Die volle Wahrheit über Teestübchen-Chefredakteur Julius Trittenheim

Dienstagmorgen kurz vor der Teestübchen-Redaktionskonfernenz. „Wo hat der Chef seinen ersten Text veröffentlicht?“, fragt Redaktionsasisstentin Marion Erlenberg ungläubig und vergisst glatt, den Mund zu schließen. „Im Stadtmagazin von Würselen!“, grinst Volontär Schmock. „Von wegen Titanic oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Kartoffeldruck! Hier, ich habe es schwarz auf weiß!“ Er knallt ihr ein aufgeschlagenes, schon etwas zerfleddertes Heft auf den Tisch und wispert: „Eine Reportage über die Realschule Würselen, Sie wissen schon, Frau Erlenberg, wo die berühmte Krankenschwester und der legendäre Feuerwehrmann von Martin Schulz zur Schule gegangen sind, genauer über deren Fahrradkeller; hihi! Tippen Sie den mal ab, dann mogele ich ihn ins Teestübchen, wenn der Chef zum Mittagstisch ist!“
Gesagt, getan:


Im Fahrradkeller – Eine Reise in den Abgrund und zurück

„Schreiberknechte, antreten!“ schnauzte die Chefredakteurin übelgelaunt, als sie um 10 Uhr die finstere Redaktionsstube unseres Stadtmagazins „Kartoffeldruck“ betrat, wo wir, schlecht bezahlt und unterernährt, an unseren Schreibplätzen kauerten. „Ich habe mal wieder eine fantastische Idee für eine Reportage“, fuhr sie fort. Ein Stöhnen ging durch die Reihen. O Schutzpatron der Lohnschreiber, lass diesen Kelch …

„Na, wer sieht sich im Stande, einen Reisebericht über den Fahrradkeller der Realschule Würselen zu schreiben?“ Wir halten den Atem an. „Nein, nicht ich!“, fährt es mir durch den Kopf, „nimm meinen Nebenmann, den mit den Augenringen und dem trockenen Husten. Seine Tage sind ohnehin gezählt.“ Vergeblich. Zu schwach die Kraft meiner Gedanken. Ihr spitzer Finger macht die Runde und stößt gnadenlos auf mich nieder. „Du schreibst ihn, mein Täubchen! Hast lange genug in der Ecke gekauert und deine elende Existenz als nutzloser Esser gefristet. Also, die Reportage denke ich mir ungefähr so …“

Bald darauf finde ich mich in einem reizlosen Gebäude wieder, dessen Architektur an überdimensionale Waschmittelpackungen gemahnt, deren Plan ein wahnsinniger Architektenlehrling nach einer durchzechten Nacht im Zustand tiefster Depression mit der linken Hand an die Wand eines Pissoirs … aber nein, ich soll ja über den Fahrradkeller schreiben. 23 Stufen führen in diese feuchten Kasematten. 23 Stufen taste ich mich hinab, ohne eine winzige Idee, noch einen Schimmer, was man hierüber schreiben könnte. Aber immerhin 72 Wörter sind bereits getippt. Eine stählerne Tür verwehrt mir den Zugang. Und hinter dieser Tür – o Graus – umfängt mich ägyptische Finsternis „Mehr Licht“ lauten Goethes berühmte letzten Worte. „Mehr Licht!“ stoße auch ich hervor, wohl wissend, dass das Dunkel damit nicht zu vertreiben ist. Nein, man muss den Lichtschalter pressen.

Ein asynchrones Blubbern rollt über die Betondecke. Grell flammen Reihen von Neonröhren auf und rühren kalt an mein Herz. Mein Blick versucht, die endlosen Kellerfluchten zu erfassen, die so unvermittelt vor mir aufgetaucht sind. Wo ist Norden, wo Ostern, wo Pfingsten? Klar ist eins: Unten ist zu meinen Füßen und oben immer noch dort, wo meine Haupthaare aufhören, die sich freilich wie Antennen aufgerichtet haben, seit ich versuche, mich in diesem grausigen Text Keller hier zurechtzufinden. Ein weiterer Absatz wäre geschafft, aber noch immer liegt das Zeilensoll wie ein Alpenmassiv vor mir. Und die Passhöhe, sie ist in Nebel getaucht.

Laut hallt mein tastender Schritt, als ich mich zwischen die abgestellten Fahrräder wage. So viele Drahtesel, so viele Stahlrösser stehen hier wartend in den Reihen, und keines gehört mir. Ist das Gerechtigkeit? Was soll ich also hier unten, was legitimiert meine Anwesenheit. Wenn jetzt der Hausmeister käme und mich hier fände. Würde er nicht mein Herumlungern missverstehen? Würde er nicht denken, ich wäre der böse Fahrradschänder, den er schon lange zu ertappen trachtet? Horch! Es pfeift leis aus einer dunklen Ecke. Wie magisch zieht es mich hin. Das Pfeifen schwillt zum Zischen an, und nun sehe ich, was geschieht. Wie von frevelhafter Hand abgestochen sinken die breiten Reifen eine Damenfahrrads in sich zusammen. Ich gehe in die Knie und beobachte das Schwinden des Luftdrucks. Das Zischen erstirbt. Plattfuß vorn, Plattfuß hinten. Da wird mit kräftigem Ruck die Tür zum Treppenhaus aufgestoßen, drei Männer betreten finsteren Blickes den weiten Keller, kommen raschen Schrittes auf mich zu und umringen mich schweigend.
„Das ist er, Herr Direktor!“, sagt der, in dem ich den Hausmeister erkenne, „auf frischer Tat erwischt, den Saukerl!“
„Halt!“, sage ich mannhaft. „Sie sehen einen Unschuldigen vor sich!“
„Schweig, Schurke!“, herrscht man mich an.
„Nehmen Sie sich zusammen! Ich schreibe Sie in meinen Artikel, da lasse ich nichts weg. Jede Gemeinheit Ihrerseits wird gnadenlos von mir dokumentiert!“, rufe ich und zücke drohend mein Notizblöckchen.
„Das werde ich nicht zulassen“, sagt der Direktor fest und wendet sich an den bärbeißigen Dritten. „Nehmen Sie ihm den Bleistift ab, Herr Kollege, und brechen Sie ihn über!“ *)
„Sprachverhunzer!“, kann ich gerade noch hervorstoßen, da langt der Bärbeiß auch schon zu, ein hässliches Knacken hallt von den nackten Betonwänden, und mein schöner Faber-Castell ist entzwei.

„Ach Schmarrn, du Schmock!“ unterbricht mich die Chefin, zerrt mein Manuskript aus der Schreibmaschine und zerknüllt es mit zarten Händen. „Das soll eine Reportage sein? Die Sache ist endgültig versiebt, unfähiger Zeilenschinder! Pack er seinen Kram. Hole er sich die Papiere! Aus meinen Augen, Nichtswürdiger! Und fünf Jahre Schreibverbot!“, schreit sie hinter mir her, „ach, nein, besser 10, nein, 15 Jahre, was sage ich, lebenslang, Lichtjahre, endgültig verschissen, bis in die Steinzeit und wieder zurück!“ So ist sie halt, unsere Chefin beim Würselener Stadtmagazin. Unter der rauen Schale hat sie einen eisenharten Kern.

Erstveröffentlichung in „Kartoffeldruck“ Stadtmagazin Würselen, 23. Juni 1993

*) „Überbrechen“, statt „Durchbrechen“ – ein Aachener Regionalismus.

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7 Kommentare zu “Die volle Wahrheit über Teestübchen-Chefredakteur Julius Trittenheim

  1. Während wir noch um das Damenfahrrad bangen, dessen Luft beidreifing entweicht, schiebt sich die unbarmherzige Chefin in den Vordergrund. Wir verfluchen das Biest und ergötzen uns gleichzeitig an deinem vergnüglichen Beitrag … 😉

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