Plausch mit Frau Nettesheim – Schwarzer Käfer

Trithemius
Uff, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim

Was?!

Trithemius
Seit dem Beinbruch ist mein Denken erlahmt, kreist nur noch schwach um Sachverhalte, an die ich gar nicht denken mag. Seit Tagen habe ich diesen fetten schwarzen Käfer vor Augen, der durch mein Bett im Horrorhaus gekrabbelt ist, als wäre er dort zu Hause.

Frau Nettesheim
Was kümmert Sie noch der Käfer? Sie sind dem Horrorhaus längst entkommen.

Trithemius
Wenn Astronomen im All ein unbekanntes Objekt entdecken, haben sie keine Ruhe, bis sie sich die Herkunft erklären können. Ebenso geht es mir, seit im Mikrokosmos meines Bettes der Käfer auftauchte.

Frau Nettesheim
Ich frage Sie lieber nicht nach dem Ergebnis der Theoriebildung.

Trithemius
Weil Sie eine Ignorantin sind?

Frau Nettesheim

Weil ich mir keine unappetitlichen Spekulationen anhören will.

Trithemius
Ich bin da schon weiter, hab mir gedacht, dass Franz Kafka vielleicht auch mal einen derartigen Käfer in seinem Bett fand, ihn hinausschnippste wie ich und anschließend träumte, dass er sich selbst in einen verwandelt hat … Schon wurde daraus Weltliteratur.

Frau Nettesheim
Also lassen Sie ab vom Käfer. Was man daraus machen konnte, ist schon geschrieben.

Trithemius
Das ist leichter gesagt als getan. Ich bin da quasi eingerostet und komme nicht los.

Frau Nettesheim
Sie übertreiben mal wieder. Erstens rostet Denken nicht ein und würde es, dann wäre die Korrosion durch eine leichte Erschütterung zu überwinden – wie früher bei einem stockenden Auto-Anlasser ein einziger Schlag mit dem Gummihammer reichte, um ihn wieder flott zu kriegen.

Trithemius
Jedenfalls bin ich froh, dass ein Ende meiner beschränkten Mobilität in Sicht ist und ich bald wieder mit anderen Eindrücken aufwarten kann, ohne an den fett glänzenden schwarzen Käfer zu denken, der in meinem Bett wohnte und auf den Leichenschmaus wartete. – Wo haben Sie den Gummihammer, Frau Nettesheim?

Plausch mit Frau Nettesheim – Wider den Nachtmahr

Frau Nettesheim
Ihr gestriger Text klang ein wenig beunruhigend. Die metaphorische Umschreibung des Pflegeheims ist zwar passend, doch achten Sie etwas auf Ihre geistige Verfassung!

Trithemius
Es fällt mir schwer, das Elend des Pflegeheims nicht an mich ranzulassen, Frau Nettesheim. Heute morgen kurz vor fünf ging die Tür auf und eine verwirrte Frau schob ihren Rollator in mein Zimmer. Nachdem ich ihr gesagt hatte, sie sei im falschen Zimmer, brabbelte sie etwas Unverständliches und schob wieder ab.

Frau Nettesheim
Das hat auch etwas Ulkiges, worüber Sie sich früher erheitert hätten.

Trithemius
Diese heitere Distanz fehlt mir noch, zumal sich gestern eine Nachtschwester vorstellte, die mir ein wenig verrückt vorkam.

Frau Nettesheim
Wie?

Trithemius
Sie redete mit lauter Stimme über meinen Kopf hinweg, wie es Menschen tun, die daran gewöhnt sind, dass man Ihnen nicht zuhört. Dann drängte sie mir ein Flasche Orangenlimonade auf, hängte mir die Klingel so, dass sie kurz vor meiner Nase baumelte, hörte gar nicht, dass ich weder das eine noch das andere wollte, ein Elend.

Frau Nettesheim
Alles für sich wenig schlimm. Sie hat’s nur gut gemeint.

Trithemius
Aber der Kontext, Frau Nettesheim. Wenn ich sowieso schon da liege und damit hadere, in welche Situation ich geraten bin, und dass ihr nicht zu entkommen ist, wenn ich nah daran bin zu verzweifeln angesichts von drei Wochen, die ich noch in der Einrichtung ausharren muss …

Frau Nettesheim
… Machen Sie sich auch noch selbst verrückt mit einem Text wie gestern. Sie unterschätzen die Macht der Selbstsuggestion. Beachten Sie das Positive. Denken Sie daran, wie viele liebe Menschen sich bemühen, Ihnen Ihre Lage erträglich zu machen! Suchen Sie nach den witzigen Aspekten Ihrer derzeitigen Situation. Sie werden sehen, das hilft.

Trithemius
Ach, Frau Nettesheim, da fällt mir grad nur ein Witz ein, der mir von irgendwo zugeflogen ist, wollen Sie hören? Er ist ganz kurz.

Frau Nettesheim
Nur zu.

Trithemius
Also: ‚Ich möchte ruhig im Schlaf sterben wie mein Großvater, nicht angstvoll schreiend wie seine Beifahrer.‘

Claus Kleber und die Spatzen – Wiedersehen mit Frau Nettesheim

Frau Nettesheim
Ist Ihnen die digitale Entgiftung gelungen, Trithemius?

Trithemius
Mir wurde bald klar, dass digital detox zu kurz greift. Deshalb habe ich in den vier Wochen der Kur so gut wie jedes Medium gemieden.

Frau Nettesheim

Sie haben mir eine Ansichtskarte geschickt.

Trithemius

Ganz auf Medien verzichten kann ja nur, wer als Waldmensch lebt. Ich habe Post verschickt, mich an Hinweisschildern und Plänen orientiert, Landkarten vom Bodensee betrachtet, auf die Uhr geguckt, Tagebuch geführt, einen Roman gelesen, manchmal sogar das Smartphone zur Fernkommunikation benutzt. Aber ich habe nicht in die Zeitungen geschaut, die im Leseraum herumlagen. Den Fernseher auf dem Zimmer habe ich nur einmal eingeschaltet und es sofort bereut. Ich presste die Fernbedienung und ging ins Bad. Da ertönte plötzlich die Stimme eines Verrückten, der ein Murmelbahnrennen moderierte: „Auf die Murmel, fertig los!“ Das kam mir vor wie ein Anschlag auf meine Murmel. Ich habe den Deppen flugs abgeschaltet. Das Internet habe ich gemieden, nur per Smartphone ab und zu ins Teestübchen geschaut.

Frau Nettesheim
Sie haben also auf tagesaktuelle Medien verzichtet.

Trithemius
Denen ist schwer zu entkommen. Am Anfang der zweiten Woche hieß es plötzlich, im Leseraum säße „kein geringerer als Claus Kleber.“ Und tatsächlich stand er tags drauf mit uns am Buffet. Ich habe ihn geflissentlich ignoriert. Aber andere machten Selfies mit ihm. Kleber („Ich habe Urlaub“) genoss seinen Prominentenstatus sichtlich, sonnte sich am Vormittag oft auf der Terrasse. Als er abgereist war, fand ich seinen Terrassenstuhl von Spatzen bekackt.

Frau Nettesheim
Trithemius! Das ist eine völlig unzulässige Verbindung. Spatzen wissen nichts von Claus Kleber oder Terrassenstühlen. Ich hätte auch ohne ihre despektierliche Äußerung gewusst, was Sie von ihm halten.

Trithemius
Sie meinen, die Spatzenkacke ist nicht die Kritik der Sperlinge an der demagogischen Moderation des Heute-Journals?

Frau Nettesheim
„Für Spatzen ist er einfach nur ein Mensch.“

Trithemius
Das wage ich zu bezweifeln, Hohe Frau. Spatzen sind ja selbst im Nachrichtenwesen. Heißt es nicht von allseits bekannten Neuigkeiten: „die Spatzen pfeifen sie von den Dächern?“

Frau Nettesheim
Sie halten Claus Kleber doch gar nicht für einen Nachrichtenmann. Was er macht, sei Infotainment, die Verwischung der Grenzen zwischen Information und Meinung.

Trithemius
Ich weiß schon, warum ich die tagesaktuellen Medien vier Wochen gemieden habe. Ich war vom aufgeregten Tuten, Tröten und Trompeten schon ganz närrisch und habe die Ruhe genossen. Und wissen Sie, was das Beste war?

Frau Nettesheim
Woher denn.

Trithemius
Ich war nach den vielen sportlichen Aktivitäten meistens so müde, dass ich keine Lust mehr zum Denken hatte.

Frau Nettesheim
Das ist hoffentlich vorübergehend. Sie können nicht alles den Spatzen überlassen.

Plausch mit Frau Nettesheim – Dümmer als die Molche

Trithemius
Erinnern Sie sich noch an Karel Čapeks satirischen Roman „Der Krieg mit den Molchen“, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Natürlich. Die Besatzung eines Kolonialschiffs findet in den Küstengewässern Sumatras eine Gattung intelligenter Molche. Der Kapitän beginnt mit den Molchen einen Tauschhandel, indem er ihnen irgendwelchen Schund als Gegenwert für Perlen gibt.

Trithemius
Ich glaube, es waren Messer, mit denen die Molche die lästigen Haie bekämpfen konnten.

Frau Nettesheim
Ja, genau. Die Molche merken aber bald, dass sie übervorteilt werden und gucken sich den betrügerischen Handel und andere schändliche Verhaltensweisen von den Menschen ab, wodurch es zu Interessenskonflikten und später zum Krieg kommt. Wie kommen Sie jetzt auf den „Krieg mit den Molchen“, Trithemius?

Trithemius
Zufällig sah ich in der Show „Bares für Rares“ wie ein altes Ehepaar eine über Generationen vererbte kostbare goldene Taschenuhr verhökerte, anschließend stolz vor die Kamera trat und mit bedrucktem Papier wedelte.

Frau Nettesheim

Sie meinen Geldscheine. Das sind keine Glasperlen. Für Geld können sie etwas kaufen.

Trithemius
Messer vielleicht, falls sich im Vorgarten Haie tummeln, hehe. Ich muss immer schmunzeln, wenn die Leute den Tausch kostbarer Familienerbstücke gegen Geldscheine stereotyp begründen: „Damit es in gute Hände kommt“, weil das im Umkehrschluss die Selbsteinschätzung enthält, die eigenen wären schlechte Hände.

Frau Nettesheim
Natürlich, wenn die missratenen Urenkel verscherbeln, was von Generationen zuvor treulich gehütet wurde.

Trithemius
Ich habe mich ja hier schon mal negativ über „Bares für Rares“ ausgelassen. Aber gestern wurde mir klar, was in dieser populären Verkaufsshow eigentlich geschieht. Horst Lichter mit seiner Bande aus Experten und Händlern sammelt aus der mediengeilen Mittelschicht die seltenen Kostbarkeiten für reiche Sammler ein. Dass dazwischen auch Trödel verramscht wird, lenkt nur davon ab, wie hier teure Kulturgüter in die Hände der Oberschicht geschaufelt werden. Den Leuten bleibt nur mit Zahlen bedrucktes Papier, dessen Wert ja über Nacht durch den Kamin gehen kann.

Frau Nettesheim

Er mal wieder.

Edit: WOW! Der alte Editor ist weg! WordPress arbeite mit Fleiß daran, einem das Bloggen zu vermiesen. Ich habe nicht die geringste Lust, mich um den Gutenberg-Hirnriss zu kümmern. Der stiehlt mir Lebenszeit. Zähneknirsch! Vorerst gibt es hier nichts Neues mehr, liebe Freundinnen und Freunde.

Derweil wir schliefen – Traumzeit mit Frau Nettesheim

Trithemius
Wissen Sie, was ich letzte Nacht geträumt habe, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Woher denn? Wenn Sie es nicht wissen.

Trithemius

Ich hatte Aktienkurse manipuliert.
Frau Nettesheim
Ach so! Sie haben im Traum Aktienkurse manipuliert.

Trithemius

Genau. Und angestiftet hatte mich dazu ein mir bislang unbekannter verbrecherischer Schwippschwager. Der aber stürzte im Triumph über den gelungenen Scoop in den Tod.

Frau Nettesheim
Wie das?

Trithemius
Er war Hausbesitzer und hatte aus Geiz die Balkongitter an seinem Mietshaus nie auf Sicherheit überprüfen lassen. Also lehnte er sich gegen so ein Gitter, schaute schadenfroh auf die Welt, die er betrogen hatte, das Gitter brach ab, und er stürzte mitsamt Gitter auf die Straße. Als ich hinzukam, war er schon mausetot. Lange Nägel, die herausgestanden hatten, waren ihm ins Herz gedrungen, von seinem Körpergewicht hineingetrieben. “Nicht schlecht“, dachte ich. “Jetzt brauche ich den Aktiengewinn nicht mit ihm zu teilen.“

Frau Nettesheim
Sie hatten kein Mitleid?

Trithemius

Das war doch die gerechte Strafe für einen hartherzigen Mann. An der eigenen Gier verröchelt und so. Aber jetzt hatte ich Angst, die Sache allein durchstehen zu müssen. Denn die Aktienmanipulation war ein Ding der Mafia. Mir war klar, dass die Mafia es nicht dulden würde, dass sich einer auf ihre betrügerische Manipulation sattelt. Als Trittbrettfahrer, quasi.

Frau Nettesheim

Ein Trittbrettfahrer braucht keinen Sattel.

Trithemius

Wieso Sattel? Und wieso unterbrechen Sie mich dauernd, Frau Nettesheim? Ich weiß überhaupt nicht, was Sie mit einem Sattel wollen. Reden wir etwa über verfluchte Lederfetischisten? Oder Pferdemädchen?

Frau Nettesheim

Tut mir leid. Erzählen Sie weiter!

Trithemius

Jetzt habe ich keine Lust mehr. Es wurde noch spannend, aber das behalte ich lieber für mich. Die Mafia versteht keinen Spaß. Jedenfalls: Als ich aufwachte war es halb neun, und die Sonne stand falsch. Sie schien gülden aus dem tiefen Osten. Draußen war es viel zu ruhig für halb neun, und ich war noch sooo müde, kriegte die Augen kaum auf.

Frau Nettesheim

Gähn, wie spannend.

Trithemius

Da dachte ich: „Wat will die Welt von mir? Die tickt doch nicht richtig.“ Und hab mich erst mal drei Stunden in eine Eiswanne gelegt, damit die Welt sich wieder synchronisieren konnte. Als ich rauskam, war mein quadratischer Wecker umgefallen.

Frau Nettesheim
Während Sie im Eis gelegen haben, obwohl Sie überhaupt keine Wanne haben?

Trithemius

Nein, gestern Abend. Da hatte ich ihn wohl mal wieder falsch hingestellt. Und als ich gedacht hatte, es ist halb neun, war es in Wahrheit erst viertel nach sechs gewesen. Die Welt war also im Takt. Ich hätte mir die Eiswanne sparen und bis eben im kuscheligen Bett bleiben können.

Frau Nettesheim

Chaot! Und so einer will Aktien manipuliert haben, püh!

Trithemius
Das war mein SCHWIPPSCHWAGER!

Buttermilchbohnensuppe

Trithemius
sinnlos sinnlos sinnlos sinnlos sinnlos
sinnlos sinnlos sinnlos sinnlos sinnlos
sinnlos sinnlos sinnlos sinnlos sinnlos
sinnlos sinnlos sinnlos sinnlos
sinnlos sinnlos sinnlos
sinnlos sinnlos
sinnlos

Frau Nettesheim

Alles in Ordnung mit Ihnen?

Trithemius
Selbstverständlich, Frau Nettesheim. Ich teste mit dieser Schwindeformel, wie oft ich das Wort „sinnlos“ sagen kann, bevor es sinnlos wird.

Frau Nettesheim

Und? Es ist doch ein bekanntes Phänomen, dass die Lautfolge ihren Sinngehalt verliert, wenn man sie häufig hintereinander weg sagt.

Trithemius
Ja, Wörter nutzen sich ab, wie Sprachen und Ideen sich abnutzen. Denn der Mensch ist ein großer Banalisierer. Immerzu macht er aus Gold Scheiße, wenn ich das Wort Gold einmal frech benutzen darf.

Frau Nettesheim
Nur zu, Sie sagen sowieso, was Sie wollen. Doch was ist der aktuelle Anlass für Ihre Wortwahl?

Trithemius
Frau Nettesheim, im Blog-Universum fragt einer: „Stell dir mal vor, das Universum findet den Grund seines Seins – und hört somit auf zu existieren.“

Zu diesem banalen Eintrag bekommt er unzählige Kommentare. Eine fragt sogar, ob er Philosophie studiert hätte. Ich könnt mich beömmeln, denn dem ganzen liegt doch eine Idee von Douglas Adams zu Grunde. Sie wissen doch, in diesem satirischen SF-Zyklus, der mit Per Anhalter durch die Galaxis beginnt. Die Erde wird zu Beginn des Romans gesprengt, weil sie einer intergalaktischen Autobahn weichen muss. Dabei war die Erde ein Riesencomputer, der nur dem einen Zweck diente, nämlich den Sinn des Universums zu berechnen.

Frau Nettesheim
Und was ist der Sinn des Universums?

Trithemius
42.

Frau Nettesheim
Dachte ich mir.

Trithemius
Ja, und in einem der Folgebände, „Das Restaurant am Ende des Universums“, schreibt Adams:

    „Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau rausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch etwas noch Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt. Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist.“

Frau Nettesheim
Witzig, sind Sie jetzt fertig? Denn ob das Universum im nächsten Augenblick durch noch etwas Irrwitzigeres ersetzt wird oder nicht, ich muss Kartoffeln schälen. Heute gibt es Buttermilchbohnensuppe.

Trithemius
Ich werde verrückt, Frau Nettesheim. Welch ein lukullischer Genuss erwartet mich. Wenn Sie mich fragen, ist mit Buttermilchbohnensuppe der Sinn des Universums erfüllt. Dann nur noch ganz kurz. Es ist mit allen Ideen so. Es gibt Vorreiter: Maler, Dichter, Musiker, Architekten, Philosophen und so weiter, die beglücken die Menschheit mit ihren Ideen. Doch im Laufe der Zeit nutzen sich die Ideen ab, werden zuerst epigonenhaft, dann manieristisch und zum Schluss gänzlich platt und banal. Was am Ende von der Idee noch übrig bleibt, ist so schaurig, dass man sich wünscht, die ursprüngliche Idee wäre niemals geboren worden. Nehmen Sie nur die architektonischen Ideen des Bauhaus. Die Epigonen und deren Nachfahren haben die Bauhaus-Architektur so missverstanden und verhunzt, dass nur noch der rechte Winkel übrig blieb, und was kam dabei heraus?

Frau Nettesheim
Plattenbauten.

Trithemius
Frau Nettesheim, ich liebe Sie. Niemand bringt die Dinge so auf den Punkt wie Sie. Und jetzt ran an die Kartoffeln!

Frau Nettesheim langt zu


Frau Nettesheim

Nach so vielen guten Ratschlägen haben Sie Ihr SIM-Karten-Problem doch sicher lösen können, Trithemius?


Trithemius

. . .

Frau Nettesheim
Huhu, Trithemius!

Trithemius

Was los, junge Frau?

Frau Nettesheim
Ich habe Sie etwas gefragt.

Trithemius

Nichts gehört. In bestimmten Fequrenzbereichen höre ich kaum noch etwas, wie ein Hörtest ergab. Und wenn Sie ausgerechnet diese Frequenz für ihre Frage benutzen, muss ich sagen, das gibt mein Rundfunkempfänger nicht mehr her, der ja, wie Sie wissen, noch ein altes Röhrengerät ist. Mein Arzt sagt, nicht mehr auf allen Frequenzen zu hören, das wäre normal, wenn man ’nicht mehr zwanzig ist.‘ Bald käme ich in den Bereich, dass ein Hörgerät sinnvoll wäre.

Frau Nettesheim
„Nicht mehr zwanzig“ ist schön euphemistisch ausgedrückt.

Trithemius

Eine Lesebrille brauche ich schon seit 1998. Neuerdings auch eine für die Fernsicht. Dabei hatte ich mit 20 glatte 110 Prozent, weil ich auch die untere Zeile auf der Tafel lesen konnte. Das war bei der Bundeswehr. Sie hätten mich sicher zum Scharfschützen gemacht. Aber ich war Kriegsdienstverweigerer.

Frau Nettesheim

Er mal wieder.

Trithemius

Wissen Sie, was „er“ sich jetzt fragt? Ob es mit den anderen Sinnen auch bergab geht, wenn man nicht mehr 20 ist. Letztens habe ich mich über faden Geschmack der Lebensmittel beklagt und das den Nahrungsmittelproduzenten angelastet.

Frau Nettesheim

Mit ihrem Text „Das turmhohe Butterbrot in der Wüste des Schmeckens?“

Trithemius

Ganz genau. Vielleicht liegt es aber an mir. Gibt es entsprechend zu Brillen und Hörgeräten auch Geschmacksverstärker?

Frau Nettesheim

Ich kenne nur Glutamat.

Trithemius

Das Zeug, womit Sie alte Chinesin immer kochen?

Frau Nettesheim

Ich kann Ihnen auch eine langen. Das spüren Sie garantiert ohne Gefühlsverstärker.

Frau Nettesheim mal wieder

Trithemius
Mir wurde zugetragen, Frau Nettesheim, dass man die kurzen Beiträge von mir vermisse, und dass die Episoden von Jüngling der Schwarzen Kunst eher abschrecken. Das deckt sich mit der schwindenen Resonanz und den mählich sinkenden Aufrufen.

Frau Nettesheim

Wie ich Sie kenne, lassen Sie sich von Ihrem Ziel abbringen, das Manuskript diesmal zu Ende zu schreiben.

Trithemius
Die zum Ausdruck gekommene Geringschätzung haben gehabt zu sein mich irritiert.

Frau Nettesheim

So dass Ihr Sprachzentrum nicht mehr funzt? Sie wissen, dass ein Blog kein passendes Medium für eine Romanveröffentlichung ist.

Trithemius
Weiß ich das?

Frau Nettesheim

Sie haben doch in Gracians „Kunst der Weltklugheit“ gelesen: „Nie seine Sachen sehen lassen, wann sie erst halb fertig sind“

Trithemius
Ach ja, wie heißt es da noch?

Frau Nettesheim

„Nie seine Sachen sehen lassen, wann sie erst halb fertig sind
in ihrer Vollendung wollen sie genossen seyn. Alle Anfänge sind ungestalt und nachmals bleibt diese Mißgestalt in der Einbildungskraft zurück. Die Erinnerung, etwas im Zustande der Unvollkommenheit gesehn zu haben, verdirbt dessen Genuß, wann es vollendet ist. Einen großen Gegenstand mit Einem Male zu genießen, verwirrt zwar das Urtheil über die einzelnen Theile, ist aber doch allein dem Geschmack angemessen. Ehe eine Sache Alles ist, ist sie nichts: und indem sie zu seyn anfängt, steckt sie noch tief in jenem ihren Nichts. Die köstlichste Speise zubereiten zu sehn, erregt mehr Ekel als Appetit. Deshalb verhüte jeder große Meister, daß man seine Werke im Embryonenzustande sehe: von der Natur selbst nehme er die Lehre an, sie nicht eher ans Licht zu bringen, als bis sie sich sehen lassen können.“

Trithemius
Das trifft es aber nicht ganz, Frau Nettesheim. Jede veröffentlichte Episode und ist von mir sorgsam verfasst und redigiert, hat also den Embryonenzustand längst hinter sich gelassen, ist quasi für sich genommen rund.

Frau Nettesheim

Ich glaube, das Wissen, mit einem Kapitel nur einen Teil des Ganzen zu lesen, schreckt ab. Und Sie sind mit der Erzählung noch immer im 1. Lehrjahr. Zu ahnen, dass es drei Lehrjahre gibt, die noch durchlitten werden müssen, erinnert an den einschüchternden Blick auf einen Gipfel, den man ersteigen muss.

Trithemius
Also muss ich alleine hoch? Ohne ermunternde Worte vom Wegesrand? Niemand trägt mir den Radiergummi hinterher, keine ermuntert mich und beflügelt meinen Schritt, wenn der Weg zu steinig ist, keine labt mich mit köstlichen Worten und herzerfrischendem Esprit? Das wird ein einsamer Gang.

Frau Nettesheim

Ich heule gleich.

Trithemius
Entschuldigung, hohe Frau, das habe ich nicht gewollt. Ich werde wohl besser beides versuchen, mal Jüngling, mal kurzes Geplänkel. Abwechslung ist das Zauberwort.

Frau Nettesheim

Er mal wieder. Ob das gut geht?

Plausch mit Frau Nettesheim – Magical Mystery Tour

Trithemius
Interessanter Effekt, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Was?

Trithemius
Gestern hörte ich mir das Beatles-Album Magical Mystery Tour an, um mich in Erinnerungsstimmung zu bringen, denn es ist im Jahr meiner Gesellenprüfung erschienen. Ich erinnerte mich an einen Samstagmittag, als ich nach der Arbeit vor einem Kaufhaus vorbeikam, wo eine Cover-Band den Titelsong Magical Mystery Tour spielte, und zwar kurz nach der Veröffentlichung. Ich blieb eine Weile stehen und wunderte mich, wie gut die das Stück coverten. Namentlich der Schlagzeuger spielte nahezu perfekt, und dazu müssen Sie wissen, dass Ringo Starr ein weitgehend unterschätzter Schlagzeuger ist, in Fachkreisen aber nicht. Seine Rhythmen wurden über die Jahre immer anspruchsvoller.

Frau Nettesheim
Ajah? Sie wollten über einen interessanten Nebeneffekt reden.

Trithemius
„Nebeneffekt?“ Sie sind eine hoffnungslose Ignorantin, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Hallo? Sie können nicht erwarten, dass ich mich für Schlagzeugkünste interessiere, weil es das einzige „Instrument“ ist, das Sie je gespielt haben.

Trithemius
Na gut, es geht ja um das Album Magical Mystery Tour. Auf dem ist auch der Titel „Hello Godbye.“ Als ich das wieder hörte, fiel mir das Mädchen Annedore ein, mit dem ich damals kurze Zeit ging. Sie hatte einen speziellen süßlichen Geruch, der mich immer ein wenig abschreckte. Die Musik löste eine Ahnung des Geruchs aus, und das nach so langer Zeit, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Schreiben Sie also weiter am Jüngling der Schwarzen Kunst?

Trithemius
Ja, ich ziehe das jetzt durch, auch wenn die Kundinnen und Kunden über das einseitige Angebot weinen. Wenn ich nicht dranbleibe, wird das Manuskript nie fertig. Die Alternative wäre, dass ich mich in die Einsiedelei zurückziehe und gar nichts veröffentliche.

Frau Nettesheim
Derzeit ist der Zuspruch für Sie erfreulich positiv. Hoffentlich knicken Sie nicht ein, wenn der mal ausbleibt. Bedenken Sie, dass, wer nicht regelmäßig am Ball bleiben kann, vom zunehmenden Textumfang abgeschreckt wird.

Trithemius
Ich versuche, immer abgeschlossene Episoden zu posten, so dass man jederzeit in den Text einsteigen kann.

Frau Nettesheim
Heute nicht.

Trithemius
Ja, die Episode „Berieselung“ wäre zu lang. Da folgt noch der Einschub, wie Hannes die Toten im Alphabet begräbt. Ich wollte nicht, dass er mit untergeht, also nicht Hannes, der Einschub.

Frau Nettesheim
Es geht doch nichts über eine klare Sprache.

Plausch mit Frau Nettesheim – Smartphone auf Reisen

Frau Nettesheim
Ihr Smartphone ist wieder da?

Trithemius
Ja, seit gestern. Es hat eine geheimnisvolle Odyssee hinter sich, Frau Nettesheim. Ich hatte es in einem Ferienhaus in der Bretagne vergessen, was mir erst auffiel, während Freunde uns zum Bahnhof fuhren. Es war zu spät, noch einmal zurück zu fahren. Meine Begleiterin und ich hätten den TGV nach Paris verpasst. Die Freunde, die einige Tage länger in den Ferien verblieben sind, haben mir das Telefon zugeschickt. Doch es war einen Monat unterwegs, denn bei der Adresse stimmte die Postleitzahl nicht. Keine Ahnung, wo es überall gewesen ist. Jetzt habe ich mein Smartphone wieder; es ist aufgeladen und eingeschaltet, ich könnte froh sein, aber es macht mich ganz verrückt.

Frau Nettesheim
Soso, verrückt. Warum?

Trithemius
Nachdem ich mich daran gewöhnt hatte, kein Smartphone mehr zu besitzen, bin ich befremdet. Ich fühle mich, als würde ich am Schreibtisch sitzen und hinter mir stünden Türen offen. Ab und zu tritt für mich unsichtbar ein Bote in eine der Türen und ruft: „Eilige Post für Sie! Wollen Sie die Depesche beantworten? Ich warte!“ Da soll sich einer konzentrieren.

Frau Nettesheim
Depesche? Etwa übermittelt vom Deutschen Depeschendienst?“

Trithemius
Nein, die Nachrichten kommen von ganz normalen Leuten. Nicht Staatslenker nehmen mit mir Kontakt auf, um Handelsabkommen zu schließen, keine gekrönten Häupter erklären mir den Krieg, keine Botschaft eines Nachbarlandes warnt mich vor einer Flutwelle, weil am Oberlauf eines Flusses ein Staudamm gebrochen ist. Ich bin ja keiner von ihnen, bin auch nur ein normaler Mann. Folglich bekomme ich simple Nachrichten von ganz normalen Leuten.

Frau Nettesheim
Früher hätten Sie die Demokratisierung der Nachrichtenwege begrüßt.

Trithemius
Ganz früher vielleicht, als Sie noch gar nicht auf der Welt waren, Frau Nettesheim, sondern irgendwo auf dem Mond rumschwammen. Aber jedes Medium hat die Neigung sich mit Inhalten zu fülle. Bauen Sie eine Autobahn, bekommen Sie mehr Autoverkehr als Ihnen lieb ist, öffnen Sie Kommunikationskanäle, bekommen Sie eine Nachrichtenflut, die kein Mensch bewältigen kann. Jetzt habe ich den Salat: Hinter mir werden Türen aufgerissen und Benachrichtigungen gerufen. Geht Ihnen der feine Unterschied auf zwischen „Nachricht“ und „Benachrichtigung?“

Frau Nettesheim
Nicht, dass ich es referieren könnte.

Trithemius
Ich versuche es: Die Nachricht ist im Wortsinn eine Information, nach der man sich zu richten hat. Wenn die Wettervorhersage Regen ankündigt, richten Sie sich darauf ein und nehmen einen Schirm mit. Die Benachrichtigung ist die Ankündigung einer Information, etwa das Klingeln an der Wohnungstür, das Brummen des Mobiltelefons, die Tonfolge des E-Mail-Programms, wobei nicht klar ist, ob die eingehende Information eine Nachricht ist oder sonst was, etwa Werbung, nach der ich mich nicht richten will. Ständig ist man also damit beschäftigt, Benachrichtigungen auf ihre Relevanz zu prüfen. Das macht mich verrückt und meine Kommunikationsbereitschaft tendiert nach null.

Frau Nettesheim
Ein Glück, dass Sie dem Paketboten trotzdem aufgemacht haben. Sonst wäre Ihr Smartphone noch immer sonst wo.