Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Knallerbsen und Triumph der Bilder

Frau NettesheimTrithemius
Uff, ich kann heute nicht schreiben, Frau Nettesheim. Selbst ihre Worte kann ich nicht aufschreiben.

Frau Nettesheim
Was soll daran schwer sein? Wer oder was hindert Sie?

Trithemius
Es geht mir mit Ihren Worten wie mit den weißen Knallerbsen, dich ich mal einen steilen Weg hochgeworfen habe. Wie sie mir dann alle entgegen rollten, hatten sie den Schutz des Schwarms. Bevor ich mich richtig entscheiden konnte, welche Knallerbse ich zermantschen wollte, waren alle vorbei .

Frau Nettesheim
Sie wollen meine Worte zermantschen, können sich aber nicht entscheiden, welche?

Trithemius
Nur metaphorisch. Es ist ja so, dass Ihre Worte gleich Perlen von Ihren Lippen tropfen, werte Frau Nettesheim. Um zu schildern, wie schwer es ist, Ihre Worte einzufangen und angemessen wiederzugeben, habe ich sie mit den Knallerbsen verglichen.

Frau Nettesheim
Ich gebe Ihnen gleich Knallerbsen.

Trithemius
Wollen Sie leugnen, dass dieser Satz einer Knallerbse gleicht, ich meine so kurz vor ihrer Explosion?

Frau Nettesheim
Wenn Sie mich provozieren, fallen Sie Ihrem albernen Sprachbild zum Opfer.

Trithemius
Apropos Bilder. Ich habe darüber nachgedacht, woher Ihre Popularität stammt, Frau Nettesheim. An Ihren Worten kann es nicht liegen. Die schreibe ja ich auf. Außerdem ist Ihr Gesprächsanteil meistens kleiner als meiner.

Frau Nettesheim
Kein Wunder. Wenn Sie meine Worte auch immer mit Ihren Quadratlatschen zermantschen.

Trithemius
Ich glaube, es liegt an Ihrem Bild. Und Bilder triumphieren über das Wort, hat schon der Medienphilosoph Vilém Flusser vorausgesagt.

Frau Nettesheim
Hat Flusser auch darüber nachgedacht, dass Texte sich ebenfalls als Bilder präsentieren? Zumindest Ihnen als Typograph müsste das längst aufgefallen sein.

Trithemius
Äh … das weiß ich nicht so aus dem Stand. Ein Unterschied ließe sich gewiss semiotisch fassen. Textbilder haben hohen Vereinbarungscharakter. Ein Analphabet sieht nur unterschiedliche Grauwerte.

Frau Nettesheim
Erkennt aber an der Form, dass er einen Dialog vor sich hat. Und am Foto oben liest er ab, wer spricht.

Trithemius
Da haben Sie’s wieder: Noch der beste Text wird von einem Bild übertrumpft. Selbst bei Analphabeten sind Sie populärer als ich. Besonders bei Analphabeten.

Frau Nettesheim
Trithemius! Das reicht für eine Knallerbse.

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17 Kommentare zu “Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Knallerbsen und Triumph der Bilder

  1. Das Zeitalter der Meme, der Bilder. Ein Text ist mühsam sich zu erarbeiten, aber Bilder gehen unter der Haut, rufen Emotionen hervor oder auch nicht. Sie erwecken eigene Bilder und erzeugen Kopfkino. Deswegen können Bilder gefährlicher als texte werden. Aber nachhaltiger bleiben nur Texte, denn sie hinterlassen bleibende Bilder.

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    • Ich dachte, ein Mem ist ein Gedanke. Aber mit Meme meinst du nicht den Plural, sondern das Internetphänomen. Bei den viral geteilten Inhalten überwiegen tatsächlich die Bilder. Letztens erlebte ich im Bus eine Frau, die einer Freundin lautstark ihre Smartphone-Kommunikation mitteilte. Offenbar lief die nur über Emojis. Sie sagte: “Ich schicke dem jetzt solange den Stinkefinger, bis der reagiert.” Da waren auch zwei plärrende Kinder in Kinderwägen. Und ich dachte noch, mit welchen Kommunikationsgewohnheiten die aufwachsen. Dagegen kannst du mit Texten nicht ankommen.

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      • In meiner Firma wurde eine Umfrage durchgeführt, um zu erfahren, wie die Stimmung im Werk so ist. Als ich in den USA den verantwortlichen Menschen traf, präsentierte er mir ein Plakat, welches in der ganzen Firma ausgehangen werden sollte. Es sollte die Mitarbeiter an den Montagelinien motivieren, an der Umfrage teilzunehmen. Das Plakat hatte als dicke Überschrift „Wir brauchen Dich“ und darunter eine Masse an Textblock, welcher erklärte, wofür die Umfrage diente und was die Ergebnisse bewirken könnten. Der verantwortliche Mensch meinte zu mir, dass er glaubte, dass alles wichtige und informative auf dem Plakat stehen würde und somit genug Anreiz zum Mitmachen geboten werde. Am nächsten Morgen fiel mir dann ein, warum das Plakat die Werker nicht erreichen würde. Ich schrieb es dem Menschen. Dessen Antwort kam eine Woche später erhielt ich als Rückmeldung, die aussagte, dass meine Hinweise interessant wären, aber das Plakat am Tage vor der Beantwortung meiner Hinweise zum Drucken in Auftrag gegeben wurde. Ergebnis: die Umfrage wurde um 14 Tage verlängert, um die Mindestrücklaufquote von 60% zu erfüllen. Wie sah die Rücklaufquote generell aus? Akademiker und ähnliche hatte zu 90% geantwortet, die Werker bis zum ersten Stichtermin nur zu 40%. Und nachdem ich paar Werker zu den Plakaten befragte, wurden meine Befürchtungen bestätigt. Sie bemängelten die Bleiwüste und dass sie nicht die Zeit dazu hätten, sich das ganze durchzulesen. Insbesondere, da viele nicht in Deutschland zuerst aufgewachsen waren und somit deutsch nicht deren Muttersprache ist. Das Ganze zu lesen war für sie demotivierend und das wirkte sich auf deren Bereitschaft zur Mitwirkung an der Umfrage aus. Auf meine Frage, ob ein aussagekräftiges Bild mit lediglich einer Schlagzeile besser gewesen wäre, kam immer ein „Ja“.
        Lange Rede, kurzer Sinn: mit Bildern erreicht man erheblich mehr Menschen aller Bildungsschichten. Facebook und Twitter zeigen eigentlich die Bedeutung von Texten bei der Mehrheit der Lesenden.
        Quintessenz: Bislang schrieb ich 307 Wörter, um einfaches kompliziert darzustellen. Das Bild von rollenden Knallerbsen bleibt länger in den Erinnerungen haften, als mein Text …

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        • Danke für den Bericht. Ich kann mir gut vorstellen, dass Leute mit sitzenden Tätigkeiten einen langen Text eher lesen als die von dir genannten „Werker“, die stehend im Vorbeikommen mit einem langen Aushang konfrontiert sind. Die verschiedenen Lesebedingungen sind vermutlich genauso wichtig wie die unterschiedlichen Bildungsniveaus. Ich glaube nicht an Flussers These. Gerade an Blogs bzw.Bloggern lässt sich das Gegenteil beobachten. Allerdings hat sich hier auch schon die Spreu vom Weizen sortiert. Das dümmere Volk schwirrt bei Facebook und Twitter herum.

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          • Hm, ich bin auch bei Twitter und Facebook … 😉
            Aber du hast schon Recht. Die beiden genannten Netzwerke haben inzwischen leider häufig den Wert eines Stammtisches und dessen Lufthoheit. Blogs sind weit davon entfernt, wenn deren Blogger nicht nach kurzfristigen Werten und bloßer Internetaufmerksamkeit schielen. Perlen findet man nun mal nicht auf einem Grabbeltisch bei den Sonderangeboten oder in den 1-Euro-Läden ….

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  2. „Selbst bei Analphabeten sind Sie populärer als ich. Besonders bei Analphabeten.“

    Also, ich sag ma‘: Wäre meine Ex-Schmerzdame nicht bereits meine Ex-Schmerzdame, spätestens nach dieser Passage der Unterhaltung hätte ich mir eine neue (Sc)h(m)erzdame suchen müssen. Frau Nettesheim scheint mir über die Maßen duldsam zu sein 😉

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  3. Bleiwüsten scheinen uns immer schwer erträglich, es sei denn, wir lesen gerade den superdicken Schmöcker, von dem wir nicht genug bekommen können. Und ein Bild sagt mehr als 1000 Worte, aber es sagt eben unter Umständen auch ganz viel, was wir eigentlich nicht sagen wollten – oder es wird nicht verstanden. Bilder sind schließlich ebenso kulturell bedingt. Da wähle ich die falsche Farbe und schon fängt der Ärger an. Da soll doch lieber Frau Nettesheim noch ein paar Perlen vor die Säue… äh, von den Lippten tropfen lassen.

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    • Gute Typographie lässt erst gar keine Bleiwüsten entstehen – ein interessanter Begriff, der seine Bedeutung ja im Buchdruck bekam. Was die vielen Bilder mit uns machen, die uns ständig begegnen, auch in Blogs mit vielen unkommentierten Bildstrecken, ist absolut unwägbar. Ich glaube, dass wir bei Bildern keine Begriffe nötig haben, auch meistens keine bilden,weil sie leicht konsumierbar sind. Insofern zerstreuen sie das Denken. Auf Dauer ergibt sich eine andere Form des Denkens. Man wird denkfaul. Wieviel feine Differenzierung ist nötig, um einen Text zu verstehen. Allein diese Zeilen hier mit den winzigen Buchstaben stellen ja hohe Anforderungen an die Konzentration, bevor man sich überhaupt gedanklich mit dem Inhalt auseinandersetzt. Das Bild dagegen aktiviert nur grobe Erkennungsmuster, und eine gedankliche Auseinandersetzung findet meistens nur auf der Gefühlsebene statt.

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      • Die Bleiwüste war ein typisches Merkmal der linken Publikationen. Wenn es keine Seyfried-Zeichnungen gab, die man – ohne das Gefühl, gegen das Urheberrecht verstoßen zu haben – in seine Texte einbaute, dann war da nicht viel. Allerdings waren das auch Zeiten, in denen man nach Information lechzte, weil sie nicht so einfach verfügbar war. Radio und Fernsehen haben uns inzwischen an kleine Häppchen gewöhnt, die mit Pinkelpausen und bunten Bildern garniert werden. Unser Medium, das Internet, erzwingt genau diese Kürze, fixiert uns auch auf Bilder.

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    • Analphabeten verstehen keine Sprachbilder, soweit sie schriftsprachlich übermittelt werden, desgleichen nicht den Dialog oben. Sie gehören also keinesfalls zu der Personengruppe. In Deutschland ist das jeder 20., die funktionale Analphabeten mit eingerechnet.

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