Das Pferd, sein Wagen und das Mädchen

Meine Schwester übergab mir alte Familienfotos, auch eines von meinem Bruder als Kind. Er sitzt auf dem Schoß meiner Mutter und schaut ernst, ein bisschen skeptisch. Meine Mutter im dunklen Kleid mit kurzen Ärmeln sitzt wiederum lächelnd auf der Treppe zur Haustür. Das Foto muss etwa 1948 entstanden sein, als mein Vater in Kriegsgefangenschaft war. Mein Bruder ist auf dem Foto folglich drei Jahre. Zu Füßen von Mutter und Kind steht ein Holzpferd mit Anhänger. Um dieses angeschirrte Holzpferd und seinen Anhänger rankt sich eine winzige Geschichte, die trotz ihrer Kleinheit in der Familie öfter erzählt wurde, so dass sie sich mir eingeprägt hat. Als ich das Foto sah, kam die Geschichte mir sofort wieder in den Sinn. Die menschliche Erinnerung ist eine seltsame Angelegenheit. Was man sich merkt, was ein Leben lang präsent ist, korreliert selten mit der Bedeutung eines Ereignisses. Nach dieser Vorrede nun die mauskleine Geschichte:

    Obwohl meine Mutter selbstironisch von sich sagte, sie spreche „Hochdeutsch mit Knaubeln“, hat sie uns Kindern Hochdeutsch beigebracht. In der Nachbarschaft gabe es ein gleichaltriges Mädchen, mit dem mein Bruder manchmal spielte. Von diesem Kind ist überliefert, dass es sich bemühte, im Umgang mit meinem Bruder ebenfalls Hochdeutsch zu sprechen, es aber nicht gelernt hatte. Einmal beim Spiel hatte es die Idee, dass das Holzpferd in seinem eigenen Anhänger stehen sollte und sagte: „Wilhelm! Tu das Perd dadrein!“

Längst tot wird das Kind sein, wie auch mein fünf Jahre älterer Bruder verstorben ist. Foto und Ausspruch haben überdauert.

Das Buch Alexander

Das Buch Alexander in meiner inneren Bibliothek hat drei weitere Kapitel: Bei unserer Radtour zum Bodensee durch den regenverhangenen Schwarzwald nächtigten wir in der Jugendherberge von Freudenstadt. Wegen Überbelegung wies man uns eine Dachstube mit Feldbetten zu. Indem der Regen aufs Dach prasselte, lagen wir ermattet auf unseren Pritschen. Alexander hob die Decke an, schaute nach unten und berichtete: „Er schwillt an. Er hebt sich. Er steht! Jetzt senkt er sich wieder und legt sich ab.“ Das war unerhört, zumal wir einen von der katholischen Sexualmoral schwer verkorksten Jungen bei uns hatten, der, wann immer die Rede auf Mädchen kam, ausrief: „Küssen, Todsünde!“

Zwei Jahre später beim Familienurlaub hatte Alexanders jüngerer Bruder sich in eine der beiden Töchter einer Familie aus Vlaardingen bei Rotterdam verliebt. Nach dem Urlaub drängte es ihn, das Mädchen wiederzusehen. Alexander hatte gerade den Führerschein gemacht, und sein Vater lieh ihm das neue Familienauto, einen Renault Kleinwagen. Wir beschlossen die 250 Kilometer nach Vlaardingen zu fahren und zwängten uns zu sechst ins Auto. Einer musste im Kofferraum liegen. Erst kurz vor Rotterdam stellte Alexander fest, dass er die ganze Strecke mit gezogener Handbremse gefahren war.

Die holländische Familie hatte nicht mit unserem Besuch gerechnet, empfing uns trotzdem herzlich und betont gastfreundlich. Für den Vater der Mädchen war es eine Ehrensache, dass wir sechs im kleinen Einfamilienhaus übernachten würden. Man überließ uns sogar das Ehebett und quartierte sich bei Nachbarn ein. Nach dem Abendessen wurden im Wohnzimmer die Möbel zur Seite gerückt und Platten zum Tanz aufgelegt. Die lebenslustige Mutter verdreht uns den Kopf, indem sie jeden zum Klammerblues aufforderte und sich ungehemmt anschmiegte. Der aufgekratzte Alexander wollte sich hervortun und zeigte einen Kopfstand. Da plötzlich stob Spocky heran, der kleine schwarzweiß gefleckte Köter der Familie, und beleckte schwanzstummelwedelnd Alexanders Gesicht. Da er die Hände nicht freihatte, konnte er sich nicht wehren. Während die eifrige Hundezunge sein Gesicht wusch, rief Alexander „Pfui, Spocky! Nein! Nicht! Böser Hund! Geh weg!“ und musste rasch wieder auf die Füße, weil der Hund kein Deutsch verstand.

Sein Vater kaufte ihm eine Rennmaschine, und Alexander wurde Mitglied in einem Neusser Radsportverein. Er lebte spartanisch, zog nicht mit uns durch Kneipen, hatte ja seine Claudia und den Sport. Einmal sah ich ihn bei der Heimfahrt vom Training. Da schoss er an mir vorbei, den Blick nur auf die Straße gerichtet.

Eine Furcht, stärker als der Mutter Hand

Ohne Erlaubnis ist ein Wanderer im unwegsamen Gebirge meiner Erinnerung unterwegs. Manchmal löst sich ein Brocken unter seinem Fuß, poltert herab und trudelt durch mein Bewusstsein. Da erinnere ich mich plötzlich an ein Erlebnis, bei dem ich etwa fünf Jahre alt war. Meine Mutter fuhr mit mir und meiner Sandkastenfreundin Josie mit dem Zug zu einem Verwandtenbesuch an die Mosel. Es waren Josies Verwandte. Josies Mutter stammte aus dem kleinen Moseldorf Ernst. Es gibt ein verschollenes Schwarz-weiß-Foto, so eines mit dem geriffelten weißen Rand. Meine Mutter in der Mitte trägt einen weiten Rock, eine Jacke und einen kecken Hut. Sie hat links und rechts Josie und mich an der Hand.

Gerade frage ich mich, wer das fotografiert hat. Vielleicht ist das Foto eines jener falschen Erinnerungen, die sich gerne mit richtigen verbacken, so dass ein nicht aufzulösendes Konglomerat entsteht.

Es war für mich die erste Fahrt mit der Eisenbahn. In Koblenz mussten wir umsteigen. Wir gingen durch eine belebte Unterführung, als uns ein Soldat oder Polizist in Uniform entgegenkam. Plötzlich bekam ich große Angst. Ich riss mich von der Hand meiner Mutter los und rannte weg. Warum der Uniformierte mich so ängstigte, weiß ich nicht. Böse Zungen könnten vermuten, dass ich wohl bereits im Kindergarten ein kleiner verstockter Verbrecher war, der die Polizei fürchten musste. In Wahrheit habe ich im Leben nur wenig mit der Polizei zu tun gehabt. Einmal, mit 19 Jahren wurde ich vorgeladen, weil ich in der Druckerei Fehldrucke von Fahrscheinen der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) an mich genommen hatte. Ich gab an, ich hätte ein einziges Blöckchen genommen, um daraus eine Collage zu gestalten, denn Leute vom grafische Gewerbe sähen in den Drucksachen einen anderen Wert als deren Auftraggeber. Die Sache wurde fallengelassen. Meine Furcht vor Soldaten war begründeter. Niemand versieht das Kriegshandwerk, niemand tötet seine Mitmenschen, ohne innerlich abzusterben. Folglich bin ich Kriegsdienstverweigerer.

An die Mosel gelangten wir damals doch, trafen wohl erst im Dunkeln ein. Am nächsten Morgen erwachte ich und sah vor dem Fenster eine Nebelwand. Als es heller wurde, verwandelte sich die Nebelwand in einen direkt hinterm Haus aufragenden Weinberg. Nie zuvor hatte ich einen derartig steilen Berg gesehen. Und dass ihm erlaubt war, so dreist gegen das Haus vorzurücken, war mir unbegreiflich.

Als Jugendlicher nächtigte ich mit Freunden in der Jugendherberge des Moselstädtchens Cochem. Josies Bruder Werner war auch dabei. Wir beschlossen, nach Ernst zu seinen Verwandten zu trampen. Eine Gruppe um Werner fand zuerst eine Mitfahrgelegenheit. Wir folgten wenig später nach. Ich erinnerte mich, dass die Verwandten Göbel hießen. Wir fanden im Ort eine Bäckerei, eine Metzgerei, einen Gasthof, ein Weingut Göbel, aber unsere Freunde waren verschwunden.

Ein Erinnerungsspaziergang mit Sinuhe und Nefernefer

Ein seltsames Plakat ohne Fernwirkung klebt in meinem Viertel. Nur aus der Nähe zeigt sich, worum es geht und wer plakatiert hat. Eine Fotografin offenbar, und ihr Projekt heißt: „Ich wünschte, ich könnte durch deine Erinnerungen spazieren wie durch eine Lindener Wohnung.“ Die Idee fasziniert mich, denn schon oft habe ich über die verschiedenen Erinnerungsschichten nachgedacht, denen die Dinge des Haushalts angehören. Da ich oft umgezogen bin, sind die ältesten Dinge in meiner Wohnung Bücher. Ich vermute, das älteste ist der Roman: „Sinuhe der Ägypter“ des finnischen Autors Mika Waltari. Das Buch stammt aus der kleinen Sammlung meiner Mutter.

Meine Mutter hatte es wiederum vom Bertelsmann-Lesering bekommen. Sie war da Mitglied, vergaß aber immer wieder, sich Bücher aus dem Bertelsmann-Katalog auszusuchen, so dass ihr Bücher als Jahresgabe zugeschickt wurden, unter anderem auch „Sinuhe, der Ägypter.“ Ich weiß noch genau, wo der Wohnzimmerschrank gestanden hat und wie das Bücherfacher an manchen Tagen verlockend in der Sonne lag, auch erinnere ich mich an den Sessel, in dem ich gesessen und geschmökert habe.

Ein ägyptischer Arzt zur Zeit des Pharaos Echnaton erzählt in Ichform von seiner Tätigkeit als Leibarzt am Königshof. Er verfällt einer Kurtisane namens Nefernefer, die ihn verlockt, aber nie richtig erhört. Sie verlangt als Liebesbeweis immer wieder erneut wertvolle Geschenke, die Sinuhe heranschaft, bis er sich ruiniert hat. Zum Schluss verkauft er sogar das Grab seiner Eltern, obwohl er weiß, dass er sie dadurch der ewigen Verdammnis ausliefert.

Als Pubertierender habe ich dieses Buch verschlungen, vor allem der erotischen Stellen wegen, und ich hoffte mit Sinuhe, dass sein Verlangen endlich befriedigt würde, was aber nie geschah. Faszinierend war auch Waltaris kenntnireiche Schilderung der ägyptischen Kultur. Ich lernte viel über das Leben im alten Ägypten, aber auch über die Psyche des verliebten Mannes und wie er zum Spielball seiner sexuellen Begierden werden kann.

Ach, darüber werde ich grad so müd, dass der Erinnerungsspaziergang schon enden muss.

Der Mensch als großer Banalisierer

Er lag auf der Couch und hörte Musik. Als plötzlich Yellow Submarine der Beatles lief, hatte er die Erinnerung an einen seltsamen Laden. Er sah sich um. Ja, hier war er einmal mit Lisette gewesen. Er war widerstrebend mit ihr hineingegangen, denn ihm war nicht klar, was sie darin zu finden hoffte. Die Ware stand unordentlich herum, halb ausgepackte Kartons verstellten die Gänge. Umkleidekabinen waren auf einer Halbetage, beim Eingang die Kasse. Eine blonde Frau fragte, ob sie helfen könne. Lisette sagte, sie wolle sich nur umsehen. Ihm war das peinlich. Er würde nie in einen Laden gehen, um sich nur umzusehen.

Die Erinnerung wurde schwächer. Er ließ sie ziehen, denn ihm war klar, dass er sie nur halten könnte, wenn er einiges konkretisierte. Dann wäre es keine originale Erinnerung mehr. Sie würde überschrieben werden durch seinen fordernden Geist. Andererseits was war schlecht daran? Gab es einen Bestandschutz für Erinnerungen? Wer wollte den überwachen? Natürlich gehörten Erinnerungen zu einer gelebten Vergangenheit, zu einer Vergangenheit, die einmal Realität gewesen war. Aber jede Erinnerung daran war sie nicht wie eine Neuinszenierung auf einer Art innerer Bühne? Trotzdem, eine Neuinszenierung fußte ja auf der ersten Inszenierung in der Realität. Diese Inszenierung wurde tiefer und tiefer vergraben, wenn sie durch die Neuinszenierung überschrieben würde. Heißt es nicht, die Vergangenheit wäre unverrückbar? Ihm schien, dass es neben der gelebten Vergangenheit eine imaginäre Vergangenheit gibt, eine, die sich ständig verformt.

In früheren Zeiten hatte er oft Radio gehört. Welch eine Freude, wenn plötzlich ein Musiktitel aus seiner Jugend ertönte und eine Erinnerung auslöste an eine Zeit, in der er glücklich gewesen war. Heute konnte er sich bei YouTube oder Musikstreamingdiensten alle Titel seiner Jugend nach Belieben aufrufen. Er hörte sie dann im neuen Kontext seiner jetzigen Lebensphase. Das war auch jeweils eine Neuinszenierung vor einem aktuellen Bühnenbild. Nur wenige Musiktitel behielten ihren Zauber. Eventuell liegt es an der ständigen Verfügbarkeit von Konserven aus der Vergangenheit, dass vieles zu verflachen scheint. Jede Übermalung des Bühnenbilds eine Banalisierung.

Nachtfalters Erinnerungen

Als ich im Bad Licht machte, flatterte aus einer Ecke ein Nachtfalter auf. Flatterte ziellos herum und suchte nach einem Versteck. Nicht zehn Sekunden blieb er irgendwo sitzen. Vielleicht konnte er sich in der plötzlichen Helle schlecht orientieren. Jedenfalls setzte er sich bald auf einen für ihn ungeeigneten Platz, nämlich auf die weißen Kacheln links neben meinem Badspiegel. Da wollte ich ihn schon aus ästhetischen Gründen nicht lassen. Abgesehen davon ist ein Insekt, das jede Sekunde orientierungslos herumflattern kann, kein angenehmer Gast im Bad.

Ich nahm ein Glas und stülpte es über ihn. Natürlich verstand er meine durchaus guten Absichten nicht und flatterte wie wild in seinem engen Glaskäfig umher. Ich musste ihn wieder freilassen, weil ich keine Abdeckung für das Glas in Reichweite hatte. Das war mir vorher klar gewesen, aber ich war fast so planlos wie der Nachtfalter auf meinen Kacheln an die Sache rangegangen. Im Küchenregal fand ich die Anleitung für einen Radiowecker und während ich den Falter wieder einfing, der erneut völlig blöd auf meinen Kacheln gesessen hatte, wunderte ich mich darüber, dass ich die Anleitung aufbewahrt hatte. Den Radiowecker habe ich nämlich längst entsorgt, weil er defekt gewesen ist.

Ich deckelte das Glas, der Falter beruhigte sich, und ich trug ihn zum Fenster, wo ich ihn in die Freiheit entließ. Ich hatte das Glas schütteln müssen, damit er hinausfand. Dann aber segelte er in hohem Bogen davon. Als wäre er schon oft aus einem Glas in den hellen Tag hinausgeschüttelt worden, führten ihn jetzt wieder seine Instinkte. Die Kommandozentrale wurde wieder von Fachpersonal besetzt, das genau wusste, was jetzt zu tun ist. Vorher hatte wohl große Verwirrung geherrscht. Alle waren durcheinander gelaufen und hatten Unsinn gerufen. Mal übernahm dieser das Steuer, mal jener, mal rief einer: „Was zum Teufel soll die Anleitung für einen Radiowecker?!“

Will sagen: Wir wissen nicht, wie so ein Nachtfalter eine Situation wahrnimmt, die in seinem Plan nicht vorgesehen ist. Vermutlich spürt er nur die Gefahr für sein kleines Leben. Alles andere ist ihm wumpe. Heute Nacht wird er tollkühn und bedenkenlos erneut durchs offene Küchenfenster meine Küchenlampe ansteuern und sich eventuell ins Bad verirren, wo ich ihn morgens fange, und er wird keine Ahnung haben, dass ihm gestern das Gleiche passiert ist.

Der Mensch ordnet seine Welt durch Erinnerung. Was uns umgibt, ist mit Bedeutung aufgeladen, die aus der Vergangenheit kommt. Das ist nicht nur mit den Wörtern so, in denen einer denkt. Die Anleitung erinnert mich an den Radiowecker. Der, obwohl nicht mehr da, erinnert mich an eine verflossene Beziehung zu einer Frau in München. Ich hatte ihr den Wecker geschenkt, weil sie sich immer vom Mobiltelefon hatte wecken lassen, das zu diesem Zweck eingeschaltet neben ihrem Kopf gelegen. Dann hatte sie mir den Wecker als defekt gemeldet, und ich hatte ihn wieder mit nach Hannover genommen, um ihn umzutauschen, fand aber die Quittung nicht mehr. Das Radio funktionierte noch und diente mir eine Weile als Küchenradio, bis es ebenfalls muckte. Da war ich froh einen Grund zu haben, es wegzuwerfen.

Der Falter hat das alles wieder an die Oberfläche gebracht, und falls ich am Morgen nicht gewusst hab, wer ich bin, die Radioweckerbedienungsanleitung hat mich wieder in der Welt verortet. Unklar ist freilich, ob der Mensch, indem er in der Vergangenheit lebt und seine Illusion der Gegenwart aus den Erinnerungen formt, mehr von der physikalischen Realität versteht als der Nachtfalter.

Über die Verfügbarkeit des Vergangenen

Erneut sandte mein Jugendfreund Fritz [Name geändert] eine Botschaft aus der Heimat, einen Kalender des Nettesheimer Apothekers mit Schwarzweißfotos aus Nettesheim. Das Blatt vom Juni hat es mir angetan. Auf dem Foto steht der Friseur meiner Jugend im weißen Friseurkittel unter dem Schild „Damen Salon“ (inverse Schreibschrift auf dunklem Grund) und schaut zum rechten Bildrand, wo ein Mann mit Hut und Anzug zu sehen ist, aber nur angeschnitten im Dreiviertelprofil von hinten. Der Mann steht mit gerecktem Kinn und hält den Rücken durchgedrückt. Vermutlich ist er ein Kunde, der sich der ernsten Sache eines Friseurbesuchs nicht nur bewusst ist, sondern sich dafür auch angemessen gekleidet hat.

Der junge Toni Pesch mit 50-er-Jahre-Haartolle dagegen steht entspannt, hat die Hände oberhalb der Hüften in Handwaschgeste ineinander gelegt. Seine Miene ist seinem Gegenüber  offen zugewandt und erwartungsvoll. Oben am linken Bildrand ist ein weiteres „Salon-Schild zu sehen, aber angeschnitten. Man ahnt, dass das die Tür zum Herren-Salon ist. Zwischen den beiden hell gestrichenen Türen, die durch jeweils zwei senkrechte Fensterelemente mit Milchglasscheiben durchbrochen sind, hängt ein langer rahmenloser Spiegel, worin sich Toni Peschs Rücken und Hinterkopf spiegeln. Auf der Höhe seiner Schulterblätter befindet sich ein kleiner Spiegel-Aufkleber, das Brustbild eines lachenden Mannes, der eine Flasche hoch hält. Der Aufkleber ist nach unten begrenzt durch ein geschwungenes Spruchband. Rechts hinter Toni Pesch hängt an der Wand eine gerahmte Urkunde, vermutlich ein Meisterbrief. Unter dem Meisterbrief ist noch ein gerippter Heizkörper zu sehen mit einem Absperrventil über dem senkrechten Zuleitungsrohr. Das Foto wirkt nicht gestellt, aber wurde offenbar vom einem professionellen Fotografen arrangiert und fotografiert. Die für den Kalender hinzugefügte Bildunterschrift lautet: „Toni Pesch – unser Butzheimer Friseur in den Anfängen der 1950er Jahre“

Im Mitmachprojekt: „Die Läden meiner Kindheit“ habe ich mich an Toni Peschs Friseurladen erinnert (klick Grafik). So jung und schlank wie auf dem Foto hatte ich ihn beim Schreiben nicht vor mir. Das Foto erweitert also auf befremdliche Weise meine Erinnerung in eine Vergangenheit, die gar nicht mein eigenes Erinnern ist.

Ein chinesisches Sprichwort lautet: „Die Erinnerung malt mit goldenem Pinsel“ Wie ist es, wenn goldene Erinnerungsbilder durch Bilddokumente übermalt werden, wie es dem heutigen Menschen widerfährt, der durch Fotografien und Videos jede Lebensphase dokumentiert sieht, entweder von wohlmeinenden Eltern oder durch Selfies? Dabei interessiert nicht die Frage, was besser oder schlechter ist, die Bilderarmut der Vergangenheit oder die Bilderflut in Zeiten von Digitalfotografie und Smartphone. Zu fragen wäre nach den Konsequenzen, wie sich menschliche Erinnerung anders organisiert, wenn medientechnische Hilfsmittel sie im überwältigenden Maß stützen.

Platon lässt Sokrates im Phaidros an der Schrift kritisieren: „Denn sie wird Vergessenheit in den Seelen derer schaffen, die sie lernen, durch Vernachlässigung des Gedächtnisses, – aus Vertrauen auf die Schrift werden sie von außen durch fremde Gebilde, nicht von innen aus Eigenem sich erinnern lassen.“

Wechselseitiger Blick durchs Erinnerungsfenster

Mittags schon Prosecco zu saufen, gehört für mich seit Jahrzehnten zu den verrufenen Tätigkeiten. Gestern nun wurde ich dazu verführt, denn es gab einen wirklich guten Grund anzustoßen. Dass ich dafür büßen musste, zeigt mir, dass meine Abneigung mittäglicher Proseccosauferei ihren Grund in weiser Voraussicht hat. Abends schlief ich vor dem Fernseher ein, konnte nachdem ich erwacht war, nicht ins Bett gehen, schlief unruhig, erwachte zerschlagen und bin den ganzen Tag dünnhäutig und durch den Wind. Eben hörte ich im Radio ein Lied. Da ging ein Erinnerungsfenster auf.

Ich saß zu einer Hospitationsstunde mit anderen Studenten im Musikhörsaal eines Aachener Mädchengymnasiums. Vor uns eine Lerngruppe mit 17-jährigen Mädchen. Der Musiklehrer wollte uns etwas Besonderes bieten, zupfte ein Intro auf der Gitarre, und 20 engelhafte Mädchenstimmen hoben zu singen an:

„My lady D’Arbanville, why do you sleep so still?
I’ll wake you tomorrow
And you will be my fill, yes, you will be my fill. (…)“

Ein wohliger Schauer durchzog mich. Das klang zu schön. Ich war wie verzaubert von der gefühlvollen Jungmädchenpower, der mit einem Mal den Musiksaal erfüllte. Nie wieder habe ich das Lied so schön gehört. Als ich fünf Jahre später Referendar an dieser Schule wurde, waren die jugendlichen Sängerinnen von damals schon erwachsene Frauen.

Der faule Nachmittagskopf, mit dem ich eben in den Seilen hing, fand nichts dabei, diese schöne Erinnerung an die Hospitationsstunde noch weiter auf den schnöden Alltag herunterzubrechen und rechnete. Das Geschilderte muss sich 1974 zugetragen haben, also vor 43 Jahren. Die Wesen mit ihren engelhaften Stimmen, in denen noch all die arglosen Lebenshoffnungen und Träume von Jungmädchen lagen, müssten demnach inzwischen 60 Jahre alt sein, hätten nach dem Abitur vielleicht ein Studium abgeschlossen, eine berufliche Karriere hinter sich, wären Ehefrauen und Mütter, eventuell schon Großmütter, wären glücklich geworden oder chronisch erkrankt, eins wäre vielleicht früh verstorben, eins ermordet worden, eins von einem Hochhaus in den Tod gesprungen, eins in die USA ausgewandert und nie mehr nach Deutschland zurückgekehrt, eins wäre mir just heute Mittag auf der Straße begegnet, wie es schwer an sich und seinem Einkauf trug. Eins säße an der Supermarktkasse und würde mir leise stiekum über die Kälte klagen, die ständig zur geöffneten Tür hereinzog.
Aber in meiner Erinnerung sind alle noch zarte 17 und singen ein gefühlvolles Lied von Cat Stevens. Was für ein seltsam Ding ist doch das Leben.

Gekritzelt – Immerzu Gerappel und Geklingel

Tata-Taataataaaaa
Eine Unterkategorie der Science Fiction ist die Dystopie. Dystopien zeigen pessimistische Gegenbilder der Utopie, totalitäre Gesellschaften wie etwa in Georges Orwells Roman „1984“, Ray Bradburys „Fahrenheit 451“, in Terry Gilliams bedrückendem Film „Brazil“ oder in der verfilmten Romantrilogie „Hunger Games“ von Suzanne Collins. Was hat es zu bedeuten, dass die Tagesschau-Titelmelodie neuerdings exakt klingt wie aus einer der filmischen Dystopien? Ist das Versehen oder schreckliche Drohung?

Tee von gestern
Ich achte handwerkliche Leistung bis zur Selbstaufgabe. Wenn beispielsweise mein Friseur mir mehr von den Haupthaaren abschneidet als vereinbart, verkneife ich mir Protest. Daher ging ich letztens mit einer Halbseitenglatze nach Hause – und gab sogar Trinkgeld. Darum würde ich nie machen, was einer bei Fräulein Schlicht tat. Er trat an die Theke und sagte schwäbelnd ungefähr das: „Erkläre bitte deiner Mitarbeiterin von gestern, wie Früchtetee gemacht wird. Sie schaufelte Löffel um Löffel hinein, und mir war klar: „Das wird Schwarztee, aber kein Früchtetee.“ ZOUNDS! Das ist ja noch schlimmer als eine Halbseitenglatze. Aber warum beschwert er sich erst tagsdrauf? Hat er heute Morgen Korinthen kacken mussen?

Die Wahrheit über Dada
In seinem wunderbaren Buch „Agar agar zaurzurim – Zur Naturgeschichte des Reims und der menschlichen Anklangsnerven“ verrät Peter Rühmkorf, dass Dada im Malaysischen die weibliche Brust meint.

Die Glasknochen der Erinnerung
Manche Erinnerungen sind so fragil, wenn man nach ihnen greift, um sie aufzuschreiben, zerbröseln sie.

Wütend vor Angst
Im Haushalt meiner Patentante Liesl lebte ihr alter Vater, der Opa Happ. Als ich mal bei ihr in Ferien war, hatte er herausgefunden, dass er mich abends ärgern konnte, wenn er befahl: „Husch husch ins Körbchen!“ Das machte mich wütend, und darüber freute sich Opa Happ, aber es lag gar nicht an den Worten. Ich mochte nie gern zu Bett gehen, weil im Schlafzimmer oben auf dem Kleiderschrank meiner Tante alte Puppe Gundula saß. Vor Gundula hatte ich im Dunkeln eine Scheißangst. Opa Happ und Gundula, das Alptraumpaar.

Homunculi
Als ich Sonntag aus dem Fenster schaute, habe ich erblickt, wie zwei Männer im Pitbullsmoking von Addidas auf dem Spielplatz unten einen Grill aufgebaut und mächtigen Qualm produziert haben. Schaue ich zum zweiten Mal hinaus, sitzt hinter der Qualmwolke ganz schemenhaft ein weiterer Mann im Pitbullsmoking. Und klar, 15 Minuten später lungert ein Vierter um die Feuerstelle herum. Die Alchemisten haben geglaubt, wenn sie eine Phiole mit Sperma für eine Weile im dampfenden Kuhmist vergraben, dass in der Phiole ein Homunculus, also ein Menschlein heranwachsen würde. So glaube ich, dass im Qualmen und Rauchen eines Tankstellengrills Männer mit Pitbullsmoking erzeugt werden.

Immerzu Gerappel und Geklingel …
… ist die Überschrift und hier die Unterschrift:

Bericht von meiner ethnologischen Forschungsreise von Hannover nach Aachen und zurück (Folge 5)

Folge 1Folge 2Folge 3Folge 4

middelbergDas Treffen der Kolleginnen und Kollegen soll im Café M. in der Altstadt sein, und anschließend wird es eine Domführung geben. An der werde ich nicht teilnehmen, weil ich den Dom und die Domführung kenne und noch durch die Stadt streifen will. Als ich im Juli die Einladung bekam und den Namen des Cafés las, konnte ich mich nicht erinnern, je dort gewesen zu sein. Aber wie wir das Caféhaus betreten und zur ersten Etage hinaufsteigen, wo ein Raum für uns reserviert ist, erkenne ich die Treppe an ihrem goldenen Handlauf. Nach dem Hallo der Kolleginnen und Kollegen, nach Händeschütteln und Umarmungen, als alle gut sitzen, schwingt sich ein besonders redefreudiger Kollege auf, den ganzen Tisch mit rasend interessanten Reiseerlebnissen zu unterhalten. Früher konnte man seine Mitmenschen quälen mit Dia-Abenden, wo alle 500 Urlaubsdias vorgeführt wurden. Das hier ist ähnlich. Da schweift meine Aufmerksamkeit ab, denn ich kann von meinem Platz aus die Rückwand des Hauptraums sehen, wo in einer Nische zwei Tische stehen. Da geht ein archäologisches Fenster auf und ich sehe hinab in den Dezember 1998.

Damals war mein geordnetes Leben auseinander geflogen, und es geschah in Zeitlupe, so dass ich die Explosion und ihre verheerenden Folgen beobachten konnte. Ich hatte eine verheiratete Frau kennen gelernt, derweil ihr Ehemann beruflich für ein Jahr in Afrika war. Sie hatte den Eindruck erweckt, hatte es wohl auch selbst geglaubt, die Ehe bestünde nur noch auf dem Papier. Als er arglos zurückkam und seiner Ehe wieder Bestand verleihen wollte, war ich schon rettungslos in seine Frau verliebt. Ich liebte sie wie ich nie zuvor geliebt hatte, zumal meine Ehe lange Zeit nur noch Familienroutine gewesen war. Es folgte eine schreckliche Zeit der Heimlichkeiten in dieser engen Stadt Aachen, wo fast jeder jeden kennt.

Wir saßen im Café M., genau an der Stelle, an der einmal Lisettes Bett gestanden hatte, vor dem Umbau des Hauses, als auf der ersten Etage noch Wohnungen gewesen waren. Es war ein kalter Dezembertag, wir hatten uns am windigen Markt getroffen und uns besonders unbehaust gefühlt. Ich wünschte mir eine Zeitreise, dass wir uns in ihr Bett legen könnten, und ich würde sie aufwärmen. Freilich müsste dann etwas mit all den anderen Caféhausbesuchern geschehen. Am besten würden sie in eine Art Zeitstarre fallen, damit wenigstens Lisettes Zimmer von ihnen befreit werden könnte. Ich stellte mir vor, sie in der Garderobenecke aufzustapeln. Da hätte ich eine Menge zu tun. Als wir ankamen, hatte eine Türsteherin am Eingang den Besucherverkehr geregelt und uns zunächst gar keine Hoffnung auf einen Platz gemacht. Lisette war jedoch einfach vorangegangen, und als wir oben ankamen, standen gerade zwei feine Damen auf, richteten ihre Hütchen, hüllten sich in Mäntel, sammelten die unzähligen Einkaufstüten ein und verzogen sich. Ich betrachtete sie genau und versuchte etwas in ihnen zu entdecken, was meinen Verdacht bestätigte, die zwei wären nur Platzhalterinnen gewesen, die der kosmische Schachspieler wunschgemäß abzog, als Lisette eintraf. Ich allein hätte mich niemals freiwillig in diesen Raum begeben, in dem die Tische so klein waren, so nah beieinander standen und ein Publikum aus gut situierten älteren Damen und wenigen Herren derart dicht an dicht saß, dass mir das Herz eng wurde. Wir redeten nur halblaut, und trotzdem fühlte ich mich von dem Ehepaar gleich nebenan belauscht. Lisette rührte in ihrer heißen Schokolade und erzählte von ihrem Arztbesuch.
„Ich dachte, du wärst in deiner Ehe glücklich“, hatte Dr. Herwig gesagt und nach mir gefragt, der ich auch sein Patient war, was sie denn mit mir zu tun habe.
„Aber ich habe dichtgemacht“, sagte Lisette. „ich lasse mich doch von dem nicht aushorchen.“
„Vermutlich wird er sich seinen Teil dazu denken, dass wir beide fast gleichzeitig mit Sturzverletzungen bei ihm gewesen sind.“
Wir lachten. Lisette legte ihren Tabak auf den Tisch und ließ sich von mir eine Zigarette drehen, ein Zeichen, dass sie ihre Erkältung endlich überwunden hatte.
„Im Niederländischen gibt es das Wort ‚valpartij‘“, sagte ich. “Wenn es bei einem Radrennen zu einem Massensturz kommt, dann rufen die Reporter aufgeregt: ‚Valpartij, valpartij‘. Das klingt, als wäre es eine gesellige Veranstaltung, ein Ausflug, wie im Deutschen bei dem Wort Landpartie, Kahnpartie oder so. Was wir im November zusammen hatten, das war auch eine valpartij.“ „Ja, mit unserer valpartij hat alles angefangen“, sagte Lisette.

Der Kollege am Tisch schwärmt noch immer von seiner Reise und der gestohlenen Brieftasche und wie er alle seine Kreditkarten hat sperren lassen haben musste, gehabt worden zu sein, äh … Dingenskirchen. Ich kann ein Gähnen kaum unterdrücken. Das archäologische Fenster trübt sich ein und schließt sich.

Fortsetzung