Wechselseitiger Blick durchs Erinnerungsfenster

Mittags schon Prosecco zu saufen, gehört für mich seit Jahrzehnten zu den verrufenen Tätigkeiten. Gestern nun wurde ich dazu verführt, denn es gab einen wirklich guten Grund anzustoßen. Dass ich dafür büßen musste, zeigt mir, dass meine Abneigung mittäglicher Proseccosauferei ihren Grund in weiser Voraussicht hat. Abends schlief ich vor dem Fernseher ein, konnte nachdem ich erwacht war, nicht ins Bett gehen, schlief unruhig, erwachte zerschlagen und bin den ganzen Tag dünnhäutig und durch den Wind. Eben hörte ich im Radio ein Lied. Da ging ein Erinnerungsfenster auf.

Ich saß zu einer Hospitationsstunde mit anderen Studenten im Musikhörsaal eines Aachener Mädchengymnasiums. Vor uns eine Lerngruppe mit 17-jährigen Mädchen. Der Musiklehrer wollte uns etwas Besonderes bieten, zupfte ein Intro auf der Gitarre, und 20 engelhafte Mädchenstimmen hoben zu singen an:

„My lady D’Arbanville, why do you sleep so still?
I’ll wake you tomorrow
And you will be my fill, yes, you will be my fill. (…)“

Ein wohliger Schauer durchzog mich. Das klang zu schön. Ich war wie verzaubert von der gefühlvollen Jungmädchenpower, der mit einem Mal den Musiksaal erfüllte. Nie wieder habe ich das Lied so schön gehört. Als ich fünf Jahre später Referendar an dieser Schule wurde, waren die jugendlichen Sängerinnen von damals schon erwachsene Frauen.

Der faule Nachmittagskopf, mit dem ich eben in den Seilen hing, fand nichts dabei, diese schöne Erinnerung an die Hospitationsstunde noch weiter auf den schnöden Alltag herunterzubrechen und rechnete. Das Geschilderte muss sich 1974 zugetragen haben, also vor 43 Jahren. Die Wesen mit ihren engelhaften Stimmen, in denen noch all die arglosen Lebenshoffnungen und Träume von Jungmädchen lagen, müssten demnach inzwischen 60 Jahre alt sein, hätten nach dem Abitur vielleicht ein Studium abgeschlossen, eine berufliche Karriere hinter sich, wären Ehefrauen und Mütter, eventuell schon Großmütter, wären glücklich geworden oder chronisch erkrankt, eins wäre vielleicht früh verstorben, eins ermordet worden, eins von einem Hochhaus in den Tod gesprungen, eins in die USA ausgewandert und nie mehr nach Deutschland zurückgekehrt, eins wäre mir just heute Mittag auf der Straße begegnet, wie es schwer an sich und seinem Einkauf trug. Eins säße an der Supermarktkasse und würde mir leise stiekum über die Kälte klagen, die ständig zur geöffneten Tür hereinzog.
Aber in meiner Erinnerung sind alle noch zarte 17 und singen ein gefühlvolles Lied von Cat Stevens. Was für ein seltsam Ding ist doch das Leben.

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Gekritzelt – Immerzu Gerappel und Geklingel

Tata-Taataataaaaa
Eine Unterkategorie der Science Fiction ist die Dystopie. Dystopien zeigen pessimistische Gegenbilder der Utopie, totalitäre Gesellschaften wie etwa in Georges Orwells Roman „1984“, Ray Bradburys „Fahrenheit 451“, in Terry Gilliams bedrückendem Film „Brazil“ oder in der verfilmten Romantrilogie „Hunger Games“ von Suzanne Collins. Was hat es zu bedeuten, dass die Tagesschau-Titelmelodie neuerdings exakt klingt wie aus einer der filmischen Dystopien? Ist das Versehen oder schreckliche Drohung?

Tee von gestern
Ich achte handwerkliche Leistung bis zur Selbstaufgabe. Wenn beispielsweise mein Friseur mir mehr von den Haupthaaren abschneidet als vereinbart, verkneife ich mir Protest. Daher ging ich letztens mit einer Halbseitenglatze nach Hause – und gab sogar Trinkgeld. Darum würde ich nie machen, was einer bei Fräulein Schlicht tat. Er trat an die Theke und sagte schwäbelnd ungefähr das: „Erkläre bitte deiner Mitarbeiterin von gestern, wie Früchtetee gemacht wird. Sie schaufelte Löffel um Löffel hinein, und mir war klar: „Das wird Schwarztee, aber kein Früchtetee.“ ZOUNDS! Das ist ja noch schlimmer als eine Halbseitenglatze. Aber warum beschwert er sich erst tagsdrauf? Hat er heute Morgen Korinthen kacken mussen?

Die Wahrheit über Dada
In seinem wunderbaren Buch „Agar agar zaurzurim – Zur Naturgeschichte des Reims und der menschlichen Anklangsnerven“ verrät Peter Rühmkorf, dass Dada im Malaysischen die weibliche Brust meint.

Die Glasknochen der Erinnerung
Manche Erinnerungen sind so fragil, wenn man nach ihnen greift, um sie aufzuschreiben, zerbröseln sie.

Wütend vor Angst
Im Haushalt meiner Patentante Liesl lebte ihr alter Vater, der Opa Happ. Als ich mal bei ihr in Ferien war, hatte er herausgefunden, dass er mich abends ärgern konnte, wenn er befahl: „Husch husch ins Körbchen!“ Das machte mich wütend, und darüber freute sich Opa Happ, aber es lag gar nicht an den Worten. Ich mochte nie gern zu Bett gehen, weil im Schlafzimmer oben auf dem Kleiderschrank meiner Tante alte Puppe Gundula saß. Vor Gundula hatte ich im Dunkeln eine Scheißangst. Opa Happ und Gundula, das Alptraumpaar.

Homunculi
Als ich Sonntag aus dem Fenster schaute, habe ich erblickt, wie zwei Männer im Pitbullsmoking von Addidas auf dem Spielplatz unten einen Grill aufgebaut und mächtigen Qualm produziert haben. Schaue ich zum zweiten Mal hinaus, sitzt hinter der Qualmwolke ganz schemenhaft ein weiterer Mann im Pitbullsmoking. Und klar, 15 Minuten später lungert ein Vierter um die Feuerstelle herum. Die Alchemisten haben geglaubt, wenn sie eine Phiole mit Sperma für eine Weile im dampfenden Kuhmist vergraben, dass in der Phiole ein Homunculus, also ein Menschlein heranwachsen würde. So glaube ich, dass im Qualmen und Rauchen eines Tankstellengrills Männer mit Pitbullsmoking erzeugt werden.

Immerzu Gerappel und Geklingel …
… ist die Überschrift und hier die Unterschrift:

Nachtfalters Erinnerungen

Kategorie KopfkinoAls ich im Bad Licht machte, flatterte aus einer Ecke ein großer Nachtfalter auf. Flatterte ziellos herum und suchte vergeblich nach einem versteckten Ruheplatz. Nicht zehn Sekunden blieb er irgendwo sitzen. Vielleicht konnte er sich in der plötzlichen Helle schlecht orientieren, jedenfalls setzte er sich bald auf einen ungeeigneten Platz, nämlich auf die weißen Kacheln links neben meinem Badspiegel. Da wollte ich ihn schon aus ästhetischen Gründen nicht lassen. Abgesehen davon ist ein Insekt, das jederzeit orientierungslos herumflattern könnte, kein angenehmer Gast im Bad. Weiterlesen

Bericht von meiner ethnologischen Forschungsreise von Hannover nach Aachen und zurück (Folge 5)

Folge 1Folge 2Folge 3Folge 4

middelbergDas Treffen der Kolleginnen und Kollegen soll im Café M. in der Altstadt sein, und anschließend wird es eine Domführung geben. An der werde ich nicht teilnehmen, weil ich den Dom und die Domführung kenne und noch durch die Stadt streifen will. Als ich im Juli die Einladung bekam und den Namen des Cafés las, konnte ich mich nicht erinnern, je dort gewesen zu sein. Aber wie wir das Caféhaus betreten und zur ersten Etage hinaufsteigen, wo ein Raum für uns reserviert ist, erkenne ich die Treppe an ihrem goldenen Handlauf. Nach dem Hallo der Kolleginnen und Kollegen, nach Händeschütteln und Umarmungen, als alle gut sitzen, schwingt sich ein besonders redefreudiger Kollege auf, den ganzen Tisch mit rasend interessanten Reiseerlebnissen zu unterhalten. Früher konnte man seine Mitmenschen quälen mit Dia-Abenden, wo alle 500 Urlaubsdias vorgeführt wurden. Das hier ist ähnlich. Da schweift meine Aufmerksamkeit ab, denn ich kann von meinem Platz aus die Rückwand des Hauptraums sehen, wo in einer Nische zwei Tische stehen. Da geht ein archäologisches Fenster auf und ich sehe hinab in den Dezember 1998.

Damals war mein geordnetes Leben auseinander geflogen, und es geschah in Zeitlupe, so dass ich die Explosion und ihre verheerenden Folgen beobachten konnte. Ich hatte eine verheiratete Frau kennen gelernt, derweil ihr Ehemann beruflich für ein Jahr in Afrika war. Sie hatte den Eindruck erweckt, hatte es wohl auch selbst geglaubt, die Ehe bestünde nur noch auf dem Papier. Als er arglos zurückkam und seiner Ehe wieder Bestand verleihen wollte, war ich schon rettungslos in seine Frau verliebt. Ich liebte sie wie ich nie zuvor geliebt hatte, zumal meine Ehe lange Zeit nur noch Familienroutine gewesen war. Es folgte eine schreckliche Zeit der Heimlichkeiten in dieser engen Stadt Aachen, wo fast jeder jeden kennt.

Wir saßen im Café M., genau an der Stelle, an der einmal Lisettes Bett gestanden hatte, vor dem Umbau des Hauses, als auf der ersten Etage noch Wohnungen gewesen waren. Es war ein kalter Dezembertag, wir hatten uns am windigen Markt getroffen und uns besonders unbehaust gefühlt. Ich wünschte mir eine Zeitreise, dass wir uns in ihr Bett legen könnten, und ich würde sie aufwärmen. Freilich müsste dann etwas mit all den anderen Caféhausbesuchern geschehen. Am besten würden sie in eine Art Zeitstarre fallen, damit wenigstens Lisettes Zimmer von ihnen befreit werden könnte. Ich stellte mir vor, sie in der Garderobenecke aufzustapeln. Da hätte ich eine Menge zu tun. Als wir ankamen, hatte eine Türsteherin am Eingang den Besucherverkehr geregelt und uns zunächst gar keine Hoffnung auf einen Platz gemacht. Lisette war jedoch einfach vorangegangen, und als wir oben ankamen, standen gerade zwei feine Damen auf, richteten ihre Hütchen, hüllten sich in Mäntel, sammelten die unzähligen Einkaufstüten ein und verzogen sich. Ich betrachtete sie genau und versuchte etwas in ihnen zu entdecken, was meinen Verdacht bestätigte, die zwei wären nur Platzhalterinnen gewesen, die der kosmische Schachspieler wunschgemäß abzog, als Lisette eintraf. Ich allein hätte mich niemals freiwillig in diesen Raum begeben, in dem die Tische so klein waren, so nah beieinander standen und ein Publikum aus gut situierten älteren Damen und wenigen Herren derart dicht an dicht saß, dass mir das Herz eng wurde. Wir redeten nur halblaut, und trotzdem fühlte ich mich von dem Ehepaar gleich nebenan belauscht. Lisette rührte in ihrer heißen Schokolade und erzählte von ihrem Arztbesuch.
„Ich dachte, du wärst in deiner Ehe glücklich“, hatte Dr. Herwig gesagt und nach mir gefragt, der ich auch sein Patient war, was sie denn mit mir zu tun habe.
„Aber ich habe dichtgemacht“, sagte Lisette. „ich lasse mich doch von dem nicht aushorchen.“
„Vermutlich wird er sich seinen Teil dazu denken, dass wir beide fast gleichzeitig mit Sturzverletzungen bei ihm gewesen sind.“
Wir lachten. Lisette legte ihren Tabak auf den Tisch und ließ sich von mir eine Zigarette drehen, ein Zeichen, dass sie ihre Erkältung endlich überwunden hatte.
„Im Niederländischen gibt es das Wort ‚valpartij‘“, sagte ich. “Wenn es bei einem Radrennen zu einem Massensturz kommt, dann rufen die Reporter aufgeregt: ‚Valpartij, valpartij‘. Das klingt, als wäre es eine gesellige Veranstaltung, ein Ausflug, wie im Deutschen bei dem Wort Landpartie, Kahnpartie oder so. Was wir im November zusammen hatten, das war auch eine valpartij.“ „Ja, mit unserer valpartij hat alles angefangen“, sagte Lisette.

Der Kollege am Tisch schwärmt noch immer von seiner Reise und der gestohlenen Brieftasche und wie er alle seine Kreditkarten hat sperren lassen haben musste, gehabt worden zu sein, äh … Dingenskirchen. Ich kann ein Gähnen kaum unterdrücken. Das archäologische Fenster trübt sich ein und schließt sich.

Fortsetzung