Plausch mit Frau Nettesheim – Schmunzeln über die Kinzig-Murg-Rinne


Trithemius
Gestern habe ich durch Selbstbeobachtung ein neues Phänomen entdeckt, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Und das wäre?

Trithemius
In der Titanic-Rubrik „Briefe an die Leser“ las ich online folgenden Brief, über den ich sehr lachen musste:

Frau Nettesheim
Sie mussten lachen. Ist das Ihr neuentdecktes Phänomen?

Trithemius
Quatsch! Nachdem ich so lachen musste, las ich in Klaus Grafs Archivalia-Blog: „Ortenau-Website hat neue Heimat“, klickte den Link zur Ortenau-Website an und las: „Die Breite der Rheinebene in der Ortenau beträgt 10 bis 12 km. In die Niederterrasse hat der Rhein seinen Lauf gegraben. Entlang des Rheins verlief einstmals ein weiterer Fluß, in den Schutter, Kinzig, Rench, Acher, Bühlot (auch Sandbach genannt), Oos, Murg, Alb u.a. flossen und der nach seinen 2 größten Zuflüssen Kinzig-Murg-Rinne genannt wird und bei Hockenheim in den Rhein mündete. Einzelne Abschnitte dieses Flusses bestanden noch in historischer Zeit und wurden von den alamannischen Siedlern ausgespart. (…)“ Da hab ich zwar nicht schallend gelacht, aber musste schmunzeln, weil mir alles wie ein Witz vorkam.

Frau Nettesheim
Das würde den Ortenauern wohl kaum gefallen.

Trithemius
Aber denken sie, Frau Nettesheim, weil die Komik des Briefs der Eintrittspunkt meines Denkens war, las ich das Folgende auch als Witz. Es war quasi „Übersprung-Interpretation.“

Frau Nettesheim
Hat nicht der maltesische Kreativitätsforscher Edward de Bono schon etwas Ähnliches beschrieben? Ihr Übersprungseffekt ist die Beeinflussung eines Urteils durch vorherige Erfahrungen.

Trithemius
Hat er Ihr de Bono auch gesagt, dass es abhängt vom langsamen Fließen der Säfte? Nein. Das habe ich nämlich in einem anderen Zusammenhang entdeckt: Wenn ich glaubte, etwas verloren zu haben und zu Hause meinen Irrtum bemerkte, weil friedlich auf dem Tisch lag, was ich verloren glaubte, bei diesen Gelegenheiten habe ich beobachtet, dass sich zwar Erleichterung einstellt, aber das Verlustgefühl nicht sofort weicht. Offenbar werden bei einem vermeintlichen Verlust Botenstoffe ausgeschüttet, die sich erst langsam abbauen. Es ist plausibel, dass Botenstoffe sich über den Blutkreislauf langsamer bewegen als der Gedankenfunke von Synapse zu Synapse springt. Demgemäß sind unsere tiefen Gefühle langsamer als unsere Gedanken. Das gilt natürlich auch für die Anlässe der Heiterkeit. Die Botenstoffe der Heiterkeit werden nur langsam abgebaut und bewirken die Übersprung-Interpretation. Da sind sie platt, was, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Nicht ganz. Demnach hätten Sie das linguistische Psychodoping beschrieben.

Trithemius
Aber Vorsicht! Ist wie jedes Doping illegal.

Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Wonach man sich zu richten hat

Trithemius
Denken Sie nur, Frau Nettesheim, ich will ins Teestübchen, um mit Ihnen zu plaudern, da verstellt ein Depp mir den Weg und fragt: „Haben Sie die Nachrichten der letzten Woche aufmerksam verfolgt?“ Bevor ich „Nö, wieso?“antworten kann, will er ein Quiz mit mir zu machen.

Frau Nettesheim
Sie belieben mal wieder, in Bildern zu sprechen, Trithemius. Was konkret ist passiert?

Trithemius
Mir ging am Morgen unser Dialog durch den Kopf. Ich habe den Rechner eingeschaltet, um ihn aufzuschreiben, da ploppt diese blöde Bing-Seite auf, Sie wissen schon, die mit dem Postkartenkitsch. Und mitten im Bild erscheint direkt beim Anmeldefeld: „Haben Sie die Nachrichten der letzten Woche aufmerksam verfolgt?“

Frau Nettesheim
Und? Haben Sie?

Trithemius
Warum um Himmels Willen? Warum soll ich wissen, ob ein Minister namens Lindner auf Sylt geheiratet hat oder wie es den wegen Brandstiftung auf Mallorca inhaftierten „Kegelbrüdern“ geht? Soll ich mir mit all dem Dreck den Kopf zukleistern lassen und in einem Quiz nachweisen, dass ich ein braver Infotainment-Trottel bin?

Frau Nettesheim
Das verlangt ja niemand. Aber ein grober Überblick über die Nachrichten scheint mir ganz nützlich zu sein.

Trithemius
Aha „nützlich.“ Sie wissen doch, hohe Frau, was das Wort „Nachricht“ eigentlich bedeutet.

Frau Nettesheim
„Wonach man sich zu richten hat.“

Trithemius
Ganz genau. Welche von den sogenannten Nachrichten enthalten Handlungsaufforderungen von Belang?

Frau Nettesheim
Der Wetterbericht, Veranstaltungshinweise und die Börsennachrichten.

Trithemius

Obwohl die Börsennachrichten für mich unwichtig sind, da ich keine Aktien besitze, ist das Thema nicht unwichtig. Als Aachenerin wissen Sie doch, womit die heute weltgrößte Nachrichtenagentur Reuters begonnen hat.

Frau Nettesheim
Der Bankkaufmanns Julius Reuter versandte die neusten Börsenkurse zwischen Aachen und Brüssel mittels Brieftauben.

Trithemius
Genau. Und noch heute macht Reuters über 90 Prozent seines Umsatzes mit Aktienhandel, genauer Hochgeschwindigkeitshandel. Das Nachrichtengeschäft ist nur Beifang. In diesen Kontext passt, was mir ein Freund letztens erzählte. Er meinte, die verlässlichste Zeitung sei das Handelsblatt. Dort werde schon frühzeitig über weltpolitische Entwicklungen berichtet, weil die Anleger eine Orientierungshilfe bräuchten, wo sie ihr Geld investieren oder besser abziehen sollten. Das sind relevante Nachrichten.

Frau Nettesheim
Aber sollten Sie nicht auch wenigstens Bescheid wissen, was geschieht in der Welt?

Trithemius
Sie meinen, was Medien berichten. Das weltweit Angebot von Agenturen und Zeitungen ist ja tendenziell endlos. Das Medieninstitut, für das ich mal gearbeitet habe, empfiehlt „selektives Lesen.“ Aber das führt ja dazu, dass man nur liest, was einem in den Kram passt. Ich empfehle „interessengeleitetes Lesen“, halte mich fern vom täglichen Tuten und Blasen, und wenn ich eine Frage habe an die Welt draußen, schaue ich nach, was mir die verschiedenen Medien dazu anbieten. Das hält mir den Kopf frei und ich werde nicht zugemüllt mit aufgebauschten Marginalien.

Frau Nettesheim
Aber Ihr Weltbild?

Trithemius
Speist sich wie bei allen aus innerer Einsicht und Alltagserfahrungen.

Plausch mit Frau Nettesheim – Aus dem Kopf abgetippt

Trithemius
Liebe Frau Nettesheim, mein Kopf ist ganz leer.

Frau Nettesheim
Do mäht mer en Kölle kein Finster för op.

Trithemius
Aha! Dafür öffnet man in Köln kein Fenster. Sie finden meine Gedankenleere also unwichtig?

Frau Nettesheim
Ich wundere mich nicht, weil ich Sie lange genug kenne. Unwichtig ist dieser Hinweis nicht. Sie sollten schon ein paar Gedanken im Kopf haben, wenn Sie sich bemüßigt fühlen zu schreiben.

Trithemius
Wollen Sie damit sagen, dass vor dem Schreiben schon alles im Kopf parat liegen muss, so dass man es hurtig vom inneren Schreibtisch abtippen kann?

Frau Nettesheim
Für Schopenhauer sind das die seltenen Denker. Die meisten seien „solche, die während des Schreibens denken.“

Trithemius
Ich schätze Schopenhauer, aber seine Geringschätzung des schreibenden Denkens ist vermutlich eine kleine Bosheit gegen Berufskollegen. Echte Philosophen wie er fangen erst an zu schreiben, wenn sie eine Sache gedanklich durchdrungen haben. Schlechte Philosophen sortieren ihre Gedanken erst beim Schreiben. Doch literarisches Schreiben ist anders. Man kann sich schreibend etwas ausdenken und wundersame Texte verfassen.

Frau Nettesheim
Schreibendes Denken als kreativer Prozess?

Trithemius
Gedanken lassen sich nicht herbeizwingen. Sie schießen einem in den Sinn, wie sie lustig sind. Sie von vorneherein auszuschließen, verarmt das Schreiben. Wer sich schon alles im Kopf zurechtgelegt hat, bevor seine innere Tippmamsell zu Werke geht und alles abtippt, muss jeden plötzlich auftretenden Gedanken verscheuchen.

Frau Nettesheim
„Tippmamsell“ ist wohl herabsetzend.

Trithemius
Wenn die Dame höchsteigen in meinem Kopf ist, kann ich sie nennen, wie ich will, auch „mein inneres Maschinenfräulein.“ Und sie soll sich nicht erfrechen, den Kopfhörer aufzusetzen und „Schopenhauer, Schopenhauer“ zu trällern, wenn ich mit einem neuen Gedanken daher komme.

Frau Nettesheim
So leer wie Sie eingangs geklagt haben, ist Ihr Kopf wohl gar nicht. Da sitzen immerhin eine Tippmamsell und ein Maschinenfräulein, das seinen Schopenhauer gelesen hat.

Plausch mit Frau Nettesheim über ein kaputtes T

Frau Nettesheim
Warum haben Sie im Header das T kaputtgemacht?

Trithemius
Ist ja nicht ganz kaputt, nur gebrochen wie mein Unterschenkel.

Frau Nettesheim
Ihre beiden Frakturen sind nach über drei Monaten hoffentlich verheilt.

Trithemius
Das Wadenbein schon, aber der Spiralbruch war’s nicht, weshalb der Aachener Chirurg in der zweiten OP die Statik des Nagels und dessen Verschraubung innerhalb des Beins verändert hat. Es soll mehr Druck auf den Bruch. Darum durfte ich anschließend voll belasten. Wie es jetzt aussieht, erfahre ich erst Mitte Oktober. Denn mit den Worten eines unbekannten Automechanikers: „Man steckt nicht drin.“

Frau Nettesheim
Irgendwie doch.

Trithemius
Natürlich, Eure Spitzfindigkeit. Wäre ich jünger, würde alles besser heilen. Als ich 18 war, ist mir eine Rolle Rotationspapier auf den Mittelfuß gefallen. Alle Knochen waren glatt durch. Ich bekam für sechs Wochen einen Gehgips. Mit dem war ich sogar in der Diskothek zum Tanzen.

Frau Nettesheim
Muss gruselig ausgesehen haben.

Trithemius
Na. Bei jungen Menschen wird’s akzeptiert, und jede drängt sich, auf dem Gips zu unterschreiben. Ein älterer Mensch mit OP und Krücken wirkt gleich hinfällig, und die Leute machen einen Bogen um einen.

Frau Nettesheim
Interessantes Wort „hinfällig.“ Inzwischen wird’s metaphorisch gebraucht. „Die Pläne sind hinfällig.“ Aber man erkennt noch den einstigen Wortinhalt. Ein durch Krankheit geschwächter alter Mensch neigt zum Hinfallen. Er ist gebrechlich.

Trithemius
Genau wie „gebrechlich.“ Wenn sie fallen, brechen sich viele Alte den Oberschenkel. Der Oberschenkelhalsbruch war einst ein Todesurteil. Meine Oma ist daran gestorben. Heute wird ein solcher Bruch operiert, und die Leute müssen nicht liegen, bis sie durchdrehen, sondern laufen herum.

Frau Nettesheim
Frakturen sind ein blödes Thema. Da gefällt mir ein Gespräch über die Frakturschrift schon besser.

Trithemius
Mir auch! Wissen Sie, dass ich Wochen vor meinem Unfall nah beim Pflegeheim einen hölzernen Wegweiser mit geschnitzter Frakturschrift gesehen habe?

Frau Nettesheim
Gähn! Er mal wieder.

Plausch mit Frau Nettesheim – Schwarzer Käfer

Trithemius
Uff, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim

Was?!

Trithemius
Seit dem Beinbruch ist mein Denken erlahmt, kreist nur noch schwach um Sachverhalte, an die ich gar nicht denken mag. Seit Tagen habe ich diesen fetten schwarzen Käfer vor Augen, der durch mein Bett im Horrorhaus gekrabbelt ist, als wäre er dort zu Hause.

Frau Nettesheim
Was kümmert Sie noch der Käfer? Sie sind dem Horrorhaus längst entkommen.

Trithemius
Wenn Astronomen im All ein unbekanntes Objekt entdecken, haben sie keine Ruhe, bis sie sich die Herkunft erklären können. Ebenso geht es mir, seit im Mikrokosmos meines Bettes der Käfer auftauchte.

Frau Nettesheim
Ich frage Sie lieber nicht nach dem Ergebnis der Theoriebildung.

Trithemius
Weil Sie eine Ignorantin sind?

Frau Nettesheim

Weil ich mir keine unappetitlichen Spekulationen anhören will.

Trithemius
Ich bin da schon weiter, hab mir gedacht, dass Franz Kafka vielleicht auch mal einen derartigen Käfer in seinem Bett fand, ihn hinausschnippste wie ich und anschließend träumte, dass er sich selbst in einen verwandelt hat … Schon wurde daraus Weltliteratur.

Frau Nettesheim
Also lassen Sie ab vom Käfer. Was man daraus machen konnte, ist schon geschrieben.

Trithemius
Das ist leichter gesagt als getan. Ich bin da quasi eingerostet und komme nicht los.

Frau Nettesheim
Sie übertreiben mal wieder. Erstens rostet Denken nicht ein und würde es, dann wäre die Korrosion durch eine leichte Erschütterung zu überwinden – wie früher bei einem stockenden Auto-Anlasser ein einziger Schlag mit dem Gummihammer reichte, um ihn wieder flott zu kriegen.

Trithemius
Jedenfalls bin ich froh, dass ein Ende meiner beschränkten Mobilität in Sicht ist und ich bald wieder mit anderen Eindrücken aufwarten kann, ohne an den fett glänzenden schwarzen Käfer zu denken, der in meinem Bett wohnte und auf den Leichenschmaus wartete. – Wo haben Sie den Gummihammer, Frau Nettesheim?

Plausch mit Frau Nettesheim – Wider den Nachtmahr

Frau Nettesheim
Ihr gestriger Text klang ein wenig beunruhigend. Die metaphorische Umschreibung des Pflegeheims ist zwar passend, doch achten Sie etwas auf Ihre geistige Verfassung!

Trithemius
Es fällt mir schwer, das Elend des Pflegeheims nicht an mich ranzulassen, Frau Nettesheim. Heute morgen kurz vor fünf ging die Tür auf und eine verwirrte Frau schob ihren Rollator in mein Zimmer. Nachdem ich ihr gesagt hatte, sie sei im falschen Zimmer, brabbelte sie etwas Unverständliches und schob wieder ab.

Frau Nettesheim
Das hat auch etwas Ulkiges, worüber Sie sich früher erheitert hätten.

Trithemius
Diese heitere Distanz fehlt mir noch, zumal sich gestern eine Nachtschwester vorstellte, die mir ein wenig verrückt vorkam.

Frau Nettesheim
Wie?

Trithemius
Sie redete mit lauter Stimme über meinen Kopf hinweg, wie es Menschen tun, die daran gewöhnt sind, dass man Ihnen nicht zuhört. Dann drängte sie mir ein Flasche Orangenlimonade auf, hängte mir die Klingel so, dass sie kurz vor meiner Nase baumelte, hörte gar nicht, dass ich weder das eine noch das andere wollte, ein Elend.

Frau Nettesheim
Alles für sich wenig schlimm. Sie hat’s nur gut gemeint.

Trithemius
Aber der Kontext, Frau Nettesheim. Wenn ich sowieso schon da liege und damit hadere, in welche Situation ich geraten bin, und dass ihr nicht zu entkommen ist, wenn ich nah daran bin zu verzweifeln angesichts von drei Wochen, die ich noch in der Einrichtung ausharren muss …

Frau Nettesheim
… Machen Sie sich auch noch selbst verrückt mit einem Text wie gestern. Sie unterschätzen die Macht der Selbstsuggestion. Beachten Sie das Positive. Denken Sie daran, wie viele liebe Menschen sich bemühen, Ihnen Ihre Lage erträglich zu machen! Suchen Sie nach den witzigen Aspekten Ihrer derzeitigen Situation. Sie werden sehen, das hilft.

Trithemius
Ach, Frau Nettesheim, da fällt mir grad nur ein Witz ein, der mir von irgendwo zugeflogen ist, wollen Sie hören? Er ist ganz kurz.

Frau Nettesheim
Nur zu.

Trithemius
Also: ‚Ich möchte ruhig im Schlaf sterben wie mein Großvater, nicht angstvoll schreiend wie seine Beifahrer.‘

Claus Kleber und die Spatzen – Wiedersehen mit Frau Nettesheim

Frau Nettesheim
Ist Ihnen die digitale Entgiftung gelungen, Trithemius?

Trithemius
Mir wurde bald klar, dass digital detox zu kurz greift. Deshalb habe ich in den vier Wochen der Kur so gut wie jedes Medium gemieden.

Frau Nettesheim

Sie haben mir eine Ansichtskarte geschickt.

Trithemius

Ganz auf Medien verzichten kann ja nur, wer als Waldmensch lebt. Ich habe Post verschickt, mich an Hinweisschildern und Plänen orientiert, Landkarten vom Bodensee betrachtet, auf die Uhr geguckt, Tagebuch geführt, einen Roman gelesen, manchmal sogar das Smartphone zur Fernkommunikation benutzt. Aber ich habe nicht in die Zeitungen geschaut, die im Leseraum herumlagen. Den Fernseher auf dem Zimmer habe ich nur einmal eingeschaltet und es sofort bereut. Ich presste die Fernbedienung und ging ins Bad. Da ertönte plötzlich die Stimme eines Verrückten, der ein Murmelbahnrennen moderierte: „Auf die Murmel, fertig los!“ Das kam mir vor wie ein Anschlag auf meine Murmel. Ich habe den Deppen flugs abgeschaltet. Das Internet habe ich gemieden, nur per Smartphone ab und zu ins Teestübchen geschaut.

Frau Nettesheim
Sie haben also auf tagesaktuelle Medien verzichtet.

Trithemius
Denen ist schwer zu entkommen. Am Anfang der zweiten Woche hieß es plötzlich, im Leseraum säße „kein geringerer als Claus Kleber.“ Und tatsächlich stand er tags drauf mit uns am Buffet. Ich habe ihn geflissentlich ignoriert. Aber andere machten Selfies mit ihm. Kleber („Ich habe Urlaub“) genoss seinen Prominentenstatus sichtlich, sonnte sich am Vormittag oft auf der Terrasse. Als er abgereist war, fand ich seinen Terrassenstuhl von Spatzen bekackt.

Frau Nettesheim
Trithemius! Das ist eine völlig unzulässige Verbindung. Spatzen wissen nichts von Claus Kleber oder Terrassenstühlen. Ich hätte auch ohne ihre despektierliche Äußerung gewusst, was Sie von ihm halten.

Trithemius
Sie meinen, die Spatzenkacke ist nicht die Kritik der Sperlinge an der demagogischen Moderation des Heute-Journals?

Frau Nettesheim
„Für Spatzen ist er einfach nur ein Mensch.“

Trithemius
Das wage ich zu bezweifeln, Hohe Frau. Spatzen sind ja selbst im Nachrichtenwesen. Heißt es nicht von allseits bekannten Neuigkeiten: „die Spatzen pfeifen sie von den Dächern?“

Frau Nettesheim
Sie halten Claus Kleber doch gar nicht für einen Nachrichtenmann. Was er macht, sei Infotainment, die Verwischung der Grenzen zwischen Information und Meinung.

Trithemius
Ich weiß schon, warum ich die tagesaktuellen Medien vier Wochen gemieden habe. Ich war vom aufgeregten Tuten, Tröten und Trompeten schon ganz närrisch und habe die Ruhe genossen. Und wissen Sie, was das Beste war?

Frau Nettesheim
Woher denn.

Trithemius
Ich war nach den vielen sportlichen Aktivitäten meistens so müde, dass ich keine Lust mehr zum Denken hatte.

Frau Nettesheim
Das ist hoffentlich vorübergehend. Sie können nicht alles den Spatzen überlassen.

Plausch mit Frau Nettesheim – Dümmer als die Molche

Trithemius
Erinnern Sie sich noch an Karel Čapeks satirischen Roman „Der Krieg mit den Molchen“, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Natürlich. Die Besatzung eines Kolonialschiffs findet in den Küstengewässern Sumatras eine Gattung intelligenter Molche. Der Kapitän beginnt mit den Molchen einen Tauschhandel, indem er ihnen irgendwelchen Schund als Gegenwert für Perlen gibt.

Trithemius
Ich glaube, es waren Messer, mit denen die Molche die lästigen Haie bekämpfen konnten.

Frau Nettesheim
Ja, genau. Die Molche merken aber bald, dass sie übervorteilt werden und gucken sich den betrügerischen Handel und andere schändliche Verhaltensweisen von den Menschen ab, wodurch es zu Interessenskonflikten und später zum Krieg kommt. Wie kommen Sie jetzt auf den „Krieg mit den Molchen“, Trithemius?

Trithemius
Zufällig sah ich in der Show „Bares für Rares“ wie ein altes Ehepaar eine über Generationen vererbte kostbare goldene Taschenuhr verhökerte, anschließend stolz vor die Kamera trat und mit bedrucktem Papier wedelte.

Frau Nettesheim

Sie meinen Geldscheine. Das sind keine Glasperlen. Für Geld können sie etwas kaufen.

Trithemius
Messer vielleicht, falls sich im Vorgarten Haie tummeln, hehe. Ich muss immer schmunzeln, wenn die Leute den Tausch kostbarer Familienerbstücke gegen Geldscheine stereotyp begründen: „Damit es in gute Hände kommt“, weil das im Umkehrschluss die Selbsteinschätzung enthält, die eigenen wären schlechte Hände.

Frau Nettesheim
Natürlich, wenn die missratenen Urenkel verscherbeln, was von Generationen zuvor treulich gehütet wurde.

Trithemius
Ich habe mich ja hier schon mal negativ über „Bares für Rares“ ausgelassen. Aber gestern wurde mir klar, was in dieser populären Verkaufsshow eigentlich geschieht. Horst Lichter mit seiner Bande aus Experten und Händlern sammelt aus der mediengeilen Mittelschicht die seltenen Kostbarkeiten für reiche Sammler ein. Dass dazwischen auch Trödel verramscht wird, lenkt nur davon ab, wie hier teure Kulturgüter in die Hände der Oberschicht geschaufelt werden. Den Leuten bleibt nur mit Zahlen bedrucktes Papier, dessen Wert ja über Nacht durch den Kamin gehen kann.

Frau Nettesheim

Er mal wieder.

Edit: WOW! Der alte Editor ist weg! WordPress arbeite mit Fleiß daran, einem das Bloggen zu vermiesen. Ich habe nicht die geringste Lust, mich um den Gutenberg-Hirnriss zu kümmern. Der stiehlt mir Lebenszeit. Zähneknirsch! Vorerst gibt es hier nichts Neues mehr, liebe Freundinnen und Freunde.

Derweil wir schliefen – Traumzeit mit Frau Nettesheim

Trithemius
Wissen Sie, was ich letzte Nacht geträumt habe, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Woher denn? Wenn Sie es nicht wissen.

Trithemius

Ich hatte Aktienkurse manipuliert.
Frau Nettesheim
Ach so! Sie haben im Traum Aktienkurse manipuliert.

Trithemius

Genau. Und angestiftet hatte mich dazu ein mir bislang unbekannter verbrecherischer Schwippschwager. Der aber stürzte im Triumph über den gelungenen Scoop in den Tod.

Frau Nettesheim
Wie das?

Trithemius
Er war Hausbesitzer und hatte aus Geiz die Balkongitter an seinem Mietshaus nie auf Sicherheit überprüfen lassen. Also lehnte er sich gegen so ein Gitter, schaute schadenfroh auf die Welt, die er betrogen hatte, das Gitter brach ab, und er stürzte mitsamt Gitter auf die Straße. Als ich hinzukam, war er schon mausetot. Lange Nägel, die herausgestanden hatten, waren ihm ins Herz gedrungen, von seinem Körpergewicht hineingetrieben. “Nicht schlecht“, dachte ich. “Jetzt brauche ich den Aktiengewinn nicht mit ihm zu teilen.“

Frau Nettesheim
Sie hatten kein Mitleid?

Trithemius

Das war doch die gerechte Strafe für einen hartherzigen Mann. An der eigenen Gier verröchelt und so. Aber jetzt hatte ich Angst, die Sache allein durchstehen zu müssen. Denn die Aktienmanipulation war ein Ding der Mafia. Mir war klar, dass die Mafia es nicht dulden würde, dass sich einer auf ihre betrügerische Manipulation sattelt. Als Trittbrettfahrer, quasi.

Frau Nettesheim

Ein Trittbrettfahrer braucht keinen Sattel.

Trithemius

Wieso Sattel? Und wieso unterbrechen Sie mich dauernd, Frau Nettesheim? Ich weiß überhaupt nicht, was Sie mit einem Sattel wollen. Reden wir etwa über verfluchte Lederfetischisten? Oder Pferdemädchen?

Frau Nettesheim

Tut mir leid. Erzählen Sie weiter!

Trithemius

Jetzt habe ich keine Lust mehr. Es wurde noch spannend, aber das behalte ich lieber für mich. Die Mafia versteht keinen Spaß. Jedenfalls: Als ich aufwachte war es halb neun, und die Sonne stand falsch. Sie schien gülden aus dem tiefen Osten. Draußen war es viel zu ruhig für halb neun, und ich war noch sooo müde, kriegte die Augen kaum auf.

Frau Nettesheim

Gähn, wie spannend.

Trithemius

Da dachte ich: „Wat will die Welt von mir? Die tickt doch nicht richtig.“ Und hab mich erst mal drei Stunden in eine Eiswanne gelegt, damit die Welt sich wieder synchronisieren konnte. Als ich rauskam, war mein quadratischer Wecker umgefallen.

Frau Nettesheim
Während Sie im Eis gelegen haben, obwohl Sie überhaupt keine Wanne haben?

Trithemius

Nein, gestern Abend. Da hatte ich ihn wohl mal wieder falsch hingestellt. Und als ich gedacht hatte, es ist halb neun, war es in Wahrheit erst viertel nach sechs gewesen. Die Welt war also im Takt. Ich hätte mir die Eiswanne sparen und bis eben im kuscheligen Bett bleiben können.

Frau Nettesheim

Chaot! Und so einer will Aktien manipuliert haben, püh!

Trithemius
Das war mein SCHWIPPSCHWAGER!

Buttermilchbohnensuppe

Trithemius
sinnlos sinnlos sinnlos sinnlos sinnlos
sinnlos sinnlos sinnlos sinnlos sinnlos
sinnlos sinnlos sinnlos sinnlos sinnlos
sinnlos sinnlos sinnlos sinnlos
sinnlos sinnlos sinnlos
sinnlos sinnlos
sinnlos

Frau Nettesheim

Alles in Ordnung mit Ihnen?

Trithemius
Selbstverständlich, Frau Nettesheim. Ich teste mit dieser Schwindeformel, wie oft ich das Wort „sinnlos“ sagen kann, bevor es sinnlos wird.

Frau Nettesheim

Und? Es ist doch ein bekanntes Phänomen, dass die Lautfolge ihren Sinngehalt verliert, wenn man sie häufig hintereinander weg sagt.

Trithemius
Ja, Wörter nutzen sich ab, wie Sprachen und Ideen sich abnutzen. Denn der Mensch ist ein großer Banalisierer. Immerzu macht er aus Gold Scheiße, wenn ich das Wort Gold einmal frech benutzen darf.

Frau Nettesheim
Nur zu, Sie sagen sowieso, was Sie wollen. Doch was ist der aktuelle Anlass für Ihre Wortwahl?

Trithemius
Frau Nettesheim, im Blog-Universum fragt einer: „Stell dir mal vor, das Universum findet den Grund seines Seins – und hört somit auf zu existieren.“

Zu diesem banalen Eintrag bekommt er unzählige Kommentare. Eine fragt sogar, ob er Philosophie studiert hätte. Ich könnt mich beömmeln, denn dem ganzen liegt doch eine Idee von Douglas Adams zu Grunde. Sie wissen doch, in diesem satirischen SF-Zyklus, der mit Per Anhalter durch die Galaxis beginnt. Die Erde wird zu Beginn des Romans gesprengt, weil sie einer intergalaktischen Autobahn weichen muss. Dabei war die Erde ein Riesencomputer, der nur dem einen Zweck diente, nämlich den Sinn des Universums zu berechnen.

Frau Nettesheim
Und was ist der Sinn des Universums?

Trithemius
42.

Frau Nettesheim
Dachte ich mir.

Trithemius
Ja, und in einem der Folgebände, „Das Restaurant am Ende des Universums“, schreibt Adams:

    „Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau rausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch etwas noch Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt. Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist.“

Frau Nettesheim
Witzig, sind Sie jetzt fertig? Denn ob das Universum im nächsten Augenblick durch noch etwas Irrwitzigeres ersetzt wird oder nicht, ich muss Kartoffeln schälen. Heute gibt es Buttermilchbohnensuppe.

Trithemius
Ich werde verrückt, Frau Nettesheim. Welch ein lukullischer Genuss erwartet mich. Wenn Sie mich fragen, ist mit Buttermilchbohnensuppe der Sinn des Universums erfüllt. Dann nur noch ganz kurz. Es ist mit allen Ideen so. Es gibt Vorreiter: Maler, Dichter, Musiker, Architekten, Philosophen und so weiter, die beglücken die Menschheit mit ihren Ideen. Doch im Laufe der Zeit nutzen sich die Ideen ab, werden zuerst epigonenhaft, dann manieristisch und zum Schluss gänzlich platt und banal. Was am Ende von der Idee noch übrig bleibt, ist so schaurig, dass man sich wünscht, die ursprüngliche Idee wäre niemals geboren worden. Nehmen Sie nur die architektonischen Ideen des Bauhaus. Die Epigonen und deren Nachfahren haben die Bauhaus-Architektur so missverstanden und verhunzt, dass nur noch der rechte Winkel übrig blieb, und was kam dabei heraus?

Frau Nettesheim
Plattenbauten.

Trithemius
Frau Nettesheim, ich liebe Sie. Niemand bringt die Dinge so auf den Punkt wie Sie. Und jetzt ran an die Kartoffeln!