Gekritzelt – Monika Ferres im Hinterhof

21. 08. Zirkusreif
Mir passieren Dinge, für die man als Zirkusnummer lange üben müsste. Nur wollte keiner sehen, wie ich mein Fahrradschloss aufschließe und sich der Briefkastenschlüssel zwischen Rahmen und Bowdenkabel der Hinterradbremse einklemmt. Oder: „Wertes Publikum! Sehen Sie den atemberaubenden Hergang, wie ein Mann sein Fahrrad aus der Haustür schiebt und mit einer Gürtelschlaufe im Türknauf hängenbleibt. Hinweis für Kinder: Gefährlicher Stunt! Nicht nachmachen!“

22.08. Ein Toter macht mich wahnsinnig

Otto Götz ist gestorben, im Alter von 103 Jahren und stockblind. Das war er schon, als ich ihn im Aachener Ludwig-Museum erlebt habe, zusammen mit Rudolf. Eine Dame vom Stamm der Kulturschranzen stellte Götz eine geklügelte Frage. Und er ganz brutal: „Das weiß ich nicht mehr. Außerdem muss ich aufs Klo.“ Mehr weiß ich nicht mehr. Heute suchte ich den ganzen Morgen über nach Aufzeichnungen davon, fand aber nichts, weil ich mich partout nicht erinnern kann, wann das gewesen ist. Wollte Rudolf fragen, kann ihn aber nicht erreichen.

23.08. Post vom Kellerkind

Witzige Headline gelesen: „Viele Grüße, deine Handschrift“

25.08. Hörbilder
Bei Fräulein Schlicht, die Brille vergessen, drum fast blindschreiben. Nebenan erzählt ein junger Mann von einer Frau, die Deutsch studiert habe, aber kein Wort Deutsch spreche. Ein Pärchen hinter mir würfelt. Es prasselt schön, aber auf Dauer nervig, wenn die offenbar kleinen Würfel auf die polierte Eichentischplatte fallen. Als ich noch in Aachen in meinem Haus lebte, hat ein Paar in der Nachbarschaft den ganzen Sommer durch auf der Terrasse gewürfelt. Immerzu der Klang von geschüttelten Würfeln in einem Lederbecher und, Plopp, das Stürzen des Bechers auf den Tisch.

30.08. Veronica Ferres im Hinterhof

Ab und zu liegt im Marktcafè die Süddeutsche aus. Ich suche nur das Streiflicht, die Glosse auf Seite eins. Zur Not lese ich noch die Panoramaseite mit den müßigen Meldungen über Prominente. Heute stand dort, Veronica Ferres, 50, habe mitgeteilt, sie hocke für Castings in Hollywoods Hinterhöfen herum, auf Klappstühlen oder Kisten und warte, vorsprechen zu dürfen. Wie traurig. Schuld ist die deutsche Presse. Weil immer an ihren Schauspielkünsten gezweifelt wird, hockt sie jetzt in Hollywood auf Kisten und will es allen zeigen. Wenn selbst splittrige Kisten sie nicht abschrecken, muss der Stachel tief sitzen.

31.08. Von der Lampe gefallen
An Lindens Laternenmasten hängt das Porträt von Yasmin Fahimi, Ex-Generalsekretärin der SPD. In einem Sträßchen beim Lindener Markt hielt sie letztens einen Vortrag, gefilmt von zwei jungen Männern mit dem Smartphone. Das war wie Kinderspiel. Man sollte erwarten, dass eine bekannte Politikerin mit einer Videokamera gefilmt wird und ein Tonmann mit einem Mikrophon dabeisteht. Ich fuhr mit dem Fahrrad vorbei und hörte, wie Sie etwas versprach. Mehr weiß ich nicht über ihre Vorhaben. Ich kann nur schreiben, was mir immer einfällt, wenn sie von einem Wahlplakat herunterlächelt: „Ich war mal deutsche Meisterin in der SPD-Disziplin „Links blinken, rechts abbiegen.“

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