Fragment (7) – Das Institut rutscht und kullert

Costers Nachfolge als Leiter des Instituts für Patapysik trat der Kulturwissenschaftler Dr. Steffen Gaukler aus Lüneburg an. Gaukler war eine gute Wahl. Sein mitreißender Enthusiasmus bewog den Senat zu einer Neubelebung des Faches, trieb den Abriss des alten Institutsgebäudes voran und machte Gelder locker. Gaukler gewann den Lütticher Stararchitekten für den Tropfen-Neubau und sorgte dafür, dass dessen Ideen bis ins Kleinste umgesetzt wurden. Rektorin Renate Klippenhagen verteidigte die Budgetüberschreitung um das Fünfache der geplanten Bausumme.

Man munkelt, das neue Institut für Pataphysik habe kein unsicheres Fundament, sondern überhaupt kein echtes Fundament, weshalb die Befürchtung, der gigantische Harztropfen könnte mal ins Rutschen geraten, nicht unbegründet ist. Nur Eingeweihte wie Steffen Gaukler und Renate Klippenhagen wissen, dass Architekt Jean-Marie Dobbelstein das Abtropfen vom Königshügel sogar als Funktion des Gebäudes ausdrücklich geplant hat. Deshalb das Rasen mit Langboards auf den Fluren, immerzu auf den Hörsaal zu und hinein, deshalb die ständigen Vorlesungen, bei denen so gut wie nichts Vernünftiges gesagt wurde. Es ging allein um die Massenverlagerung. Verlangt war nur das Gewicht der Studierenden, um den Tropfen endlich, endlich zu verflüssigen. Sobald sich der Tropfen in Bewegung setzt, wird er sich quasi einrollen, nach und nach zur perfekten Kugel werden. Das Gebäudeinnere ist freilich derart auf Achsen gelagert, dass es auch beim Vorwärts- oder Seitwärtsrollen in der Waagerechten bleibt. Man muss wissen, dass diese Kugelarchitektur das Institut für die ferne Zukunft wappnet. Dobbelstein hegt nämlich die Vision, dass in absehbarer Zeit, nicht zu unseren Lebzeiten, aber bald durch gewisse kosmische Ereignisse die Sonneneinstrahlung derart zunehmen wird, dass nach und nach die Ozeane verdampfen werden. Gleichzeitig werden heftige Stürme unentwegt um den Erdball brausen und alle Gebirge abtragen, bis keine Unebenheit mehr den Winden trotzen kann. Unter der großen Hitze wird die erodierte Erdoberfläche komplett mit Emaille bedeckt sein. Über diese mattschwarze Emaille-Oberfläche wird eine einzige Kugel rollen – das Institut für Pataphysik.

Im Inneren werden sich alle Adepten der Pataphysik von ihrer Biomasse getrennt und ihr Bewusstsein digitalisiert haben. Damit sie darüber nicht wahnsinnig werden, müssen sie sich ständig Szenarien in imaginäre Welten generieren, in denen sie als komplette Menschen unterwegs sind und mit allen Sinnen erleben. Diese Simulationen werden ihnen echter als die Realität vorkommen und gäbe es im Quantencomputer, der alles enthält und steuert, gäbe es darin nicht die Funktion, die in perfekten Realitäten sich verlierenden Pataphysiker wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, würden sie völlig vergessen, dass sie sich in Wahrheit im Inneren einer Kugel befinden, die von Stürmen getrieben über den Erdball kullert. So aber geschieht es immer wieder, das sich Pataphysikerinnen und Pataphysiker auf den Gängen des Instituts zu begegnen glauben und dort ihrer Forschung, ihrer Kunst und ihren Liebschaften nachgehen. Denn intellektuelle Spielerei, Schöpferisches, Liebe, sexuelle Lust, Begierde, ja, sogar Eifersucht sind die wichtigsten Erdungselixiere, die der Quantencomputer ihnen simulieren kann. Die Steilheit der Flure wird verschwunden sein, und durch die offenen Fenster des Instituts dringt der Gesang von Vögeln und der Duft von Kirschblüten.

Editorische Notiz: Hier endet das Erzählprojekt über das Institut für Pataphysik vorläufig. Der erste Text ist aus einem Wachtraum und dem abgebildeten Fragment entstanden. Ich werde gelegentlich noch ausgestalten, was zu rasch übergangen wurde, und Fehlendes nachtragen, das heißt, weitere Fragmente einfügen ins Puzzle und das Manuskript nach und nach erweitern. Fürs Buch wird manches noch entfaltet werden. Wie es weitergeht, mag sich nun jeder selbst ausmalen, mag das Institut für Pataphysik als gigantisches Malbuch für Erwachsene begreifen. Viel Vergnügen! Wir sehen uns im Institut.
„In arte voluptas“ (In der Kunst liegt das Vergnügen) (Endzeitgrafik und Foto: JvdL)

Fragment (6) – Cupidos Pfeil und derlei Dinge

Im Jahr 2012 trat Professor Dr. Jeremias Coster den Ruhestand an. Renate Klippenhagen war inzwischen zur Rektorin der RWTH Aachen aufgestiegen und sah sich nach einem passenden Nachfolger um. Dabei wurde sie auf den 39-jährigen Lüneburger Kulturwissenschaftler Steffen Gaukler aufmerksam. Da Gaukler die weitere Entwicklung des Instituts für Pataphysik entscheidend geprägt hat, letztlich auch für die Tropfenform des neuen Institutsgebäudes verantwortlich ist, sei hier seine Geschichte kurz erzählt:
Dr. phil. Steffen Gaukler war beileibe kein Frauenheld, war aber ein Mann, der zum Enthusiasmus neigt und sich folglich schnell verliebt. Er konnte sich kaum noch erinnern, einmal nicht verliebt gewesen zu sein. Dr. Gaukler war jedoch kein flüchtiger Mensch. Kam es zu einer Beziehung, wandelte sich das Verliebtsein rasch in Liebe. Indem er zu seinem Leidwesen aber nicht viel Glück in Beziehungen hatte, taumelte er von einer in die andere. Von den unweigerlichen Trennungsschmerzen war er bald schon geheilt, indem er sich neu verliebte. Daher ist es naheliegend, dass Gaukler sich für die Bedingungen des Verliebtseins näher zu interessieren begann. Einen Namen machte er sich in wissenschaftlichen Kreisen durch die Untersuchung von Cupidos Pfeils.

Der Titel seiner Doktorarbeit lautet: „Cupidos Pfeil als Personifikation des Verliebtwerdens in der antiken Mythologie und seine Entsprechung in der menschlichen Erfahrung – eine Annäherung an seine Wirkungsweise.“ Cupido oder Amor, der Gott in Knabengestalt, lauert bekanntlich den Menschen auf und schießt ihnen aus dem Hinterhalt den Liebespfeil ins Herz, wodurch sie unwiderstehlich getroffen sind und sich in die Nächstbeste, den Nächstbesten verlieben. Da Gaukler nun schon häufiger getroffen worden war als der kuriose kanadische Farmer, den sieben mal der Blitz getroffen hat, interessierte er sich für den Kern der mythologischen Vorstellung. Es musste eine tiefe Menschheitserfahrung darin stecken und hinter ihrer Einkleidung eine Form der Erkenntnis, die die Alten eventuell gehabt haben, die aber verloren gegangen ist.

Natürlich ist dieser Pfeil auf Vasen und in Gemälden schon dargestellt worden. Aber wer von ihm getroffen wurde, hat ihn nicht kommen sehen. Cupidos Pfeil ist quasi unsichtbar. Gaukler wollte wissen, woraus dieser überaus mächtige Pfeil besteht. Zunächst zeigt der Pfeil-Mythos, dass es sich um eine Fernwirkung handelt. Die größte Fernwirkung hat in der menschlichen Wahrnehmung das Sehen. Doch Cupidos Pfeil konnte nicht nur aus dem visuellen Eindruck bestehen. Gaukler wusste genau, dass er sich schon einmal in eine Stimme verliebt hatte, lange bevor er die Frau sah. Eine andere Erfahrung, die er erst machte, derweil er an seiner Doktorarbeit schrieb und ihm entscheidende Impulse gab, ließ sogar vermuten, dass die bekannten menschlichen Sinnesreize nur naheliegende Rationalisierungen waren von etwas bislang völlig Unverstandenem. Cupidos Pfeil musste auf eine spezielle Weise substanziell sein, die nichts oder wenig mit den bekannten Energieformen und den menschlichen Wahrnehmungen zu tun haben. Es geschah nämlich Folgendes: Er verliebte sich im Internet digital, und zwar nicht auf einer Dating-Plattform, die von Menschen aufgesucht werden, um jemanden kennen zu lernen. Danach stand ihm nicht der Sinn. Dr. Gaukler betrieb ein wissenschaftliches Kultur-Blog. Unter einem seiner Beiträge tauchte irgendwann aus heiterem Himmel eine Frau auf und kommentierte mit wenigen Worten. Aus diesen Worten nahm ihn sogleich ein Zauber gefangen, den er nicht erklären konnte. Besonders hatte es ihm ein Wörtchen ihrer Schriftsprache angetan, nämlich „derlei.“

„Derlei Dinge,“ das rührte an sein Herz. Natürlich gab es einen visuellen Eindruck, einmal über Schrift und Typografie ihres eigenen Blogs, schwarze Antiquaschrift auf Altrosa. Es gab auch ein Avatarbild, von dem er aber sah, dass es ein Foto aus einer Illustrierten war, also keinesfalls von der Frau stammte, die ihn längst verzaubert hatte. Aber wann immer in den folgenden Wochen diese züchtig beieinander gestellten Füße signalisierten, dass sie erneut bei ihm klug und einsichtig kommentiert hatte, hüpfte sein Herz. Indem er sich in etwas ihm nicht Zugängliches, völlig Unwägbares verliebt hatte, etwas, das fassbar wurde, wenn er das Etikett „derlei“ an zwei Füße aus einer Illustrierten hängte, kam Dr. Gaukler zu dem Schluss, dass Cupidos Pfeil aus einer unbekannten Energie besteht, die verschiedene Erscheinungsformen annehmen kann, aber quasi immateriell ist. Letztlich dachte er an Quantenphysik, aber damit stieß seine Doktorarbeit an ihre Grenzen, denn von Teilchenwissenschaft verstand er nichts. Als er der Frau dann begegnete, einer zauberhaften Studentin der Visuellen Kommunikation aus Berlin, fand Gaukler die Bestätigung, dass der Pfeil „derlei“ völlig plausibel gewesen war, worauf sich eine heftige, aber leider kurze Liebschaft entspann. Gaukler Doktorarbeit schließt übrigens mit den Worten: „Die bisher geäußerten Schlussfolgerungen und derlei Behauptungen harren noch einer tieferen Untersuchung, welche vielleicht nur mit den Instrumenten und Methoden einer neu zu definierenden Wissenschaft geleistet werden kann. Ansätze dafür sehe ich derzeit nur in der Pataphysik.“ Damit hatte er sich bei Renate Klippenhagen bereits qualifiziert.

[Das Foto oben zeigt die Skulptur ohne Titel“ – eine Arbeit des niederländischen Malers, Zeichners und Bildhauers Jaap Mooy (1915-1987), gesehen im August 2007 im AVANTIS European Science and Business Park, Aachen-Heerlen – Foto: JvdL]

 

Fragment (5) – Wie der Hase läuft

„Wissen, wie der Hase läuft, sagt dir das was, Trithemius?“, fragte Coster, nachdem er sich erneut in meinen Schlummer gedrängt hatte. Zuerst hatte ich ihn gesehen, wie er mit seiner Sammlung kugelförmiger Objekte spielte, sie gegeneinander abwog. Auch den ominösen leeren Kugelfisch hielt er in der Hand und schien in eine Zwiesprache versunken. Dann saß er wieder in meinem Drehstuhl und entlockte ihm Geräusche.

„Zunächst einmal wünsche ich, dass Sie mit meinem Drehstuhl pfleglicher umgehen, Coster. Sie haben durch Ihre Schaukelei schon eine Inbusschraube heraus gerödelt, mit dem Ergebnis, dass mein Stuhl jetzt immerzu, auch bei Tag, knarrende Geräusche von sich gibt. Das nervt.“

„Ja, ja! Kann man wieder einschrauben“, sagte er wegwerfend. „Beantworte meine Frage!“

„So läuft der Hase hier jedenfalls nicht. Die Schraube ist weg, vermutlich liegt sie in der alternativen Realität herum, in der Leute wie Sie sich aufhalten. Ich verlange die Macht über meinen Schlummer zurück und dulde es nicht, dass Sie sich darin breitmachen, wie Sie grad lustig sind. Hätten Sie sich nicht erschossen, könnten wir ganz normal irgendwo beim Kaffee oder abends beim Bier sitzen. Stattdessen immer diese Quatschveranstaltungen in meinem Kopf.“

„Du ahnst also, was ‚wissen wie der Hase läuft‘ bedeutet. Jeder hat das schon mal erlebt beim Antritt einer neuen Arbeitsstelle etwa, man muss sich zuerst mal orientieren, muss erkennen, wie die Dinge im Sozialgefüge der Kollegen geregelt sind. Man ist ein neues Rädchen in einer Maschine, muss seinen Platz finden und wissen, wie man zu ticken hat, mit wem man sich verzahnt und wer das große Rad dreht, dessen Lauf man nicht behindern darf. Wer sich nicht reibungslos einfügt, wer sich querstellt, wird bald von der Maschine abgestoßen.“

Gegen meinen Willen begann ich mitzudenken. „Ja, der Gedanke hat mich immer schon fasziniert, dass die Struktur des Plans „wie der Hase läuft“ auf diese Weise fortbesteht, letztlich sogar unabhängig von den handelnden Personen. Zwar heißt es ‚Paarung wirkt auf die Partner‘, doch wer neu hinzukommt ist ja zunächst kein ebenbürtiger Partner, hat überhaupt noch keinen sozialen Rang, wenn er nicht gerade eine Führungsposition besetzt. Unter Gleichen oder Ähnlichen muss er sich anpassen und wird fast nichts an der vorgefundenen Struktur ändern können. Demgemäß ist die Struktur mächtiger als alle Beteiligten, und da wir sie nicht wirklich sehen können, existiert sie vielleicht über unseren Köpfen in dieser alternativen Realität, in der Sie, Coster, herumgeistern und wo auch meine Inbusschraube verloren gegangen ist. Eigentlich ein Fall für die Quantenphysik, wenn sie aufhören würde, sich mit Messproblemen zu beschäftigen.“

„So wichtig ist deine Inbusschraube auch nicht“, sagte Coster.

„Nein, ich meinte diese unsichtbaren Sozialstrukturen. Woraus sind sie gemacht? Das könnte die Quantenphysik mal untersuchen, quasi als Hilfswissenschaft der Pataphysik.“

„Egal jetzt!“, unterbrach mich Coster. „Hast du mal darüber nachgedacht, dass es nach dem Ende des 3. Reiches nicht anders war, dass die Strukturen weiterbestanden? Es waren doch fast alle Nazis gewesen. War der Nationalsozialismus etwa wie ein Virus über sie gekommen und war der Zusammenbruch die Katharsis gewesen, nach der alle gesundeten, geheilt wurden und jetzt gegen den Virus immun waren?“

„Schwerte hat das vermutlich von sich geglaubt.“

„Aber der Vergleich hinkt. Nationalsozialismus war keine Viruserkrankung, die vom Immunsystem geheilt wurde. Er wurde von den Alliierten beendet. Äußerlich wurde alles nach und nach wieder gut gemacht, aber die nationalsozialistische Ideologie blieb in den Köpfen, wie ein Parasit, der sich in irgendein Organ des Körpers zurückzieht, dort schlummert und auf günstige Bedingungen wartet. Er ist aber weiterhin wirksam durch die Struktur, die ihn hervorgebracht hat. Wie der Hase zur Zeit des Nationalsozialismus gelaufen ist, läuft er noch heute. Die Traditionspflege reaktionärer Zirkel wie Studentenverbindungen ist letztlich nur die Einweisung des Nachwuchses in Strukturen der Macht. Der Nachwuchs der Eliten soll schon früh wissen, wie der Hase läuft. Die meisten anderen merken erst spät, dass man ihnen diese Informationen vorenthalten und stattdessen Märchen erzählt hat. Da haben die frühzeitig Eingeweihten sie längst links und rechts überholt, haben sie unterlaufen oder sind über ihre Köpfe hinweg gestiegen, haben sie niedergetrampelt und leitende Positionen eingenommen. Wer erst spät merkt, wie die Dinge laufen, schämt sich seiner Naivität, fühlt sich übervorteilt und ist anfällig für den schlummernden Parasiten.“

„Der Parasit ist erwacht“, hörte ich mich noch murmeln und versank.

Fortsetzung – Cupidos Pfeil

Entstehung aus dem Fragment (4) – Beichte des Vaters

Brisantes Material: Costers Büchlein, Foto: JvdL

Die Beichte des alten Klippenhagen

„Komm näher, Renate, was ich dir jetzt sage, darf diese vier Wände nicht verlassen!

Zur Zeit des Nationalsozialismus hat ein junger Literaturwissenschaftler aus Königsberg namens Hans Ernst Schneider eine steile Karriere in der verbrecherischen Organisation Ahnenerbe gemacht. Er war Abteilungsleiter im persönlichen Stab des Reichsführers SS Heinrich Himmler und an den medizinischen Fakultäten in den besetzten Niederlanden unter anderem dafür zuständig, Laboreinrichtungen zu beschlagnahmen, die für Menschenversuche an KZ-Häftlingen in Dachau benötigt wurden. Ob er persönlich an diesen grausamen Vivisektionen ohne Narkose beteiligt war, konnte nie geklärt werden. Dass er jedoch nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus untertauchte, werte ich als Schuldeingeständnis. Seine Ehefrau ließ ihn für tot erklären, behauptete, ihr Mann sei bei den Kämpfen um Berlin gefallen. Ein Jahr später tauchte Schneider als Hans Schwerte wieder auf, angeblich ein Cousin  Schneiders aus Hildesheim. Seine vermeintliche Witwe heiratete ihn erneut. Schwerte promovierte nochmals in Literaturwissenschaft, wurde wissenschaftlicher Assitent und bekam bald darauf eine Professur an der RWTH. Als begnadeter Opportunist erkannte er früh die Zeichen der Zeit und gab sich als linker Professor. Bei seinen Studierenden war er überaus beliebt und anerkannt. Das sicherte ihm die studentischen Stimmen bei Wahlen innerhalb der Entscheidungsgremien, und er stieg auf bis zum Rektor der RWTH Aachen und wurde sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Noch während Schwerte Karriere machte, war ein Angestellter der TH-Verwaltung zu mir gekommen und hatte um ein vertrauliches Gespräch gebeten. Er teilte mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit, dass er in Professor Dr. Hans Schwerte den sadistischen Nazi Hans Ernst Schneider wiedererkannt hatte. Er war nämlich in Berlin im persönlichen Stab des Reichsführers SS Heinrich Himmler Fahrer der Fahrbereitschaft gewesen und hatte Schneider/Schwerte einige Male nach Dachau fahren müssen. Ob er mit seinem Wissen an die Öffentlichkeit gehen sollte, wollte der Mann wissen. Ich riet ihm dringend ab. Das könnte für ihn als kleinen Angestellten nur die Kündigung, den völligen Ruin und die Vertreibung aus der Stadt bedeuten. Denn Schwerte habe in allen wichtigen Institutionen der Stadt mächtige Freunde.

Jetzt kommt es, Renate, merke gut auf! Zu dieser Zeit hatte ich mich um den vakanten Lehrstuhl für Komparatistik bemüht. Mir war jedoch klar gewesen, dass ich gegen die anderen Bewerber keine Chance hatte. Es mangelte nicht an Qualifikation, mir fehlten die nötigen Beziehungen, denn es war allgemein bekannt, dass im Senat der Hochschule die alten Seilschaften aus der Nazizeit das Sagen hatten, die Alten Herren mächtiger Schlagender Verbindungen teilten den Kuchen gewohnheitsmäßig unter sich auf und protegierten wechselseitig ihre missratenen Zöglinge. Ich war nie Mitglied einer Verbindung gewesen. Meine Eltern, deine Großeltern, Renate, sind auch in der Nazizeit überzeugte Sozialdemokraten geblieben. Sollte ich wegen fehlender brauner Färbung auf irgendeinem wissenschaftlichen Abstellgleis versauern? Also wandte ich mich an Schwerte, teilte ihm kurzerhand mit, was ich über seine Vergangenheit erfahren hatte und verlangte als Tribut für mein Schweigen den Lehrstuhl für Komparatistik.

Obwohl Schwerte Jahre später von Reportern des niederländischen Fernsehens enttarnt worden ist, gilt die Vereinbarung weiterhin. Weil Schwertes Mitwisser im Professorenkollegium nicht genannt werden wollen, weil nicht herauskommen soll, wer ihn über Jahrzehnte gedeckt hatte, kann und will ich den Lehrstuhl an dich weitergeben.“

Renate Klippenhagen war eine Frau von Grundsätzen. Es erfüllte sie mit Genugtuung, dass Schneider/Schwerte letztlich doch noch hatte für seine Taten büßen müssen. Im hohen Alter war ihm das Bundesverdienstkreuz aberkannt worden, er verlor seine Beamtenpension und war verarmt und einsam im Altersheim gestorben. Dieses Unrecht war also aus der Welt. Ihrem Vater den letzten Willen abzuschlagen, brachte sie nicht übers Herz. „Aber Erpressung bleibt auch über Generationen hinweg Erpressung“, sagte sie sich. „Wenn ich schon Nutznießerin dieser Erpressung sein muss, will ich zum Ausgleich etwas Gutes tun und Jeremias Coster seinen Herzenswunsch erfüllen. Ich werde im Senat für die Einrichtung des Instituts für Pataphysik stimmen.“

Eine folgenschwere Entscheidung.

Entstehung aus dem Fragment (3) – Costers Büchlein

Jeremias Costers Büchlein

Über alle Geschehnisse von den Zeiten der Galerie Gegenverkehr an hatte Jeremias Coster getreulich Tagebuch geführt. Es waren etwa 250 Moleskinebüchlein. Diese Büchlein hatte er mir für den Fall seines Todes versprochen, denn ich sah in ihnen zeitgeschichtliche Dokumente, die es zu wahren, zu sichten und auszuwerten galt. Tatsächlich bekam ich nach Costers Freitod vor nunmehr vier Jahren Post vom Testament vollstreckenden Amtsgericht Köln, dass ich die Tagebücher geerbt hatte. Doch ein mit Coster eng befreundeter Kriminalbeamter vom Dezernat für Bandenkriminalität hatte die Büchlein in Absprache mit Costers erwachsenen Töchtern längst schreddern lassen. Sie waren darin einig geworden, dass deren Inhalt nicht an die Öffentlichkeit kommen dürfte, da vieles, was dort notiert war, noch lebende Personen betraf.

In weiser Voraussicht hatte mir Coster bei seinem letzten Besuch bereits 40 Büchlein mitgebracht, mit der Maßgabe, ich solle sie „vorerst in den Giftschrank stellen.“ Nun habe ich einen derartigen Giftschrank nicht, sondern nur eine Truhe, in der ich einen Wust Papiere bewahre, die ich im Frühjahr 2005 in einem Anflug von Schreibwahn bekifft und quasi besinnungslos vor Liebeskummer um Lisette vollgekritzelt habe. Costers Büchlein bilden sozusagen die schützende Deckschicht, so dass ich seither nicht in Versuchung geriet, diese Dokumente meiner geistigen Verwirrung nochmals anzuschauen. Mit einer gewissen inneren Ruhe blätterte ich jedoch stichprobenartig in einigen seiner Tagebücher und stieß auf Notizen, aus denen die Umstände der Gründung des Instituts für Pataphysik an der RWTH Aachen hervorgehen. Vorausgegangen war Costers Versuch, Liana Zanfrisco für sich zu gewinnen. Er wollte ihr mit einem Institut für Pataphysik imponieren, hatte zunächst eine private Einrichtung, finanziert durch eine Stiftung erwogen, hatte dann aber durch günstige Umstände die Gelegenheit bekommen, das Institut der RWTH Aachen anzugliedern.

Eine zentrale Rolle spielte dabei die bereits erwähnte Professorin Dr. Renate Klippenhagen. Sie hatte eigentlich ein Diplom in Textildesign gemacht, doch an seinem Sterbebett hatte der Vater ihr mitgeteilt, dass sie den Lehrstuhl für Komparatistik erben würde. „Diese Familientradition bitte ich dich weiterzuführen, auch wenn du mehr vom Schürzennähen verstehst als von vergleichender Linguistik.“ Renate Klippenhagen war entgeistert. Nie zuvor hatte sie gehört, dass Lehrstühle an Universitäten vererbt werden könnten. Der alte Klippenhagen bat sie, ihm in Ruhe zuzuhören, damit sie verstünde. Zuvor jedoch verlangte er, dass man das Sterbezimmer mit Richard Wagners Walkürenritt beschallt, worauf Renate Klippenhagen ahnte, dass sie passend zu dieser Musik etwas ganz Krankes zu hören bekommen würde.

Es folgt nun die Beichte des alten Klippenhagen, die er am Sterbebett seiner Tochter ins Ohr raunte:

Entstehung aus dem Fragment (2)

Rückblick auf die Ära Jeremias Coster

Bekanntlich hat Jeremias Coster 15 Jahre den Lehrstuhl für Pataphysik innegehabt. In den letzten Jahren vor seinem Freitod hatte er allerdings die Institutsgeschäfte sträflich vernachlässigt. Schon als man ihm seitens der RWTH die Wohnung im Dachgeschoss des Kerstenschen Pavillon zuwies, hatte sich Coster zunehmend den Genüssen des Lebens zugewandt, hatte die Schlieren in seiner leeren Espressotasse fotografiert und seine Zukunft daraus gelesen, hatte kugelförmige Objekte gesammelt, diverse Liebschaften gepflegt, hatte sich mit mir herumgetrieben und sich höchst selten im alten Gebäude des Pataphysischen Instituts sehen lassen. Durch das quasi führungslose Institut war die Wissenschaft der Pataphysik immer mehr an den Rand gerückt und hatte enorm an Bedeutung eingebüßt. Immer häufiger war in Senatskreisen die Ansicht zu hören gewesen, es handele sich bei der Pataphysik mitnichten um eine ernst zu nehmende Wissenschaft. Sie sei vielmehr ein literarisches Konzept, das sich aber seit seiner Formulierung durch Alfred Jarry nicht nennenswert weiterentwickelt hätte, und erst recht nicht durch Professor Jeremias Coster. Man lästerte über Costers Tomatenphilosophie, bei der er Tomaten nach der Anzahl ihrer Kammern gruppierte.


„Wenn Sie eine Dreikammertomate aufschneiden, sehen Sie einen Mercedesstern“, hatte Coster in seiner letzten Vorlesung gesagt. Dabei hatte er eine Schautafel an die Wand des Hörsaals projiziert, wo er auf einzelnen Zeichnungen die Tomaten selbst und die Schnitte durch die verschiedenen Tomaten zeigte. Mit einer kleinen, gezielten Handschrift war dabei die gesamte Costersche Tomatenphilosophie erklärt. Etwas Ähnliches hatte er mit Sektkorken gemacht. Er zeigte auch eine Bildserie mit den kleinen Kaffeemilch-Plastikdöschen, deren Aludeckel man auf- oder abreißen muss. Coster hatte untersucht und gezeichnet, wie es am besten geht.

„Also hören Sie mal, Plastikdöschen mit Aludeckel, ganz abgesehen vom Umweltaspekt“, sagte der Kanzler der RWTH in die Runde der Senatoren, „das ist doch keine Wissenschaft!“ Schon wurde die Frage erörtert, wie es Jeremias Coster überhaupt möglich gewesen war, an der RWTH Aachen das Institut für Pataphysik zu etablieren und dem Institut für Nachrichtengeräte im alten Institutsgebäude am Königshügel Räumlichkeiten abzutrotzen. Da fühlte sich Professorin Dr. Renate Klippenhagen, die den Lehrstuhl für Komparatistik inne hatte, zu einem schwachen Widerspruch genötigt. Schließlich war sie in ihrer frühen Jugend wie „jede, aber wirklich jede Frau ein bisschen in Jeremias Coster verliebt“ gewesen, damals in den 1960-er Jahren, als der junge Coster als Student der Architektur charmanter „Hausmeister“ in der legendären Galerie Gegenverkehr gewesen war. Coster bewohnte nämlich eine kleine unbeheizte Wohnung im Dachgeschoss des Gebäudes im Hinterhaus der Aachener Theaterstraße, Hausnummer 50, zahlte fast keine Miete, weil er die Aufgabe übernommen hatte, die Galerie auf- und abzuschließen. Auf diese Weise hatte er Zugang zu avantgardistischen künstlerischen Kreisen gefunden, denn im Gegenverkehr verkehrten nicht nur die aufstrebenden Maler Gerhard Richter und Mel Ramos, sondern die wichtigsten Vertreter der neodadaistischen Fluxusbewegung wie Joseph Beuys, Wolf Vostell, Nam June Paik, die barbusige Cellistin Charlotte Moorman und der selbsternannte Kunst- und Ästhetikschwätzer Bazon Brock.

Ende der 1990-er Jahre hatte Coster in der Villa eines befreundeten Künstlers nahe Verviers anlässlicher einer Feier mit 100 Gästen die beiden letzten lebenden Vertreter der ersten Generation der Pataphysiker getroffen, das Ehepaar Odette und André Blavier. Freilich, was heißt „getroffen?“ Er hatte nur Augen für die schöne italienische Künstlerin Liana Zanfrisco gehabt, deren 40. Geburtstag gefeiert wurde und die ihn bezauberte, weil sie sich mit ausgewählten männlichen Gästen fotografieren ließ, indem sie sich halb auf deren Schoß setzte und sie mit einem Arm locker umhalste. Coster war unter ihrer Umarmung dahingeschmolzen und hütete diese Fotografie wie einen Schatz. Möglicher Weise waren ihm die Blaviers vorgestellt worden, aber so richtig elektrisiert hatte ihn die Pataphysik erst, nachdem zuerst André, dann Odette Blavier gestorben waren und Liana Zanfrisco das Werk Odettes in einer Art Retrospektive in einem Lütticher Museum vorstellte. Er war mit dieser Liana im Auto von Aachen zur Ausstellungseröffnung gefahren und noch Tage wie verzaubert herumgelaufen.

In der Fortsetzung wird erzählt werden, unter welch dubiosen Bedingungen das Aachener Institut für Pataphysik entstand.

Entstehung aus dem Fragment

1. Kapitel Neubeginn

Kürzlich wurde der Neubau des Instituts für Pataphysik der RWTH Aachen am Königshügel eröffnet. Seine spektakuläre Form erregt Aufsehen und sogar Missbehagen sowohl in der Bevölkerung als auch bei einer Reihe von altehrwürdigen Instituten, die unterhalb des Königshügels liegen. Das Werk des Lütticher Star-Architekten Jean-Marie Dobbelstein lässt jede Ähnlichkeit mit einem üblichen Institutsgebäude vermissen. Seine Form erinnert an einen gigantischen Harz- oder Honigtropfen, der das untere Steilstück des Königshügels hinunterzulaufen droht. Dieser Eindruck ist neben seiner Tropfenform der bernsteinfarbenen gläsernen Fassade geschuldet. Die Oberseite des Tropfens ist nahezu waagerecht. Auf dieser Seite liegt dem Königshügel zugewandt das ebenerdige Portal. Betritt man das Gebäude, tut sich ein langer Flur auf, dessen Ende in fernen Dunst eintaucht. Den Besucher verlässt der Mut, den Flur bewältigen zu können. Das ist ein Grund, wenn nicht der einzige, warum die Studierenden des 1. Semesters ausschließlich das Fahren mit dem Longboard üben. Für Besucher stehen 150 Zentimeter lange Boards zur Verfügung. Ungeübten ist jedoch nicht erlaubt, das Board auf einer der tieferen Etagen zu benutzen. Die Flure sind Rampen, deren Steilheitsgrad kontinuierlich zunimmt. Auf dem unteren Flur haben selbst Geübte Schwierigkeiten, das Board zu steuern. Demnach sind Studierende und Lehrende der Pataphysik innerhalb des Tropfens schwerkraftbedingt beständig unterwegs nach unten, was der Wissenschaft der Pataphysik schon in architektonischer Hinsicht neues Gewicht verleiht. Der gesamte untere Bereich des Tropfens wird über alle Etagen in kompletter Breite vom Hörsaal eingenommen, der wiederum durch beliebig zu erzeugende Längswände aus Infraschall unterteilt werden kann.

Die Lehrstuhlinhaber anderer Institute haben in einem offenen Brief, abgedruckt in beiden Aachener Zeitungen, sowie der Zeitschrift „In arte voluptas“ ihrer Besorgnis Ausdruck verliehen, ihre Institute, ja ihre ganze Wissenschaft könnte von der Pataphysik überrollt werden, wenn der Harztropfen mal in Bewegung geriete und nicht sicher am Hang des Königshügels kleben bliebe.

Ein niederländischer Künstler des magischen Realismus hatte die Idee aufgegriffen und zeigte auf der Weihnachtsausstellung des Aachener Kunstvereins ein zweieinhalb mal fünf Quadratmeter großes Gemälde in fotorealistischer Manier, das prominente Vertreter der ehrwürdigen Professorenschaft darstellt, wie sie gleich toten Fliegen in Bernstein erstarrt auf dem Rücken liegen und alle Viere von sich strecken. Nur einen, scheint es, hatte der Einschluss beim Nachdenken erwischt. [siehe Bildausschnitt – zum Vergrößern bitte klicken] Doch bei genauer Betrachtung entpuppen sich der Gegenstand seiner Aufmerksamkeit als Reiseprospekt und -unterlagen einer Kreuzfahrschiffs-Reederei.

In der Tat ist die Statik ein Schwachpunkt des Gebäudes. Es wird kolportiert, dass den Architekten Jean-Marie Dobbelstein nach einem durchzechten Abend und einer überaus unruhigen, ja lebhaften Nacht am frühen Morgen in seinem Bett eine Vision des Gebäudes überkommen war. Er hatte verzweifelt nach Papier gesucht, um seine Vision zu skizzieren, denn sein Atelier, wo noch Papierreste lagerten, war von einigen weiblichen Schlafgästen belegt gewesen, die er so früh nicht stören wollte. In der Not torkelte er in die Küche und riss von einer Schachtel mit Teebeuteln den Deckel ab, taumelte zum Bett zurück und sank wieder hinein. Seine Vision kritzelte er im Liegen, musste dabei feststellen, dass es ihm bedingt durch jahrelange Vernachlässigung händischen Zeichnens gepaart mit der liegenden Position fast unmöglich war, eine klare Vorstellung zu skizzieren. Andererseits fürchtete er die Klarheit der Vision zu verlieren, würde er sich aufrichten, denn sie war ja unzweifelhaft ein Ergebnis seines Liegens. Der Deckel des Teebeutelkartons war zudem höchst seltsam abgerissen, hatte noch Teile der Seitenwand mitgenommen. Seine fragmentarische Form bedingte alles, was darauf niedergelegt wurde.

2. Kapitel – Rückblick auf die Ära Jeremias Coster