Nur noch ein bisschen Asche – Erinnerung an meinen guten Freund Thomas Haendly †

thomas
Du liebe Zeit! Zwei Jahre sind schon vergangen, da mein guter Aachener Freund Thomas sich erschossen hat. Geblieben ist mir etwas von seiner Asche in dem Filmdöschen des kleinen Altars auf meiner Kommode.
Gestern jährte sich der Todestag meines Freundes zum 2. Mal. Tags zuvor hatten wir noch telefoniert und zusammen gelacht. Thomas war in Aachen immer mein sicherer Hafen gewesen. Wir hatten uns erst kennen gelernt, ein Jahr bevor ich nach Hannover gezogen bin. Ich war bei einem befreundeten Ehepaar eingeladen gewesen. Bei meinen Gastgebern traf ich diesen freundlichen Mann, einen Freund der Familie, der beständig etwas in ein Moleskine-Büchlein notierte, Buchtitel, meine Blog-Adresse, Wörter, Wortwendungen und Ideen, die ihm gefielen … – er kartographierte seine Eindrücke. Diese Form der Aneignung von Welt habe ich schon immer geschätzt. Wenn man auf diese Weise Notizen macht, verbinden sich manche von ihnen synästhetisch mit dem Ort des Geschehens und eventuell mit der gesamten Situation. So bekommt jede Notiz eine Bedeutungstiefe, die einer nachträglichen fehlt.
Thomas schrieb sehr geläufig eine kleine, sorgfältige Schrift und hatte die leichte Hand des Zeichners. Er war, wie sich herausstellte, Architekt und ehedem Stadtplaner in Aachen gewesen. Es war einfach, den Mann zu mögen, denn er zeichnete sich durch große Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit aus. Selten hörte man von ihm ein böses Wort. Jedenfalls wurden wir bald enge Freunde, obwohl er deutlich älter war als ich.

Als Architekturstudent hatte er damit begonnen, in Moleskine-Büchlein zu schreiben. Damals war er eher zufällig Hausmeister der legendären Aachener Galerie Gegenverkehr, in der Joseph Beuys, Wolf Vostell und manch anderer Fluxuskünstler verkehrten.

Die Moleskinebüchlein waren also zeitgeschichtliche Dokumente. Thomas wusste, wie sehr ich sie schätzte und hat sie mir wie versprochen vererbt. Aber welch ein Unglück, besorgte Töchter und ein Freund hatten entschieden, die Büchlein zu vernichten. Als das Amtsgericht mich über mein Erbe benachrichtigte, waren die Büchlein bereits durch den Reißwolf gewandert.


Thomas Haendly vor dem Lokal Postwagen in Aachen – Videostandbild – Zum Video: Standbild bitte klicken

Eine Weile ist Thomas mein Jeremias Coster gewesen, die literarische Figur des dubiosen Professors für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der RWTH Aachen. Die Figur hatte ich schon 2005 erfunden, aber durch Thomas bekam sie erst richtig Farbe. Er genoss es, Coster zu sein, und oft haben wir nächtens in seiner Küche gesessen, geraucht, getrunken und so erzählt, dass uns die reale und die literarische Welt zusammenflossen wie etwa in diesem Text hier
https://trittenheim.wordpress.com/2015/10/24/unterhaltung-am-wochenende-aus-den-papieren-des-pentagrion-grosse-welt-ist-kleine-welt/

Einmal im Sommer war ich bei Thomas zu Gast und hatte mir ein Loch ins Hemd gebrannt, weshalb ich mir ein neues Hemd hatte kaufen müssen. Ich wusch es mit der Hand in seinem Waschbecken, aber weil es nach dem Trocknen so geknautscht war, bat ich ihn um ein Bügeleisen. Als er sah, wie ungeschickt ich mich beim Bügeln anstellte, erbot er sich, mir das Bügeln beizubringen. Ich habe dieses oft angesehene Video davon gemacht:

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14 Kommentare zu “Nur noch ein bisschen Asche – Erinnerung an meinen guten Freund Thomas Haendly †

  1. Nun bin ich sehr berührt!! Ein liebevoller Rückblick!
    Gewiss ein Mann, den man auf Anhieb mochte, kann ich gut nachvollziehen (nicht nur weil er das Hemd so fein bügelt..). Das Notieren, die Art, des Beobachtens – fein!
    Nur er selbst wird wissen, warum ihm das nicht ausreichte zu bleiben…

    Mitfühlende Grüße,
    Silbia

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    • Seine vielen Freunde waren auch ganz ratlos ob seiner Entscheidung. Ich wusste, dass er diese Pistole hatte, geerbt von seinem Vater, und dass er im Falle schwerer Erkrankung seinem Leben ein Ende setzen wollte. Aber er war kerngesund.

      Viele Dank für dein Mitgefühl,
      Jules

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  2. Lieber Jules, es fiel mir schwer deinen Text nach dem ersten Satz zu lesen. Der selbst gewählte Abschied eines Freundes aus dem Leben, füllt bei mir selbst zu viele Beiträge und begleitet mich zu sehr. Ich bin froh, trotzdem weiter gelesen zu haben. Du zeichnest ein wunderschönes Bild von deinem Freund und gedenkst ihm auf sehr berührende Art.
    Liebe Grüße

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    • Dann bin ich froh, dass du weitergelesen hast, liebe Mitzi, denn ich wollte dich keinesfalls betrüben, zumal du, wie du andeutest, selbst schmerzlichen Verlust zu beklagen hast. Mir fiel heute Morgen ein, dass ich den Todestag einfach so hatte vorbeiziehen lassen, und wollte es wiedergutmachen, zumal ich diesem Freund viel verdanke. Tröstlich finde ich, dass wir als letztes zusammen gelacht hatten. Und das ist doch noch immer das Beste, was man dem irdischen Dasein abgewinnen kann. In diesem Sinne, liebe Grüße!

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  3. Lieber Jules,
    Thomas war sicher körperlich kerngesund, aber in die Tiefen der Seele können wir auch bei unseren besten Freunden nicht schauen. Der Mensch selbst kann ja seine eigene Seele nicht vollständig ergründen.
    Thomas wird sich über diesen Text sehr freuen. Da, wo er nun ist, braucht man kein Modem um die Gedanken der Freunde zu lesen.
    Ich kann Ihre Trauer sehr gut nachfühlen, weiß aber auch, dass es keine Worte gibt, die die Zeit vor- oder zurückdrehen.

    Gruß Heinrich

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    • Lieber Heinrich,
      danke für Ihre mitfühlenden Worte. Leider bin ich Atheist, glaube nicht an ein Leben nach dem Tod, aber Thomas war auf seine eigene Art gläubig. Drum will ich gerne annehmen, was Sie schreiben.
      Sie haben Recht, mit Worten lässt sich nicht rückgängig machen. Seltsam genug sind es Worte, die Menschen wiederaufleben lassen. Thomas war ein begeisterter Leser meiner Blogs, ich bin froh, ihm hie und da ein kleines Denkmal gesetzt zu haben.

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  4. es ist ein eigenartiges Gefühl, jetzt ein Gesicht zu der Person zu haben, die Du so oft beschrieben hast und in meinem Kopf war er alles andere als diese „rheinische Frohnatur“. Ich kenne ihn ja aus mehreren Texten von Dir und mir gefällt sehr, dass er so unglaublich sympathisch, witzig, nett rüberkommt. PS: Der Aachener Dialekt ist wirklich gewöhnungsbedürftig, selbst für mich Rheinländerin 😉

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    • Meinst du Jeremias Coster? Du hast ja, wie ich weiß, die Berichte meiner Leserereise nach Aachen gelesen, in deren Aachener Berichten er oft vorkommt, eigentlich in beiden Rollen. Coster ist ja inzwischen wieder mein Alter Ego, und alles, was er sagt, sage eigentlich ich – wie in dem keine-Hosen-Text letztens.
      Der befremdliche Aachener Dialekt wie in den Hörbeispielen war ein Grund, warum ich nie richtig heimisch geworden bin in Aachen.

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  5. Lieber Jules,

    eigentlich ziehe ich mir in letzter Zeit eine imaginäre Decke über den Kopf, sobald es um das Sterben, den Tod und den Abschied geht. Uneigentlich habe ich den mich berührenden Text gelesen. Das Innenleben eines Menschen ist eine exotische Pflanze, die zuweilen seltsame Blüten treibt. (..) In der Arbeit mit Obdachlosen und Suchterkrankten ereignete sich oft, dass Familien sich wie Aasgeier auf das Erbe stürzen. Dabei wäre ein vergleichbarer Einsatz zu Lebzeiten um so viel kostbarer gewesen. Wie der Umgang mit den Notizbüchlein* (*die ich auch stetig befülle) verrät, mangelte es von familiärer Seite gegenüber Thomas an Respekt und Liebe .

    Ich fühlte mich in „natürlichen“ Abschieden oft entsetzt, aber auch wütend, allein gelassen, verzweifelt. Wie schwer muss es sein, einen freiwillig gewählten Abschied emotional zu verarbeiten, zu respektieren, zu akzeptieren. Umso berührender, wie liebe- und respekt-voll Sie Ihrem Freund gedenken.

    Lieben Gruß,
    Nana

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    • Danke für dein Mitgefühl, liebe Nana. Der Freund, der zusammen mit den Töchtern den Naschlass geregelt hat, hat mit erklärt, in den Notizbüchern hätte soviel Persönliches über noch lebende Personen gestanden, dass man sich deshalb zum Schreddern entschlossen hätte. Da hatte es wenig Sinn, Theater zu machen, zumal ich von Hannover aus mich um nichts hatte kümmern können. Es war wohl kein mangelnder Respekt gegenüber Thomas, sondern geschah aus Respekt vor den Verbliebenen. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht leicht ist, einen Nachlass angemessen zu regeln, z.B. all die persönlichen Dinge zu entsorgen, die nur dem Verstorbenen etwas bedeutet haben. Respekt für dein karitatives Engagement und
      lieben Gruß,
      Jules

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  6. Eine rührende und liebevolle Rückschau von Dir auf einen interessanten Menschen als Freund und die nachfühlbaren Augenblicke, die ihr zusammen verbracht habt, euch gegenseitig inspirierend. So wird sogar ein vermeintliches Profan-Video eines gebügelten Hemdes zum wertvollen Überbleibsel. Sehr schade, dass die Moleskine Büchlein vernichtet wurden. VG Willi

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    • Dankeschön für deine teilnehmenden Worte, lieber Willi. Wegen der Büchlein habe ich mich inzwischen getröstet, dass ich gar keinen Platz für sie gehabt hätte. Ja, ich bin glücklich, dieses Bügelvideo gemacht zu haben.Thomas hatte einen großen Freundeskreis und diese Leute schauen das Video wohl auch gern. Deshalb auch die hohen Aufrufe.
      Beste Grüße,
      Jules

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