Hauptsache händisch (2) – Einiges über Handschrift

Hauptsache händisch heißt ein Aufruf von Blogfreundin Tikerscherk, illustriert mit einem handschriftlichen Blogtext. Inzwischen haben sich einige Bloggerinnen und Blogger handschriftlich beteiligt. Ich will etwas zur Theorie der Handschrift beitragen.

ABC meiner Handschrift

Niemand wird den Wert einer flüssigen und schönen Handschrift bestreiten. Und vermutlich weiß jeder, der schreiben kann, anzugeben, welche Bedeutung die Handschrift noch für ihn hat. Gerne wird das Besondere des handschriftlichen Briefes betont. Mancher hat kalligraphische Meisterleistungen vor Augen, den schönen Brief, die Notiz in einem Moleskinbüchlein oder den kunstvollen Eintrag im Poesiealbum. Doch das Hochwertige, das wir gefühlsmäßig mit der Handschrift verbinden, ist ein Blick in die Vergangenheit, in die Zeit vor Computer und Internet. Und vor allem, es ist privat.

Privat wurde die Handschrift allerdings schon vor über hundert Jahren, als die Schreibmaschine ihre bisherigen Aufgaben übernahm. Bis dahin war sie Speicher- und Kommunikationsmedium der Verwaltungen gewesen und stand in Konkurrenz zum Buchdruck. Diese Konkurrenz hatte auch die uns bekannte Form der Handschrift geprägt. Sie enthält seit dem Barock die Übertreibungen kalligraphischer Elemente wie Schleifen und Girlanden, mit denen sie sich deutlich von den Buchdrucklettern unterscheiden sollte. Vorher hatten die Buchdrucker mit ihren Lettern die Handschrift nachgeahmt, möglichst genau und schön, denn ihre Drucke sollten wie Handschriften aussehen, damit sie akzeptiert wurden.

Der Buchdruck hat der Handschrift noch mehr aufgeladen. Von handschriftlichen Büchern konnte niemand erwarten, dass sie fehlerfrei wären. Im Gegenteil: Mittelalterliche Texte sind voller Fehler, weil Fehler nur schwer zu korrigieren waren. Man war daran gewöhnt, dass ein abgeschriebenes Buch sich von der Vorlage unterschied. Die Idee des Fehlers im heutigen Sinne, wo sogar ein Schreibfehler im Bewerbungsschreiben zum Scheitern einer Bewerbung führen kann, eine solche Unerbittlichkeit gegenüber dem Schreibfehler kannte man im Mittelalter nicht. Es hat sogar analphabetische Kopisten gegeben, die den gesamten Text der Bücher abmalten, ohne Sinn und Verstand, wodurch sich viele Schreibfehler erklären. Und wenn eine Buchseite gar komplett in Holz geschnitten worden war wie bei den mittelalterlichen Blockbüchern, blieb eine Korrektur naturgemäß aus. Erst der Buchdrucker entwickelte den handwerklichen Ehrgeiz nach Korrektheit der Schriften. Denn er machte es möglich, einen Fehler in der fertigen Buchseite spurlos zu korrigieren, indem er die fraglichen Buchstaben austauschte.

Im Zuge dieser technischen Entwicklung wurde der Handschrift der Anspruch auf orthographische Richtigkeit aufgeladen. Schreibfehler wurden zum Makel, an dem sich später Schulnoten oder persönliche Abwertung orientierten. Darunter leidet auch die Realität der Handschrift in der Gegenwart. Ihre Zukunft ist düster. Diese Kulturtechnik wird sich noch weiter in den privaten Lebensbereich zurückziehen. Schon jetzt geraten handschriftliche Äußerungen kaum noch in die Öffentlichkeit. Ein Kollege kündigte mir einmal an, er werde mir aus dem Urlaub schreiben und fügte hinzu: „Aber nicht mit der Hand. Du bist Graphologe!“

Nichts ist weniger wahr. Weil ich mich intensiv mit Handschrift beschäftigt habe, lehne ich die Graphologie ab, denn sie ist ein missbräuchliches Werkzeug der Schnüffelei. Ich bestreite nicht ihre Nützlichkeit in der forensischen Kriminaltechnik, aber im privaten und beruflichen Alltag hat sie nichts verloren. Populäre Zeitungsartikel oder Buchtitel wie „Handschrift, der Spiegel unserer Seele“ oder „Was Ihre Handschrift über Sie verrät“ faszinieren und erschrecken zugleich. Man fürchtet, von der Graphologie bei einem peinlichen Defizit ertappt zu werden, von dem man selbst noch gar nichts wusste, als würde man in einem Alptraum in einer hintenrum beschmutzten Unterhose über die Straße laufen, und alle würden drauf zeigen und lachen. Weil jeder Mensch gewisse Abgründe in sich kennt oder ahnt, ist es fatal befürchten zu müssen, dass die eigene Handschrift einen Schlüssel für diesen Keller bereitstellt.

Trotz dieser Gefahr lieben wir an der Handschrift das Persönliche. Im handschriftlichen Brief ist der Schreibende fast körperlich noch anwesend. Wer sich hinsetzt und mit der Hand schreibt, hat mit der aktuellen Form seiner Schrift sogleich auch die eigene Gefühlslage vor Augen. Ähnlich ahnen wir die Gefühlslage dessen, der uns mit der Hand geschrieben hat. Diese Ahnung reicht. Wir lassen einen persönlichen Brief nicht graphologisch untersuchen, wie wir einem geliebten Menschen in der Regel keinen Privatdetektiv hinterher schicken. Im pfleglichen Miteinander gehört es sich auch nicht, die Taschen des anderen zu untersuchen oder ihn zu stalken.

Ausgelöst durch neue didaktische Überlegungen ist die Handschrift in die öffentliche Aufmerksamkeit geraten. Lehrer beklagen, dass Handschriften immer schlechter würden, die aufgescheuchte Presse startet hilflose Versuche, die Bedeutung der Handschrift aufzuwerten, indem sie Zeitungen (Bildzeitung, Titelseite vom 27. Juni 2012 – größer: Bitte klicken) oder Magazine (Magazin des Kölner Stadtanzeigers vom 18./19.April 2015) in Handschrift erscheinen lässt. Diese Versuche zeigen eines: Die Handschrift lässt sich zwar fototechnisch an moderne Verbreitungsmedien anpassen, aber ist für heutige Lesegewohnheiten zu sperrig. Zudem zeigt die handschriftliche Ausgabe der BILD, dass Bildredakteure passend zum Charakter hässliche Handschriften haben. Um das zu erkennen brauchen wir keine Graphologen, denn wir wissen, welch moralisch verkommenes Pack in der Bildredaktion sitzt. Wenn Bild handschriftlich schreit: “Alarm! Handschrift stirbt aus!”, möchte man angesichts der kakographischen Katastrophe fast sagen: “Zum Glück!”

Als Deutschlehrer habe ich einen Heftstapel korrigiert, der höher als mein Haus war, wie ich damals in meinem Arbeitszimmer unterm Dach ausgerechnet habe. Bei den Korrekturen sind mir natürlich tausende Handschriften begegnet. Obwohl ich mich immer um Objektivität bemüht habe, kann ich nicht verhehlen, dass schon der erste Anblick eines Textes mein Urteil zu beeinflussen drohte. Satirisch habe ich diesen Umstand hier versucht zu fassen (Erstveröffentlichung im Jahrbuch meiner Schule). Es gibt schöne und weniger schöne Menschen. Schöne Menschen haben es im Leben leichter. Ebenso gibt es schöne und hässliche Handschriften. Natürlich liest man eine schöne Handschrift lieber und folgt ihren Spuren inhaltlich bereitwilliger. Aber der äußere Eindruck kann täuschen. Und so zwang ich mich, auch hässliche Handschriften aufmerksam zu lesen.

Der heutige, zweilen desolate Zustand unserer Handschriften hängt eng mit den erlernten Ausgangsschriften zusammen. Wenn diese Erstschriften mit ihren verzerrten Formen also geeignet sind, regelrechte Sauklauen hervorzubringen, sollten wir die Erstschriften ersetzen durch ein klares Alphabet. Trotzdem wird sich die kalligraphische Frage nicht erledigen, denn wenn unsere Gesellschaft schöne Handschriften will, muss sie dafür sorgen, dass im Unterricht viel Zeit darauf verwandt wird. Wie mir jüngst Marion Wolff von der Deutschen Welle schrieb:

„Ansonsten ist es mit dem Schönschreiben wohl genauso wie mit dem Klavierspielen – Fingerfertigkeit erreicht man vor allem durch üben, üben, üben.“

Weil sich die Unterichtsinhalte unserer Schulen aber immer an den Erfordernissen der Wirtschaft orientieren, werden wir den Niedergang der Handschrift nicht verhindern können. Das öffentliche Gejammer ist scheinheilig. Ästhetische Werte sind wohlfeil. Wir erleben ja gerade eine kulturelle Revolution, ausgelöst durch die digitalen Medien. Handwerkliche Fähigkeiten werden in der Massenproduktion von Kulturgütern nicht mehr gebraucht. So ist es logisch, dass die Handschrift ihre Bedeutung verliert und letztlich nur in elitären Nischen weiter bestehen wird.

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