Einiges über unbeschreibliches Glück

kategorie alltagsethnologie„Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“, so enden viele Märchen. Ich habe als Kind nie verstanden, was das heißt. Darum habe ich mir immer wieder gewünscht, dieses anhaltende Glück würde mal in einem Märchen entfaltet wie ein großer Plan, und der Erzähler würde mit dem Finger reintippen und sagen: „Guck, das ist Glück. So sieht es aus, und so fühlt es sich an. Das geschah aber nie, und so dachte ich, anhaltendes Glück muss ziemlich langweilig sein, so dass es nicht zu erzählen lohnt. Ist eh nur Jubeln und Frohlocken und daher für Außenstehende uninteressant.

Vielleicht kommt aber auch das glückliche Ende so bald, dass nix Schlimmes mehr passieren kann. Vielleicht sterben Prinz und Prinzessin einfach direkt aus dem höchsten Glück weg, beispielsweise in der Hochzeitsnacht. Die Idee kam mir natürlich später. Aber sie ist nicht schlecht. Man wird dann mit Fug und Recht sagen, die Ehe sei glücklich gewesen. Hochzeitsnacht, Zeit des höchsten Glücks, und dann heißt es: „Abschalten, jetzt kommt nichts Gutes mehr, nur noch das Testbild.“

testbildAch, und in Unserem Märchen kommt nicht mal mehr das Testbild. Es wurde in der guten alten Fernsehzeit abgeschaltet. Die glücklichen Tage sind also längst vorbei, und leider geht es trotzdem weiter, rund um die Uhr. Fernsehmacher wie Zuschauer sind vermutlich längst tot, und alles spielt sich in einer Art Vorhölle ab. Mist, die Vorhölle gibt’s ja auch nicht mehr. Die hatte ihre beste Zeit gehabt, und darum hat Papst Benedikt sie im Jahr 2007 abgeschafft. Bleibt uns noch die Hölle. Da geht es uns nicht wirklich schlecht, denn der Kot ist warm und reicht allen nur bis zur Brust, höchstens bis zum Hals. Aber dann heißt es plötzlich: „Zigarettenpause zu Ende, alles hinsetzen!“

Ein Glück – es ist nur ein Alptraum. Zumindest, was den letzten Satz betrifft. Zurück zum Thema. Es ging um das unbeschreibliche Lebensglück. Warum beschreiben die Märchen das Glück nicht? Darin steckt wohl die Lebensweisheit, dass sich Glück nicht allgemeingültig beschreiben lässt. Es gibt kein Konzept für’s Glück. Jeder muss sich sein Glück selbst ausmalen. Überindividuelles Glück ist langweilig: Fahnen, Sonnenschein, blauer Himmel, Festwiese und Karussell, und das jeden Tag. Im gewissen Sinne ist unsere Gesellschaft so, jedenfalls da, wo materieller Überfluss herrscht. Und weil wir dieses Glücksgedöns jeden Tag um uns herum haben, merken wir es nicht.

Wir haben keine verheerenden Erdbeben (Dass mir als erstes Erdbeben eingefallen sind, ist kein gutes Zeichen. Wenn ich beispielsweise mit dem Rad fahre und plötzlich ganz ohne Anlass denke: „Du hast schon lange keinen Platten mehr gehabt“, dann zischt es Augenblicke später aus einem der Reifen, meistens hinten, weil’s mehr Arbeit macht.) Also, wir haben keine Erdbeeren, keine Wirbelstürme (ach du liebe Zeit!), Krieg nur im Ausland. Wir können essen, was wir wollen, haben geheizte Wohnungen, fließend Wasser heiß, kalt oder gemischt. Wir haben Naherholungsgebiete, Rundwanderwege, saubere Flüsse, Reinheitsgebot beim Bier, Fahrradparkplätze, Günther Jauch und „Wer wird Millionär?“ Spaßvögel mit Mützen und zu engen T-Shirts … Manche haben sogar Arbeit, manche gehören sozialen Netzwerken an, wir haben Medien und das Internet, das uns anregende Kontakte mit der ganzen Welt erlaubt.

Das wären viele Gründe, glücklich zu sein, wären sie nicht Alltag. Wir merkens kaum noch. Darum heute ein Loblied auf das Internet und seine Möglichkeiten der sozialen Vernetzung. Hallo und vielen Dank, allerseits! Die Zeit bis zum Ende der Zigarettenpause ist wenigstens lehrreich und unterhaltsam mit euch.

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27 Kommentare zu “Einiges über unbeschreibliches Glück

  1. Wirklich sehr schöner Text.
    Und schon wieder setzt bei mir ein Zustand ein, in dem aus dem Hintergrund ein grauharriger Mann mit schütterndem Haar, runden großen Brille und zerknittertem Gesicht auftaucht, seinen Zeigefinger der rechten Hand senkrecht hebt, damit in den Himmel stochert und gleichzeitig doziert: „Wir erschaffen unsere Realität selber. Des Glückes eigener Schmied. Energie folgt der Aufmerksamkeit. Wenn einer ruft „Ich bin in Scheisse getreten“ und somit die Energie nach unten lenkt, folgt die Aufmerksamkeit. Alle schauen, ob ihnen nicht auch das gleiche Missgeschick passiert sei. Es gibt keine Bremse fürs unglücklich sein, aber eine Glücksbremse: nur nicht zuviel glücklich sein, denn Glück muss man sich verdienen und darf es nicht zu lange genießen. Stimmt nicht. Wie schrieb/komponierte/sang Udo Lindenberg: „Nimm dir das Leben. Und lass es nicht mehr los.“ Mit Glück ist es nicht viel anders …“
    Und weg ist der grauhaarige Oberlehrer …

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    • Danke für deinen treffenden Kommentar und dein überzeugendes Beispiel für „Energie folgt Aufmerksamkeit“ Da ich der Beschreibung des grauhaarigen Oberlehrers nicht entspreche, möchte ich drauf verweisen, dass seine Ideen leider nur in begrenzten Bereichen gelten. Gegenüber einem in/auf Haiti, dem grad ein verheerender Wirbelsturm die armselige Hütte platt gemacht und die Frau erschlagen hat, sind sie zynisch wie überhaupt alle Glückskonzepte, die die Verantwortung für Glück und Unglück allein in den Menschen verlegen.

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  2. Mit der Beschreibung des Märchenglücks helfe ich gerne mal hier aus. Die entsprechende Schlussfloskel lautet im Spanischen nämlich: „Y fueron felices, y comieron perdices.“
    Das ist doch mal etwas Konkretes und heißt übersetzt: Und sie waren glücklich und aßen Rebhühner.

    Also, Ihr wisst jetzt alle, was Ihr Euch für ein märchenhaftes Sonntagsmenü beim Fleischer Eures Vertrauens besorgen solltet 😉

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    • Guter Hinweis, vielen Dank! Das Pech der Rebhühner verweist ja darauf, dass bestimmte Formen des Genusses und materiellen Glücks immerzu mit dem Unglück anderer erkauft werden, so wie wir unseren materiellen Wohlstand mit der Ausbeutung von Arbeitskraft und Ressourcen in der 3. Welt ergaunern.

      Zum Thema Sonntagsmenü: Ich bin ja Vegetarier. 😉

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  3. “ Also, wir haben keine Erdbeeren, …“
    Wie jetzt? Na klar, es ist im Augenblick nicht die Zeit für selbige, dafür “ Herr: Es ist Zeit. Herbstzeit mit Kürbissen und Co“, aber meinst du das jetzt wirklich so?
    Aber egal, auch ohne Erdbeeren können wir uns im „Glücksgedöns“ suhlen und natürlich haben wir auch schon „am Rad gedreht“ und das ist gut so.

    🙂

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  4. Ein schöner Text über das glücklich sein. Ich fragte mich nie, wie das Glück am Ende eines Märchens aussehen könne. Sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage….ich war da wohl simpel gestrickt. Glücklich eben. Ende.
    Als Erwachsener sehe ich das Glück auch hart mit dem Alltag kämpfen. Wie du schreibst, man sieht es ja kaum noch. Zum Glück blitzt es manchmal ganz unerwartet hervor. Dann sollte man es für einen kurzen Moment festhalten. Das kann man ruhig – es haut ja von ganz alleine wieder ab.
    Einen glücklichen Samstag, lieber Jules. Oder einen schönen, das ist auch schon fein.

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    • Weil du eine rundum glückliche Kindheit hattest, wie bei dir zu lesen war, stellte sich dir die Frage nicht, liebe Mitzi. Das zuweilen unsichtbare Alltagsglück führt zu ulkigen Glücksvorstellungen, wie Kollege Noemix immer wieder aufzeigt, im Text bei „Glücksgedöns“ verlinkt.
      Danke für die schönen Wünsche. Dir ein ebensolches Wochenende!

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  5. Der Papst hat die Vorhölle abgeschafft? Der hat leicht reden, ist er doch noch nie einer regelmäßigen stechuhrkontollierten Lohnarbeit nachgegangen. Andernfalls wüßte er, daß die Vorhölle nicht in seinem Machtbereich liegt.;-)

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  6. Glück ist für die Zuschauer oder Leser langweilig, ein Konflikt muss her und schon haben wir mehr Spaß. Aber ein anderer Aspekt deines Textes ist auch sehr spannend, nämlich deine Erfahrung mit dem Reifen. Kurz mal daran gedacht, dass du lange keine Panne mehr hattest – und schon ist es so weit. Kenne ich in diversen Varianten. Du kennst die Redensart, dass man etwas nicht beschreien soll, ich weiß nicht, ob die auch gleich das Bedenken mitumspannt. Seltsam ist ist jedenfalls.

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    • Faszinierend, dass du auch solche Vorahnungen hast. Ich glaube jedenfalls, dass es Vorahnungen sind. Wie der Volksmund solche Effekte betrachtet, nämlich, dass man die Dinge nicht beschreien dürfe, um sie nicht ungewollt herbeizuführen, das ist gewiss magisches Denken.

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    • Unbedingt! Unsereiner muss ja sein eigener Glücksvorstand sein. Danke für den Hinweis! Hab gerade gelernt, dass ein CHO für die Bespaßung der Mitarbeiter von Unternehmen wie Google zuständig ist, getreu der Erkenntnis, dass glückliche Mitarbeiter bessere Arbeit abliefern. In Deutschland wäre es schon zu erreichen, wenn man die Leute annständig bezahlen würde.

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