Kurze Betrachtung eines hässlichen Wortes

Hässliche Wörter gibt es vermutlich in jeder Sprache. Meist gehen ja Klang und Bezeichnetes eine unheilige Verbindung ein und kannibalisieren sich gegenseitig. Übrig bleibt ein abstoßender Kadaver des Unverdaulichen. Gestern las ich bei einer flämischen Journalistin ein hässliches niederländisches Wort: „Puberverdriet“, was „Püberverdriet“ gesprochen wird und wörtlich übersetzt Pubertierendenverdruss meint, also auch nicht schöner ist. Zum Glück gibt es das Wort im Deutschen gar nicht, sondern ist eine sogenannte Augenblicksbildung, wie sie im Sprachgebrauch alltäglich Tausendfach auftauchen und wieder versinken, begünstigt durch den Umstand, dass das Deutsche bei allen Wortarten Komposita zulässt. Was Puberverdriet ist, wie er sich darstellt, möchte man eigentlich gar nicht wissen. Es steckt so eine unangebrachte Larmoyanz darin, die nur noch übertroffen wird von dem Gejammer der gerade 30 Gewordenen. Es war natürlich auch eine beinah 30-Jährige, die das Wort „Puberverdriet“ geschrieben hatte.

Vor einer 10. Klasse zeigte ich einmal das Balkendiagramm einer Bevölkerungsstatistik. Ideal für die umlagefinanzierte Rente ist ja, wenn so ein Diagramm die Altersstruktur der Bevölkerung in Form eines gesunden Lebensbaums abbildet, eine breite Basis der jungen Leute zeigt und sich zur Spitze der Alten gleichmäßig verjüngt. Das zweite Diagramm zeigte die Prognose für 2050, wies nur wenige junge Menschen aus, aber einen Wasserkopf alter Menschen. Ich sagte: „Wenn die Prognose zutrifft, müssen dann die wenigen jungen Leute die Rente für die Vielzahl der Alten erwirtschaften. Da murrten meine Püber und riefen: „Nein, das machen wir nicht!“ Ich musste lachen und bereitete ihnen eine bis dato völlig unbekannte Sorte Puberverdriet: „Tut mir leid, aber im Jahr 2050 seid ihr die Alten!“

Conclusio, meine lieben Damen und Herren: In der Pubertät kann man sich noch nicht vorstellen, alt zu werden. Mit 30 habens dann die meisten begriffen und erinnern sich mit leiser Wehmut an ihren Puberverdriet.

„Aprilenbot, Aprilenbot, schick den Narren weiter!“ – Lebenslänglich Aprilsjeck

Im letzten Jahr gab es im Teppichhaus Trithemius keinen launigen Aprilscherz, sondern einen Bericht über die Vergesslichkeit im Alter und wie unsere Gesellschaft mit den Folgen umgeht. Ich hatte mir vorgenommen, das Thema Demenz im Teestübchen aufzugreifen, es aber passender Weise vergessen. Gestern stieß ich zufällig wieder darauf, als ich ein Zitat zum Brauchtum Aprilscherz suchte, um beim geschätzten Heinrich zu kommentieren. Der Schweizer Ethnologe Hanns Bächtold-Stäubli beschreibt im “Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens” einen Brauch aus Württemberg:

„Am ersten April schickt man die Kinder in die Häuser mit einem Zettel, auf dem steht:

Aprilenbot, Aprilenbot!
Schick den Narren weiter
Gib ihm auch ein Stücklein Brot,
Dass er net vergebens goht.“

In diesem Brauch wird am kindlichen Analphabeten die Macht des Alphabets demonstriert. Wenn sich niemand erbarmt, wird das Kind bis zur Erschöpfung weitergeschickt, ohne zu wissen wie ihm geschieht. Kinder auf diese Weise zu veralbern, ist in unserer Gesellschaft nicht mehr opportun. Ganz anders unser Umgang mit Alten.

Im Oktober 2014 hielt ich an der Bauhausuniversität Weimar eine Gastvorlesung über Handschrift, ein Thema, das ich aus der Lamäng beherrsche, aber trotzdem war es eine Herausforderung. Anderthalb Jahre zuvor hatte mich ein Schlaganfall getroffen. Die behandelnden Ärzte fanden zwar, ich hätte „noch mal Glück gehabt“, aber das ist eine seltsame Vorstellung von Glück. Mein „Glück“ bestand darin, dass ich noch klar denken konnte. Aber ich war erstmals mit meiner eigenen Hilflosigkeit konfrontiert. Vorher hatte ich im Altern nur ein kosmetisches Problem gesehen, nicht mal an Falten gedacht. Meine grauen Haare störten mich nur, weil sie schon von weitem augenfällig machten, dass ich 29 Jahre älter war als meine damalige Freundin. Aber nach dem Schlag musste ich Gehen, Treppensteigen und vor allem Sprechen neu erlernen. Mir wurde klar, dass es nicht selbstverständlich ist, über alle Fähigkeiten zu verfügen, und manches geht unumkehrbar verloren. Deshalb war der kleine Lehrauftrag wichtig für mich. Ich wollte mir beweisen, dass ich das noch kann, also wieder kann.

Jedenfalls machte mich in Weimar die Studentin Theresa Zingel auf die Theorie der Nichtorte des französischen Ethnologen Marc Auge aufmerksam. Zingel hatte zuvor Landschaftsarchitektur studiert und für ihre Abschlussarbeit quasi das Gegenteil eines Nichtortes realisiert, einen Ort der Kommunikation, die Milchbank.

Nichtorte sind Orte, die man aufsucht, um sie zu verlassen wie Bahnhöfe und Bushaltestellen. Dabei darf man nicht an die Bahnhöfe der Großstädte mit ihren Einkaufszentren, Fressständen, Dienstleistungs- und Versorgungseinrichtungen denken. Wer schon einmal in der Provinz auf einem windigen Bahnsteig gehockt hat, hinter sich das verrammelte und verrottende Bahnhofsgebäude, der hat das überzeugende Beispiel eines Nichtortes erlebt. Als Student habe ich einmal lange an einer einsam gelegenen Bushaltestelle in der wallonischen Provinz gestanden und gewartet. Die Ödnis dieses Nichtortes war nicht zu übertreffen. Auch der ausgehängte gammelige Fahrplan hat mir nicht geholfen, denn da war niemand, der Auskunft geben konnte, ob er überhaupt noch gilt. Ich erinnere mich nicht, wie ich da weggekommen bin, kann nur zuverlässig sagen, dass ich nicht mehr da stehe.

Damals dachte ich bereits, dass stumme Auskunftgeber wie Hinweisschilder und Anzeigetafeln Ausdruck der sozialen Entfremdung sind. Der französische Philosoph Michel Foucault nennt derartige Orte „Heterotopien“ „Orte außerhalb aller Orte“, die nach seiner Ansicht kommunikative Verwahrlosung anzeigen. Foucault zählt dazu ausdrücklich Altenheime, euphemistisch ‘Seniorenzentren’ genannt.
An den Orten außerhalb aller Orte, wo unsere Gesellschaft die Alten zentriert, findet man zunehmend Nichtorte der besonderen Art, sogenannte Trughaltestellen im geschlossenen Garten. Demenzkranke können sich dort der Illusion hingeben, nach Hause aufzubrechen. Haben sie eine Weile vergeblich gewartet, ist der Impuls, nach Hause zu wollen, wieder vergessen und sie kehren freiwillig in den Schutz der Einrichtung zurück oder werden freundlich abgeführt. Natürlich gibt es zum neuen Brauchtum der Scheinhaltestellen bereits einen Eintrag bei Wikipedia, diesem grandiosen Nichtort des Digitalen.

Da findet sich das Beispiel einer Trughaltestelle auf dem Gang. Was zunächst absurd erscheint, entpuppt sich als besonders fürsorgliche Maßnahme der palliativen Therapie, denn so können reiselustige Demente geschützt vor Regen, Sturm und Kälte warten, bis etwa Pflegepersonal ihnen erzählt: „Die U-Bahn kommt heute nicht. Sie wird bestreikt!“ Es fehlt aber die Auflösung des Schwindels, der heitere Ruf: „April! April!“ Seit ich die Trughaltestelle gesehen habe, beschleicht mich der böse Verdacht, dass unsere Gesellschaft eine Fülle bislang unerkannter Nichtorte bereit hält, an denen wir wie die Dementen lebenslang in den April geschickt werden, und keiner kommt, uns zu erlösen.


April, April!: Letzte Haltestelle Demenz, Trughaltestelle in Hannover-Linden, wo niemals ein Bus hinkommt, denn das Gelände ist rundum geschlossen und von außen unzugänglich. Deshalb die ungünstige Perspektive. – Foto: Trithemius, (größer: klicken)