Globuli, Gras und hart am Wahnsinn schrammen

Anfangs wollte ich die Tastatur zurückgeben, denn sie war mir nicht neutral genug. Man sollte doch von einer Tastatur erwarten können, dass alle Tasten gleich klingen und der Schriftsprache keine Melodie anhängen. Aber genau das tat meine Tastatur. Beim Schreiben hörte ich in der Tastatur eine Melodie, genauer meine Sprachmelodie. Schrieb ich eine Frage, konnte ich der Tastatur anhören, wie sich die Stimme gegen Schluss des Satzes hob, gab ich eine Erklärung ab, dann kam nachdrückliche Betonung in meine Tastatur. Genauer kann ich es nicht beschreiben. Jedenfalls schien mir, dass die Melodie sich in meinen Blogtexten vermittelte, auf geheimnisvolle Weise auch zu lesen war und meinen Aussagen eine Überzeugungskraft gaben, die mir unheimlich wurde. Ich ging zu Frau Dr. Horn und sagte: „Sie müssen mich dämpfen. Ich mache alle Leute verrückt.“ Sie gab mir wieder fünf Globuli. Dann wurde es besser. Allmählich verklangen die Melodien meiner Tastatur.

Mit Frau Dr. Horns Globuli hatte alles begonnen. Ich war nach der Trennung von Lisette mit höllischem Liebeskummer zu ihr gegangen und hatte gesagt: „Ich bin an einer Frau erkrankt. Ich selbst glaube nicht an Homöopathie, aber sie, und weil in der Homöopathie Gleiches mit Ähnlichem bekämpft wird, komme ich zu Ihnen.“ Frau Dr. Horn sah mich zweifelnd an. Dann erzählte ich ihr noch den Witz, wie die Homöopathen eine Hühnersuppe machen.

„Sie stellen einen Topf Wasser in die Sonne und scheuchen ein Huhn vorbei, und zwar so, dass der Schatten des Huhns auf das Wasser fällt. Aber sie müssen das Huhn schnell vorbeitreiben, damit die Suppe nicht zu kräftig wird.“

Dr. Horn schmunzelte und fragte: „Warum haben Sie sich nicht rasiert?“ „Äh?“ während ich nach einer plausiblen Antwort suchte, wurde mir klar, dass sie mit dieser Frage die Hierarchie wieder hergestellt hatte. Nachdem sie mich etwa eine Stunde befragt hatte, wusste sie genug, las in aller Ruhe in zwei dicken Büchern, klappte sie zu, ging zum Schrank, suchte ein Gläschen Globuli heraus und gab mir fünf Kügelchen. Ich fragte: „Und jetzt? Muss ich nochmal wiederkommen?“ „Nein, das reicht“, sagte Dr. Horn. An den folgenden Tagen litt ich wie ein Hund an der Erstverschlimmerung. Dann ging ich durch die Decke, und in meine Tastatur kamen die Melodien.

Im Sommer darauf sagte ich zu ihr: „Damals schrammte ich hart am Wahnsinn vorbei.“
„Ja,  ich hatte ein bisschen Schiss“, sagte Frau Dr. Horn.
Ich bin mir nicht sicher, aber es lag wohl an der Wechselwirkung zwischen den Globuli, Gras und Bloggen.

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17 Kommentare zu “Globuli, Gras und hart am Wahnsinn schrammen

  1. Mit diesen Worten starte ich gern in die Woche. Ich tue es erst heute. Bis gestern hatte ich einen Kurzurlaub. Aber das ist interessant. Interessanter dein Text, denn er erinnert mich, dass auch ich Globuli brauche. Die letzten wirkten nicht. Ob es am fehlenden Gras lag? Ich werde mich später erkundigen.

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    • Ich habe von einem Indigenen gelesen, der innerhalb drei Tagen einfach verlosch, weil der Schamane ihn aus dem Stamm verstoßen hatte. Ob eine Überdosierung von Globuli ebenfalls diese letale Wirkung haben kann, hängt vermutlich von der Vorstellungskraft des Probanden ab. Dass die Globuli bei mir eine starke Wirkung entfalten konnten, obwohl ich nicht an Homöopathie glaubte, zeigt wie rätselhaft der Placeboeffekt ist.

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  2. Dein Text gefällt mir auch sehr gut. Du spielst ja die ganze Zeit über mit der Distanz zur Homöopathie und der Gewissheit, dass sie helfen wird. Dr. Helene Horn vertraue ich schon jetzt, das rechte Maß an entschlossenem Handeln bei gleichzeitiger Ahnungslosigkeit, was man da anrichten könnte. So muss es sein.

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    • Das treut mich sehr, lieber Manfred. In den Anfängen meines Bloggens war ich einer seltsamen Form des magischen Denkens verfallen, aus der die ambivalente Haltung gegenüber Homöopathie stammt. Heute vermute ich, dass die mir neue Form des interaktiven Schreibens und regelmäßiges Kiffen die eigentlichen Ursachen waren. Ich war ständig vom Bloggen wie berauscht. Die vielen Kontakte zu faszinierenden Menschen, der Einblick in deren Denken und in ihre Lebenswelten haben mich sehr inspiriert, aber auch meine Nerven überreizt. Frau Dr. Horn war mir damals ein wichtiger Anker, und ich kann sie uneingeschränkt empfehlen.

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  3. Lieber Jules,
    ich würde auch gerne von solchen Erlebnissen berichten, habe sie aber so erfolgreich verdrängt, dass es dem absoluten Vergessen gleichkommt. Angeblich soll Verdrängtes irgendwann wieder hochkommen. Muss ich also noch etwas warten.
    Gruß Heinrich

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    • Lieber Heinrich,
      beim Wunsch, vergangene Erlebnisse zu erinnern, hilft mir, dass ich versuche aufzuschreiben. Nach und nach kehrt vieles wieder. Einziger Nachteil: aufgeschriebene Erinnerungen sind dominant und überlagern, was vorher da war.
      Beste Grüße,
      Jules

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