Schöne Momente im Gekritzel von sieben Tagen

08.08.2017 – Schöner Moment
Der schönste Moment beim Einschlafen ist, wenn die Gedanken sich verselbstständigen, nicht mehr kontrolliert gedacht werden, sondern ein Törchen aufmachen und sich davonschleichen in fremdvertraute Regionen. Mir ist das willkommen, denn absichtsvolles Denken ist oft auf das Naheliegende beschränkt, vergleichbar der auf der Hauswiese angepflockten Ziege, die nur einen beschränkten Kreis abgrasen kann. Heute vor dem Mittagsschlaf wurde ich  noch einmal wach, so dass ich aufschreiben kann, wohin die Gedanken spaziert sind: Alleinstehende reiche Frauen gesucht zur Promotion meines Buches. Kandidatinnen werden einem Schnüffeltest mit Lösungsmittel unterzogen. Es wird behördlich mitgeteilt, dass das zu schnüffelnde Lösungsmittel gesundheitlich völlig unbedenklich ist.

09.08.2017 – Anbandeln

Mit 18 las ich in der linken Konkret einen Text von Henryk M. Broder, worin er berichtete, dass er am Hotelpool neben einer attraktiven Blondine gelegen und sich den Kopf zerbrochen habe, wie er die Blondine ansprechen sollte. Gerade als er im Begriff war, die Blondine mit seiner originellen Anmache aufzuschrecken, kam ein Schönling daher und fragte sie: „Moagst ein Bier?“ Da sei die Blondine aufgestanden und wäre dem Schönling gefolgt. Als noch unerfahrener junger Mann habe ich damals das erste und einzige von Henryk M. Broder gelernt: Zum Anbandeln ist „Moagst ein Bier?“ besser als alles, was Broder sich ausdenken kann. Seither konnte ich ihn nicht mehr ernst nehmen. Inzwischen ist er ja ein krakeelender alter Mann, schreibt für Springers WELT und denkt laut Medienjournalist Stefan Niggemeier nicht weiter als bis zur nächsten Polemik. Was hätte aus Broder alles werden können, hätte ihm damals der Batzi nicht die Blondine weggeschnappt.

10.08.2017 – Mitzi Irsaj
Große Freude! Im Briefkasten lag Mitzis Buch. Sie hat mir eine herzliche Widmung hineingeschrieben. Dagegen waren die Widmungen, die ich schrieb, allesamt dröge. Das gucke ich mir, wenns passt, von Mitzi ab.

11.08.2017 – Die Suppenschüsselmetapher
Im Marktcafé fiel mir über der Suppenschüssel auf, dass sie sich am Anfang langsam, dann aber immer schneller leert, ganz wie das Leben, das sich gegen Ende immer schneller erschöpft. Bei der Suppe liegt es an der sich konisch verengenden Form der Schüssel. Im Leben ist es ähnlich. Es wird ebenfalls immer enger, und indem die Beschränkungen zunehmen, sei es durch körperlichen Verfall, sei es durch die Abnahme der Möglichkeiten, beschleunigt sich das Leben, strebt dem Ende zu wie ein Kutschpferd im Galopp, das den Stall wittert.

12.08.2017 – Das menschliche Ich
Neuronen bilden eine Räuberbande und ziehen marodierend durchs Hirn. Sich zu meistern heißt, diese Bande zu bändigen.

13.08.2017 – Glück gehabt
Gottsched hat mit 65 noch eine 19-jährige geheiratet. Ein Jahr später starb er ihr weg.

14.08.2017 – Emanzipation

Männer, die im Eingang lehnen
Frauen, die auf Leitern stöhnen
Füße, die die Socken tauschen
Dosen, die in Wänden lauschen
Frauen wollen Mitglied sein
im Koteletten– und Schnäuzerverein.

Advertisements

8 Kommentare zu “Schöne Momente im Gekritzel von sieben Tagen

  1. Sehr lesenswertes Gekritzel! Zumal ich jetzt endlich weiß, warum’s so schlimm bestellt ist um den Broder. Aber die emanzipierten Frauen, warum lässt man die nicht in den Kotteletten- und Schnäuzerverein? Auch in der Damenwelt gibt’s bekanntlich so manch ausgeprägten Bartwuchs!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s