Synchronschwärmen in Hamm

kategorie alltagsethnologieÜber das Stoppelfeld zog ein Schwarm von Staren. Dann verdichtete er sich, ballte sich sogar. Der Grund war ein Falke, der zunächst rüttelnd über dem Schwarm gestanden hatte, dann von ihm eingeschlossen wurde. Der Schwarm zog im Synchronflug hin und her, wogte auf und ab, und irgendwann gab der Falke sein Vorhaben auf und segelte davon. Das Sychronschwärmen ist eine Form der Verteidigung. Es verwirrt den Falken, denn er muss ein Objekt im Auge behalten, um es schlagen zu können. Von Fischen, zum Beispiel Heringen, kennt man das Synchronverhalten auch, freilich schwärmen sie unter Wasser.

Ich sitze im Zug, denke nichts Böses, da steigt eine zahlreiche Gruppe Japaner ein und nimmt irgendwo hinter mir Platz. Man redet Englisch, und ich höre einen Sprecher heraus, der dem Tonfall nach ein Deutscher sein muss. Er fragt viel und bestätigt jede Antwort mit „Okay“ oder „I see“, „Okay“, „okay“. In Hamm steigt die Gruppe aus. Ein jeder trägt ein Namensschild an der Anzugbrust, und der Okaydeutsche, dem baumelt eines um den Hals. Offenbar will man in Hamm umsteigen, und er weiß nicht sofort wohin, wendet sich nach links, dann ein paar Schritte nach rechts, und die Japaner – ja, die schließen ihn ein und beginnen mit Synchronschwärmen. Wirklich, der Schwarm Japaner wogt hin und her über den weitläufigen Bahnsteig von Hamm, und mittendrin der Okaydeutsche, genau wie der Falke über dem Acker. Nur dass der Falke einen Star schlagen wollte, während der Deutsche natürlich keinen Japaner schlagen wollte, obwohl das schon irgendwie komische Vögel sind, mit den Augen des Europäers gesehen.

Jedenfalls tue ich hiermit der Wissenschaft kund, dass auch Japaner das Synchronschwärmen beherrschen. Wer wissen will, wie sie das machen, braucht sie eigentlich nur zu fragen. Sie verstehen Englisch.

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10 Kommentare zu “Synchronschwärmen in Hamm

  1. Japaner, so las ich irgendwo, sind ihr Leben lang Gruppenmenschen. Vom Kindergarten an, in der Schule bis hin zur Firma werden sie in Gruppen eingteilt und verstehen sich auch so. Das erklärt wohl auch ihr „Schwarmverhalten“, das nicht nur Falken, sondern auch andere Menschen weltweit verwirrt. Mich erwischte es im Mai in Stockholm.
    Zuvor: beim Fotografieren von Orten warte ich oftmals sehr geduldig so lange, bis sich möglichst kein Mensch mehr in meinem Bild befindet. Als sich gerade die letzte störende Person aus der Szene entfernte und ich auf den Auslöser drücken wollte, war ich von einer Sekunde auf die andere von japanischen Bustouristen rücksicktslos eingekreist. Mir blieb nur, diese wild gestikulierend fotografierende Gruppe dann selbst abzulichten. Das Foto habe ich noch…..
    Liebe Grüße!

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    • Wie ich von Kollegin Ohneeinander gelernt habe, geht das so: Wenn du in deiner Mediathek das gewünschte Bild anklickst, erscheint rechts ein Fenster mit der URL. Den Link markierst und kopierst du und fügst ihn in den Kommentarkasten. Fertig.

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  2. Hamm ist die völlig falsche Stadt, wenn man mal ins Schwärmen geraten will. Schwarmverhalten sieht man übrigens auch bei der Entourage von Politikern, die wie die beschriebenen Japaner einfach folgt, ohne sich andere Gedanken zu machen, als die, wie die größte Nähe zum Objekt der Begierde geschaffen bzw. eingehalten werden kann.

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    • Da magst du Recht haben. Trotzdem habe ich mal in Hamm Trost gefunden. Als ich mit dem Fahrrad unterwegs nach Aachen war und es hat ohn Unterlass heftig geregnet, da habe ich kurz am Bahnhof pausiert und mir eine Regenpause gegönnt.
      Danke, dass du an die Schranzen erinnerst, von denen Politiker umschwärmt werden. Schwarmverhalten ist wohl gar nicht so selten.

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