Plausch mit Frau Nettesheim – Smartphone auf Reisen

Frau Nettesheim
Ihr Smartphone ist wieder da?

Trithemius
Ja, seit gestern. Es hat eine geheimnisvolle Odyssee hinter sich, Frau Nettesheim. Ich hatte es in einem Ferienhaus in der Bretagne vergessen, was mir erst auffiel, während Freunde uns zum Bahnhof fuhren. Es war zu spät, noch einmal zurück zu fahren. Meine Begleiterin und ich hätten den TGV nach Paris verpasst. Die Freunde, die einige Tage länger in den Ferien verblieben sind, haben mir das Telefon zugeschickt. Doch es war einen Monat unterwegs, denn bei der Adresse stimmte die Postleitzahl nicht. Keine Ahnung, wo es überall gewesen ist. Jetzt habe ich mein Smartphone wieder; es ist aufgeladen und eingeschaltet, ich könnte froh sein, aber es macht mich ganz verrückt.

Frau Nettesheim
Soso, verrückt. Warum?

Trithemius
Nachdem ich mich daran gewöhnt hatte, kein Smartphone mehr zu besitzen, bin ich befremdet. Ich fühle mich, als würde ich am Schreibtisch sitzen und hinter mir stünden Türen offen. Ab und zu tritt für mich unsichtbar ein Bote in eine der Türen und ruft: „Eilige Post für Sie! Wollen Sie die Depesche beantworten? Ich warte!“ Da soll sich einer konzentrieren.

Frau Nettesheim
Depesche? Etwa übermittelt vom Deutschen Depeschendienst?“

Trithemius
Nein, die Nachrichten kommen von ganz normalen Leuten. Nicht Staatslenker nehmen mit mir Kontakt auf, um Handelsabkommen zu schließen, keine gekrönten Häupter erklären mir den Krieg, keine Botschaft eines Nachbarlandes warnt mich vor einer Flutwelle, weil am Oberlauf eines Flusses ein Staudamm gebrochen ist. Ich bin ja keiner von ihnen, bin auch nur ein normaler Mann. Folglich bekomme ich simple Nachrichten von ganz normalen Leuten.

Frau Nettesheim
Früher hätten Sie die Demokratisierung der Nachrichtenwege begrüßt.

Trithemius
Ganz früher vielleicht, als Sie noch gar nicht auf der Welt waren, Frau Nettesheim, sondern irgendwo auf dem Mond rumschwammen. Aber jedes Medium hat die Neigung sich mit Inhalten zu fülle. Bauen Sie eine Autobahn, bekommen Sie mehr Autoverkehr als Ihnen lieb ist, öffnen Sie Kommunikationskanäle, bekommen Sie eine Nachrichtenflut, die kein Mensch bewältigen kann. Jetzt habe ich den Salat: Hinter mir werden Türen aufgerissen und Benachrichtigungen gerufen. Geht Ihnen der feine Unterschied auf zwischen „Nachricht“ und „Benachrichtigung?“

Frau Nettesheim
Nicht, dass ich es referieren könnte.

Trithemius
Ich versuche es: Die Nachricht ist im Wortsinn eine Information, nach der man sich zu richten hat. Wenn die Wettervorhersage Regen ankündigt, richten Sie sich darauf ein und nehmen einen Schirm mit. Die Benachrichtigung ist die Ankündigung einer Information, etwa das Klingeln an der Wohnungstür, das Brummen des Mobiltelefons, die Tonfolge des E-Mail-Programms, wobei nicht klar ist, ob die eingehende Information eine Nachricht ist oder sonst was, etwa Werbung, nach der ich mich nicht richten will. Ständig ist man also damit beschäftigt, Benachrichtigungen auf ihre Relevanz zu prüfen. Das macht mich verrückt und meine Kommunikationsbereitschaft tendiert nach null.

Frau Nettesheim
Ein Glück, dass Sie dem Paketboten trotzdem aufgemacht haben. Sonst wäre Ihr Smartphone noch immer sonst wo.

Plausch mit Frau Nettesheim – Am Paketband knibbeln

Frau Nettesheim
Vielleicht sind Sie nur faul, Trithemius. Oder wie nennen Sie das, innerhalb eines Monats gerade einen Text zu veröffentlichen?

Trithemius
Erholung? Ferien? Urlaub? Schöpferische Pause? Wussten Sie, Frau Nettesheim, dass Urlaub von erlauben abstammt? Urlaub ist die Erlaubnis, nichts zu tun. Und weil ich mein eigener Chef bin, habe ich mir den Urlaubsschein selbst ausgestellt. Hätte ich Sie um Erlaubnis fragen müssen?

Frau Nettesheim
Das hier ist ein freies Weblog.

Trithemius
Warum spekulieren Sie dann, ob ich vielleicht nur faul wäre? Es ist wie bei einer Rolle Paketband. Ich kann einfach den Anfang nicht finden.

Frau Nettesheim
Sie haben eine Schreibblockade.

Trithemius
Scheint so. Wäre ich ein angestellter Schreiberling, dessen Urlaub geendet hat, müsste ich einfach loslegen, aber als freier Mann … Ich bringe lieber Altglas zum Container.

Frau Nettesheim

Übernehmen Sie sich nicht! Am Ende sind Sie schon wieder urlaubsreif.

Trithemius
Sie haben Recht, Frau Nettesheim. Ich lege mich dann besser gleich was aufs Ohr.

Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Feinripp trumpft

Frau Nettesheim
Sie kennen den Unterschied zwischen einem Amateur und einem Profi, Trithemius?

Trithemius

Natürlich kenne ich den Unterschied. Aber sagen Sie es mir, werte Frau Nettesheim!

Frau Nettesheim

Der Profi macht fertig, was er angefangen hat.

Trithemius

Soll das etwa eine Anspielung sein, Frau Nettesheim? Wollen Sie mir das Amateurhafte unterstellen, mich quasi mangelnder Professionalität zeihen, etwa sagen, dass ich herum dilettiere?

Frau Nettesheim

Immerhin erinnere ich mich an mindestens drei Projekte aus der letzten Zeit, deren Enden noch lose herumbaumeln: die Forschungsreise, das Romanfragment Mit der Hand gesetzt und jetzt die Erzählung Auf dem Gang. Tiefer will ich nicht graben, sonst fliegt mir ihr Dilettantismus um die Ohren wie aufgewirbelter Kellerstaub.

Trithemius

Hallo? Was meckern Sie da, Frau Nettesheim? Angenommen, in der Bäckerei sitzt ein Arbeiter, meinetwegen ein Maurer oder Anstreicher, trinkt einen Kaffee und isst ein Pausenbrot. Gehen Sie da hin und schimpfen den Mann unprofessionell, nur weil er sein Tagewerk unterbrochen hat?

Frau Nettesheim

Wie käme ich dazu, ein ehrlicher Handwerksmann hat meinen Respekt.

Trithemius

Aha! Aber mich schelten Sie, wenn ich mal Pause mache.

Frau Nettesheim

Das ist etwas anderes.

Trithemius

Etwas anderes? Nur weil ich nicht dienen kann mit Männerschweiß und Feinripp-Unterhemden? Sie denken vielleicht, dass hier ein intellektueller Unterschied vorliegt. In Wahrheit geht es um das Fließen von Körpersäften. Da kriegt ein Ihnen völlig unbekannter Maurer ihre Sympathie, aber ich muss mich schurigel lassen.

Frau Nettesheim

Meine Sympathie haben Sie doch auch. Ich sorge mich nur, wenn Sie sich verzetteln.

Trithemius

Ich verzettele mich? Was sollen die Kundinnen und Kunden denken? Zur Strafe schreibe ich Ihre Antwort gar nicht mehr auf.

Einfach nur dasitzen

Trithemius
Eine meiner Lieblingstätigkeiten, wird Sie wundern, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim

Löcher in die Luft starren?

Trithemius

Fast. Meine liebste Tätigkeit ist Untätigkeit.

Frau Nettesheim

Nicht, dass es Ihnen ergeht wie dem Grafen Oblovmow des Iwan Gontscharow, dass Sie nicht mehr herausfinden aus der Trägheit. Müßiggang ist aller Laster Anfang!

Trithemius

Kommen Sie mir nicht mit Ihrer evangelischen Arbeitsethik. Ein andere Russe, Anton Tschechow, schreibt: „Das Leben stimmt nicht mit der Philosophie überein: Es gibt kein Glück ohne Müßiggang, und nur das Nutzlose bereitet Vergnügen.“

Frau Nettesheim

Von nichts kommt nichts.

Trithemius

Jaaa, gnädige Frau. Trotzdem mag, ich einfach nur dazusitzen und nichts zu wollen. Wie heute Morgen. Schaue ich von meinem Frühstücksplatz zum linken Fenster hinaus, fällt mein Blick durch das Gitter von Josies Palmwedeln. Ich habe Josie aufgerichtet und abgestützt, und jetzt zeigen sich wieder prächtige grafische Überschneidungen der Wedel in dunkelgrün, vor der Helle des Tageslicht fast schwarz. Dahinter das saftig grüne Laub der Eiche, in verschiedenen Schattierung je nach Lichteinfall, wie ihre Zweige sich sanft im Wind wiegen und Lücken lassen für die Himmelsbläue. Durch das mittlere Fenster schaue ich auf die Vogelkirsche. Derzeit ist sie bestäubt mit im Sonnenlicht blendend weißen Blüten. Das Fenster zur Straße zeigt mir die halb von Laub verdeckte Hausfront des großen Hauses schräg gegenüber mit seinen roten Klinkern und den weißen Fensterlaibungen. Und am Tisch sitze ich, hab gefrühstückt, den letzten Schluck Kaffee genommen und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein.

Frau Nettesheim

Sie sind doch Atheist, Sie Trollo.

Trithemius

Das ist mir in diesem friedlichen Augenblick egal. Einfach dasitzen, die Gedanken spazieren zu lassen, das ist herrlich. Da kann ich mich gar nicht dazu überreden, den Zustand der Untätigkeit zu beenden. Schon das Überreden ist ja Tätigkeit und ich kann mich nicht mal überreden, mich zu überreden.

Frau Nettesheim

Jetzt wird’s kompliziert. Wie viele Instanzen gibt es da in Ihrem Kopf?

Trithemius

Keine Ahnung, ich habe ja immer nur mit Ihnen und den anderen Unterbeamten zu tun. Wie die Hierarchie darüber aussieht, weiß ich nicht. Jedenfalls ist man derzeit sowohl in der unteren als auch in der oberen Tätigkeitveranlassungsbehörde ziemlich verschnarcht. Ob in den Büros hinter den dunklen Eichentüren überhaupt etwas passiert, also irgendeine Form von Aktivität ist, weiß man nicht. Vielleicht sitzen alle glückselig da, ohne etwas zu wollen, und keine Vorgesetzten, die sie zur Arbeit ermahnen. Oder alle sind im Home-Office, schauen zum Fenster hinaus auf das saftig grüne Laub der Bäume. Und sie sehen die halb von Laub verdeckte Hausfront des großen Hauses schräg gegenüber. Hinter dessen Fenster sitze ich und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein.

Frau Nettesheim

Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Mir wird gleich schwindlig.

Plausch mit Frau Nettesheim – Human Interest


Trithemius
Was muss ich da lesen, Frau Nettesheim!? Himmel hilf!

Frau Nettesheim

Warum diese Anrufung, Trithemius? Sie sind doch Atheist.

Trithemius

Eine fürchterliche Nachricht: Wolfgang Schwalm, der jüngere der Wildecker Herzbuben, ist unheilbar herzkrank. Und zu allem Überfluss leidet Wilfried Gliem, sein 73-jähriger Sangespartner, an Herzinsuffizienz.

Frau Nettesheim

Man hat es bei den schwer adipösen Männern erwarten können.

Trithemius

„Schwer adipöse Männer“ gelten doch bei Frauen Ihrer Nachkriegsgeneration als stattliche Mannsbilder, Frau Nettesheim, weil sie Wohlstand und Gemütlichkeit verkörpern.

Frau Nettesheim

Ich gebe Ihnen gleich „Nachkriegsgeneration. Sie unverschämter Rabulist stellen eine Behauptung auf und liefern gleich eine Begründung mit, so dass niemand an der Behauptung mehr zweifelt. Ihre eristischen Kniffe sind unterste Schublade.

Trithemius

Aber die Wildecker Herzbuben!

Frau Nettesheim

Sind Ihnen herzlich egal. Was haben Sie mit denen am Hut?

Trithemius

Wegen der sprachmagischen Komponente in der Erkrankung. Nennen sich „Herzbuben“, sangen das Lied „Herzilein“ und sind beide herzkrank.

Frau Nettesheim

Aber Trithemius! Wollen Sie mir die Zeit stehlen? Der Gedanke gibt doch nichts her.

Trithemius

Ich suchte nur nach einem unverfänglichen Thema. Denn eigentlich könnte ich reinhauen.

Frau Nettesheim

Wohin?

Trithemius

In unsere verkommene Medienlandschaft. Das staatstragende Geschwätz, derweil unsere demokratischen Grundrechte in Grund und Boden verordnet wurden, das Tuten und Blasen halbgarer Fakten und wie unser Mainstreamjournalismus die Virologen zu Medienstars aufgebaut hat. Am schlimmsten ist aber die faulige Darstellung der Realität. Nehmen Sie nur die Human-Interest-Storys, die uns die Vorabendmagazine wie „aktuelle Stunde“ (WDR), „Hallo Niedersachsen“ (NDR) und so weiter bieten. Weil man kaum noch ReporterInnen aussenden mag, nimmt man Familien aus dem eigenen Umfeld. Wir sehen, wie die gehobene Mittelschicht mit den Corona-Beschränkungen umgeht. Wie müssen sich Leute in einer engen Wohnung ohne Balkon und Garten verarscht vorkommen, wenn das Fernsehen ihnen Familien aus der weichgezeichneten Rama-Werbung vorführt, wie sie auf der besonnten Terrasse frühstücken, im Garten witzige Sportparcours aufgebaut haben, und es sich gut gehen lassen – mit dem einzigen Problem, nicht in den geplanten Urlaub fliegen zu können.

Frau Nettesheim

Ist die Luft jetzt raus? Denken Sie an die Herzbuben, Trithemius!

Trithemius
Nein! Erinnern Sie sich noch an den Milliardär Warren Buffett und seine Rede vom Klassenkampf der Superreichen? Es war nur die halbe Wahrheit. Die Corona-Krise entlarvt einen unterschwellig geführten Klassenkampf der Mittelschicht gegen das Prekariat. Die „fürsorglichen“ Einschränkungen zielen mit brutaler Härte auf die Ärmsten und Schwächsten.

Frau Nettesheim

Jetzt hat er es doch gesagt.

Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Rätselhafte Treppenwendung

Frau Nettesheim
Nicht immer nur schimpfen, Trithemius. Sie könnten auch würdigen, was alles gut ist derzeit.

Trithemius
Ja, gestern wurden mir von zarter Hand die Haare geschnitten, quasi ambulant.

Frau Nettesheim
Aha. Ich dachte schon, Sie wären die Treppe hinunter gefallen.

Trithemius
Wieso?

Frau Nettesheim
Weil Sie die Haare ungewohnt kurz tragen.

Trithemius
Was hat ein Treppensturz mit meinem Haarschnitt zu tun?

Frau Nettesheim
Es ist eben eine landläufige Wendung.

Trithemius
„Landläufig?“

Frau Nettesheim
Man sagt das so daher. Das Wörterbuch der sprichwörtlichen Redensarten führt die Wendung auf, drückt sich aber um eine Erklärung. Auch im Internet kann es niemand schlüssig erklären. Einer gibt an, dass bei einer Kopfverletzung nach einem Treppensturz die Haare geschoren werden, um die Wunde zu versorgen.

Trithemius
Überzeugt Sie das? Mich nicht. Na, egal. Ich bin nicht auf den Kopf gefallen und ganz froh, dass die langen Löschen gekürzt sind. Grad bei höheren Außentemperaturen ist ein kühler Kopf ganz gut.

Frau Nettesheim
Als hätten Sie den je gehabt, wenn eine zarte Hand Sie berührt.

Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Büchse wie Dose

Frau Nettesheim
Ich vermisse Feingefühl, Trithemius.

Trithemius
Haben Sie es verlegt oder irgendwo verloren, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Nein, ich meinte Sie mit Ihrem gestrigen Trughaltestellentext. Als wäre alles nicht schon schwer genug, nutzen Sie den heiteren Aprilbrauch und quälen die Leute mit Problemen. Könnten Sie nicht einfach gute Laune verbreiten?

Trithemius
Soviel gute Laune habe ich grad auch nicht. Wenn ich die verbreite, kommen beim einzelnen nur homöopathische Dosen an.

Frau Nettesheim
Das wär’s doch schon, eine Dose gute Laune für jeden.

Trithemius
Hehe, Sternstunde des Wortspiels. Wussten Sie, Frau Nettesheim, dass Dosen in der DDR Büchsen hießen? Das Germanistische Institut der Universität Halle unterhielt in den 1990-er Jahren einen Deutsch-Deutschen Übersetzerdienst, der für gängige ostdeutsche Wörter die in Westdeutschland gebräuchlichen Synonyme anbot. Da konnte der irritierte Ostdeutsche anrufen und erfuhr, dass die Kaufhalle jetzt Supermarkt heißt und Bier nicht aus der Büchse getrunken wird, sondern aus der Dose.

Frau Nettesheim
Vielleicht schmeckt Bier aus der Dose einfach besser als aus der Büchse?

Trithemius
Das ist doch Quatsch. Wenn man den Leuten die Büchsen wegnimmt und stattdessen Dosen in die Hand drückt, dann ist das sprachlicher Imperialismus.

Frau Nettesheim
„Sprachlicher Imperialismus?“ Haben Sie es auch eine Nummer kleiner? Immerzu verpassen Sie den Phänomenen solche sich selbst beweisenden Begriffe.

Trithemius
Ich kann nicht anders. Wenn ich ahne, dass etwas nicht richtig ist, finde ich einen Begriff dafür und gebe meiner Ahnung Gestalt. Der Mensch braucht klare Sicht. Und im Fall Büchse-Dose zeigt sich ein altes Muster. Immerzu zwingen die Eroberer den Unterlegenen ihre Begriffe auf.

Frau Nettesheim
Sagten Sie nicht, der Deutsch-Deutsche Übersetzerdienst saß in Halle, also im Osten?

Trithemius
So kaschiert sich sprachlicher Imperialismus besonders hinterhältig, indem die eigenen Leute ihn vorantreiben. Sie und ich, wir als Binnenmigranten wissen, dass Sprache ein Stück Heimat ist. Den Leuten die Büchsen wegzunehmen und sie in Dosen umzutauschen, ist Vertreibung aus der sprachlichen Heimat.

Frau Nettesheim
Dosen sind sowieso umweltschädlich. Nicht umsonst gibt es ein Dosenpfand.

Trithemius
So ist sie halt, unsere Frau Nettesheim. Wenn sie argumentativ nicht mehr weiterkommt, macht Sie eine neue Büchse auf.

Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Über Satzarten

Frau Nettesheim
Wollen Sie eine Pause mit dem Corona-Report machen, Trithemius?

Trithemius

Eine Aufforderung in Form eines Fragesatzes. Mein alter Chef während meiner Lehre rief mich mit den Worten: „Du willst mal in die Druckerei kommen.“

Frau Nettesheim
Eine Aufforderung in Form eines Aussagesatzes. Sie wollen eine Pause mit dem Corona-Report machen, Trithemius.

Trithemius

So! Zu Befehl, hohe Frau. Aber Sie wollen sich meine Motive anhören: Als sich die Krise vor Tagen so rasant verschärfte, dachte ich, dass ich dokumentieren soll, wie sich unser Alltag verändert, denn wir wissen ja nicht, wie lange das so geht, was noch kommt und ob es uns gelingt, unbeschadet in die alten Verhältnisse zurückzukehren oder neue geregelte Verhältnisse zu schaffen.

Frau Nettesheim
Zum Glück bin ich eine literarische Kunstfigur und eher marginal beteiligt.

Trithemius

Ich will Ihnen ja nicht Ihre Illusionen nehmen …

Frau Nettesheim
Dann lassen Sie es! Sie wollen das Thema wechseln.

Trithemius

Gestern wurde ich von einer Dame von der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek (GWLB) – Niedersächsische Landesbibliothek gemahnt. Ich solle die Pflichtexemplare meiner Bücher zustellen.

Frau Nettesheim
Warum haben Sie das versäumt?

Trithemius

Weil ich dachte, dafür sei neobooks zuständig. Aber die liefern nur an die Nationalbibliothek. Sie wissen ja: Kulturhoheit der Länder und so. Ich wäre gerne zum Gebäude der GWLB gebummelt, worin ich noch nie gewesen bin, nur um zu sehen, wohin ich meine Bücher gebe.

Frau Nettesheim
Ach so. Entsprechend der Phrase: „Ich freue mich, wenn meine Sachen in gute Hände kommen.“

Trithemius

Sie gucken eindeutig zu viele Quatschsendungen im TV, Frau Nettesheim. Jedenfalls geht das nicht. Die GWLB hat bis zum 19. April geschlossen. Sie können sich denken, warum.

Frau Nettesheim
Dass es ein Datum gibt, finde ich irgendwie tröstlich.

Trithemius

Irgendwie? Ihre sprachliche Unsicherheit, Frau Nettesheim, zeigt mir, dass Sie ein bisschen neben der Spur sind.

Frau Nettesheim
Unverschämter Patron!

Plausch mit Frau Nettesheim – Dumm und dümmer


Trithemius
Was ist denn das für ein nasses Zeug, das da vom Himmel fällt, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Auf den Quatsch falle ich nicht rein, Trithemius.

Trithemius
Diente auch nur der Gesprächseröffnung. Ich wollte Sie etwas anderes fragen, aber nicht mit der Tür ins Haus und so. Als ich mir gestern Texte aus Band 2 des PentAgrion durchlas, fand ich, dass sie viel essayistischer waren, weniger erzählend. Glauben Sie, dass ich vor meinem Schlaganfall klüger war als ich heute bin?

Frau Nettesheim
Nein, Sie schrieben die essayistischen Passagen als PentAgrion. Der ist klüger als Sie. Eigentlich sind viele Figuren in Ihrem erzählerischen Kosmos klüger als Sie, auch Jeremias Coster. Sie schaffen Figuren, die klüger als Sie sind: PentAgrion, Coster; witziger und radikaler: Volontär Hanno P. Schmock; unfähiger: die Teppichhaus-Humorexperten; irrwitziger: Chefredakteur Julius Trittenheim. Je nach Rolle, ändern sich Ihr Schreibstil und der Anteil an Intelligenz im Text. Als Trithemius sind Sie eindeutig der Dümmste und Eitelste.

Trithemius
Na, erlauben Sie mal, Frau Nettesheim! Das will ich überhört haben. Aber bedeutet Ihre These, ich müsste mir nur einen Bestsellerautor als Alter Ego erdenken, und schon schriebe ich einen Bestseller?

Frau Nettesheim
Nö, das können Sie nicht.

Trithemius
Warum nicht?

Frau Nettesheim
Wenn Sie schreiben wollten wie ein Bestsellerautor, würden Sie sich zu sehr schämen. Dann würde es nichts, nur ein hoffnungsloses Gewürge.

Trithemius
Glücklicherweise sind wenigstens Sie nicht klüger als ich, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Wie kommen Sie darauf?

Trithemius
Na, wer mir nicht mal sagen kann, was für ein nasses Zeug eben vom Himmel fiel…

Plausch mit Frau Nettesheim – über den Jüngling der Schwarzen Kunst

Trithemius
Als ich junger Lehrer war, gab es eine Kollegin am Tisch im Lehrerzimmer, die beteuerte, keine Kinder haben zu wollen. Als sie dann doch schwanger wurde und ein Kind zur Welt brachte, hatte sie plötzlich das Muttersein erfunden und erklärte den anderen Müttern haarklein, wie das geht.

Frau Nettesheim
Warum erzählen Sie von dieser albernen Person?

Trithemius
Als Aufhänger für eine andere alberne Person: Gestern sah ich im TV zufällig Thomas Gottschalk.

Frau Nettesheim
Überraschend schwanger?

Trithemius
No. Der hat das Altsein erfunden, tingelt jetzt rum als Senilitätshausierer. Ich hatte zwar schon länger gedacht, wenn er in den Medien auftauchte, ‚ist der grau geworden – im Gesicht‘, aber jetzt ließ er sich von einer Frau Maischberger zum Altsein interviewen, weil er nämlich ein Buch darüber geschrieben hat. Gottschalk erzählte soviel törichtes und wirres Zeug, dass ich mich gleich fünfzehn Jahre jünger fühlte.

Frau Nettesheim
Das Leben geht leichter mit einem passenden Gegenbild vor Augen.

Trithemius
Ja, dazu ist er gut. Aber noch was, Frau Nettesheim, als ich zu Bett ging, beschäftigte mich die Frage, wie ich das textliche Kleinklein des Bloggens vereinbaren kann mit der Arbeit an meinem größeren Projekt, weil die Zeit langsam drängt. Einmal muss es geschrieben sein, bevor ich so blöd bin wie Gottschalk, und zum anderen, damit es mir nicht geht wie Dr. Samuel Johnson. Als er sein Dictionary of the English Language vollendet hatte, wurde er gefragt, ob er nicht stolz sei auf sein Werk. Er sagte, ach, die meisten, denen er damit habe imponieren wollen, seien längst schon gestorben.

Frau Nettesheim
Glücklicherweise ist ihr Freundeskreis noch recht jung.

Trithemius
Ja, und so eine alterslose Schönheit wie sie erst, Frau Nettesheim. Ihnen möchte ich schon gern imponieren. Jedenfalls fange ich morgen mit neuen Episoden zum Roman Jüngling der Schwarzen Kunst an. Das ist doch eine prima Weise zu schreiben, denn so sind die Kommentierenden, ob sie wollen oder nicht, an der weiteren Entstehung des Romans beteiligt.

Frau Nettesheim
Interaktives Schreiben? Dann man tau.