Nasse Polster, Handwerker und ein Loch im Krug

Als der Sommer noch jung war, holten manche die Polsterauflagen für ihre Gartenmöbel hervor, um sich darauf herumzufläzen und zu sonnen. Aber der Sommer lässt es immer wieder auf die Polster regnen, und man muss hinauslaufen und die Polster sicherstellen. Tragisch, ja zum Heulen. Ein richtiger Weinsommer ist das. Es gibt Länder, da steht den Leuten regelmäßig das Wasser bis zum Hals. Es gibt andere Länder, da laufen sie mit ihren Krügen auf dem Kopf 25 Kilometer weit zur nächsten Wasserstelle. Dagegen scheinen nasse Gartenmöbelpolster ein geringes Problem zu sein.

Im ICE nach Hannover sitzt sich an einem Tisch ein Paar gegenüber. Er scheint Architekt zu sein, sie ist Hausbesitzerin, eigentlich Häuserbesitzerin. Da müssen Wohnungen renoviert werden, aber die Frau hat Probleme mit den Handwerkern, die einfach nicht die Termine einhalten. Und bummelt der eine, kann der andere nicht mit seinem Teil der Renovierung anfangen. Der Architekt gibt ihr Ratschläge, wie sie mit den Handwerkern zu reden hätte und welche Verträge sie mit ihnen schließen müsste. „Du musst das machen!“, sagt sie. „Nein, das musst DU machen“, sagt er. „Ich will mich nicht mehr mit so einem kleinen Scheiß beschäftigen! Wenn ich tot bin, musst du auch allein damit klarkommen.“ Krank wirkt er nicht, er ist deutlich älter als die Frau und offenbar ein vorausschauender Mensch. Aber dann nimmt er einen Schreibblock und macht mit ihr einen Kalenderwochenplan für die Handwerksarbeiten bis zur 10. Kalenderwoche (KW) im März 2018. „Das muss gehen. Andere bauen in dieser Zeit ein ganzes Haus.“ Sie aber sagt fatalistisch: „Ja, gut! Wenn du mir nicht hilfst, dann kann ich einpacken. Ja, da kann ich wohl einpacken.“

Zusammen weinen im Weinsommer

Die Probleme dieser beiden ähneln dem Ärger über eine nasse Gartenmöbelauflage. Diesmal ist sie vielleicht vom Designer, aber beide Kümmernisse sind Nasse-Polster-Luxus-Probleme. Die meisten unter uns haben Nasse-Polster-Luxus-Probleme, gemessen an einem Wohnsitzlosen, dem eine harte Zeit droht, wenn die Nächte wieder eiskalt werden. Wenn du 25 Kilometer mit einem gefüllten Wasserkrug auf dem Kopf durch die vertrocknete Steppe nach Hause laufen müsstest, würdest du sogar einen Wohnsitzlosen im gelobten Deutschland beneiden. Der kann wenigstens den ganzen Tag auf der Bank sitzen, Bier trinken und hat vielleicht sogar eine Gartensesselpolsterauflage vom Sperrmüll. Aber nasse Polster sind auch nicht schön, ebenso unschön die windigen Handwerker, die nie kommen, wann sie sollen. Wenn du jetzt schon 24 Kilometer mit deinem Wasserkrug auf dem Kopf durch Ödland gelaufen bist und irgendein Milizenheini schießt dir aus purer Lust ein Loch in den Krug, wäre dir natürlich lieber, der hätte sein Renovierungshandwerk einen Tag später erst angetreten.

„Wann kommen die marodierenden Milizen?“
„Die sind in der 5. Kalenderwoche dran. Vorher müssen die Cousins des Präsidenten mit den Vergewaltigungen der Dorfschönheiten fertig sein. Dann werden die Löcher in die Wasserkrüge geschossen, dann die Brände gelegt, und in der 7. KW ist das ganze Dorf fix und fertig, inklusive Gartenmöbeln.“
„Das schaffe ich nicht. Wenn du mir dabei nicht hilfst, dann kann ich einpacken.“
„Aber du musst, denn du kannst nicht anfangen, bevor die Penner da raus sind.“

Seneca zitiert den antiken Philosophen Bion. Der sage: „Gleich lästig ist es für solche mit Glatze wie für solche mit vollem Schopf, wenn ihnen Haare ausgerissen werden.“ Allerdings friert der eine sowieso schon am Kopf, der andere hat vielleicht ein Loch drin und eine zerbricht ihn sich. Wer ist besser dran?

Neulich in meinem Schlafzimmer

kategorie surrealer-AlltagWeil ich keine Läden an den Fenstern habe, ist es in meinem Schlafzimmer nicht stockdunkel, sondern die Dunkelheit hüllt mich in ein sanftes Tuch, leicht, duftig und transparent, so dass immer noch schemenhaft etwas zu sehen ist, solange ich die Augen offen halte. Neulich sah ich einen Schatten an der Zimmerdecke.
Ich dachte: „Hören Sie mal, Herr Nachbar, das geht aber nicht, dass Sie Ihren Schatten durch meine Decke hängen lassen.“
„Ja, was kann ich denn dafür? Der ist eben so schwer. Kommen Sie mal in meine Situation, dann ist ihr Schatten auch schwer. Die werden nämlich immer schwerer und sacken dann durch.“
„Ach, und Sie sind ihn los? Auf meine Kosten verunzieren Sie meine makellose Zimmerdecke. Diese fatalistische Haltung ziemt sich nicht. Was würden Sie sagen, wenn Ihr Obernachbar seinen Müll einfach vor Ihre Wohnungstür stellen würde?“
„Meine schweren Gedanken sind kein Müll.“
„Aber es sind Ihre schweren Gedanken. Und die haben nicht durch meine Zimmerdecke zu hängen.“
„Bitte schimpfen Sie nicht mit mir. Das macht mir großen Kummer. Ich habe doch schon genug davon. Erst heute hat mich einer nicht richtig zurück gegrüßt, sondern hat gesagt, er würde mich gar nicht kennen. Mehrmals habe ich ihn wieder gesehen, und jedes Mal hat er so komisch gegrinst, als würde er denken, da kommt wieder der Idiot, der mich zu kennen glaubt.“
„Sie sind nicht aufrichtig und nennen mir nicht die wahre Ursache Ihres schweren Schattens. An guten Tagen würden Sie über den Vorfall schmunzeln.“
„Gute Tage?“
„Ja, die hat jeder. Manchen stehen sie gar nicht zu, aber man hat sie ab und zu. Seneca würde sagen, dass Ihre Bilanz nicht stimmt. Sie erwarten zuviel, achten nicht, was da ist, sondern blicken neidvoll auf das, was Sie nicht bekommen können. Damit machen Sie sich den Tag kaputt. Und bei mir hängt mitten in der Nacht Ihr Schatten an der Decke. Holen Sie ihn rauf. Sie werden spüren, er ist ganz leicht. Denn das ist die ganze Kunst: das Schwere leicht und das Leichte schwer zu nehmen.“
„Das Leichte schwer?“
„Ja, legen Sie Ihr Augenmerk auf das Leichte. Geben Sie den kleinen, erfreulichen, zuweilen ulkigen Dingen Bedeutung.“
„Hallo, Herr Unternachbar!“
„Ja?“
„Ich glaube, Sie reden im Schlaf.“

Plauderei über Glück – Lobe am Abend den Tag

Die Zigarettenblättchen werfen eine Frage auf, ohne sie zu beantworten. Warum hat man Schwein, also unverschämtes Glück? Warum flaniert der eine wie Gustav Gans durch die Welt, während der andere schon auf der Treppe ausrutscht, bevor er überhaupt an der Haustür angelangt ist. Und tritt er endlich vor die Tür auf die Straße, fällt ihm ein Stein auf den Kopf, der nicht verglimmte Rest eines Meteoriten, der 1000 Kilometer ostwärts als Sternschnuppe gesehen worden war, und Verliebte sind einander in die Arme gesunken und haben sich beide Glück gewünscht. Unser Mann sitzt derweil in der Notaufnahme der Uniklinik, Verband um den Kopf und wartet auf seine Tetanusspritze. Man weiß ja nicht, welche Mikroben der Stein mitgebracht hat, vielleicht gemeine Killer-Keime.

Ist also das Glück des einen des anderen Unglück? Man weiß ja nicht, wie viel Glück in der Welt ist. Vielleicht ist Glück wie eine kurze Decke. Rafft man sie sich unter den Hals, legt man seine Füße frei. Wickelte man sich darin ein, muss der andere frieren.

Das Raumschiff Erde hat viele düstere Gegenden, in denen mehr Unglück als Glück ist. Was den materiellen Wohlstand betrifft und die damit einhergehende Absicherung der Lebensverhältnisse, stimmt das Bild der zu kurzen Decke. Die Wohlstandsgesellschaften haben sich in die Decke eingewickelt, sind sogar Glücksvertilger wie diese Nachzehrer, die noch als Leichen ihr Totengewand auffressen. Der schutzlose, frierende Mitmensch zahlt den Preis für unsere materielle Glücksgier.

Immaterielle Formen des Glücks haben in den Wohlstandsgesellschaften keinen hohen Rang. Wenn ich wie gestern Abend mit Freunden auf der lebendigen Limmerstraße sitze, den letzten lauen Abend im August genieße, Kölsch aus der Flasche trinke und mich angeregt unterhalte, habe ich Glücksgefühle, aber damit kann ich kaum jemanden beeindrucken. Es gibt sogar noch viel stilleres Glück, man muss es nur finden, vor allem ihm Beachtung schenken, auch wenn damit keine große gesellschaftliche Achtung verbunden ist.

Die Lebenshaltung der Deutschen drückt sich in der Sprache aus. Viele einst positiv gemeinte Wendungen haben sich in der Alltagssprache ins Negative verkehrt. Das Nicht beherrscht diese Sprüche: „Du sollst den Tag nicht vor dem Abend loben.“ Manche verstehen, man solle NICHT loben. In der Edda lautet die Spruchweisheit so: „Lobe am Abend den Tag (…)“, also lobe ihn, aber zur rechten Zeit, wenn du dir ein Urteil gebildet hast.

Gestern saß ich beim Mittagstisch, als die Frau hereinschneite, die vom Himmel fiel, wobei hereinschneien als Metapher kaum zu der Mittagshitze des Tages passt. Vielmehr liegt der Verdacht nah, das die außerirdische Frau sich nur bei Temperaturen über 3o Grad materialisiert, denn ich hatte sie fünf Wochen nicht mehr gesehen. Sie wirkte noch ätherischer, guckte noch befremdeter in die Welt als Anfang Juli, und wie ich erfreut von meinem Teller aufschaue, hat sie mich doch tatsächlich angelächelt.

Da dachte ich schon, dass der Tag am Abend zu loben wäre, und das tat ich auch, als ich mich auf der Limmerstraße mit einem befreundeten Musiker unterhielt, der nebenher noch Doktor der Quantenphysik ist. Ihm erzählte ich von meinem stillen Glücksmoment am Mittag und von der Spruchweisheit aus der Edda. Er meinte, er habe kürzlich ein Buch mit einer ähnlichen These gelesen, das ihm in einer gesundheitlichen Krise sehr geholfen habe. Wir kamen überein, dass wir überhaupt unseren Blick mehr auf das Positive richten sollten, und ich zitierte aus dem Kopf Seneca, dass man dankbar auf das blicken solle, was man habe, denn es wäre mehr als man verdient hätte. In diesem Sinne

Guten Tag!