Plausch mit Frau Nettesheim – über den Jüngling der Schwarzen Kunst

Trithemius
Als ich junger Lehrer war, gab es eine Kollegin am Tisch im Lehrerzimmer, die beteuerte, keine Kinder haben zu wollen. Als sie dann doch schwanger wurde und ein Kind zur Welt brachte, hatte sie plötzlich das Muttersein erfunden und erklärte den anderen Müttern haarklein, wie das geht.

Frau Nettesheim
Warum erzählen Sie von dieser albernen Person?

Trithemius
Als Aufhänger für eine andere alberne Person: Gestern sah ich im TV zufällig Thomas Gottschalk.

Frau Nettesheim
Überraschend schwanger?

Trithemius
No. Der hat das Altsein erfunden, tingelt jetzt rum als Senilitätshausierer. Ich hatte zwar schon länger gedacht, wenn er in den Medien auftauchte, ‚ist der grau geworden – im Gesicht‘, aber jetzt ließ er sich von einer Frau Maischberger zum Altsein interviewen, weil er nämlich ein Buch darüber geschrieben hat. Gottschalk erzählte soviel törichtes und wirres Zeug, dass ich mich gleich fünfzehn Jahre jünger fühlte.

Frau Nettesheim
Das Leben geht leichter mit einem passenden Gegenbild vor Augen.

Trithemius
Ja, dazu ist er gut. Aber noch was, Frau Nettesheim, als ich zu Bett ging, beschäftigte mich die Frage, wie ich das textliche Kleinklein des Bloggens vereinbaren kann mit der Arbeit an meinem größeren Projekt, weil die Zeit langsam drängt. Einmal muss es geschrieben sein, bevor ich so blöd bin wie Gottschalk, und zum anderen, damit es mir nicht geht wie Dr. Samuel Johnson. Als er sein Dictionary of the English Language vollendet hatte, wurde er gefragt, ob er nicht stolz sei auf sein Werk. Er sagte, ach, die meisten, denen er damit habe imponieren wollen, seien längst schon gestorben.

Frau Nettesheim
Glücklicherweise ist ihr Freundeskreis noch recht jung.

Trithemius
Ja, und so eine alterslose Schönheit wie sie erst, Frau Nettesheim. Ihnen möchte ich schon gern imponieren. Jedenfalls fange ich morgen mit neuen Episoden zum Roman Jüngling der Schwarzen Kunst an. Das ist doch eine prima Weise zu schreiben, denn so sind die Kommentierenden, ob sie wollen oder nicht, an der weiteren Entstehung des Romans beteiligt.

Frau Nettesheim
Interaktives Schreiben? Dann man tau.

Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Heikle Selbstvermarktung

Frau Nettesheim
Werden Sie Ihr neues Buch heute beim Autorentreffen zeigen, Trithemius

Trithemius

Eher nicht. Ich will mich in diesem Kreis nicht leichtfertig hervortun, wenigstens nicht, bevor ich da richtig integriert bin.

Frau Nettesheim

Warum Ihre Vorbehalte?

Trithemius

Bei Leuten, die selbst von einer Karriere als Schriftellerin/Schriftsteller träumen, kommt es nicht gut. Es weckt eine Sorte Futterneid.

Frau Nettesheim

Aber man nimmt doch einander nichts weg.

Trithemius

Trotzdem. Sie sehen es auch in der Blog-Community. Wenn da jemand mitteilt, ein Buch veröffentlicht zu haben, sind die Reaktionen mehr als verhalten. Und selbst ich, der mir solche Gefühle eigentlich fremd sind, bin spontan neidisch. Dann weiß ich gar nicht, was mit mir los ist und zwinge mich, wenigstens zu gratulieren.

Frau Nettesheim

Sich richtig über fremden Erfolg (hüstel) Leistung zu freuen, schaffen aber auch einige, Ihre Blogfreunde Lo, Christian Dümmler (CD), Dieter Kayser und Marana beispielsweise haben schon ganz uneigennützig für Ihre Bücher geworben.

Trithemius
Ja, bewunderns- und dankenswert. Denn die wechselseitige Unterstützung ist für Indie-Autoren die einzige Chance. Der Kulturbetrieb ignoriert uns grundsätzlich.

Frau Nettesheim

Fassen Sie mal an Ihre Nase!

Trithemius

Ja, weil ich gemerkt habe, wie schwer es ist, sich selbst anzupreisen wie saures Bier, habe ich mir vorgenommen, demnächst auch andere zu promoten. Wenn wir uns nicht gegenseitig unterstützen, tuts keiner. Ich ärgere mich noch immer, einem HAZ-Redakteur meine Bücher zugeschickt zu haben.

Frau Nettesheim

Er hat nicht reagiert?

Trithemius

Nein, er ist zu schön. Dabei, hallo?, Frau Nettesheim, er arbeitet bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung!

Frau Nettesheim
Mir scheint, bei den zurückhaltenden Reaktionen der Blogcommunity geht es um etwas anderes als um Futterneid. Sie haben selbst mal gesagt, dass sich die gesellschaftlichen Schichten gegeneinander abschotten, nach unten wie nach oben.

Trithemius

Zurückhaltend ist das richtige Wort. Man klammert, um die guten Leute nicht zu verlieren. Wenn aus der blog-community jemand Karriere machen würde in der Literaturszene, ist sie oder er für die blog-community doch verloren.

Frau Nettesheim

Da ist was dran.

Trithemius

Sie geben mir Recht, Frau Nettesheim? Sie sind hoffentlich nicht krank.

Frau Nettesheim

Einen Moment wollte ich bei „gute Leute“ in Ihrem Zusammenhang widersprechen, aber mir fiel leider kein flotter Spruch ein.

Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Text und Bild

Frau Nettesheim
Sie lassen nach, Trithemius.

Trithemius

Was meinen Sie, Verehrteste?

Frau Nettesheim
Ihren Text über die Kaffeekanne.

Trithemius

Der ist doch hübsch geraten, obwohl ich in Zeitnot war.

Frau Nettesheim

Früher hätten Sie sich die Zeit genommen, hätten ein solches Objekt vor einen neutralen Hintergrund gesetzt, optimal ausgeleuchtet und fotografiert, um es im Beitrag zu zeigen.

Trithemius

Heute aber muss es reichen, wenn ich die Attribute „weiß“, „formschön“ und „tadellos“ verwende. Ich möchte bei der Inflation der Bilder nicht mitmachen. Wenn ich nur noch selten fotografiere, bekommen meine Bilder ihre Wertigkeit zurück, und das obwohl ich nur eine einfache Kamera besitze.

Frau Nettesheim

Die Dinge sprachlich zu überhöhen, wo Sie in Wahrheit einfach zu faul sind, konnten Sie immer schon gut.

Trithemius

Darum geht es mir auch, also nicht um die von Ihnen boshaft aufs Tapet gebrachte Faulheit, sondern um Sprache. Ich bin Autor und kein Fotograf.

Frau Nettesheim
Früher haben Sie multimedial gearbeitet, ja, verschiedene Medien einzusetzen, als besonderes Element des Bloggens hervorgehoben.

Trithemius

Das Besondere am Blog ist nach wie vor die wechselseitige Kommunikation. Ist ja nicht so, dass ich auf Bilder verzichte. Aber ich muss immer an Vilém Flusser denken, wenn ich in einem Blog elend lange Bildstrecken ohne Text sehe, die dann 45 sprachlose Likes bekommen haben.

Frau Nettesheim

Sie meinen Flussers Prophezeiung, dass die Schrift von Bild und Zahl in die Zange genommen werden wird.

Trithemius

Was er schon 1990 vorausgesagt hat, obwohl vom Internet kaum einer wusste.

Frau Nettesheim

Wieso eigentlich Zahl?

Trithemius

Die Algorithmen.

Frau Nettesheim

Beim Tsunami an Bildern im Internet passt auch ein abgewandelter Spruch von Karl Valentin. „Es ist schon alles fotografiert worden. Nur noch nicht von allen.“

Trithemius

Hehe. Ist glaub ich von mir.

Frau Nettesheim

Eitler Patron.

Plausch mit Frau Nettesheim – Über Menschenverstand


Trithemius

Oje, oje, Frau Nettesheim! Unser Heimatplanet, die schöne Erde, schafft es nicht mehr.

Frau Nettesheim

Was meinen Sie?

Trithemius

Wegen uns, der Spezies Mensch. Wir sind schlimmer als diese Schmetterlingsraupe.

Frau Nettesheim

Schlimmer als der Eichenprozessionsspinner? Sie übertreiben hoffentlich.

Trithemius

Nein, lassen Sie mich exemplarisch berichten, hohe Frau: Nachdem ich am Freitag Flaschen zum Glascontainer an der Badenstedter Straße gebracht hatte, setzte ich mich auf eine der Bänke, die erhöht am Rand des Von-Alten-Gartens stehen, weit genug zurück, doch mit Blick auf die Straße. Stadtein- und auswärts rollte der Berufsverkehr.

Frau Nettesheim

„Rollen“ ist gut. Stadtauswärts steht man permanent im Stau.

Trithemius

Sie sagen es. Ich hatte Zeit, die Autos im Stau zu mustern. Bei einer durchschnittlichen Länge von vier bis fünf Metern pro Auto und einem Meter Abstand zum nächsten standen im Stau die ganze Straße hinunter nicht mal 20 Leute, denn in über 95 Prozent der Autos saß nur ein Mensch. Welch ein Aufwand an Blech, welche Belastung für die Anwohner, verursacht von einer Handvoll Menschen.

Frau Nettesheim

Jeder einzelne wird ein plausibles Motiv haben, da zu fahren und im Stau zu stehen.

Trithemius

Ja, wird es zumindest glauben, aber insgesamt, auf das Verhalten der Gattung Mensch bezogen, handelt es sich um kollektive Idiotie – wie beim SUV-Fahren – bei der Vielfliegerei – beim Massentourismus, dem exzessiven Fleischverzehr und und und – und nochmal und.

Frau Nettesheim

Definieren Sie Idiotie!

Trithemius

Nicht lassen zu können von Verhaltensweisen, die sich als schädlich erwiesen haben. Das Problem zu erkennen, aber nicht, dass man selbst Teil des Problems ist.

Frau Nettesheim

Das ist wahrscheinlich der „Menschenverstand“, den Bundesverkehrsminister Scheuer meint.

Trithemius

Wenn der Menschenverstand Idiotie ist, wenn idiotisches Verhalten als Normalfall gilt, ist der Planet leider nicht zu retten. Es sei denn, der intergalaktische Rat schickt Schädlingsbekämpfer und lässt die Menschheit vom Globus saugen, wie mans aus Menschenperspektive bedenkenlos mit Eichenprozessionsspinnern macht.

Frau Nettesheim

Aber über „Insektensterben“ jammern.

Plausch mit Frau Nettesheim über Kitsch und Kunst

Trithemius
Als ich heute Morgen aufwachte, Frau Nettesheim, da schaute ich in die Krone der mächtigen Eiche vor meinem Schlafzimmerfenster. Es war noch nicht lange hell. Die Luft noch grau, das Blattwerk erschien im matten Grün. Da fiel der junge Morgen hinein.

Frau Nettesheim
Wie poetisch.

Trithemius
Kein Grund spöttisch zu werden. Ich lag noch eine Weile da. Plötzlich sickerte von oben Sonnenlicht ins Laubwerk, ließ die Blätter golden erstrahlen. Und ich dachte, was für einen Kitsch sich die Natur mal wieder erlaubt.

Frau Nettesheim
Definieren sie Kitsch!

Trithemius
Platte Ästhetik, die auf Zustimmung schielt, indem sie mit abgedroschenen Silmitteln sattsam bekannte Vorlieben bedient. Werbung, Populismus, Influenzismus, Comedy, Boulevardpresse, Schönschreiberei, Postkartenidyll – Produkte der puren Gefallsucht – das alles ist Kitsch.

Frau Nettesheim
Trifft aber nicht auf die Natur zu. Wenn die Sonne die Blätter golden erstrahlen lässt, steckt dahinter keine Absicht, keine Gefallsucht. Dass „golden“ ein Hochwertwort ist, das Ihre Schilderung kitschig erscheinen lässt, liegt doch an der Bewertung und Benutzung dieser Wörter durch die Sprachgemeinschaft, nicht an der Sonne.

Trithemius
Na gut. Dann würde ich gefallen wollen mit der Skulptur einer Eiche, deren oberen Blätter ich vergoldet habe, so als würde in die Krone gerade das Sonnenlicht hinein sickern. Das wäre demnach Kitsch.

Frau Nettesheim
Ganz und gar nicht. Es wäre ein polyfunktionales Kunstwerk.

Trithemius
Wie meinen?

Frau Nettesheim
Verschiedene Betrachter könnten unterschiedliche Bedeutungen sehen, die Kritik an der dekadenten Vergötterung des Goldes, etwa in Anspielung auf das vergoldete Steak eines Fußballspielers, die Kritik am Hang des Menschen, die Natur zu domestizieren, sie gar durch Erstickung abzutöten, Hinweis auf das künstliche Färben von Blumen, etwa Rosen, die Anspielung auf das Homonym Blatt in „Blattgold“ und „Baumblatt“ und vieles mehr. – Also wäre Ihr Skulptur kein Kitsch, sondern Kunst und erst recht, wenn Sie die Skulptur der Eiche mit oben vergoldeten Blättern gar nicht erschaffen, sondern nur das Konzept vorstellen. Böse Zungen könnten höchstens sagen, dass Sie zu faul oder ungeschickt wären, die Skulptur zu bauen.

Trithemius
Was machen Sie sich zum Sprachrohr böser Zungen, Frau Nettesheim? Ich dachte, Sie lieben mich.

Frau Nettesheim
Da wissen Sie mehr als ich, wie man in Köln sagt.

Plausch mit Frau Nettesheim – Matsch in der Birne

Frau Nettesheim
Ich sehe Sie nicht arbeiten, Trithemius.

Trithemius

Heute nicht. Ich wurde wach mit Matsch in der Birne. Entsprechend schwer fällt mir, einen klaren Gedanken zu fassen. Den ganze Tag schon.

Frau Nettesheim
Woran liegts?

Trithemius

Woher soll ich das denn wissen? Was wissen wir schon über die geheimen Abläufe in Körper und Geist. Man meint, Herr über sich zu sein, doch letztlich ist man wie ein Jockey, der versucht, einen widerspenstigen Mustang zu reiten.

Frau Nettesheim
Und manchmal geht der Mustang durch.

Trithemius

So ist es, aber woher wissen Sie das, Frau Nettesheim? Sie sind doch eine fiktive, digitale Person.

Frau Nettesheim
Ich muss ja nur Sie beobachten, wie sie spontane „Entschlüsse“ fassen und beispielsweise ein Erzählprojekt starten, obwohl Sie eigentlich nur ein Fragment veröffentlichen wollten.

Trithemius

Das beende ich vorläufig.

Frau Nettesheim
Wieso? Sie haben Erwartungen geweckt.

Trithemius

So ist das eben. Nicht alle Erwartungen werden erfüllt.Ich bin erschöpft. Aus dem Wunsch, authentisch zu schreiben, rutsche ich emotional in die Handlung, finde mich plötzlich in einem imaginären Spa mit einer Frau, die ich kenne und doch nicht kenne. Der Icherzähler versucht ständig, die Macht über mich zu gewinnen. Das kann ich nicht zulassen.

Frau Nettesheim
Sie wollen lieber Sie selbst im Hier und Jetzt sein?

Trithemius

Genau, wollen Sie doch auch.

Frau Nettesheim
Sie sein? Ich kann mich bremsen.

Trithemius
Das zeigt es mal wieder, Frau Nettesheim. Wird Zeit, dass ich zeichne, wie sich mir Ihr wahrer Charakter hinter der schönen Fassade darstellt:

Frau Nettesheim
Unverschämtheit!

Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Über Nachrichten aus hinteren Kammern

Trithemius
Gestern habe ich ganz tief in mir gewohnt.

Frau Nettesheim

Wo bitte?

Trithemius
In den hinteren Kammern, nah an den unerforschten Bereichen des eigenen Selbst.
Frau Nettesheim
Was soll das sein?

Trithemius
Wenn Sie sich das menschliche Gehirn vergegenwärtigen ist es doch wie ein Haus, das an den Fels angebaut ist. Die vorderen Zimmer zur Straße hin kriegen Licht von außen, sind hübsch möbliert, gut aufgeräumt und bei den meisten so zivilisiert, dass man auch Besucher einlassen könnte. Da hält man sich meistens auf, denkt und fühlt, wie es einem der Alltag befiehlt. Selten verirrt man sich in die hinteren Zimmer. Da ist wenig Licht, und man kann Überraschendes finden, auch Sachen, die man lieber nicht ans Licht bringen wollte. Die Kammern dahinter sind in den Fels getrieben wie die Grottenwohnungen in der Nähe von Valkenburg. Da unterwegs zu sein, ist nicht ungefährlich. Man kann sich verirren und so. Glücklicherweise sind die Höhlen hintern diesen Felskammern mit einer schweren Tür verschlossen.

Frau Nettesheim

Und da haben Sie sich gestern aufgehalten?

Trithemius
Ich saß in einem der letzten zivilisierten Zimmer. Da war mir egal, was draußen auf der Straße vor sich ging.

Frau Nettesheim

Sie hockten also im Hinterzimmer. Was hat Sie dahin verschlagen?

Trithemius
Abkehr von der Welt. Muss auch mal sein. Dass man nicht dauernd auf die Straße rennt und das Gedränge draußen durch seine Anwesenheit vergrößert. Und dann musste ich doch los, um ein paar Sachen zu erledigen. Und wissen Sie, was ich da gehört habe, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim

Woher denn?

Trithemius
Im Schreibwarenladen hielt eine alte Frau durch umständliche Verrichtungen den Verkehr auf, so dass sich die Kunden in dem kleinen Laden knubbelten. Sie hatte den knappen Raum noch mit ihrem Rollator zugestellt. Daran hing ihre Tasche. Als sie ihre Sachen wegpackte, mahnte sie sich selbst zur Eile und zwar mit den Worten: „Hau rein, is Tango!“ Den Spruch hatte ich schon ewig nicht gehört. Er stammt aus den hinteren Räumen unserer Sprache, da ganz tief, bevor sie in Höhlen übergeht.

Frau Nettesheim
[beiseite]
Er übertreibt mal wieder, nur um einen passenden Schluss zu finden.