unterstadt (1) – ein erzähl experiment

dass die leuten anderswo anders sprechen als wie wir, glaube ich nicht. ich finde auch nichts dabei, dass wir eine ober- und unterstadt haben. und finde gerecht und richtig, dass wir aus der oberstadt auf den leuten in unterstadt immer schon runtergesehen haben. soll man denn auf diesen leuten hinaufschauen? hallo? sie leben doch in unterstadt! aber der weg in die unterstadt ist schon komisch. zuerst führt nämlich die strase steil bergauf.

bergauf in die unterstadt, das kommt mir vor, als hat die oberstadt noch einen schutzwall, dass alle guten leuten sofort sehen pass auf, warnung. gleich geht es runter und zwar tief. geh da nicht weiter! genau an der stelle, wo die straße steil zur unterstadt fällt, liegt rechts den alten kinosaal. seine schaufenstern sind ganz staubig und die tür ist mit bretter zugenagelt. seit er leer steht, habe ich vor den kinosaal noch mehr angst. aber eigentlich kommt die angst noch vom kindergarten her. einmal ist fräulein altenberg mit uns kinder in dem kino gegangen. wir durften einen märchenfilm von die gebrüder grimm sehen. der war ein bisschen gruselig. es ging um einen jungen. der hat immer widerworten gegeben. davon ist er ganz krank geworden und musste sterben. da haben sie dem jungen begraben. aber nach kurzer zeit hat der sein händchen durch die erde gewühlt und hat mit das fingerchen ein widerwort aufgezeigt. die leute im dorf haben die mutter gesagt, sie muss an das grab wache stehen und dem händchen peitschen, bis es aufhört, widerworte zu geben.

bei uns im kino war der karl-heinz grosch. der hat immer quatsch gemacht und laut gelacht, als die mutter dem händchen gepeitscht hat. fräulein altenberg hat gesagt, karl-heinz soll still sein. aber der hat immer weiter gelacht. da ist plötzlich der film ausgegangen und licht ging an. erst hat es laut gestampft, da kam eine gestalt ganz in lumpen auf der bühne. auch das gesicht war lumpen und der mund hat uns angeschreit. wir haben auch geschreit und sind aus der kinosaal rausgelaufen, fräulein altenberg auch. drausen hat sie gesagt, der karl-heinz war schuld, weil er unartig gewesen ist. ich hab gesehen, dass der lumpenmann rote einmachgummis um den beinen hatte, solche gummis hat meine oma auch. das habe ich fräulein altenberg gesagt, und sie ist sehr böse geworden.

(Foto und Grafik: JvdL) Wird fortgesetzt

Advertisements