Apokalyptische Sommerhitze und Temperatursturz

Kategorie KopfkinoUnd dann ist es von Tag zu Tag immer heißer geworden, und man hat nicht mehr gewusst wohin mit sich. Das dumme Vieh ist ja bei Hitze schon immer freiwillig in den Schatten gegangen. Zum Schluss hat der Mensch es dann auch eingesehen. Obwohl bis zuletzt welche in der prallen Sonne gelegen haben, weil es ihnen offenbar von irgendwoher befohlen wurde. Man hat auch immer mehr Kleidung abgelegt, was namentlich bei den Männern nicht immer schön anzusehen war. Die haben das aber nicht mehr gemerkt, denn zuletzt hat nur noch die Gucklust funktioniert und bei den Männern unschöne Stielaugen hervorgerufen. Die Frauen haben getan, als hätten sie nichts damit zu tun, obwohl sie natürlich hätten wissen müssen, dass spärlich verhüllte Reize viel stärker die Phantasie anstacheln als völlige Nacktheit. Allerdings sind die unsittlichen Ausfälle seltener geworden, weil sich die Erregbarkeit bei den meisten nur noch in den Augen aufgehalten hat.

Wasser in Flaschen war kaum noch zu haben, vielleicht ausgelöst durch die neuesten Hamsterempfehlungen der Bundesregierung. Immerhin war Grillkohle noch bis zuletzt zu kriegen. Die holten sie sich am frühen Abend bei den Tankstellen, und dann hat man in der Abendhitze auf Balkonen, Terrassen und in den Parks auf glühenden Kohlen Würste gebraten, was erstaunlicher Weise wenig Abkühlung gebracht hat. Abends haben die Städte dann anders gestunken als am Tag, also die ausgedorrten Grünstreifen haben dann weniger nach Hundescheiße gestunken, weil der Rauch drüber gezogen ist.

Gestern. Sonntag. Erst gegen vier Uhr traute ich mich raus. Schon in der Haustür schlug mir die Hitze ins Gesicht. Ich war unsicher, ob man diese Luft atmen konnte, tat es aber aus Trotz. Die Straße rauf und runter war niemand zu sehen. Ich überlegte, dass es sicherer wäre, den Weg durch die Grünanlage zu nehmen. Doch selbst da sah ich vor mir auf dem Weg einige grelle Flecken, wo es notwendig sein würde, durch die pralle Sonne zu gehen. In der heißen Luft stand kaum ein Geräusch. Das heisere Rascheln trockenen Laubes ja, aber es fehlten alle Vogelstimmen. Kriegen die Vögel in der Augusthitze keinen Ton heraus? Soweit sie Zugvögel sind, müssen sie doch an die afrikanische Hitze angepasst sein. Aber nein, Tschilpen, Zwitschern und Tirilieren aus dem Frühling und Frühsommer gehören ja zur Brautwerbung, zum Nestbau, zur Vogelhochzeit und zur Brut. Es ist nicht anders als bei Menschen, wo nach dem verschwenderischen Plaudern und Schwafel bei der Partnersuche, dem lustvollem Hin- und Her des Kinderzeugens bei der mühsamen Erziehung des Nachwuchses zwischen den Eltern die Worte ersterben und zum Ende hin nur noch das Nötigste gesprochen wird. Und, puh, wenns auch noch so heiß ist, gilt es Energie zu sparen. Da sagt man gar nichts mehr.

Foto: JvdL

Magische flirrende Hitze über Stoppeln  –  Foto: JvdL

Ich habe eine Stelle ohne Schatten erreicht und wage die Durchquerung. Die brennende Sonne erinnert mich an meine Kindheit. Am heißesten ist es immer nach der Getreideernte auf den Stoppelfeldern gewesen. Wenn du unvorsichtig genug warst, ein Stoppelfeld zu überqueren, warst du schlimmer dran als der Wanderer in der Wüste, denn er würde wenigstens eine Wasserflasche haben, aus der er die letzten warmen Tropfen zuzzeln konnte. Wir Kinder aber hatten nie etwas zu trinken bei uns, wenn wir im Vertrauen auf die eigene Widerstandskraft ein Stoppelfeld überquerten. Zu unseren Füßen die dreckiggelben Stoppeln. Der Mähdrescher hatte die Halme unterschiedslos auf eine Höhe gekappt, die einem Kind noch grad in Knöcheln und Waden stechen können. Dazwischen lag die Erde fast blank unter der Sonne. Sie brannte von oben, und aus der staubigen Krume stiegen Hitzewellen auf, die sich spiralförmig flimmernd in den gnadenlosen Himmel erhoben. Kein Schatten, kein Grün, soweit das Auge reichte. Ging es noch heißer?

Es gab eine Zeit, bevor es verboten wurde, das steckten die Bauern ihre Stoppelfelder in Brand. Ein brennendes Stoppelfeld zu durchqueren, war noch heißer. Deine Füße suchten sich über die noch schwelenden ausgebrannten Flecken durch aufstiebende Asche einen Weg durch die Glutnester, die im heißen Wind immer wieder aufloderten. In einem solchen Flammenmeer unter Sonnenglut war es noch heißer, jawohl, Sir.

Und heute Temperatursturz. Hat es in Hannover geregnet? Kaum, obwohl Gewitter und schwere Regenfälle für den Norden angekündigt waren. Zu sagen, über Hannover schlafe jedes Wetter vor lauter Langweile ein, wäre eine unzulässige Personifizierung. Es wird umgekehrt gewesen sein. Ein Menschenschlag, der es gerne ruhig hatte, hat in einer ruhigen Wetterzone gesiedelt, und so konnte sich eine Stadt entwickeln, deren Bewohner gleichmütig wie ihr Wetter sind. Ich bin hier bald weg.

Das rasende Hannover im Konfettirausch

Weil Orkanböen zu erwarten waren, wurde heuer in mancherlei Karnevalshochburgen der Rosenmontagszug abgesagt, so im flämischen Aalst, in Mainz, in Düsseldorf, nicht so in Hannover. Denn wenn der Sturm in anderen Städten ganze Turnhallen abdeckt und stattliche Bäume entwurzelt, weht in Hannover nur mal so ein kleiner Wind, der es allenfalls mit den Prospekten im Anzeigenblättchen aufnehmen kann. Wenn es in der Republik regnet wie Sau, wenn es junge Katzen und Meteorologinnen schifft, kriegt Hannover nur ein paar Tröpfchen ab. Meteorologinnen sind nie dabei. Ich glaube, die Vorstellung, Hannover wäre langweilig, rührt daher, dass es hier keine extremen Wetterereignisse gibt. Nein, das Wetter ereignet sich hier nicht. Vermutlich schläft es über Hannover einfach ein. In Hannover musste auch nicht der Rosenmontagzug abgesagt werden, er hat sowieso schon am Samstag stattgefunden. Samstags, na klar, denn montags arbeitet der protestantisch freudlose Hannoveraner.

Weil ich einen Topfdeckel kaufen wollte, war ich am Samstag in der Innenstadt unterwegs und bekam zufällig den Schluss des Umzugs mit. Wer da vorbeizog, machte mir Depressionen. Man weiß nicht mal, ob man „Alaaf“ oder „Helau“ rufen soll. Die einen rufen dies, die anderen das. Andere rufen „Helaaf!“ und wieder andere rufen „Alauuu!“ Es gibt wohl traditionelle Karnevalsvereine. Deren ältere Mitglieder sehen mit Verlaub alle ein wenig rachitisch aus. Der Nachwuchs rekrutiert sich aus fettleibigen Kindern. Natürlich sind nicht alle Hannoveraner Karnevalisten rachitisch oder adipös. Es gibt auch was dazwischen. Wer von der Natur nicht mit Schönheit gesegnet ist, tritt ein in einen Karnevalsverein. Jedenfalls wurde ich bei genauer Betrachtung der Gestalten zuerst traurig und anschließend todmüde. Da half es auch nicht, dass mir eine attraktive Frau übern Weg lief, die mich herausfordernd anlächelte. Ich war einfach zu müde. Wenn die Vorsehung mich verkuppeln will, soll sie das nicht versuchen, nachdem ich den Schluss des hannöverschen Karnevalsumzugs gesehen habe.

(Mit Dank an den Kollegen Wortmischer für den Hinweis)

Der Umzug hat etwas Groteskes. Am Straßenrand sind durchaus zahlreiche Zuschauer. Man steht stocksteif und schaut als könnte mans nicht fassen. Ich glaube, als nach dem Tod von Torwartlegende Robert Enke 35.000 Menschen im Trauermarsch von der Marktkirche zum Stadion zogen, war mehr Stimmung. Rosenmontag hat übrigens nichts mit Rosen zu tun. Es leitet sich her vom ripuarischen Verb „rosen“ für rasen, toben. Das müsste den Hannoveranern mal einer sagen.

Hier ist der Gipfel des Tobsinns bei den hannöverschen Bäckern zu finden. Sie streuen vor Karneval Konfetti in den Zuckerguss und übergießen Berliner damit. Ob man so was essen kann, sollte oder überhaupt darf, weiß ich nicht.