Die Erzählung meines Bruders und ihr wahrer Kern

Mein fünf Jahre älterer Bruder erzählte mir gerne Märchen, so auch, dass er als Messdiener in die Turmspitze unserer Pfarrkirche St. Martinus geklettert war. Im Dach habe es nur ein Zickzack von Leitern gegeben. Die Kugel auf der Spitze sei mit einer Falltür gesichert gewesen. Da habe er reinschauen können und verstaubte Schriftstücke gesehen. Als ich zehn Jahre später Mitglied des Kirchenchors war, durfte ich während der Messe auf der Orgelempore sein. Da stieg ich einmal hinauf in den Glockenturm. In der Turmspitze waren durchaus Leitern zu ahnen, aber verloren sich in der Finsternis, so dass ich die Erzählung meines Bruders verwarf.

Vor zwei Jahren ist er verstorben, kann also nicht mehr befragt werden. Inzwischen glaube ich, dass es sich bei der Erzählung meines Bruders um einen von Messdienern über die Generationen weitergegebenen Mythos handelt. So wie sie einander die lateinischen Gebete der Liturgie mündlich weitergaben und verfälschten, weil sie kein Latein verstanden, erzählten sie von Inhalten der Turmkugel, ohne sie je gesehen zu haben.

Über das gern gelesene Blog des Aachener Historikers und Archivars Klaus Graf wurde ich aufmerksam auf einen Aufsatz über Turmkugelarchive. Der Historiker Beat Kümin schreibt in „Nachrichten für die Nachwelt. Turmkugelarchive in der Erinnerungskultur des deutschsprachigen Europa“, es „(…) dürften mit Sicherheit Hunderte, aber wahrscheinlich Tausende dieser meist aus vergoldetem Metall gefertigten Behälter – mit oder ohne Wissen der Anwohner – hermetisch verschlossene Hülsen, Röhrchen oder Schachteln mit geheimnisvollen Nachrichten und Materialien enthalten.“ Gefunden werden diese „Einlagen“, nachdem eine Turmkugel abgenommen wurde, um sie beispielsweise neu zu vergolden.

Als ich etwa die 8. Klasse der Volksschule besuchte, gab es in meinem Heimatdorf Nettesheim ein spektakuäres Ereignis, zu dem sich viele Dorfbewohner eingefunden hatten. Da war die örtliche Dachdeckerfamilie mit drei Generationen auf dem Kirchturm, um den renovierungsbedürftigen Wetterhahn von der Spitze zu holen. Ich erinnere mich, dass ich Großvater, Vater und Sohn in schwindelerregender Höhe mit Bangigkeit beobachtete. Dabei beeindruckte mich besonders, dass der Sohn mein Mitschüler Juppi aus dem Jahrgang unter mir war.

[Im Bild: St. Martinus Nettesheim, Foto: Wikipedia] zum Vergrößern bitte klicken.

Turmkugelarchive zu bergen und wieder auf die Turmspitze zu setzen, ist demnach Aufgabe der Dachdecker. In Rosdorf bei Göttingen hat im Jahr 1749 der Schieferdecker nicht nur neue Schuhe und Strümpfe verlangt, sondern auch mit Kugel, Fahne und Musikbegleitung durch die Gemeinde ziehen zu dürfen, schreibt Kümin. Nachdem der Dachdecker die Kugel wieder auf die Turmspitze gesteckt hatte, setzte er sich oben drauf, um die neuen Strümpfe und Schuhe anzuziehen.

Was wird nun aufbewahrt in den Turmkugelarchiven? Kümin schreibt: „Stellvertretend mag hier die Apostelkirche Hannover stehen, wo das Spektrum 1882 Baudokumentationen, Grußworte einer benachbarten Pfarrei sowie eines Handwerkbetriebs, Werbematerial für die Landeslotterie, Spendenaufrufe, den zuvor im Grundstein eingeschlossenen Text, einen Führer durch das Gotteshaus, Bilder der königlichen Familie sowie verschiedene Zeitungen und Münzen umfasste.“ Die Einlagen sind Dokumente ihrer Zeit und als Botschaften für nachkommende Generationen. gedacht. Kümin spricht von einem Rhythmus „absichtlicher Zufälligkeit“ und nennt zwei Generationen als Öffnungs- und Sichtungsintervalle.

In einer Turmkugel in Allerstedt fand man im Jahr 1927 die fast bange Frage an die Zukunft:

    „Was wird an Errungenschaften da sein, wenn wieder einmal diese letzten Nachrichten gelesen werden! Wird man vielleicht lächeln über das, worüber wir noch staunen?“

Faustischer Buchdruck – Die Lib zu Christinen – Verrat im Morgengrauen der Schwarzen Kunst

Im geschätzten Archivalia-Blog von Klaus Graf ist eine Rezension von Buchkultur im Abendrot erschienen, wortgleich beim Bibliotheksboten Netbib. Aus diesem erfreulichen Anlass eine Abbildung und ein Kapitel aus dem Buch:
Das Besondere an der Erfindung des Buchdrucks ist die bewegliche Druckletter aus Metall, genauer aus Blei, Zinn und Antimon. Als der Goldschmied Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, um das Jahr 1435 damit experimentierte, weihte er den Kalligraphen Peter Schöffer in seine noch geheim gehaltene „aventur und kunst“ ein, wie Gutenberg sein Unternehmen verschleiernd nannte. Schöffer sollte vermutlich bei der Gestaltung der Drucklettern helfen, denn Gutenberg hatte den Ehrgeiz, seine Drucke wie handgeschrieben aussehen zu lassen. Das erklärt die herausragende Qualität seines Meisterstücks, der 42-zeiligen Bibel.

Das hiermit aufziehende Zeitalter des Buchdrucks beginnt mit einem Wirtschaftsverbrechen, das erst Mitte des 19. Jahrhunderts aufgedeckt wurde. Bis dahin galt nicht Johannes Gutenberg, sondern der Mainzer Anwalt und Geldverleiher Johannes F(a)ust als Erfinder des Buchdrucks. Am Anfang dieses historischen Irrtums steht ein kapitalistisches Lehrstück. Gutenberg hatte sich von Johannes Fust mehrmals Geld geliehen, zuletzt 800 Taler für den Druck der 42-zeiligen Bibel. Als die Bibel beinahe fertig gedruckt war, verlangte Fust sein Darlehen zurück, weil Gutenberg es angeblich zweckentfremdet hatte. Gutenberg konnte nicht zahlen, und so ließ Fust seine Werkstatt pfänden, um sich in den Besitz der Druckerei zu bringen. Vorher schon hatte er Gutenbergs Gehilfen Peter Schöffer zu seinem Kumpanen gemacht. Schöffer wurde später sein Schwiegersohn. Es kam zu einem Prozess, den Gutenberg verlor. Er erschien nicht einmal selbst vor Gericht. Denn als er erfuhr, dass Schöffer mit Fust gemeinsame Sache machte, wusste Gutenberg, dass er verloren hatte. Die Geschichte wird in dieser Werbeanzeige hübsch illustriert dargestellt. Die Motive des Verräters Peter Schöffer habe ich in der Dramatisierung „Die Lib zu Christinen“ erzählt, zu lesen am Schluss des Kapitels. Weiterlesen

Requiem für einen verschwundenen Text

Ein Freund von mir hat einen Text verloren. Er hätte ihn schon lange schreiben wollen, er wäre auch schon im Kopf fertig gewesen. Durch eine geringfügige Ablenkung durch mich sei ihm der Text abhanden gekommen, behauptet er. Könnte mir nicht passieren. Ich fange schon an zu schreiben, wenn ich noch gar nichts im Kopf habe, hehe! Allerdings muss ich schon seit Tagen daran denken, was ich kürzlich in Lichtenbergs Sudelbüchern gelesen habe. Er hat 62-erlei Weisen gezählt, „das Gesicht mit einem Ellbogen und einer Hand zu unterstützen“, beispielsweise: „Die meditierende, da zum Exempel der Daumen der rechten Hand an den rechten Schlaf gesetzt, der Zeigefinger aber über die Stirne weggeht und die übrigen Fingen nebst dem Zeigefinger eine Art Schirm über dem Auge formieren. (…)“ [L141]

Derlei differenzierte Selbstreflexion, denn wo anders als an sich hatte er die 62 Weisen beobachten und ausprobieren können, derlei differenzierte Selbstreflexion ist vermutlich versunken wie Lichtenbergs 18. Jahrhundert. Der heutige Mensch ist viel oberflächlicher. Allein die Grenze zu ziehen zwischen den Gesten, ist eine Verstandesleistung, das alles ohne Vorbild zu tun, erst recht. Doch am meisten fasziniert mich die Beharrlichkeit, mit der Lichtenberg ein derart absolut müßiges Beobachtungs- und Klassifizierungsprojekt vorangetrieben hat, ohne einen anderen Beifall als den eigenen zu erwarten, denn dass seine Sudelbuchnotizen jemals veröffentlicht werden würden, hat er nicht erwartet und auch nicht erlebt.

„Der Dichter begann, Zeigegesten zu machen“, betitelte kürzlich Klaus Graf vom Archivalia-Blog einen kleinen Prosatext. Ich fragte mich, was unter dem Plural zu verstehen wäre, – nacheinander mit derselben Geste auf Verschiedenes zu zeigen oder verschiedene Zeigegesten? Wir kennen mehrere:

    1. den Fingerzeig mit dem gestreckten Zeigefinger. Aus den USA ist die Unsitte gekommen, mit dem Zeigefinger auf Mitmenschen zu zeigen, was ursprünglich bei uns verpönt war. Es hieß: „Man zeigt nicht mit nacktem Finger auf angezogene Leute.“ Auf Menschen zu zeigen galt allerdings in der Antike als Geste der Kraftübertragung;

    2. die nach oben sich öffnende Hand, wobei die geschlossenen Finger auf etwas zeigen.

    3. den Mittelfinger zeigen; was weniger eine Zeigegeste ist, sondern ein Vorzeigen des Fingers zum Zwecke der Beschimpfung.

    4. In die Kategorie „Vorzeigen des Fingers“ gehört auch der nach oben gerichtete Daumen. Er zeigt Einverständnis an. Wird er gesenkt, ist Abwertung gemeint.

    5. Aachener in der Fremde grüßen einander mit dem nach oben gereckten kleinen Finger, wobei die anderen Finger zur Faust geschlossen bleiben. Die Geste heißt „Klenkes.“

    6. Die Schläfenschraube wird mit dem gestreckten Zeigefinger ausgeführt. Im Rheinland heißt das, „einen Fimmel zeigen.“ Der Fimmel kann auch verstohlen mit leicht gekrümmtem Zeigefinger an die Stirn getippt werden. Landläufig bekannt ist die Schläfenschraube als Autofahrergruß.

Wie in der Grammatik zwischen zielenden (transitiven) und nichtzielenden (intransitiven) Verben unterschieden wird, beispielsweise „kocht die Suppe“ (transitiv), „kocht vor Wut“ (intransitiv) lassen sich Zeigegesten unterscheiden: 1 und 2 sind transitive Gesten, 3 und folgende sind intransitive Gesten. Sie zeigen etwas, nicht auf etwas.

Als ich diesen Text begann zu schreiben, lauerte weit hinten ein Gedanke, den es noch zu verknüpfen galt. Inzwischen ist er fort und im Orkus versunken wie der Text des Freundes. Leider kann ich es ihm nicht in die Schuhe schieben, denn ich habe ihn gut vier Wochen nicht mehr gesehen.