Plausch mit Frau Nettesheim – Über Menschenverstand


Trithemius

Oje, oje, Frau Nettesheim! Unser Heimatplanet, die schöne Erde, schafft es nicht mehr.

Frau Nettesheim

Was meinen Sie?

Trithemius

Wegen uns, der Spezies Mensch. Wir sind schlimmer als diese Schmetterlingsraupe.

Frau Nettesheim

Schlimmer als der Eichenprozessionsspinner? Sie übertreiben hoffentlich.

Trithemius

Nein, lassen Sie mich exemplarisch berichten, hohe Frau: Nachdem ich am Freitag Flaschen zum Glascontainer an der Badenstedter Straße gebracht hatte, setzte ich mich auf eine der Bänke, die erhöht am Rand des Von-Alten-Gartens stehen, weit genug zurück, doch mit Blick auf die Straße. Stadtein- und auswärts rollte der Berufsverkehr.

Frau Nettesheim

„Rollen“ ist gut. Stadtauswärts steht man permanent im Stau.

Trithemius

Sie sagen es. Ich hatte Zeit, die Autos im Stau zu mustern. Bei einer durchschnittlichen Länge von vier bis fünf Metern pro Auto und einem Meter Abstand zum nächsten standen im Stau die ganze Straße hinunter nicht mal 20 Leute, denn in über 95 Prozent der Autos saß nur ein Mensch. Welch ein Aufwand an Blech, welche Belastung für die Anwohner, verursacht von einer Handvoll Menschen.

Frau Nettesheim

Jeder einzelne wird ein plausibles Motiv haben, da zu fahren und im Stau zu stehen.

Trithemius

Ja, wird es zumindest glauben, aber insgesamt, auf das Verhalten der Gattung Mensch bezogen, handelt es sich um kollektive Idiotie – wie beim SUV-Fahren – bei der Vielfliegerei – beim Massentourismus, dem exzessiven Fleischverzehr und und und – und nochmal und.

Frau Nettesheim

Definieren Sie Idiotie!

Trithemius

Nicht lassen zu können von Verhaltensweisen, die sich als schädlich erwiesen haben. Das Problem zu erkennen, aber nicht, dass man selbst Teil des Problems ist.

Frau Nettesheim

Das ist wahrscheinlich der „Menschenverstand“, den Bundesverkehrsminister Scheuer meint.

Trithemius

Wenn der Menschenverstand Idiotie ist, wenn idiotisches Verhalten als Normalfall gilt, ist der Planet leider nicht zu retten. Es sei denn, der intergalaktische Rat schickt Schädlingsbekämpfer und lässt die Menschheit vom Globus saugen, wie mans aus Menschenperspektive bedenkenlos mit Eichenprozessionsspinnern macht.

Frau Nettesheim

Aber über „Insektensterben“ jammern.

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Plausch mit Frau Nettesheim über Kitsch und Kunst

Trithemius
Als ich heute Morgen aufwachte, Frau Nettesheim, da schaute ich in die Krone der mächtigen Eiche vor meinem Schlafzimmerfenster. Es war noch nicht lange hell. Die Luft noch grau, das Blattwerk erschien im matten Grün. Da fiel der junge Morgen hinein.

Frau Nettesheim
Wie poetisch.

Trithemius
Kein Grund spöttisch zu werden. Ich lag noch eine Weile da. Plötzlich sickerte von oben Sonnenlicht ins Laubwerk, ließ die Blätter golden erstrahlen. Und ich dachte, was für einen Kitsch sich die Natur mal wieder erlaubt.

Frau Nettesheim
Definieren sie Kitsch!

Trithemius
Platte Ästhetik, die auf Zustimmung schielt, indem sie mit abgedroschenen Silmitteln sattsam bekannte Vorlieben bedient. Werbung, Populismus, Influenzismus, Comedy, Boulevardpresse, Schönschreiberei, Postkartenidyll – Produkte der puren Gefallsucht – das alles ist Kitsch.

Frau Nettesheim
Trifft aber nicht auf die Natur zu. Wenn die Sonne die Blätter golden erstrahlen lässt, steckt dahinter keine Absicht, keine Gefallsucht. Dass „golden“ ein Hochwertwort ist, das Ihre Schilderung kitschig erscheinen lässt, liegt doch an der Bewertung und Benutzung dieser Wörter durch die Sprachgemeinschaft, nicht an der Sonne.

Trithemius
Na gut. Dann würde ich gefallen wollen mit der Skulptur einer Eiche, deren oberen Blätter ich vergoldet habe, so als würde in die Krone gerade das Sonnenlicht hinein sickern. Das wäre demnach Kitsch.

Frau Nettesheim
Ganz und gar nicht. Es wäre ein polyfunktionales Kunstwerk.

Trithemius
Wie meinen?

Frau Nettesheim
Verschiedene Betrachter könnten unterschiedliche Bedeutungen sehen, die Kritik an der dekadenten Vergötterung des Goldes, etwa in Anspielung auf das vergoldete Steak eines Fußballspielers, die Kritik am Hang des Menschen, die Natur zu domestizieren, sie gar durch Erstickung abzutöten, Hinweis auf das künstliche Färben von Blumen, etwa Rosen, die Anspielung auf das Homonym Blatt in „Blattgold“ und „Baumblatt“ und vieles mehr. – Also wäre Ihr Skulptur kein Kitsch, sondern Kunst und erst recht, wenn Sie die Skulptur der Eiche mit oben vergoldeten Blättern gar nicht erschaffen, sondern nur das Konzept vorstellen. Böse Zungen könnten höchstens sagen, dass Sie zu faul oder ungeschickt wären, die Skulptur zu bauen.

Trithemius
Was machen Sie sich zum Sprachrohr böser Zungen, Frau Nettesheim? Ich dachte, Sie lieben mich.

Frau Nettesheim
Da wissen Sie mehr als ich, wie man in Köln sagt.

Plausch mit Frau Nettesheim – Matsch in der Birne

Frau Nettesheim
Ich sehe Sie nicht arbeiten, Trithemius.

Trithemius

Heute nicht. Ich wurde wach mit Matsch in der Birne. Entsprechend schwer fällt mir, einen klaren Gedanken zu fassen. Den ganze Tag schon.

Frau Nettesheim
Woran liegts?

Trithemius

Woher soll ich das denn wissen? Was wissen wir schon über die geheimen Abläufe in Körper und Geist. Man meint, Herr über sich zu sein, doch letztlich ist man wie ein Jockey, der versucht, einen widerspenstigen Mustang zu reiten.

Frau Nettesheim
Und manchmal geht der Mustang durch.

Trithemius

So ist es, aber woher wissen Sie das, Frau Nettesheim? Sie sind doch eine fiktive, digitale Person.

Frau Nettesheim
Ich muss ja nur Sie beobachten, wie sie spontane „Entschlüsse“ fassen und beispielsweise ein Erzählprojekt starten, obwohl Sie eigentlich nur ein Fragment veröffentlichen wollten.

Trithemius

Das beende ich vorläufig.

Frau Nettesheim
Wieso? Sie haben Erwartungen geweckt.

Trithemius

So ist das eben. Nicht alle Erwartungen werden erfüllt.Ich bin erschöpft. Aus dem Wunsch, authentisch zu schreiben, rutsche ich emotional in die Handlung, finde mich plötzlich in einem imaginären Spa mit einer Frau, die ich kenne und doch nicht kenne. Der Icherzähler versucht ständig, die Macht über mich zu gewinnen. Das kann ich nicht zulassen.

Frau Nettesheim
Sie wollen lieber Sie selbst im Hier und Jetzt sein?

Trithemius

Genau, wollen Sie doch auch.

Frau Nettesheim
Sie sein? Ich kann mich bremsen.

Trithemius
Das zeigt es mal wieder, Frau Nettesheim. Wird Zeit, dass ich zeichne, wie sich mir Ihr wahrer Charakter hinter der schönen Fassade darstellt:

Frau Nettesheim
Unverschämtheit!

Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Über Nachrichten aus hinteren Kammern

Trithemius
Gestern habe ich ganz tief in mir gewohnt.

Frau Nettesheim

Wo bitte?

Trithemius
In den hinteren Kammern, nah an den unerforschten Bereichen des eigenen Selbst.
Frau Nettesheim
Was soll das sein?

Trithemius
Wenn Sie sich das menschliche Gehirn vergegenwärtigen ist es doch wie ein Haus, das an den Fels angebaut ist. Die vorderen Zimmer zur Straße hin kriegen Licht von außen, sind hübsch möbliert, gut aufgeräumt und bei den meisten so zivilisiert, dass man auch Besucher einlassen könnte. Da hält man sich meistens auf, denkt und fühlt, wie es einem der Alltag befiehlt. Selten verirrt man sich in die hinteren Zimmer. Da ist wenig Licht, und man kann Überraschendes finden, auch Sachen, die man lieber nicht ans Licht bringen wollte. Die Kammern dahinter sind in den Fels getrieben wie die Grottenwohnungen in der Nähe von Valkenburg. Da unterwegs zu sein, ist nicht ungefährlich. Man kann sich verirren und so. Glücklicherweise sind die Höhlen hintern diesen Felskammern mit einer schweren Tür verschlossen.

Frau Nettesheim

Und da haben Sie sich gestern aufgehalten?

Trithemius
Ich saß in einem der letzten zivilisierten Zimmer. Da war mir egal, was draußen auf der Straße vor sich ging.

Frau Nettesheim

Sie hockten also im Hinterzimmer. Was hat Sie dahin verschlagen?

Trithemius
Abkehr von der Welt. Muss auch mal sein. Dass man nicht dauernd auf die Straße rennt und das Gedränge draußen durch seine Anwesenheit vergrößert. Und dann musste ich doch los, um ein paar Sachen zu erledigen. Und wissen Sie, was ich da gehört habe, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim

Woher denn?

Trithemius
Im Schreibwarenladen hielt eine alte Frau durch umständliche Verrichtungen den Verkehr auf, so dass sich die Kunden in dem kleinen Laden knubbelten. Sie hatte den knappen Raum noch mit ihrem Rollator zugestellt. Daran hing ihre Tasche. Als sie ihre Sachen wegpackte, mahnte sie sich selbst zur Eile und zwar mit den Worten: „Hau rein, is Tango!“ Den Spruch hatte ich schon ewig nicht gehört. Er stammt aus den hinteren Räumen unserer Sprache, da ganz tief, bevor sie in Höhlen übergeht.

Frau Nettesheim
[beiseite]
Er übertreibt mal wieder, nur um einen passenden Schluss zu finden.

Plausch mit Frau Nettesheim – Über 30 Handgriffe


Frau Nettesheim

Warum schreiben Sie nichts, Trithemius?

Trithemius
Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Zu großes Durcheinander im Kopf.

Frau Nettesheim
Ihre innere Unordnung spiegelt die äußere. Machen Sie Ordnung. Im Moment genügen noch 30 Handgriffe.

Trithemius
Denken Sie nur, Frau Nettesheim, ich habe endlich wiedergefunden, woher das Aufräumspiel der 30 Handgriffe stammt.

Frau Nettesheim
Sie propagieren das schon so lange, dass ich dachte, es ist Ihre Erfindung.

Trithemius
Nein! Es stammt vom Schriftsteller und Journalisten Eugen Skasa-Weiß. Gelesen habe ich das Aufräumspiel in „Von hinten besehen“, einer Sammlung von Feuilletons aus „Cottas Bibliothek der Moderne, erschienen 1984. Skasa-Weiß gilt als ein Meister des klassischen Feuilletons, dieser journalistischen Stilform, die im Plauderton gehalten ist. Das Aufräumspiel der 30 Handgriffe ist eine Form der Selbstköderung. Es lässt Raum für Wandlungen zu, indem je nach Arbeitsaufwand entschieden werden kann, was man als einen Handgriff definiert. Sich lästiger Arbeiten spielerisch zu entledigen, ist überhaupt die ganze Lebenskunst.

Frau Nettesheim
Darin dilettieren Sie aber, Trithemius.

Trithemius
Ja, danke, dass Sie das in aller Öffentlichkeit sagen, Frau Nettesheim.

 

Nächtlicher Plausch mit Frau Nettesheim


Trithemius

Raten Sie mal, wer heute Nacht im Bett geschlafen hat, Frau Nettesheim!

Frau Nettesheim

Ich und vermutlich Millionen andere Deutsche.

Trithemius
Unter anderem auch ich, von 1 Uhr 30 bis 3 Uhr 50.

Frau Nettesheim

Die Nacht ist deutlich länger.

Trithemius
Ja, aber, ich habe mich um 23 Uhr etwa in den Sessel gesetzt und bin dann eingeschlafen. Als ich um halb zwei Uhr wach wurde, konnte ich nicht mehr sitzen und habe mich mutig ins Bett gelegt, zum ersten Mal seit zwei Wochen.

Frau Nettesheim

Sind aber bald schon aufgewacht.

Trithemius
Nach einem interessanten Traum.

Frau Nettesheim

Interessant? Was für ein nichtssagendes Wort. Was träumten Sie denn?

Trithemius
Ich traf ein bei einem Doktoranden-Seminar. Es fehlte noch die ominöse Frau Vivaldi. Einige junge Frauen erzählten dem Professor, die Vivaldi habe draußen aus dem kiesbedeckten Flachdach ihren Modeschmuck, einen Armreif im Wert von 10.000 Euro, verloren. Der Professor stöhnte auf: „Die Vivaldi schon wieder!“
Derweil ich mir an den ringförmig aufgestellten Tischen einen Platz suchte, traf Frau Vivaldi ein, begleitet von einer schönen, etwa kniehohen Androidin.

Frau Nettesheim

Die Vivaldi mal wieder! Immer muss sie von sich Aufhebens machen. Können Sie nichts Besseres träumen?

Trithemius
Na erlauben Sie mal, Frau Nettesheim. Wie soll das gehen? Soll ich das Seminar etwa von einer Einheit der Traumpolizei stürmen lassen, um Frau Vivaldi rauszuwerfen aus meinem Traum? Weil Sie Ihnen nicht passt? Reiche haben auch Rechte. Und außerdem vermittelt Frau Vivaldi eine Idee, für die man sie und mich als ihr Chronist dereinst loben wird.

Frau Nettesheim

Das wüsste ich aber.

Trithemius
Weil Sie eine Ignorantin sind, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim

Pah! Welche Idee denn?

Trithemius
Kleine Androiden. Wenn man demnächst lebensechte Androiden bauen kann, die mittels KI auch noch viel klüger sind und alles viel besser können als Menschen, wird man weltweit ein Gesetz erlassen, eine Erweiterung von Isaac Asimovs Roboter-Gesetzen, nämlich dass Androiden nur kniehoch sein dürfen.

Frau Nettesheim

Wozu?

Trithemius
Damit kein Android sich als Mensch tarnen kann und der Mensch seine Überlegenheit behält.

Frau Nettesheim

Gähn! Und dafür müssen Sie mich mitten in der Nacht wecken.

Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Atempause

Frau Nettesheim
Gewähren Sie mal eine Atempause, Sire!

Trithemius
Warum, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Weil Sie das Teestübchen gerade in den Keller schreiben. Die immer seltener vorbeikommenden Besucherinnen und Besucher des Teestübchens verstummen, und ich habe die Vision, dass sie den Kopf einziehen wie unter einem plötzlichen Wolkenbruch und hoffen, dass es bald vorbei ist mit dem Fragment.

Trithemius
Ich kann es nicht ändern. Einmal muss ich mal was Längeres zu Ende bringen, nicht nur so kurzatmige Texte schreiben.

Frau Nettesheim
Aber ist das Blog dafür ein passendes Medium?

Trithemius
Natürlich nicht. Aber ich kann nicht beides, kann nicht in Ruhe an einem längeren Manuskript arbeiten und zudem noch irgendwas bloggen. Das schaffe ich zeitlich und emotional nicht.

Frau Nettesheim
Warum emotional?

Trithemius
Sie wissen doch, Frau Nettesheim, dass ich in meinen Texten lebe. Wenn ich eine neue Welt erdenke, zieht es mich unweigerlich hinein, und die Grenzen zwischen tatsächlich erlebter Realität und fiktionaler Realität verwischen.

Frau Nettesheim
Kein Wunder, wenn Sie auch immer Fakten mit Fiktion vermischen.

Trithemius
Magischer Realismus, Frau Nettesheim. Ich glaube, anders kann ich es gar nicht mehr. Damit ich mich nicht verliere, hoffe ich zwischendrin immer mal auf eine Rückmeldung.

Frau Nettesheim
Sie können nicht erwarten, dass jemand den immer länger werdenden Text liest.

Trithemius
Ist überhaupt nicht nötig. Jedes Kapitel ist in sich geschlossen und steht nur im losen Zusammenhang zum vorangehenden. Nicht mal die Reihenfolge ist wichtig. Ich habs doch schon beim PentAgrion so gemacht. Da hatte ich freilich mehr Rückmeldung aus der Leserschaft.

Frau Nettesheim
Gehts denn ohne?

Trithemius
Erinnern Sie sich an A.S. Neills Roman „Die grüne Wolke?“

Frau Nettesheim
Ist in eine Erzählsituation eingebettet. Neill erzählt den Roman den Schülerinnen und Schülern von Summerhill.

Trithemius
Genau, interaktives Schreiben! Und nach jedem Kapitel wird kritisiert, mal ist es nicht spannend genug, mal fehlt dies, mal das. Für Neill immer der Ansporn, die Geschichte zu entwickeln.

Frau Nettesheim
Dann übernehme ich jetzt mal den Part. In Ihrer Geschichte fehlt eine Frau.

Trithemius
Gut, wird geliefert.

Frau Nettesheim
Wenn das mal keine Feministin liest.