Theorie und Praxis der Handschrift (6) – Spiel mit Handschrift – Die animierte Tafel

Handschrift von JvdL auf der Grundlage der Isländischen Ausgangsschrift von C.S. Briem, Alphabet links, zum Vergrößern bitte klicken.

Gefakter Tafelanschrieb und Gif-Animation JvdL

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„Hilfloser Küchenmensch“


Neulich wurde ich in einem Kochblog „hilfloser Küchenmensch“ genannt, geeignet, den Beschützerinstinkt für mich oder eine von mir falsch behandelte Aubergine zu wecken. Das traf mich sehr. Ich musste an den isländischen Skalden Egil denken. Als er alt und fast blind war, ging er mit einem Freund über den Markt und stolperte, worauf ihn die Marktfrauen auslachten. Da sagte Egil: „Minder verhöhnten uns die Weiber, als wir noch jung waren.“ Ein wahres Wort. Aber ich wollte die Schmähung nicht so hinnehmen und beschloss, mehr für mein praktisches Handgeschick zu tun. Letztens hatte ich schon als Therapie gegen die Vernachlässigung der Handschrift das neue Format „Gekritzelt“ begonnen, mit dem Ziel, möglichst getreu in die Tastatur zu hauen, wie es im Notizbüchlein steht, womit ich mich zur sorgfältigen Handschrift zwinge.

Gestern habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder gezeichnet. Denn ich hatte eine Bildidee, nachdem ich die Werbung gesehen hatte „Abnehmen mit Bananen. Ist zwar nur ein Wortwitz mit dem Homonym Abnehmen, aber wenn die Zeichnung gut wäre … Zuerst zog ich die Schublade mit den Zeichenutensilien heraus, um zu sichten, was überhaupt noch da war. Dann stach ich mich versehentlich in der Zeichenfeder, was aber keine Spuren hinterließ, anders als auf dem Knöchel des linken Ringfingers, den schon seit ewigen Zeiten ein bläulicher Punkt ziert, vermutlich Tusche unter der Haut. Der Napf mit schwarzer Tusche enthielt zu meinem Erstaunen Ultramarinblau.
Das wollte ich nicht wahrhaben und führte meinen Bleistiftentwurf damit aus, war aber nicht zufrieden – zu krakelig und „Überraschung!“ zu blau. In der Papierschublade hatte ich einen noch eingeschweißten Entwurfblock mit Transparentpapier gefunden, der da gewiss acht Jahre gelegen hatte. Auf dem Blog hatte ich meine Zeichnung entworfen. Obwohl ich die Rückseite schon mit Graphit geschwärzt hatte, um den Entwurf auf Zeichenkarton übertragen zu können, zog ich die Linien des Entwurfs mit Schwarz nach, radierte die Rückseite und scannte den Entwurf. Der Rest ist mit Photoshop bearbeitet.

Dass ich einen noch unberührten Entwurfblog in der Schublade hatte, wird die Papierindustrie auch nicht retten. Vor gut zehn Jahren sprach ich mit Managern einer Dürener Papiermühle. Man hatte früher mit dem weichen Wasser der Eifeler Rur Transparentpapiere gemacht, also Skizzenpapier für Künstler, Architekten und Ingenieure. Die Manager sagten, der Bedarf für Transparentpapiere sei rapide zurückgegangen. Denn die Grafiker-Designer, Architekten und Ingenieure zeichnen nicht mehr. Das hatte ich mir vorher gar nicht klar gemacht. Dabei hatte mir schon in den 1990-er Jahren der Chef einer Werbeagentur gesagt: „Sie finden hier bei uns im Haus keinen einzigen Bleistift mehr.“

Ich weiß nicht, ob er wirklich froh darüber war. Doch man kann sich als Unternehmer nicht aus nostalgischen Gründen dem technischen Fortschritt verweigern. Und die logische Folge: Keine Bleistifte – kein Transparentpapier. Das sind nur zwei Dinge, die voneinander abhängen. Ich glaube, man könnte noch längere Ketten finden. Beispielsweise: Tastatur, Maus und Photoshop – kein praktisches Handgeschick und ich ein „hilfloser Küchenmensch.“ Aber viel schlechter konnte ich kochen, als ich noch jung war.

Agrippas geheime Zahlzeichen – notas elegantissimas

notas1bis26Ende der Sommerpause im Teestübchen. Es könnte ja sein, dass jemand sich fragt, was hat wohl der Trittenheim die ganze Zeit getrieben? Anfangs fast gar nichts. Denn wenn ich etwas denken wollte, war ich leider zu matschig im Kopf, weshalb die Pause dringend nötig war. Um wieder klar im Kopf zu werden, habe ich mich einige Tage mit den notas elegantissimas beschäftigt. Dieses Zahlzeichensystem hat der deutsche Humanist und Universalgelehrte, Schüler des historischen Trithemius, Agrippa von Nettesheim in seinem Buch „De Occulta Philosophia“ (1510) überliefert. Agrippa gibt an, er habe die Zeichen „in zwei sehr alten astrologischen und magischen Büchern“ gefunden. Darstellen lassen sich damit die Zahlen 1 bis 9999. Diese Beschränkung liegt wohl hauptsächlich daran, dass in diesem Zahlzeichensystem die Null fehlt. Nach Agrippa wurden besonders Jahreszahlen damit geschrieben. Man könnte daraus schließen, dass im Jahr 9999 die Zeitrechnung endet, weil mit diesem System weiter nicht geschrieben werden kann, wie Esoteriker das ähnlich beim ebenso endlichen Mayakalender getan haben. Dazu müsste allerdings bekannt sein, ab wann die Zählung beginnt, vermutlich irgendwo in ferner Vorzeit.
film-notasDie Bildung der notas folgt dem Prinzip der Binderune. An einen senkrechten Ast werden alle anderen Elemente angehängt, vergleichbar den Ogham-Runen. Das System kommt mit einer geringen Zahl grafischer Elemente aus, nämlich genau mit zehn. Ihr Wert ergibt sich aus der Position am senkrechten Ast. Die Abbbildung unten zeigt, wie die hohen Zahlen gebildet werden.

Alle Grafiken (c)  Jules van der Ley

Alle Grafiken (c) Jules van der Ley

Natürlich habe ich im Internet recherchiert, ob schon jemand über die geheimnisvollen notas elegantissimas geschrieben hat. Und siehe da – das war ich – vor zehn Jahren. Hatte ich ganz vergessen.
Zur Vertiefung: Schreibe deine Geburtsdaten mit den notas!

Einiges über Buchstabenmagie

Als der Skalde Egil, ein berühmter isländischer Heldendichter des frühen Mittelalters, einst auf den Hof des Bauern Thorfinn kam, fand er dessen schöne Tochter Helga todkrank auf der Querbank liegen. Sie konnte keine Nacht mehr schlafen und war wie wahnsinnig. Egil fragte Thorfinn, ob irgendwelche Mittel angewandt worden seien, und Thorfinn sagte, ein Bauernsohn aus der Nachbarschaft habe heilende Runen geritzt. Danach habe sich Helgas Zustand aber noch verschlimmert.

Nachdem Egil gegessen hatte, untersuchte er Helgas Krankenlager und fand ein Fischbein, auf dem Runen geritzt waren. Er las die Runen, schabte sie ab und ließ das Abgeschabte sofort ins Feuer fallen. Dann verbrannte er den Fischknochen und ließ alles an die Luft tragen, was mit den Runen in Berührung gekommen war. Darauf erklärte er, nur der wahre Runenkundige solle sich am Ritzen versuchen („Runen ritze nur, wer rät sie…“); der verliebte Bauer habe falsche Runen geritzt. Sein Schreibfehler habe dem Mädchen Schaden gebracht. Egil ritzte die richtigen Runen und legte sie unter Helgas Kopfkissen. Da glaubte sie, aus einem Schlaf zu erwachen, und sie fühlte sich wieder gesund.

Die Kraft des Textes wird hier seiner materiellen Erscheinungsform zugeschrieben. Die Zauberkraft steckt im Material der Buchstaben. Man muss die Buchstaben vernichten, um ihre schädliche Wirkung zu lösen.
pferd
Das Bild zeigt die Runeninschrift SUEUS, die sich geritzt auf dem Kylverstein fand, einem der ältesten Zeugnisse der Runenschrift. Ich habe die Inschrift vom Originalfoto  abgepaust und fototechnisch auf den von mir fotografierten Kieselstein übertragen. SUEUS ist ein achsengespiegeltes Palindrom, enthält von der Mitte aus gelesen zweimal das altsächsische Wort EUS für Pferd. Das mittlere Runenzeichen hat den Lautwert e und heißt ebenfalls Pferd. Der diese Runen ritzte, hat also dreimal ein Pferd gebannt, denn nach alter Vorstellung lässt sich ein Bannspruch nur durch Rückwärtslesen wieder lösen. Deshalb ist ein Palindrom der nicht mehr zu lösende Bann, da man ihn durch Rückwärtslesen erneut bekräftigt.

Weiter im Text
Das Abschaben von Schrift ist demnach eine alte magische Praxis. Eine anderes Beispiel gibt der von den Nationalsozialisten geächtete Runenforscher Helmut Arntz: “Runen, auf Holz geritzt, dann abgeschabt, die Späne mit Bier gemischt und solcher Trank getrunken: damit nimmt der Held die kultische Kraft der Runen in sich auf.” Im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens beschreibt Bächtold-Stäubli Vergleichbares bei der Verwendung der Alphabetschrift: “Die badische Mutter verhackt die Buchstaben des großen und kleinen Alphabets ganz fein mit einem Karfreitagsei und gibt es vor dem ersten Schulgang (beim Beginn des neuen Schuljahrs an Ostern) dem Knaben zu essen, damit er lernkräftig werde.” Ähnliches wurde auch mit Bibeltexten getan, damit das Kind fromm werde.

Palimpsest (griech.) Das ist: wieder (palin) abgeschabt (psestos)
Das magische Denken der Runenmeister wurde bereits in den Anfängen der Christianisierung auf die Alphabetschrift übertragen. Es heißt, aus Sparsamkeit oder Materialnot hätten die christlichen Mönche in den Skriptorien des Mittelalters die überlieferten heidnischen Texte vom Pergament abgeschabt, um es neu zu beschriften. Dass aber allein ökonomische Zwänge wirksam waren, erscheint mir sehr fragwürdig. Wenn die frühen christlichen Mönche die heidnischen Texte abschabten, so wurden auch sie auf diese Weise unschädlich gemacht.

Das erneute Beschreiben des abgeschabten Pergaments entspringt dem Überwindungsgedanken. Wie man die Heidentempel niederlegte und Kirchen oder wenigstens Kapellen darauf errichtete, wie man auf jedem Kultplatz ein Kreuz oder ein Bilderstöckchen aufstellte, so wurde das heidnische Denken durch die Kraft der überschriebenen heiligen Texte endgültig gebannt.

Volksglaube und Zauberbücher

Seit dem Mittelalter kursieren in Europa Zauberbücher. Das 7. Buch Mosis ist eines davon. Mit seiner Hilfe kann man angeblich Magie betreiben. Wie Zauberbücher in die Welt gekommen sind, erzählt eine alte Frau aus der Westeifel in dem Dokumentarfilm zur Oral History “Ein blindes Pferd darf man nicht belügen” von Dietrich Schubert:

“Da hat mal ein Papst, früher, als die Christenverfolgung war, Bücher ausgegeben, damit konnten die sich unsichtbar machen. Haben Sie davon schon mal was gehört? Ja, das gab’s! Und als die Christenverfolgung vorbei war, da hat der Papst die wieder eingesammelt. Aber da sind nicht alle wieder zurückgekommen.”

Wenn die Zauberkraft im Material der Buchstaben steckt, kann man ein solches Buch nicht so einfach vervielfältigen. Denn eine Abschrift hat keine Zauberkraft. Zauberbücher unterliegen daher einem Abschreibverbot, denn keine Abschrift ist wie das Original, jede Abschrift ist selbst ein Original. Demnach kann ihr nicht die einmalige Kraft der Vorlage innewohnen. Diese Vorstellung erklärt, warum ein abgeschriebenes oder gedrucktes Buch zunächst überhaupt keine Zauberkraft besitzt. Es muss erst durch eine rituelle Handlung aufgeladen werden.

Wie man ein abgeschriebenes oder nachgedrucktes 7. Buch Mosis mit magischer Kraft auflädt, erzählt im selben Film ein alter Bauer. Es müsse ein Priester die Messe darüber lesen. Dazu schmuggelt man es ihm unter das Altartuch. “Deshalb muss der Pastor vor jeder Messe mit den Händen, ich weiß nicht wie oft, über das Altartuch streichen, damit da kein 7. Buch Mosis drunterliegt.”

Buchstabenmagie in unserer Zeit

Ein alter Wochenschaufilm von 1945 zeigt den Andruck der ersten Nummer der Süddeutschen Zeitung. Man sieht einen amerikanischen Presseoffizier, wie er die Blei-Stereotypien (die Druckplatten) von Hitlers “Mein Kampf” in den Schmelztiegel einer Linotype-Setzmaschine wirft, damit daraus die ersten Texte der Süddeutschen Zeitung gesetzt werden können. Das war eine eindeutig rituelle Handlung, egal ob sich der Presseoffizier dessen bewusst war oder nicht.

Nachbemerkung

In meinem Text von gestern, „Die Botschaft der Glasmurmel“, habe ich derlei Vorstellungen nicht gemeint, auch nicht aufwerten wollen. Klar ist, dass menschliches Handeln oft von magischen Ideen begleitet ist. Sie bewusst zu machen, heißt sie zu entkräften. Erst dann stehen sie uns zum freien intellektuellen Spiel zur Verfügung. Ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob das geht, ohne dass sich Ideen wieder verselbständigen. Der Mensch benötigt offenbar das Spirituelle, Magische, und wenn es ihm seine Religion nicht mehr bietet, wendet er sich der Esoterik zu, liefert sich also wieder unwägbaren Mächten aus. Dagegen hilft nur Aufklärung. Das habe ich hiermit in einem begrenzten Bereich versucht.