Plausch mit Frau Nettesheim – Matsch in der Birne

Frau Nettesheim
Ich sehe Sie nicht arbeiten, Trithemius.

Trithemius

Heute nicht. Ich wurde wach mit Matsch in der Birne. Entsprechend schwer fällt mir, einen klaren Gedanken zu fassen. Den ganze Tag schon.

Frau Nettesheim
Woran liegts?

Trithemius

Woher soll ich das denn wissen? Was wissen wir schon über die geheimen Abläufe in Körper und Geist. Man meint, Herr über sich zu sein, doch letztlich ist man wie ein Jockey, der versucht, einen widerspenstigen Mustang zu reiten.

Frau Nettesheim
Und manchmal geht der Mustang durch.

Trithemius

So ist es, aber woher wissen Sie das, Frau Nettesheim? Sie sind doch eine fiktive, digitale Person.

Frau Nettesheim
Ich muss ja nur Sie beobachten, wie sie spontane „Entschlüsse“ fassen und beispielsweise ein Erzählprojekt starten, obwohl Sie eigentlich nur ein Fragment veröffentlichen wollten.

Trithemius

Das beende ich vorläufig.

Frau Nettesheim
Wieso? Sie haben Erwartungen geweckt.

Trithemius

So ist das eben. Nicht alle Erwartungen werden erfüllt.Ich bin erschöpft. Aus dem Wunsch, authentisch zu schreiben, rutsche ich emotional in die Handlung, finde mich plötzlich in einem imaginären Spa mit einer Frau, die ich kenne und doch nicht kenne. Der Icherzähler versucht ständig, die Macht über mich zu gewinnen. Das kann ich nicht zulassen.

Frau Nettesheim
Sie wollen lieber Sie selbst im Hier und Jetzt sein?

Trithemius

Genau, wollen Sie doch auch.

Frau Nettesheim
Sie sein? Ich kann mich bremsen.

Trithemius
Das zeigt es mal wieder, Frau Nettesheim. Wird Zeit, dass ich zeichne, wie sich mir Ihr wahrer Charakter hinter der schönen Fassade darstellt:

Frau Nettesheim
Unverschämtheit!

Werbeanzeigen

Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Über Nachrichten aus hinteren Kammern

Trithemius
Gestern habe ich ganz tief in mir gewohnt.

Frau Nettesheim

Wo bitte?

Trithemius
In den hinteren Kammern, nah an den unerforschten Bereichen des eigenen Selbst.
Frau Nettesheim
Was soll das sein?

Trithemius
Wenn Sie sich das menschliche Gehirn vergegenwärtigen ist es doch wie ein Haus, das an den Fels angebaut ist. Die vorderen Zimmer zur Straße hin kriegen Licht von außen, sind hübsch möbliert, gut aufgeräumt und bei den meisten so zivilisiert, dass man auch Besucher einlassen könnte. Da hält man sich meistens auf, denkt und fühlt, wie es einem der Alltag befiehlt. Selten verirrt man sich in die hinteren Zimmer. Da ist wenig Licht, und man kann Überraschendes finden, auch Sachen, die man lieber nicht ans Licht bringen wollte. Die Kammern dahinter sind in den Fels getrieben wie die Grottenwohnungen in der Nähe von Valkenburg. Da unterwegs zu sein, ist nicht ungefährlich. Man kann sich verirren und so. Glücklicherweise sind die Höhlen hintern diesen Felskammern mit einer schweren Tür verschlossen.

Frau Nettesheim

Und da haben Sie sich gestern aufgehalten?

Trithemius
Ich saß in einem der letzten zivilisierten Zimmer. Da war mir egal, was draußen auf der Straße vor sich ging.

Frau Nettesheim

Sie hockten also im Hinterzimmer. Was hat Sie dahin verschlagen?

Trithemius
Abkehr von der Welt. Muss auch mal sein. Dass man nicht dauernd auf die Straße rennt und das Gedränge draußen durch seine Anwesenheit vergrößert. Und dann musste ich doch los, um ein paar Sachen zu erledigen. Und wissen Sie, was ich da gehört habe, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim

Woher denn?

Trithemius
Im Schreibwarenladen hielt eine alte Frau durch umständliche Verrichtungen den Verkehr auf, so dass sich die Kunden in dem kleinen Laden knubbelten. Sie hatte den knappen Raum noch mit ihrem Rollator zugestellt. Daran hing ihre Tasche. Als sie ihre Sachen wegpackte, mahnte sie sich selbst zur Eile und zwar mit den Worten: „Hau rein, is Tango!“ Den Spruch hatte ich schon ewig nicht gehört. Er stammt aus den hinteren Räumen unserer Sprache, da ganz tief, bevor sie in Höhlen übergeht.

Frau Nettesheim
[beiseite]
Er übertreibt mal wieder, nur um einen passenden Schluss zu finden.

Plausch mit Frau Nettesheim – Über 30 Handgriffe


Frau Nettesheim

Warum schreiben Sie nichts, Trithemius?

Trithemius
Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Zu großes Durcheinander im Kopf.

Frau Nettesheim
Ihre innere Unordnung spiegelt die äußere. Machen Sie Ordnung. Im Moment genügen noch 30 Handgriffe.

Trithemius
Denken Sie nur, Frau Nettesheim, ich habe endlich wiedergefunden, woher das Aufräumspiel der 30 Handgriffe stammt.

Frau Nettesheim
Sie propagieren das schon so lange, dass ich dachte, es ist Ihre Erfindung.

Trithemius
Nein! Es stammt vom Schriftsteller und Journalisten Eugen Skasa-Weiß. Gelesen habe ich das Aufräumspiel in „Von hinten besehen“, einer Sammlung von Feuilletons aus „Cottas Bibliothek der Moderne, erschienen 1984. Skasa-Weiß gilt als ein Meister des klassischen Feuilletons, dieser journalistischen Stilform, die im Plauderton gehalten ist. Das Aufräumspiel der 30 Handgriffe ist eine Form der Selbstköderung. Es lässt Raum für Wandlungen zu, indem je nach Arbeitsaufwand entschieden werden kann, was man als einen Handgriff definiert. Sich lästiger Arbeiten spielerisch zu entledigen, ist überhaupt die ganze Lebenskunst.

Frau Nettesheim
Darin dilettieren Sie aber, Trithemius.

Trithemius
Ja, danke, dass Sie das in aller Öffentlichkeit sagen, Frau Nettesheim.

 

Nächtlicher Plausch mit Frau Nettesheim


Trithemius

Raten Sie mal, wer heute Nacht im Bett geschlafen hat, Frau Nettesheim!

Frau Nettesheim

Ich und vermutlich Millionen andere Deutsche.

Trithemius
Unter anderem auch ich, von 1 Uhr 30 bis 3 Uhr 50.

Frau Nettesheim

Die Nacht ist deutlich länger.

Trithemius
Ja, aber, ich habe mich um 23 Uhr etwa in den Sessel gesetzt und bin dann eingeschlafen. Als ich um halb zwei Uhr wach wurde, konnte ich nicht mehr sitzen und habe mich mutig ins Bett gelegt, zum ersten Mal seit zwei Wochen.

Frau Nettesheim

Sind aber bald schon aufgewacht.

Trithemius
Nach einem interessanten Traum.

Frau Nettesheim

Interessant? Was für ein nichtssagendes Wort. Was träumten Sie denn?

Trithemius
Ich traf ein bei einem Doktoranden-Seminar. Es fehlte noch die ominöse Frau Vivaldi. Einige junge Frauen erzählten dem Professor, die Vivaldi habe draußen aus dem kiesbedeckten Flachdach ihren Modeschmuck, einen Armreif im Wert von 10.000 Euro, verloren. Der Professor stöhnte auf: „Die Vivaldi schon wieder!“
Derweil ich mir an den ringförmig aufgestellten Tischen einen Platz suchte, traf Frau Vivaldi ein, begleitet von einer schönen, etwa kniehohen Androidin.

Frau Nettesheim

Die Vivaldi mal wieder! Immer muss sie von sich Aufhebens machen. Können Sie nichts Besseres träumen?

Trithemius
Na erlauben Sie mal, Frau Nettesheim. Wie soll das gehen? Soll ich das Seminar etwa von einer Einheit der Traumpolizei stürmen lassen, um Frau Vivaldi rauszuwerfen aus meinem Traum? Weil Sie Ihnen nicht passt? Reiche haben auch Rechte. Und außerdem vermittelt Frau Vivaldi eine Idee, für die man sie und mich als ihr Chronist dereinst loben wird.

Frau Nettesheim

Das wüsste ich aber.

Trithemius
Weil Sie eine Ignorantin sind, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim

Pah! Welche Idee denn?

Trithemius
Kleine Androiden. Wenn man demnächst lebensechte Androiden bauen kann, die mittels KI auch noch viel klüger sind und alles viel besser können als Menschen, wird man weltweit ein Gesetz erlassen, eine Erweiterung von Isaac Asimovs Roboter-Gesetzen, nämlich dass Androiden nur kniehoch sein dürfen.

Frau Nettesheim

Wozu?

Trithemius
Damit kein Android sich als Mensch tarnen kann und der Mensch seine Überlegenheit behält.

Frau Nettesheim

Gähn! Und dafür müssen Sie mich mitten in der Nacht wecken.

Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Atempause

Frau Nettesheim
Gewähren Sie mal eine Atempause, Sire!

Trithemius
Warum, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Weil Sie das Teestübchen gerade in den Keller schreiben. Die immer seltener vorbeikommenden Besucherinnen und Besucher des Teestübchens verstummen, und ich habe die Vision, dass sie den Kopf einziehen wie unter einem plötzlichen Wolkenbruch und hoffen, dass es bald vorbei ist mit dem Fragment.

Trithemius
Ich kann es nicht ändern. Einmal muss ich mal was Längeres zu Ende bringen, nicht nur so kurzatmige Texte schreiben.

Frau Nettesheim
Aber ist das Blog dafür ein passendes Medium?

Trithemius
Natürlich nicht. Aber ich kann nicht beides, kann nicht in Ruhe an einem längeren Manuskript arbeiten und zudem noch irgendwas bloggen. Das schaffe ich zeitlich und emotional nicht.

Frau Nettesheim
Warum emotional?

Trithemius
Sie wissen doch, Frau Nettesheim, dass ich in meinen Texten lebe. Wenn ich eine neue Welt erdenke, zieht es mich unweigerlich hinein, und die Grenzen zwischen tatsächlich erlebter Realität und fiktionaler Realität verwischen.

Frau Nettesheim
Kein Wunder, wenn Sie auch immer Fakten mit Fiktion vermischen.

Trithemius
Magischer Realismus, Frau Nettesheim. Ich glaube, anders kann ich es gar nicht mehr. Damit ich mich nicht verliere, hoffe ich zwischendrin immer mal auf eine Rückmeldung.

Frau Nettesheim
Sie können nicht erwarten, dass jemand den immer länger werdenden Text liest.

Trithemius
Ist überhaupt nicht nötig. Jedes Kapitel ist in sich geschlossen und steht nur im losen Zusammenhang zum vorangehenden. Nicht mal die Reihenfolge ist wichtig. Ich habs doch schon beim PentAgrion so gemacht. Da hatte ich freilich mehr Rückmeldung aus der Leserschaft.

Frau Nettesheim
Gehts denn ohne?

Trithemius
Erinnern Sie sich an A.S. Neills Roman „Die grüne Wolke?“

Frau Nettesheim
Ist in eine Erzählsituation eingebettet. Neill erzählt den Roman den Schülerinnen und Schülern von Summerhill.

Trithemius
Genau, interaktives Schreiben! Und nach jedem Kapitel wird kritisiert, mal ist es nicht spannend genug, mal fehlt dies, mal das. Für Neill immer der Ansporn, die Geschichte zu entwickeln.

Frau Nettesheim
Dann übernehme ich jetzt mal den Part. In Ihrer Geschichte fehlt eine Frau.

Trithemius
Gut, wird geliefert.

Frau Nettesheim
Wenn das mal keine Feministin liest.

Ferbesserter Plausch mit Vrau Nettesheim – Felherwoche im Teestübchen (1)

Trithemius
Meine Texte werden immer besser.

Frau Nettesheim
Was Sie nicht sagen, Sie selbstgefälliger Teestübchenheini.

Trithemius
Ich muss doch sehr bitten, Frau Nettesheim. So meinte ich das nicht. Meine Texte werden besser, weil ich nach der Veröffentlichung noch so manchen Fehler finde und ihn ausmerze. Wobei „Ausmerzen“ ein durchaus hässliches Wort für eine erfreuliche Möglichkeit ist, die uns die digitale Publikationsform beschert.

Frau Nettesheim
Wegen MERZ und Ihrer Begeisterung für den Merzkünstler Kurt Schwitters.

Trithemius
Sie machen mir Spaß, Frau Nettesheim. Zuerst beleidigen Sie mich grundlos, und dann gehen Sie einfach darüber hinweg.

Frau Nettesheim
Nun haben Sie sich nicht so. Was hätten Sie denn gedacht, wenn Ihnen jemand gesagt hätte: „Meine Texte werden immer besser“?

Trithemius
Ich hätte überlegt, ob die Aussage stimmt. Er/Sie hätte schließlich Recht haben können. Wer viel im Internet publiziert, dessen/deren Texte werden zwangsläufig besser, Schreiben will trainiert sein. Wer hätte sich früher hingesetzt und einfach Text für Text geschrieben, um sie anschließend in der Schublade zu verwahren?

Frau Nettesheim

Einige haben Tagebuch geschrieben wie Sie auch.

Trithemius
Ja, aber die Tagebuchtexte sind anders, nur an einen selbst gewandt.

Frau Nettesheim
Abgesehen von den Tagebüchern eitler Schranzen, die später gedruckt werden sollen.

Trithemius
Jedes neue Medium füllt sich selbst mit Inhalten, weil es Möglichkeiten bietet, die vorher vermisst wurden. Die Demokratisierung der technischen Schrift durch das Internet provoziert neue Texte, einmal rückbezügliche, auf das Medium bezogen, einmal auf das Leben bezogen.

Frau Nettesheim
Das ist auch ein rückbezüglicher Prozess, denn das Leben verändert sich durch das Medium Internet.

Trithemius
In der Tat. Ich brauche kein Tipp-Ex mehr und muss mich nicht mehr über meine gedruckten Fehler ärgern. Der Druckfehlerteufel hat schwer an Macht eingebüßt, Frau Nettesheim. Jedes Mal wenn ich einen Fehler im Blog korrigiere, erfüllt mich das mit Genugtuung. Es ist eine Sorte Reinigung, ebenfalls rückbezüglich. Ich habe das schöne Gefühl, zusammen mit meinen Texten immer besser zu werden.

Frau Nettesheim

Jetzt fängt der schon wieder so an.

Plausch mit Frau Nettesheim – über einen vergessenen Geburtstag

Frau Nettesheim
Wie kann es sein, dass Sie einen so wichtigen Geburtstag vergessen, Trithemius?

Trithemius
Weiß ich doch auch nicht. Ich bin untröstlich. Aber wissen Sie, was ich besonders blöd finde?

Frau Nettesheim
Sie werden es mir sagen müssen. So gut bin ich auch nicht in Ihrem Kopf zu Hause.

Trithemius
Dass mir der vergessene Geburtstag mit neun Tagen Verspätung einfällt, unter höchst seltsamen Umständen. Ich werde wach um 4:30 Uhr, habe von der Fußballnationalmannschaft geträumt, die aus lauter Überheblichkeit ein Fußballspiel verliert, und wie ich mich noch über mein nächtliches Dasein als Fußballfan wundere, fällt mir siedend heiß der Geburtstag ein.

Frau Nettesheim
Schon kurios, dass es erst nach neun Tagen bei Ihnen siedet.

Trithemius
Ich wusste doch überhaupt nicht, welches Datum wir haben.

Frau Nettesheim
Sie haben drei Kalender an der Wand, Smartphone, Tablet und Computer zeigen Ihnen Datum und Uhrzeit an, und da kennen Sie das aktuelle Datum nicht?

Trithemius
Ich muss es doch nicht mehr wissen, Frau Nettesheim. Niemand fragt mich danach. Nicht mal ein verirrter Zeitreisender, der mir zufällig über den Weg läuft. Stellen Sie sich einen rasch dahin strömenden Gebirgsbach vor. Früher befand ich mich in der Flussmitte und wurde von der Strömung mitgerissen, und jedes mal wenn ich mit dem Kopf an einen Stein schlug, wurde ich mir der Zeitläufte bewusst. Mit meiner Pensionierung wurde ich zum Ufer abgetrieben und landete in einer kleinen Bucht. Dort ist die Strömung gering und gefangen, kann das Wasser nur langsam kreisen lassen, immer schön rund in der Bucht. Und da dümpele ich rum.

Frau Nettesheim
Vergeht die Zeit für Sie langsamer oder kommen Sie nicht mehr hinterher?

Trithemius
Beides und alles durcheinander. Letztens habe ich meine Putzhilfe angerufen und um die Verschiebung des Putztermins gebeten, weil ich dachte, an diesem Tag einen Termin zu haben, was sich aber als falsch erwies. Der Termin war schon in der Woche zuvor gewesen. Offenbar will irgendwas in mir das Voranschreiten der Zeit ignorieren.

Frau Nettesheim
Aber was hindert Sie daran, sich ab und zu des Datums zu versichern? Sie haben es doch ständig vor Augen. Da rechts unten auf dem Bildschirm steht es:

Trithemius
Sinnentleerung von Schrift, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Wie meinen?

Trithemius
Täglich sehen wir Texte, die keine Information bereithalten. Wenn ich das Fenster der Internetverbindung aufklappe, steht da Flugzeugmodus. Ich fliege nicht, also muss ich die Botschaft ignorieren. Kein Wunder, wenn ich auch die Datumsangabe ignoriere. Im Teestübchen-Header steht noch immer „Mai 2018“, was offenbar auch niemandem störend aufgefallen ist.

Frau Nettesheim
Es ist trotzdem die altbekannte redaktionelle Schlamperei!

Trithemius
Ja, aber ich kann nichts dafür. In meiner stillen Bucht ist noch Mai.