Nicht angeschaut und trotzdem alles gesehen – Alltagsethnologie im Zirkus des schlechten Geschmacks

In der Zeit intensiver Studien habe ich nicht die Muße gehabt, jedes greifbare Fachbuch zu lesen. Der Blick ins Inhaltsverzeichnis oder ins Sachregister hat geholfen, alle Bücher auszusondern, die mir nichts zu sagen hatten. Nachher reichte mir sogar nur der Anblick des Buches, um den darin schlummernden Geist oder Ungeist zu erkennen. Diese Technik auf den Alltag angewandt, hat mich gut durchs Leben gebracht. So habe ich es auch mit dem TV-Konsum gehalten. Um einen Witz aufzuwärmen: Bei einer seit Jahren omnipräsenten Medienhure dachte ich lange Zeit, der Kerl hieße „Dr. Eckart von Hirsch“, weil ich immer schon umgeschaltet hatte, bevor das Ohrfeigengesicht gänzlich vorgestellt war.

Ein Grund, warum ich nicht mehr für das Format „Briefe an die Leser“ der Titanic schreiben mochte: Ich musste dauernd gegen den Grundsatz der heiteren Ignoranz verstoßen. Immer wenn im Fernsehen die Peinlichkeitsgrenze überschritten war und ich vom Fremdschämen geschüttelt kaum noch die rettende Fernbedienung drücken konnte, sagte da eine gnadenlose innere Stimme: „Schalte zurück und guck es dir an! Darüber kannst du was schreiben.“ Ja, und ich musste mir sogar was notieren oder noch schlimmer am nächsten Tag die Sendung in der Mediathek suchen wie das hier und nochmals anschauen. Der Gipfel der Quälerei war jedoch, dass ich die genauen Schreibweisen der Namen recherchieren musste, Namen von Leuten, die ich nicht mal kennen wollte. Du kannst im Printmedium den größten Mist schreiben, ohne Ahnung von der Materie etwas daherschwafeln, ein ehernes Gesetz des Journalismus darfst du niemals verletzen: Die Namen sind heilig. Sie müssen richtig geschrieben werden und man macht auch keine Witze damit.

Heute leiste ich mir den Luxus, vieles nicht einmal zu ignorieren. So muss ich mir nicht das Neujahrsgesülze von Gauck und Merkel anhören, mir reicht der Holzbalken. Ein Propagandist der neoliberalen Scheißideologie wie Klaus Kleber kommt mir auch nicht mehr ins Haus. Ebenso erspare ich mir den regierungsamtlichen Verlautbarungsjournalismus der gutdressierten Dackel von Tagesschau und Tagesthemen. Als ich vom gestrigen Tatort las, dass neben Til Schweiger auch noch Helene Fischer mitspielt, habe ich mir lieber bei YouTube den herrlich cholerischen fränkischen Kabarettisten Matthias Egersdörfer angehört. So weit ist es gekommen: Ich rege mich nicht mal mehr auf. Ich lasse aufregen.

Til Schweiger. Da weiß ich schon vorher, die Rolle kaufe ich dem nicht ab. Das ist nicht Til Schweiger in der Rolle als, sondern ein Tatort rundum Til Schweiger gestrickt, so wie diese Fahrräder in urban knitting.

Der kleine Til möchte vom Wollstübchen abgeholt werden Rolle auf den Leib gestrickt – Der kleine Til will aber Lederjacke – Foto: Trithemius

Helene Fischer habe ich erst wahrgenommen, als die Nachwuchsulknudel Carolin Kebekus auf ihre „berühmte“ Parodie von Helene Fischers Hit „Atemlos …“ angesprochen wurde. Und ich kannte nicht mal die Drecksvorlage, geschweige die Parodie. Der Name Helene Fischer war mir bis dato völlig unbekannt gewesen. Heute weiß ich, weils von überall her getutet und geblasen wird, sie ist eine von Millionen Blöden gefeierte Schlagersängerin. Schlager! Dieses falsche und verlogene Gesülze feiert also mit Helene Fischer Wiederauferstehung, aber nicht ihre fragwürdig perfekte Darbietung lässt einen verzweifeln. Mich entsetzen die Millionen Fans. Frau Fischer ist ja nur der Katalysator für eine völlig verkommene Gefühlskultur, ein singendes Tanzmariechen für Klatschmarsch-Zombies. Darum hat die ARD sie neben Til Schweiger als besondere Neujahrsintarsie in den Tatort eingebaut. Man glaubte wohl, von den Millionen Helene-Fischer-Fans ein paar Zuschauer abzugreifen, die sich nicht mal für den Tatort interessieren, wenn Til Schweiger darin eine Lederjacke anhat und mit Pistolen rumfuchtelt. Dabei hat man ganz vergessen, dass Millionen Krimifans keinen Schauspieler sehen wollen, der nur eine Rolle kann: Til Schweiger. Til Schweiger als Til Schweiger. Und Helene-Fischer-Fans wollen nicht sehen, wie Helene Fischer ist, wenn man ihr eine Rolle auf den Leib schneidert. Hauteng ginge ja noch, aber bitte nicht so entlarvend! Ich habs geahnt, in 2016 will man grad so bescheuert weitermachen wie in 2015. Ich muss mir nur die Besetzungsliste ansehen.

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41 Kommentare zu “Nicht angeschaut und trotzdem alles gesehen – Alltagsethnologie im Zirkus des schlechten Geschmacks

  1. Irgendwie schlecht für mich: All die genannten Namen sind mir ihn Ausnahme fernsehtechnisch ein Greul. Alle. Von Kebekus über Eggersdorfer hin zu Till Fischer und seine bucklige Fernsehverwandschaft. Sowas schau ich mir nicht an.

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      • ja, ich schaue, wenn ich Lust dazu habe und entweder Serien oder Filme, die ich im Kino verpasst habe, was recht einfach ist, da ich sehr selten überhaupt dorthin gehe. Ausserdem kann ich das meiste auf englisch sehen. So habe ich auch TED kennengelernt. Ich habe zudem interessante skandinavische Serien entdeckt.

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  2. Habe mich dem Till-Tatorten auch verweigert. Den ersten vor längerer Zeit habe ich schon einfach ausgeschalten. Den Helenchens und Heidileins kann man sich kaum noch entziehen. Und Arte strahlen sie bei uns hier erst ab 20.15 aus, vorher kommt auch nur noch Schmäh, früher habe ich da oft geschaut. Nun schaue ich oft Österreich und Schweiz, da kommen die Filme wenigstens auch ohne Werbung.

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  3. Eigentlich ist dein Thema Fernsehen / Massenkultur sehr nah an meinem Beitrag zu dem etwas ekligen Pilz. Es nützt nichts, nicht hinzuschauen, gut, es nützt auch nichts, wenn man hinschaut. Vermutlich lässt sich aber aus der Entwicklung der Massenkultur ganz gut auf die gesamtgesellschaftlichen Trends schließen – und da macht es dann auch keinen großen Unterschied, ob die Serien auf RTL oder im Netz laufen. Natürlich gibt es Nischen und immer wieder auch überraschend gute Produkte, aber Schrott wird nicht hochwertiger, wenn man die Distributionskanäle ändert oder vervielfacht. Wenn ich mir das Kinoprogramm anschaue, wird mir regelmäßig mulmig. Da wird ja kollektiv zu den Waffen gerufen. Ich glaube nicht an ein simples Reiz-Reaktions-Muster, aber was für Köpfe sind das, denen nichts anderes einfällt oder die nichts anderes sehen wollen?

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    • Du hast Recht, es nützt nichts hinzuschauen und nichts nicht hinzuschauen. Es nützt auch nichts, sich lustig zu machen – wie mein Text auch nichts an den Verhältnissen ändert. Aber nicht hinzuschauen ist einfach pfleglicher und dient mir der Psychohygiene. Ich muss mich nicht dauernd fragen: „Was sind das für Leute, die sowas produzieren und sowas gut finden?“ Ich muss mich nicht fremd fühlen als wäre ich auf einen Planeten voller Deppen verschlagen worden. Und wenn mich von all dem Dreck doch was erreicht, kann ich mir das von der Seele schreiben und mich freuen, dass ich nicht ganz allein so fühle.

      Die Rundum-Knippserei von Postkartenmotiven ist sicher auch ein Phänomen der Massenkultur. Sie hat auch was mit der Vergröberung des Empfindens zu tun, und dieses gesamtgesellschaftliche Phänomen ist sicher größtenteils Produkt unserer Unterhaltungsindustrie. Sie muss ja immer martialischer werden, weil die Leute sonst nichts mehr merken. Wenn im Unterschichtsfernsehen ziemlich armselige Zeitgenossen vorgeführt werde, dann denke ich immer, am armseligsten sind die Herrschaften in italienischen Maßschuhen, die mit solchem Dreck ihr Geld verdienen. Deren Kopf will man lieber nicht haben.

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      • [zitat]…als wäre ich auf einem Planeten voller Deppen..[/zitat]
        Lieber Jules,
        ich stimme Ihnen immer zu, auch zu den Ausführungen dieses Artikels. Nun muss ich Ihnen das erste Mal widersprechen: Sie SIND auf einem Planeten voller Deppen! Jedenfalls wenn man statistisch die Mehrheit als repräsentative Gesamtheit betrachtet.
        Dass wir alle uns an den Ausnahmen (noch) erfreuen können ist wunderbar! Es gibt sogar einige Deppen wie mich, die diese Ausnahmen erkennen und sich auch darüber freuen!
        Gruß Heinrich

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        • Lieber Heinrich,
          als hätten Sie es geahnt, schreibe ich seit geraumer Zeit genau an einer solchen Geschichte. „Gestrandet auf einem Deppenplaneten.“ Zu fragen ist natürlich, wo denn die ganzen Deppen bloß herkommen, jene Helene-Fischer-Fans, jene, die das Berliner Olympiastadion füllen, um Mario Barth zuzuhören. Es sträubt sich in mir, den Namen hier aufzuschreiben. Denn wer macht das wieder sauber? Letztlich ist dieser Deppenplanet nie anders gewesen. Schon Baltasar Gracián schreibt: „Die eine Hälfte der Welt lacht über die andre, und Narren sind sie alle.“
          Da ist es schon eine Form geistiger Emanzipation, wenn sich einige wie Sie und ( jetzt ganz solidarisch) ich zu ihrem Deppensein bekennen.

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          • Ich habe es bei Stephen King nachgelesen (Puls)
            Die Menschen haben über das Handy den Befehl bekommen, in das Stadion zu laufen. Auch der „SuperMario“, der da rumschreit, hat seine Instruktionen über das Handy bekommen. Glücklicherweise ist Masse der Leute (noch) nicht gewalttätig, wie King es beschrieben hat. Aber der übertreibt ja immer ein wenig!

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  4. Ich kann mich Manfreds Kommentar nur anschließen. Und doch schaue ich mir ab und zu den ganzen Schrott an. Leugnen nützt nichts. Täte ich es, hätte ich die Hälfte deines Textes nicht verstanden. Und das, lieber Jules, wäre sehr schade gewesen. Mit tut das Kiefer vom Grinsen weh! An manchen Abenden lasse ich mich von niveaulosem Scheiß berieseln. Keiner zwingt mich. Manchmal mag ich Mist. Zum Glück fehlt mir zum stumpfen Berieseln meistens die Zeit und die Lust. Ich kann darauf hoffen, nicht zu verblöden.
    Und doch, es bringt etwas darüber zu schreibe. Es bringt mich zum Lachen und macht aus Schrott, Worte durchsuch dem entgegen stemmen. Atemlose Grüße 😉

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    • Dass du sowas liest, las ich schon mal in deinem Text über den Kiosk in Giesing. Du bist vermutlich das göttliche Kind, das heiter durch all den Schmutz der Welt geht, ohne sich die Füßchen dreckig zu machen. Freut mich, dich erheitert zu haben, nur wehtun solls nicht. Bei Gelegenheit, .kannst du mir den Satz vor den atemlosen (hehe, ich verstehe die Anspielung) Grüßen aufhellen?

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        • Der oder das Kiefer – Hab mal gelesen, dass alle unsere Artikel sowieso von das abstammen. Von daher verständlich. Ich spüre die Restsymptomatik manchmal auch bei mir. Danke für die Aufhellung. Ich wollte aber nicht, dass Dir was wehtut wie „das Kiefer“, wie du gesagt hast. Für dich guck ich mir das alles klaglos an, wenns denn sein muss.

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  5. Ich habe den Tatort gesehen. Ich gucke mir fast jeden Tatort an, damit ich mich eine Woche darüber aufregen kann. Der letzte Tatort wird leider morgen fortgesetzt, so dass ich mir ein kleines Pölsterchen aufbaue, was ich dann irgendwie an die Luft lassen muss. Vielleicht fällt mir ja noch was dazu ein.
    Im Übrigen hat es bei Til Schweiger nur für ein l gereicht. Das andere l ist den Narreteien eines ganz anderen Kalibers vorbehalten;)

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  6. Beim Fernsehen kann ich als Nicht-Fernseher nicht mitreden. Til Schweiger habe ich (glaube ich) zum letzten Mal in „Knocking on Heaven’s Door“ gesehen – im Kino in Leipzig 1997) Für das Kino möchte ich an dieser Stelle aber eine Lanze brechen: Man kann sich alle – wirklich alle! – Filme, die es wert sind, ansehen, ohne sich finanziell zu verausgaben. Das war früher mal anders.

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      • Ich glaube, es geht vielen wie Dir, denn die meisten Kinobesucher sehe ich in Begleitung. Wenn es nicht der Partner/die Partnerin ist, dann Freund oder Freundin und notfalls wird der Großvater mitgeschleppt. Ich bin mein Leben lang sowohl allein als auch begleitet ins Kino gegangen, und beides erscheint mir völlig normal. In ein Restaurant gehe ich allein nur notfalls und nur im Sommer, wenn man draußen sitzen kann. Schon komisch. Das gilt nicht für Cafés.

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  7. Pingback: Kurz verlinkt | Schwerdtfegr (beta)

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