Father & Son und Mutter & Sohn in Hänschenklein

Vor vielen Jahren, als ich erstmals von Wikipedia las und von der Idee begeistert war, ahnte ich nicht, dass ich einmal „Hänschen klein“ nachschlagen und tatsächlich fündig werden würde. Man hätte mich freilich einen Nachmittag in einer Bibliothek verbringen sehen, wo ich vielleicht gefunden, wonach ich suchte, vermutlich aber etwas ganz anderes und mich fest gelesen hätte. Vor besagten vielen Jahren hätte ich auch nicht gedacht, dass ich noch mal ernsthaft Hänschenklein singen würde. Dazu hatte mich vor einiger Zeit meine reizende Logopädin angestiftet.

Heute macht Ann auf Father & Son, einen Song von Cat Stevens aufmerksam. Das Motiv des Vaters, der den Sohn am Aufbruch in die Welt hindern will, entspricht einer bekannten Variante von Hänschenklein, nur dass hier die Mutter den Aufbruch sogar erfolgreich verhindert:

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Nur noch ein bisschen Asche – Erinnerung an meinen guten Freund Thomas Haendly †

thomas
Du liebe Zeit! Zwei Jahre sind schon vergangen, da mein guter Aachener Freund Thomas sich erschossen hat. Geblieben ist mir etwas von seiner Asche in dem Filmdöschen des kleinen Altars auf meiner Kommode.
Gestern jährte sich der Todestag meines Freundes zum 2. Mal. Tags zuvor hatten wir noch telefoniert und zusammen gelacht. Thomas war in Aachen immer mein sicherer Hafen gewesen. Wir hatten uns erst kennen gelernt, ein Jahr bevor ich nach Hannover gezogen bin. Ich war bei einem befreundeten Ehepaar eingeladen gewesen. Bei meinen Gastgebern traf ich diesen freundlichen Mann, einen Freund der Familie, der beständig etwas in ein Moleskine-Büchlein notierte, Buchtitel, meine Blog-Adresse, Wörter, Wortwendungen und Ideen, die ihm gefielen … – er kartographierte seine Eindrücke. Diese Form der Aneignung von Welt habe ich schon immer geschätzt. Wenn man auf diese Weise Notizen macht, verbinden sich manche von ihnen synästhetisch mit dem Ort des Geschehens und eventuell mit der gesamten Situation. So bekommt jede Notiz eine Bedeutungstiefe, die einer nachträglichen fehlt. Weiterlesen

Ohne Fahrradhelm gestürzt

ohne Fahrradhelm gestürztWagemutig – Foto: Trithemius (größer: bitte klicken)

Es schneit schon den ganzen Tag. Auf der Benno-Ohnesorg-Brücke gleitet einer mit dem Fahrrad aus, wirft die Arme nach vorn und legt sich lang.
„Alles in Ordnung?!“ fragt ein älterer Fußgänger.
„Ja, ja“, sagt der Radfahrer, rappelt sich auf und klopft mit einem Handschuh den Schnee von Jacke und Hose.
Der Alte tritt hinzu und sagt:
„Wissen Sie, was mich am meisten ärgert?“
„Nein“, sagt der Radfahrer und richtet seine verbogene Lampe.
„Dass so viele, ich mache das ja auch manchmal, ohne Fahrradhelm fahren.“
„Wissen Sie, was doppeltes Pech ist?“, fragt der Radfahrer.
„Nein“, sagt der Alte.
„Zu stürzen, wo grad ein Klugscheißer steht.“

Dies ist der vorerst letzte Beitrag zum Schreib-mit-Projekt des Kollegen Wortmischer
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Hervorgekramt: ein Paar Ärmelhalter

In meiner Kramlade liegt ein Paar weinrote Ärmelhalter. Sie sind aus Stretch, haben auch je einen verchromten Clip, mit dem sie sich enger oder weiter stellen lassen. Ärmelhalter sind aus der Zeit gefallen wie auch der Laden, aus dem sie stammen.
aermelhalterMein Ärmel und sein Halter – Foto: Trithemius

Bis vor einigen Jahre gab es in Aachens Altstadt einen seltsamen Laden für Haushaltswaren. Seine Schaufenster waren mit Textilien, Tischdecken, Handtüchern und diversen Kleinutensilien dekoriert, die allesamt aus den 50ern zu stammen schienen.  Die Ladenbesitzerin, eine schmale, traurige Frau, die grauen Haare zu einem Knoten gebunden, stand fast immer vor ihrem Laden und schaute erwartungsvoll zum Ende des Platzes hin. Sie trug bei jedem Wetter dicke braune Strümpfe unter der Kittelschürze. Die neugierige Lisette hatte irgendwann die Geschichte der Alten herausgefunden. Ich konnte sie nicht verifizieren, sondern gebe sie wieder, wie Lisette sie erzählt hat: Das Textilwarengeschäft hatte die Frau kurz nach dem Krieg zusammen mit ihrem Mann geführt. Die beiden hatten es als junges Ehepaar übernommen. Der Mann jedoch war eines Tages verschwunden und nicht mehr zurückgekommen. Vielleicht war er zur Fremdenlegion gegangen. Das hatten viele Männer in den 50ern getan, die sich nach dem Krieg nicht mehr in eine zivile Gesellschaft eingewöhnen konnten. Seither wartete die Frau auf ihren Mann. Stand vor dem Laden und wartete. Und sie ließ das Geschäft, wie es zu ihren gemeinsamen Zeiten gewesen war.

Man sah fast niemals Leute in den Laden gehen. Lisette hat mich einmal hineingezerrt. Wir durchschritten die Ladentür und traten in eine stille, ruhige Zeit. Im Laden brannte kein Licht. Er lag im Halbdunkeln. Der Boden hatte schöne alte Fliesen in einem Muster, das längst vergessen war. In den dunklen Holzregalen an den Wänden lagen die Dinge wie mit einem Lineal geordnet. Hier gab es offenbar keinen großen Warenumsatz. Als die altertümliche Ladenklingel schon lange verhallt war, kam die Frau durch eine rückwärtige offene Tür hinter die Theke. Sie sprach leise und wartete geduldig, als Lisette sagte, sie wolle sich nur ein bisschen umschauen.

Ich stand schweigend dabei und fühlte mich unwohl. Doch der düstere Zauber des Ladens umfing auch mich. Es waren da keine Dinge, die man hätte gebrauchen können. Am Ende brachte Lisette es nicht übers Herz, so einfach zu gehen, und kaufte mir die weinroten Ärmelhalter. Die Frau steckte die Ärmelhalter in ein zerknittertes weißes Tütchen. Mir kam es vor wie ein Kaufladenspiel vergangener Zeiten. Es wäre nicht verwunderlich gewesen, wenn Lisette Spielgeld gezückt und die Frau es akzeptiert hätte.

Dann waren beim Laden einige Jahre die Rollläden heruntergelassen, alte Holzrolläden, deren blaßgrüner Lack in Blasen abgeplatzt war. Inzwischen ist der Laden verschwunden wie damals der Mann und 60 Jahre später die Frau.

Ich habe die Ärmelhalter manchmal getragen, hab sie über meine Hemdärmel geschoben und fühlte mich wie ein Schreiber aus dem 19. Jahrhundert, der nicht wollte, dass die Manschette ihm die Tinte verwischte. Dazu diente der Halter auf der Seite der Schreibhand. Der auf der anderen Seite war nur da, um das optische Gleichgewicht zu sichern. Da in den Kantoren und Büros nicht mehr mit der Hand geschrieben wird, sind Ärmelhalter aus dem Gebrauch gekommen. Eigentlich hätten sie demnach alle Voraussetzungen, modische Accessoires zu werden.

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Erinnerungen an Lisette – ab heute wieder erlaubt

lisette2Lisette? Sie lebt jetzt ein ganz anderes Leben. Und ich bin ja weggezogen. Unsere Trennung liegt jetzt zehn Jahre zurück. Vor einem Jahr habe ich sie noch mal getroffen. Sie ist schön wie eh und je. Da wollte sie nichts mehr wissen von der großen Liebe, die mal zwischen uns war, meinte, es wäre ja alles nur Sex gewesen. Aber ich habe noch dieses Lied, das mir Bilder in den Kopf setzt, wie wir es im Bett liegend gehört hatten, nebeneinander in wunderbarem Einvernehmen im Fluss unserer Gedanken. Und ich erinnere mich, wie sie sich an meinem Geburtstag über ein Geschenk freute, das sie für mich gekauft hatte, und derweil ich es auspackte vor lauter Übermut einen Kopfstand an meinem Bücherregal gemacht hat. Und da ist noch die Zimmerpalme, die ich Josie getauft habe. Mit dieser Palme, auch einem Geschenk von Lisette, habe ich eine seltsam innige Verbindung. Später werde ich mal davon berichten, weil Josie auch Einfluss auf mein Schreiben hat. Heute geht es um „Instant Street“.

Mit, besser zu diesem Lied der belgischen Rockgruppe dEUS habe ich vor Jahren ein Video gemacht. Als ich gerade in Hannover war, habe ich die Gegend mit dem Fahrrad erkundet und einiges vom Rad aus gefilmt. Es war nicht so einfach, denn ich hielt die Kamera mit einer Hand. Das Video war eine Weile nicht in Deutschland zu sehen, weil ich dreist die urheberrechtlichen Ansprüche von dEUS verletzt hatte.

Gestern bekam ich eine erfreuliche E-Mail, die in der Fülle der Kommentarbenachrichtigungen beinah untergegangen wäre. YouTube schrieb mir, der „urheberrechtliche Anspruch auf dein Video dEUS – Instant Street wurde zurückgezogen.“

Deshalb kann ich es heute im Teestübchen zeigen. Das Video wurde schon fast 53.000 mal angesehen. Es ist eigentlich eine Fahrt „zwischen Leine und Maschsee“ durch den Vorfrühling. Instant Street beginnt verhalten und melodisch, um dann in seinem zweiten Teil immer wilder und rauschhafter zu werden. Die Musik hat etwas absichtsvoll Schräges, das mir gut gefällt. Es ist noch eine Weile hin zum Vorfrühling, aber das heutige Wetter ist ein Versprechen darauf. Dazu viel Vergnügen!

Die Philosophie des Kaffeelöffels

Ein Gedankenexperiment
kaffeelöffel
Foto: Trithemius (größer: bitte klicken)

Stell dir vor, du wirst wach und bist ein Kaffeelöffel. Warum bist du wach geworden? Warst du schon immer ein Kaffeelöffel? Du weißt es nicht. Irgendwas ist passiert. Du guckst dich um und liegst da mit vielen anderen Kaffeelöffeln in einem großen Besteckfach. Was ist hier los? Plötzlich wird alles durchgerüttelt, und ein Kaffeelöffel, der neben dir gelegen hat, verschwindet. Ach, jetzt weißt du, warum du wach geworden bist. Du kannst dich auf einmal an ein Vorher und Nachher erinnern. Vorher lagst du unbequem, jetzt liegst du bequemer, weil der eine weg ist. Das heißt, du bist wach geworden und hast gemerkt, dass du ein Kaffeelöffel bist, weil du dich erinnerst. Durch das Empfinden von Vorher und Nachher ist Zeit in deine Kaffeelöffelwelt gelangt, und jetzt hast du ein Kaffeelöffel-Leben.

Du fühlst mal rum, es ist ein ziemliches Chaos da in deiner Welt. Unbequem ist sie immer noch, weil die Welt so wenig Ordnung hat. Einer liegt ganz blöd auf dir. Du kannst leider gar nichts machen, denn du bist ein Löffel, der nicht rumlaufen kann. Nach einer ganzen Weile beginnst du dir Gedanken zu machen über diese Welt. Was hat den Löffel eben verschwinden lassen? War es eine höhere Macht, von der kein Kaffeelöffel was weiß? Du fragst rundum, keiner hat eine Ahnung. Einer sagt aber, dass er sich schon länger erinnert. Das Verschwinden eines Löffels sei schon mal vorgekommen. Und einmal sei ein ganzer Haufen neuer Löffel auf alle andern draufgefallen. Jetzt weißt du, warum einer auf dir liegt. Der alte Löffel hat sich Gedanken gemacht. Er sagt, es müsse da außerhalb des Besteckfaches eine höhere Macht geben. Das sei garantiert ein riesiger mächtiger Löffel, der wunderbar verziert ist. Der Gott aller Löffel sei das. Zu dem könne man beten, wenn man unglücklich liegt als Löffel. Dann käme der und würde dich fein hinlegen.

Du denkst, das ist prima. Ich rufe nach dem Löffelgott. Du machst es und machst es, und plötzlich rüttelt etwas an deiner Besteckfachwelt, so dass alle Löffel hin und her rutschen, bis sie plötzlich zur Ruhe kommen. Und siehe da, viele liegen ganz wunderschön ineinander gerutscht. Sie machen Löffelchen miteinander. Du auch. Du fühlst dich prima und dankst dem Löffelgott, gründest eine Religion, und ihr betet den Löffelgott an. Doch plötzlich kommt großes Unheil über dich. Du wirst einfach genommen, und man taucht dich in Kaffee und rührt mit dir um. Da denkst du, der Löffelgott ist böse auf dich.

In Wahrheit hat sich Teppichhaus-Filialleiterin Frau Nettesheim einen Kaffee gemacht.

Ach so, das hätte ich fast vergessen. Du bist natürlich kein Kaffeelöffel mehr, damit du dich nicht vertust gleich. In Wirklichkeit hast du mit am Tisch gesessen. Vielen Dank für deinen Besuch!

Was ich mich frage ist jedenfalls, ob wir Menschen uns unseren Gott nicht denken wie der Kaffeelöffel sich seinen. Und anders als der Kaffeelöffel können wir sehr viel selbst für ein gutes Leben tun, wenn es uns unbequem ist, weil einer auf uns drauf liegt, und sei es der eigene Kummer, die eigene Angst, das eigene Selbstmitleid, das ganze Zeug also, was manchmal auf einem lastet.

Von der Westwindwohligkeit

aquarellEine Windboe fegte mir ins Gesicht, als ich heute vom Mittagstisch zurückfuhr und den Platz Am Küchengarten überquerte. Die Boe wirbelte einen Blätterhaufen auf und trieb das Laub in Spiralen vor sich her. Aus meinem Kopf schüttelte der Wind eine Erinnerung von Novembertagen. Sie drudelte durch mein Denken wie ein Stein im Gebirg, den ein achtloser Wanderer losgetreten hat.

Wo ich aufwuchs, da ist es beinah eben. Man könnte auch sagen, die Gegend ist flach. Nur topfeben ist sie nicht. Gegen Osten hin wogen die Felder durch das Tal eines alten Rheinarms, und auch ein Bach von Südwesten her formt sanfte Hänge. Sonst ist die Gegend flach, und deshalb kann man weit schauen. Bei klarem Wetter erscheinen am östlichen Horizont ganz blass einige Höhenzüge, das Bergische Land. Da ist Ausland, denn es liegt auf der rechten Rheinseite.

Zweitausend Schritt südlich von meinem Heimatort führt die Bahnlinie Köln-Roermond vorbei. Die Leute sagen, wenn überhaupt, „Röhrmond“. Dass die Schreibweise oe im Niederländischen wie u gesprochen wird, wissen die Leute hier nicht; dass die ferne holländische Stadt folglich „Rurmond“ heißt, weil das aus der Eifel kommende Flüsschen Rur dort in die Maas mündet, stört den Fahrgast nicht, denn er reist in diese Richtung nur bis Grevenbroich, und steigt er in Gegenrichtung ein, will er sowieso nach Köln. Grevenbroich sprechen die Leute übrigens richtig mit langem o, denn das i in -broich ist ein sogenanntes Dehnungs-i und kennzeichnet den langen Vokal.

Während der Fahrgast nach Grevenbroich auf dem zugigen Bahnsteig steht und der Zug von irgendwo da hinten noch nicht kommen will, wandert sein Blick nordwärts, wo ein Bahndamm im rechten Winkel von der Bahnlinie wegstrebt und sich in der Ferne verliert. Er ist mächtig hoch und über und über mit Gehölz bewachsen. Oben ragen Pappeln und Birken heraus. Gleise haben auf dem Strategischen Bahndamm nie gelegen. Die Bahnlinie, mit deren Bau man 1904 begann, ist unfertig geblieben.

Der Strategische Bahndamm führt nah am westlichen Ortsrand meines Heimatdorfs vorbei. Als Kind habe ich dort gespielt. Im November und Anfang Dezember hatte der Bahndamm etwas Magisches, ragte grau gegen den stürmischen Westhimmel und trotzte den ewigen Böen, die über die gepflügten Felder herankamen und den Regen zerstäubten. Und hatten wir uns durch die Brombeerranken einen Weg hinaufgebahnt, dann pfiff der Wind durch die kahlen Finger der Sträucher und fuhr uns in die Glieder. Wir suchten uns eine Mulde nah bei Baum und Strauch und legten den Grundriss einer Hütte fest. Der Eingang zeigt nach Osten.

Wenn ihr dann ausschwärmt und du allein über den wilden Bahndamm streifst, um Reisig für die Hütte zu suchen …, – dann ist in diesen Momenten keine Zeit. Da bist nur du und die unwirtliche Natur, der du einen Flecken Heimeligkeit abtrotzen willst. Besonders gegen Westen muss die Hüttenwand den Böen widerstehen. Hier werden dicke Äste eingepflockt und starke Zweige verwunden. So haben es schon die Alten gemacht, denn im Winden der Zweige erkennen wir das Wort Wand. Wie die Hütte ihre Form gewinnt, wächst die Vorfreude auf ihre Behaglichkeit. Das spornt den Eifer an, und du rupfst trockenes Gras, als gälte es, einen schweren Ackergaul mit Heu zu versorgen. Wenn du die Löcher in der Wand stopfst wie hungrige Mäuler, mag der Wind pfeifen wie er will. Und bringt er Regen heran, um so besser. Das gibt einen hübschen Kontrast zwischen draußen und drinnen, wenn die Hütte erst fertig ist.

Ihr wart nur zu Dritt. Es hat lange gedauert, bis ihr die Hütte abgedichtet hattet. Inzwischen ist viel Zeit von West nach Ost geflogen. Hell war der Himmel den ganzen Tag über nicht, doch jetzt wird ihm allmählich das bisschen Licht ausgeblasen. Ist das nicht ein wunderbarer Augenblick, im Dämmer in den behaglichen Schutz einer Hütte zu kriechen, die man mit eigenen Händen errichtet hat?

Plauderei über Glück – Lobe am Abend den Tag

Die Zigarettenblättchen werfen eine Frage auf, ohne sie zu beantworten. Warum hat man Schwein, also unverschämtes Glück? Warum flaniert der eine wie Gustav Gans durch die Welt, während der andere schon auf der Treppe ausrutscht, bevor er überhaupt an der Haustür angelangt ist. Und tritt er endlich vor die Tür auf die Straße, fällt ihm ein Stein auf den Kopf, der nicht verglimmte Rest eines Meteoriten, der 1000 Kilometer ostwärts als Sternschnuppe gesehen worden war, und Verliebte sind einander in die Arme gesunken und haben sich beide Glück gewünscht. Unser Mann sitzt derweil in der Notaufnahme der Uniklinik, Verband um den Kopf und wartet auf seine Tetanusspritze. Man weiß ja nicht, welche Mikroben der Stein mitgebracht hat, vielleicht gemeine Killer-Keime.

Ist also das Glück des einen des anderen Unglück? Man weiß ja nicht, wie viel Glück in der Welt ist. Vielleicht ist Glück wie eine kurze Decke. Rafft man sie sich unter den Hals, legt man seine Füße frei. Wickelte man sich darin ein, muss der andere frieren.

Das Raumschiff Erde hat viele düstere Gegenden, in denen mehr Unglück als Glück ist. Was den materiellen Wohlstand betrifft und die damit einhergehende Absicherung der Lebensverhältnisse, stimmt das Bild der zu kurzen Decke. Die Wohlstandsgesellschaften haben sich in die Decke eingewickelt, sind sogar Glücksvertilger wie diese Nachzehrer, die noch als Leichen ihr Totengewand auffressen. Der schutzlose, frierende Mitmensch zahlt den Preis für unsere materielle Glücksgier.

Immaterielle Formen des Glücks haben in den Wohlstandsgesellschaften keinen hohen Rang. Wenn ich wie gestern Abend mit Freunden auf der lebendigen Limmerstraße sitze, den letzten lauen Abend im August genieße, Kölsch aus der Flasche trinke und mich angeregt unterhalte, habe ich Glücksgefühle, aber damit kann ich kaum jemanden beeindrucken. Es gibt sogar noch viel stilleres Glück, man muss es nur finden, vor allem ihm Beachtung schenken, auch wenn damit keine große gesellschaftliche Achtung verbunden ist.

Die Lebenshaltung der Deutschen drückt sich in der Sprache aus. Viele einst positiv gemeinte Wendungen haben sich in der Alltagssprache ins Negative verkehrt. Das Nicht beherrscht diese Sprüche: „Du sollst den Tag nicht vor dem Abend loben.“ Manche verstehen, man solle NICHT loben. In der Edda lautet die Spruchweisheit so: „Lobe am Abend den Tag (…)“, also lobe ihn, aber zur rechten Zeit, wenn du dir ein Urteil gebildet hast.

Gestern saß ich beim Mittagstisch, als die Frau hereinschneite, die vom Himmel fiel, wobei hereinschneien als Metapher kaum zu der Mittagshitze des Tages passt. Vielmehr liegt der Verdacht nah, das die außerirdische Frau sich nur bei Temperaturen über 3o Grad materialisiert, denn ich hatte sie fünf Wochen nicht mehr gesehen. Sie wirkte noch ätherischer, guckte noch befremdeter in die Welt als Anfang Juli, und wie ich erfreut von meinem Teller aufschaue, hat sie mich doch tatsächlich angelächelt.

Da dachte ich schon, dass der Tag am Abend zu loben wäre, und das tat ich auch, als ich mich auf der Limmerstraße mit einem befreundeten Musiker unterhielt, der nebenher noch Doktor der Quantenphysik ist. Ihm erzählte ich von meinem stillen Glücksmoment am Mittag und von der Spruchweisheit aus der Edda. Er meinte, er habe kürzlich ein Buch mit einer ähnlichen These gelesen, das ihm in einer gesundheitlichen Krise sehr geholfen habe. Wir kamen überein, dass wir überhaupt unseren Blick mehr auf das Positive richten sollten, und ich zitierte aus dem Kopf Seneca, dass man dankbar auf das blicken solle, was man habe, denn es wäre mehr als man verdient hätte. In diesem Sinne

Guten Tag!