß. Doch ich konnte mich überreden, weil es schon aus alltagsethnologischen Gründen gut ist, mal zu schauen, was die Fernsehzeitschrift den Leuten bietet. Aber es war so mühsam; schon auf den ersten Seiten im vorderen Teil mit den großen Bildberichten zu Stars, Filmen und Serien befiel mich heftige Langeweile.

Ein zweiseitiger Bildbericht getitelt „Das Glück der kleinen Freunde“, über „Haselmaus“, Eichhörnchen, Kaninchen und Küken, deren Anblick laut Text einer Anja Schuberth nicht nur „glücklich“ machen soll, sondern „auch Konzentration und Produktivität“ fördert, stürzte mich ob seiner schamlosen Verlogenheit in bodenlosen Grimm. Puh, schnell überblättern den klebrigen Hirnschiss.

Letzte Innenseiten: Das Kreuzworträtsel lachte mich an. Vielmehr lachte mich eine blondgelockte „Haselmaus“ an. „Star-Rätsel mit Jennifer Lawrence“ Wer zum Teufel ist das? Und was heißt hier „Rätsel mit …?“ Dem Namen nach spricht sie vermutlich kein Deutsch, könnte also gar nicht helfen, weil sie die Fragen nicht versteht. Soll ihre Betrachtung mich nur „glücklich“ machen sowie meine „Konzentration und Produktivität“ steigern, damit ich das Rätsel löse und mir ein Designer-Tischkamin winkt oder lacht, wobei lachende oder winkende Designer-Tischkamine reichlich surreal sind. Puh, ich schaffe nicht mehr als die drei Buchstaben „TIE.“

Beide Abb. aus: TV direkt, Nr. 7 2018

Woran hat’s gelegen? Hatte ich den Kopf nicht frei, weil ich nicht wusste, wer diese Jennifer ist, bis ich es ergoogelt hatte? (Ich kannte sie übrigens nur brünett und mit Flitzebogen.) Oder lag es daran, dass ich immer noch an die putzigen Küken, „das Glück der kleinen Freunde“, und die barbarische Realität des millionenfachen Kükenschredderns denken musste?

Am Abend kommt Kreuzworträtselredakteur Carsten Schmock nach Hause und setzt gleich die Wodkaflasche an den Hals. „War es so schlimm heute?“, fragt Melanie Schmock mitfühlend. „Wieder nur Star-Rätsel gebastelt? Das wird in diesem Leben wohl nichts mehr mit dem Nannen Preis. Immerhin gibts kostenlose Designer-Sachen.“
„Weißt du, was das Schlimmste ist?“
„Nein.“
„Wenn einem die eigene Ehefrau, das Elend aufs Butterbrot schmiert.“
Und höhnisch blakt der Designer-Tischkamin.