Gekritzelt – Zweiter Atem und Das Nichts der Grünen

Diebskniffe
Mein Bruder erzählte, er habe als neuernannter Geschäftsführer einer Druckerei von seiner Vorgängerin gelernt, wie er sich im Kontakt mit Lieferanten zu verhalten habe. Wenn der Lieferant am Telefon einen Preis nenne, dann sage man zuerst gar nichts. In die peinliche Stille hinein werde der sein Angebot zu rechtfertigen versuchen und damit signalisieren, dass der Preis verhandelbar sei. „Rhetorik“, sagt schon der Sprachphilosoph Fritz Mauthner, ist „eine Sammlung von Diebskniffen.“

25 Jahre Herbstluft
Wie ein zäher Brei aus unerschöpflicher Quelle zieht der Autolärm der Straße dahin, völlig gleichmäßig und eintönig, ohne je abzuebben oder anzuschwellen. Man möchte nicht glauben, dass der Klangbrei von verschiedenen Automobilen erzeugt wird, die von einander völlig fremden Fahrern gesteuert werden. Wie viele müssen dicht auf dicht folgen, um gerade den Lärmbrei mit just dieser Konsistenz zu formen, wie er von der abendlichen Herbstluft durch mein offenes Fenster zieht? Wer rührt den Brei an? Wer überwacht seine Klangfarbe? Wer ruft den sorgenden Familienvater weg vom Abendtisch und befiehlt ihm, seinen Platz in der Schlange einzunehmen? Jede Sekunde muss doch einer „Du bist gleich dran!“ hören, den Löffel auf den Esstisch fallen lassen und in sein Auto springen, wo er den Zündschlüssel dreht, um seine Pflicht als Autofahrer zu erfüllen und Teil des Breis zu werden. (Auf den Tag genau 25 Jahre alte Tagebuchnotiz vom 18. September 1992 )

Zweiter Atem

Als ich noch Radsportler war, fuhren wir oft 150 Kilometer oder mehr durch Eifel und Ardennen. Obwohl ich damals gut trainiert war, hatte ich immer um die 75 Kilometer herum einen Leistungseinbruch, der beim Fahren wieder verging. Heute geschieht mir Ähnliches, wenn ich mittags die Suppe löffele. Nach etwa 15 Löffeln werde ich müde und beginne zu überlegen, ob das Löffeln mich mehr Energie kosten wird, als ich mit der Suppe mir zuführen kann. Also entsprechen heute 15 mal Suppe Löffeln ungefähr 75 Kilometern Radfahren vor 20 Jahren. Zum Heulen, wenns nicht so ulkig wäre.

Nichts mit ohne Laterne
„Umwelt ist nicht alles. Aber ohne Umwelt ist alles nichts“, ließen die Grünen auf ein Wahlplakat drucken, das an der Laterne vor meinem Küchenfenster hängt. Was will mir das alberne Wortspiel sagen? Ich gucke am Tag nach der Bundestagswahl aus dem Küchenfenster, und die Umwelt mitsamt Laterne ist futsch? Das hätte ein Gutes: Am Nichts können selbst Deppen kein Plakat aufhängen.

Nochmals aus der Abteilung
„Texten ohne Denken:“

„Mit dem Plus bei Halsbeschwerden?“
Lieber nicht.

Foto: JvdL
(zum Vergrößern – des Fotos,
nicht der Halsbeschwerden –
[Strg +] oder Foto anklicken!)

Advertisements

26 Kommentare zu “Gekritzelt – Zweiter Atem und Das Nichts der Grünen

  1. Lieber Jules,
    Diesen Moment des körperlich oft intensiven Erwachens kennt jeder Sportler, diese von der pfeifenden spotzenden Lunge, dem vornüber zwischen Oberrohr und Unterleib eingequetschten, dennoch irgendwie lang gezogenen Abdomens und der unter Sauerstoffmangel quergelnden Muskeln, weil man gar nicht so schnell Luft hecheln kann wie man keucht, das Gehirn diese winzigen schwarzen Pünktchen herbeiflimmert, in Großbuchstaben: was mach ich eigentlich hier und auch noch freiwillig?
    Der Verstand trillerpfeift: Sport! Quäl Dich! Der Magen sabotiert selbst Wasser und das letzte Powergel hast Du Dir vor 50 km schon weggedrückt und es geht dauernd nur bergauf bei Gegenwind. Umwelt wird komplett unwichtig und nur noch das Überleben zählt bis zur nächsten Bananenpause auf irgendeinem gottverlassenen Höhenprofil. Der Vorteil: Dort hängen keine Wahlpappplakate. Allerdings auch keine Gulaschkanonen mit vegetarischem wohlriechendem Rote-Linsen-Eintopf mit Paprika, Kartöffelchen und Frischfrühlingszwiebelchen in lustigen grünen Röllchen. Wo war ich? Ach, egal. Liebe Montagmorgengrüße von der ambitioniert gernst mit Ruhe und Zeit genussradelnden Fee. Ardennen. Mein Lieber Scholli. Chapeau…meine längste Rennertour war 100 km lang…ohne Höhenprofil…

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Fee,
      du schilderst anschaulich, was einem beim Ausdauersport widerfahren kann. Und dann auch noch ein Hungerast. Ganz so dramatisch war die von mir genannte Ermüdungsphase nicht, weil sie rasch vorbeiging. Aber ich weiß noch, dass ich gar nicht auf den Kilometerzähler gucken musste, wenn das Gefühl sich einstellte. Fährt man in einer Gruppe darf man sich sowieso nichts anmerken lassen, weil man durch eingestandene Schwäche archaische Verhaltensweisen, vulgo „Killerinstinkte“ provoziert. „Gottverlassenes Höhenprofil“ klingt toll. Gipfelkreuze sieht man in unseren Mittelgebirgen tatsächlich nicht. Deine Suppe macht mir auf der Stelle Hunger. Dir viel Vergnügen bei deinen Radtouren und immer Sonne in den Speichen,
      wünscht Jules
      P.S.: Als meine Ehe deutlich den Bach runter und die Kinder selbstständig waren, fuhr ich bei meinen Trainingstouren immer weiter, oft mit einem Freund, mit dem ich damals wohl mehr Zeit verbracht habe als mit meiner Frau . Aber das war nicht die Ursache des Zerwürfnisses, sondern die Folge. Unsere längste Tour an einem glutheißen Tag war Aachen – Xanten – Aachen (mit einem Schlenker durch Holland) etwa 285 nur flache Kilometer. Zu Hause war ich vier Kilo leichter, obwohl ich ständig getrunken hatte.

      Gefällt 2 Personen

      • Der Gegenwind formt den Charakter und klärt den Kopf. Lange anstrengende Ausdauertouren, egal ob erwandert oder erfahren, haben den positiven Effekt, dass man zu fertig zum Nachdenken wird und einfach „los lässt“, wie man so schön sagt. Meine bettlägerige Tochter spachtelt selig Rote Linsen, sie hat Halsschmerzen. Hat nicht bei Mutter gegessen. Kommt davon. Und ich habe keinen Greyerzer zum Überbacken mehr. Shitshitshit….

        Freunde sind toll, vor allem solche, die einen heraus zerren aus den Gedankenmühlen und Abstand verschaffen.
        „Ab vierzig gleicht das Leben einem Haufen Schutt und ich bin eine Trümmerfrau“, sagte ich meiner Mutter ab vierzig. Da hatte ich Doug Adams aber auch noch nicht gelesen und die große Rechenmaschine zählte noch Kalorien statt Kilometer. Auch kam noch niemand mit einem Saunahandtuch und einer zuversichtlichen Einstellung zum Sinn des Lebens vorbei. Da ich mir all das sehnlichst wünschte, schickte mir das Schicksal einen Rennradler, der mir erst mal wieder beibrachte wie gut Erdbeeren am Feldrand schmecken können wenn man hoffnungslos verknallt ist in eine Erdbeere mit Gliedmaßen auf einem superheißen Carbonzossen und der mir Weisheiten um die Ohren knallte wie: Ein echter Prinz kommt mit dem Rennrad.
        So kam ich dann auch zu meinem Renner und erst Jahre später nach dem 42. Lebensjahr auch endlich zum Saunahandtuch, doch das wäre jetzt off-topic. Der ehemalige Geliebte fuhr vor zwei Jahren den Rhön-Marathon bei 35 Grad im Schatten. Er fährt ganz oben in der Seniorenliga mit und er hat viele viele gute Freunde, das ist wichtig. Ich wünsche mir manchmal, sie würden ihn nicht dauernd so fertig machen und antreiben, sondern besser auf ihn aufpassen. Er ist bereits krank. Als ich ihn noch kannte, meinte ich manchmal, er führe um sein Leben, sportliche Obsession.

        So sehr ich diesen Sport auch mag, so unvernünftig ist es, ständig über seine Grenzen hinaus zu sporteln. Ich fiel mal vor Erschöpfung kurz vor Detmold aus dem Sattel und klatschte zum Entsetzen der umstehenden Autos mitten auf die Kreuzung. Nach fünf Minuten und ein paar Schlucken Wasser konnte ich zwar weiterfahren. Doch sowas geht nicht! Ein Rennradlerherz ist ein Großes, es vernarbt, das macht später oft Probleme. Das kommt, wenn man immer am schnellsten oben auf dem gottverlassenen Höhenprofil ankommen will. Die wahre Kunst besteht darin, einen Berg so hochzufahren, dass man sich während der Auffahrt noch unterhalten kann. Und das hat etwas mit Energieverwaltung und auch mit Toleranz gegenüber Schwächeren zu tun…
        Leider ist meine rote-Linsen-spachtelnde Kranke auf Pferde umgestiegen. Wenn wir längere Touren fuhren, achtete ich darauf, dass es ihr gut ging und fragte nach ihr. Diese Killlermentalitäten mag ich nicht. Sport soll Spaß sein…
        .
        Klangvolle Grüße aus den Sonnenspeichen zu Dir
        von der Fee

        Gefällt 1 Person

        • Zounds! Das sind ja Offenbarungen, liebe Fee. Noch gestern habe ich über Raubbau am eigenen Körper nachgedacht und wie er sich im Alter rächt. Die Faustregel, dass man sich immer noch unterhalten können muss, habe ich meistens beachtet, war zwar oft zu ehrgeizig, bin aber nie vom Rad gefallen. Mitten auf der Kreuzung auch noch!.
          Den Herzinfarkt und den Schlag führe ich nicht auf das Sportlerherz zurück. Vielmehr habe ich mit 50+ nach 25 Jahren wieder angefangen zu rauchen, den Sport bald drangegeben und unseriös gelebt. Man sieht es an meinem fotografischen Verfallstagebuch, das ich vermutlich doch lieber nicht bloggen will.
          Hätte, hätte, Fahrradkette 😉 Man weiß es ja nicht, weil es kein vergleichbares Parallelsystem gibt. Die Rücksicht auf deine Tochter ist prima. Ich hatte auch immer den Grundsatz „Zusammen losfahren – zusammen ankommen.“ Zur Not muss man halt warten.
          Schönen Abend noch!
          Jules

          Gefällt 1 Person

  2. Wir essen zu Hause seit gut 2 Wochen Suppe (Weisskohl-, Rotkohl-, Rote-Bete-, Gemüse- und Hühnersuppe). Alle husten und haben Halsschmerzen. Vorgestern fiel mir der Löffel aus der Hand. Ich war wohl zu unkonzentriert und konnte meinen Schwächeanfall nicht rechtzeitig abmildern. Gestern hatte ich die Suppe dick und bereitete ein herrliches Musaka. Wir waren vom Essen so erschöpft, daß wir uns alle für ein kleines Nickerchen hinlegten. Danach aber bestiegen wir unseren Hausberg und waren richtig fit. Inzwischen glaube ich das Suppe krank macht, so wie Tee auch. Statt Kohlsuppe z.B. einfach mal einen Kohlauflauf mit Greyerzer. Da kann man auch entsprechend winden und doofe Wahlplakate knicken im Orkan der jahreszeitlichen Ernährung. Zwiebelkuchen und Federweisser ist auch eine Idee. Lg

    Gefällt 3 Personen

    • In Hannover war ich Mitglied beim Carsharing-Projekt. So selten wie ich ein Auto genutzt habe, war es kein Verlust, die Mitgliedschaft zu kündigen. In der Stadt braucht man kein Auto und die Gründe zu fahren sind meistens keine. Ich habe früher schon gedacht, dass man immer weiter rausfahren muss, um vom Verkehrslärm Ruhe zu haben. Das Auto macht uns die Naherholungsgebiete kaputt. Heute in der SZ ein schönes Streiflicht über den SUV.

      Gefällt mir

  3. Obwohl ich gerade Halsbeschwerden habe, möchte ich dagegen nichts von dem seltsamen Plus versprechenden Arzt haben.
    Lieber eine Suppe. Vierzehn Löffel reichen mir an diesem Morgen.

    Und gerne mehr von deinem Gekrizel. Nach einer Woche Urlaub verschönert es mir den Start in den Morgen.

    Gefällt 1 Person

  4. Teilen wir den Leistungseinbruch bei Kilometer 75 durch 15, also, dem Leistungseinbruch beim Suppenlöffeln, erhalten wir exakt 5.

    5 ist demnach dein individueller Leistungseinbruch-Index, der ja bei einem jeden Menschen unterschiedlich ausfällt.

    Gut zu wissen: Die Fünf, egal so sie auftritt, sollte dir als Indikator dienen, der besagt, dass ein kurzfristiger Energieverlust jederzeit erfolgen kann … letztendlich aber nur vorübergehend ist … 🙂

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s